Menschen – Zahlen – Transformationen: Verdatung des Organischen

Ort
Berlin
Veranstalter
Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“ an der Humboldt-Universität zu Berlin; in Kooperation mit dem Institut für Geschichte der Medizin (Charité) und der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst e.V., Berlin
Datum
10.09.2008 - 12.09.2008
Von
Jochen F. Mayer, Institut für Geographie, University of Edinburgh

Die internationale Konferenz beschäftigte sich mit den Techniken zur Erfassung und Abbildung des ‚Organischen’ und ihren vielfältigen Effekten. Insbesondere die mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen (Bio- und Computerwissenschaften, Neurowissenschaften, Medizin), aber auch die Humanwissenschaften (Anthropologie, Kriminologie) sowie Jurisprudenz, Mode und Kunst wurden in ihren Entstehungskontexte verortet, auf ihre Rolle in heutigen Verdatungstechnologien und kritisch auf die jeweiligen Machtentfaltungen in Gesellschaft und Individuum befragt. Dabei wurden die insgesamt sechs Panels von dem Gedanken getragen, dass die wissenschaftliche Beschreibung der Gegenstände nicht nur erkenntnistheoretisch problematisch ist, sondern auch eine eminent identitäts- und gesellschaftspolitische Herausforderung darstellt, insofern standardisierte und statistische Daten mit der Realität menschlicher Körpern wechselseitig interagieren. Die ‚Verdatung des Organischen’ transportiert demnach Widersprüche zwischen Standardisierung und Individualisierung, Normierung und Aneignung, die im Zuge der Konferenz vor allem an der Schnittstelle zwischen Orten der Wissensproduktion (etwa das Labor) und den ‚Techniken des Selbst’ (Foucault) behandelt wurden.

In ihrer Eröffnungsnotiz nahm CHRISTINA VON BRAUN (Berlin) Bezug auf Mary Douglas’ ‚How Institutions Think’, um in einer Analogie zu fragen, ob das Körperliche, ähnlich wie Institutionen, Geschichte und Erfahrung speichert, die jedem Bewusstseinsakt vorausgehen. VOLKER HESS ergänzte diese Notiz und betonte, dass es der Tagung vor allem um die konstruktive Zusammenführung und Bewertung von Forschungsarbeiten ginge, die bisher innerhalb disziplinärer Grenzen blieben. Bettina Bock v. Wülfingen fragte nach den konzeptionellen Unterschieden zwischen Daten und dem Organischen – eine Frage, die vor allem dann wieder virulent würde, wenn sich aus Daten organisches Material generieren liesse (beispielsweise künstliche Chromosomen biologisch wirksam zu machen).

JOHN DUPRÉ (Exeter) deutete in der ersten Keynote darauf hin, dass alles, was wir über die Struktur und Funktionsweise organischer Elemente wissen können, innerhalb der Wissenschaften höchst umstritten ist. Es sei Aufgabe der Wissenschaftsphilosophie auf die Gemachtheit (‚nominal essence’) hinzuweisen, die Elementen bestimmte Eigenschaften vielmehr zuschreibt, als dass sich deren Qualitäten auf eine innere Verfasstheit (etwa des Genoms) reduzieren ließe. „Ontological authority“, ausgeführt am Beispiel des Human Genome Projects, war damit der analytische Schlüsselbegriff von Duprés Vortrag, mit dessen Hilfe sich der gegenwärtig wieder erstarkte Essentialismus in den Natur- und Humanwissenschaften kritisch beleuchten lassen sollte.

BARBARA ORLANDS (Zürich) Keynote historisierte Duprés Ausführungen zum Genom, indem sie die ontologische Wende hin zur Protein-Metapher als Basiseinheit des Lebendigen nachzeichnete, wobei sie vor allem die Stabilisierung des Proteins als wissenschaftlicher Fakt in den Debatten zwischen den Chemikern Mulder, Liebig und Berzelius betrachtete. In einer Doppelbewegung zeigte Orland, dass chemische Analysen das Fleischliche in Informationseinheiten konvertierten („Dematerialisierung“). Zugleich wanderten die Narrative der Chemiker, die selbst um die Schaffung von robustem Wissen bemüht waren, aus den Laboren in den öffentlichen Raum, wo sie, auf alltäglichen Vorstellungen des Körperlichen beruhend, Spuren im menschlichen Körper hinterlassen konnten („Rematerialisierung“).

Am zweiten Tag griff die Keynote von EUGENE THACKER (Atlanta) Duprés Beobachtungen zur gegenwärtigen Konjunktur des Naturalismus auf. Angesichts der aktuellen Überdeterminiertheit und zugleich absoluten Negation von ‚Leben’ heute ist die aristotelische Entgegensetzung von Konzeptionen des Lebens (‚Life’) und des Lebendigen (‚the living’) weiterhin bestimmend für unser Denken. Entsprechend präsentierte Thacker eine zugleich komplexe und plausible Re-Lektüre von Aristoteles -De anima, von der er sich erste Bausteine für eine neue Ontologie menschlichen und übermenschlichen Lebens versprach, die jenseits entweder biologischer (Darwin) oder theologischer (Bergson) Fundierungen anzusiedeln sei.

Panel Ia ‚Praktiken des Messens’ wurde durch MARC RÖLLI (Darmstadt) eröffnet, der sich mit den Wissenstechniken der Kraniometrie (Schädelmessung) zur Mitte des neunzehntes Jahrhunderts befasste, und damit wichtiges Material zur Geschichte des anthropologischen Denkens lieferte. Er entwarf ein komplexes Bild zur ‚Geburt’ einer Wissenschaft aus der Naturgeschichte des späten 18. Jahrhunderts, deren kraniometrische Messverfahren sich den quantifizierend-objektiven Rationalitäten einschrieben, die über die Anthropologie hinaus die Wissenschaften zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa kennzeichneten.

KATHRIN PETERS (Berlin) nahm das Thema der Verdatung von Seiten der Photographie und Verbildlichung menschlicher Körper als „Bilderwissen“ in den Blick, das physiologische Daten, anthropometrische Photographie und empirische Beschreibungen von Körperproportionen kombinierte. Die Hervorhebung des individuellen Körpers betonte eine Ablehnung von Quételes’ Durchschnittsmenschen, orientierte sich allerdings am Kanon antiker Idealfiguren.

Im gleichnamigen, parallelen Panel Ib konzentrierten sich SUSANNE BAUER und CHRISTINE BISCHOF (beide Berlin) wieder auf das späte 20. Jahrhundert und fragten nach der Konstruktion des homo europaeus in der gegenwärtigen Epidemiologie. Ihr Beitrag ergänzte Waldbys Beobachtungen zum ‚biobanking’ (siehe unten) um die wichtige Frage, wie genau die Verdatung des menschlichen Gesundheits-Körpers mit Risikofaktoren operiert. So konnten sie anhand einer Untersuchung zu einer Langzeitstudie „European Investigation of Nutrition and Cancer“ zeigen, wie der homo europaeus als Risikoindividuum entsteht, welches Risiken bewusst abwägt und Gewohnheiten rational im Wechselspiel mit den generierten Daten reguliert.

KATRIN NIKOLEYCZIK (Freiburg) intervenierte kritisch in die Bildproduktionen des Functional Magnetic Resonance Imaging (fMRI). Sie machte auf die „Intra-Aktion“ (Karen Barad) zwischen wetware, hardware and software aufmerksam, deren Analyse es ermögliche, die augenscheinliche Objektivität der Technik und Bilder in den Blick zu nehmen. Es wurde deutlich, dass die technische Apparatur auf (spezifisch vergeschlechtlichte) Normkörper angewiesen ist und diese gleichzeitig produziert.

Panel IIa ‚Biometrische Verarbeitungsverfahren’ wurde von DIETMAR KAMMERER (Berlin) eröffnet. Er verschob Röllis Logik der Schädelmessung in der Anthropologie des 19. Jahrhunderts hin zur ‚automated face recognition’ (AFR) – die biometrische Erfassung von Gesichtsmerkmalen –, die er als gegenwärtige Sicherheitstechnologie vorstellte. Technisch würden von Kameras ‚asiatische‘ Gesichtstypen einfacher erkannt als ‚afro-amerikanische‘, die wiederum gegenüber ‚weißen‘ favorisiert würden, so dass das Gesichtlesen einem bestimmten ethnischen und sozialen Wissen verhaftet bliebe. Die Legitimität technischer Neutralität müsse also, so Kammerer, gegen das Latoursche ‚Technik ist stabilisierte Gesellschaft’ gelesen werden.

ROLAND MEYER (Berlin) ergänzte Kammerers Beitrag zur biometrischen Gesichtserkennung um die historische Perspektive: Das Gesicht, so Meyers These, entstand als Produkt der Verdatung um 1900 in den Laboren und Archiven der polizeilichen Erkennungsdienste. Digitale und photografische Bildpraxis folgen in der Kartographie der Gesichtsmerkmale derselben performativen Logik: Natürliche Varianzen werden reduziert, um die Identifikation des Gesichtes – im Abgleich mit vorhandenen Daten – zu ermöglichen.

SVEN BERGMANNS (Berlin) Beitrag überprüfte Gilles Deleuzes Thesen zur ‚Kontrollgesellschaft‘ anhand einer Studie zur Elektronischen Fußfessel, die 2004 in Hessen im Rahmen eines Pilotprojekts für Bewährungsstraftäter eingeführt wurde. Das System der Fußfessel stelle eine Schnittstelle zwischen Disziplinierung Foucaultscher Provenienz und der Kontrolle mittels körperlicher Daten dar, wie sie Deleuze projektiert hatte: Der Datenkörper des Straffälligen wird auf An- oder Abwesenheit (In/Out-Codes) in der privaten Wohnung überwacht, und die Erkennung der Signale liegt bei Computern des zentralen Rechenzentrums. Diese jedoch müssen mit den Daten des jeweiligen Wochenplans gefüttert werden, dessen Abgleich und Interpretation beim Bewährungshelfer liegt.

STEFAN RIEGERs (Bochum) Kommentar, der zur kritischen Diskussion um die Relevanz von Historisierung und Kontextualisierung führte, problematisierte die fehlende theoretische Überwindung des dichotomischen Denkens zwischen Mensch/Maschine, Organisch/Daten, Technik/Gesellschaft, Natur-/Geisteswissenschaften. An Latours Kritik des dualen Denkens anknüpfend, empfahl Rieger einen medienanthropologischen Ansatz, der die Diskurse über den Menschen aufzufächern versteht, um so die durchweg technische Existenz des Menschen zu entziffern.

Im parallelen Panel IIb nahm KATRIN AMELANG (Berlin) die Objektivierungen des Körpers in der Transplantationsmedizin in den Blick. Insbesondere die gegenwärtige Darstellung der Organfunktionen in Zahlen, Kurven und Spiegeln konkretisierten eine Verdatung des Körpers an der Schnittstelle zwischen Labor, ärztlicher Fallbesprechung und Patientengespräch und beeinflusst damit des Wohlbefindens der Patienten; jeweils ausgerichtget am Erkenntnisideal des ‚modernen Faktums’ (Mary Poovey).

ULRIKE THOMS (Berlin) verortete die gegenwärtige Gesundheitspolitik zur Fettleibigkeit in einer Serie von Diskursen, die in den Körpervermessungen der physischen Anthropologie zur Aufklärungszeit ihren Ausgang hatte. Zentral sei die Verschränkung dreier Diskursfelder: Der Queteletsche Durchschnittsmensch; die Lebensversicherungen, sowie die Medizin. Aufklärungsprogramme der Versicherungsunternehmen popularisierten den Zusammenhang von Korpulenz und Gesundheit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Versicherungsmathematische Annahmen wurden dann Grundlage einer öffentlichen Gesundheitspolitik, für die die Reziprozität der Versicherten bis heute nicht nur die Verdatung des Körpers nach Risikofaktoren verlangt, sondern versicherungsmathematische Gerechtigkeitsvorstellungen auch Korrekturen des Ernährungsverhalten des Einzelnen rechtfertigen.

MARC POTOCNIK (Potsdam und Frankfurt/Oder) untersuchte die Geburt des ‚gefährlichen Individuums‘ (Foucault) im Diskurs der Kriminologie und Literatur. Das Verbrechen ohne klares Motiv stellte zum Ende des 19. Jahrhunderts die Frage der Verantwortung auf radikal neue kognitive und soziale Grundlagen. ‚Das gefährliche Individuum’ müsse, so Potocnik –Zolas Romanfiguren ganz ähnlich –, als fiktionaler, statistischer Charakter gelesen werden, dessen potentieller krimineller Akt mit Verweis auf den sozialen Hintergrund erklärt wurde, weil dieser über eigene, statistisch erhobene Gesetzesmäßigkeiten, also Erklärungskraft verfüge. Der Verbrecher trat am Kreuzungspunkt literarischer und kriminologischer Diskurse ins Leben.

Am dritten Tag machte CHRISTINE HANKES (Potsdam) Keynote mittels theoretischer Perspektiven aus der Medien- und Wissenschaftstheorie auf die konstitutive Undeterminiertheit wissenschaftlicher Vermessungen des Organischen aufmerksam. Zahlen und Bilder fungieren einerseits als die medialen Grundeinheiten wissenschaftlicher Messvorgänge und sind, vor allem mittels Statistiken und Bild-Visualisierungen in der Lage, spezifische Wirklichkeiten zu schaffen. Beispielsweise changierte die Konstitution von ‚Rasse’ und ‚Geschlecht’ in der physischen Anthropologie um 1900 als ‚boundary object’ zwischen einer metrischen und visuellen Darstellung, die, andererseits, die statistische Kategorienbildung ständig verunsicherte, so dass die Einheit solcher Grenzobjekte der Rassentheorie stets bedroht schien zwischen unbestimmtem Grund und statistisch-visueller Normierung.

In einer weiteren Keynote nahm sich CATHERINE WALDBY (Sydney) der gegenwärtigen Ökonomisierung biologischer Substanzen an, die sie anhand der dramatischen Verbreitung von Biodatenbanken seit den 1990er-Jahren illustrierte. An Foucault anknüpfend stellte sie dar, dass nicht mehr die Kapitalisierung des Körpers im Vordergrund dieser ökonomischen Konfiguration stünde, sondern die latente Wertschöpfung biologischer Prozesse und biomedizinischer Ressourcen einer nationalen Bevölkerung. Mittels „biovalueing“, wie Waldby in Anlehnung an Marx’ Werttheorie ausführte, wird nicht mehr mit Organen gehandelt, sondern mit bioaktiven Substanzen, wie etwa Stammzellen und Zellgewebe.

CORINNA BATH (Graz) eröffnete das dritte Panel ‚Die Zahl in der (Re-)Generation des Organischen’ mit einer Analyse der Entwicklung von Computertechnologien, die insbesondere soziale Interaktionen zwischen Mensch und Maschine ermöglichen, dabei jedoch in hohem Maße stereotypisierend normieren. Entscheidend für eine erfolgreiche Intervention feministischer Wissenschaft- und Technikkritik ist nicht nur, so Bath, die Entwicklung alternativer Modelle des Sozialen, sondern zudem die Kooperation mit Produktentwicklern (etwa mittels einer ‚participatory design methodology’ in den Laboren), um diese Modelle ins Programmdesign überführen zu können.

SIGRID SCHMITZ (Freiburg) nahm Baths Kritik an Computer-Körper-Interaktionen auf, um am Beispiel der gegenwärtigen neurowissenschaftlichen Hirnforschung zu verdeutlichen, dass die ‚klassische’ dekonstruktive Intervention feministischer Provenienz analytisch-theoretisch ins Leere laufe. Für die künftige Theoriebildung gelte es, so Schmitz, nicht nur den Einfluss des medizinisch-technisch-militärischen Komplexes im Feld der Neurowissenschaften zu beforschen. Auch müsse thematisiert werden, inwieweit binäre Computercodes die Kommunikation zwischen Hirn und Maschine diktieren, und somit in der Lage sind, technisch machbare Bewussteinszustände des Menschen als die gesellschaftlich möglichen zu präsentieren – was auf eine Reaktualisierung des Cartesianischen Bruchs hinausliefe, der in diesem Fall, so Schmitz, zwischen computerisierter/männlicher Rationalität und weiblichem Körper verliefe.

KATJA DE VRIES (Brüssel) konnte wichtige Konzepte von außerhalb der Wissenschaftsforschung in die Tagungsdiskussion einführen: Als Juristin interessierte sie sich für die Herausforderungen, die mit aggregierten Personenprofilen (Kundendaten) und anonymen Datenbildern (‘Pixel Cluster‘) an die Konzeption von Rechtsperson und Privatheit gestellt werden. Die Rechtssprechung ist, so de Vries, angesichts dieser digitalen Profile gefragt, gegenwärtige Konzeptionen des Rechtssubjekts zu überdenken, um im Zweifelsfall zwischen persönlichen und virtuellen Identitäten unterscheiden zu können.

ULRIKE BERGERMANNs (Köln) Kommentar machte auf das Virtuelle und Reale in allen drei Beiträgen aufmerksam, als zugleich ungeklärtes und prominentes epistemologisches Begriffspaar, welches etwa mit der Konzeption des ‚codierten Realismus’ in den Griff zu bekommen wäre.

Für das Panel IV, ‚Berechnete Bild-Körper’ unterzog HANNAH FITSCH (Potsdam) gegenwärtige digitale Visualisierungstechniken in der Medizin einer eingehenden Bildkritik. Sie stellte fest, dass (auditive) Eingriffe der Magnetresonanz den menschlichen Körper und seine Substanzen in Voxel transformieren, deren Information wiederum die Grundlage für die digitale Bildgebung ist. Dabei machten MRI-Modelle des menschlichen Gehirns nur unter der Annahme Sinn, dass sich mentale Dispositionen im Gehirn lokalisieren liessen, wofür wiederum ein dreidimensionales Koordinatensystem benötigt wird, um das Gehirn in einen plastisch-mathematischen Zusammenhang zu setzen.

VERENA KUNI (Frankfurt/Main) machte in ihrem Vortrag auf die Persistenz des Anfassens im digitalen Informationszeitalter aufmerksam, die etymologisch schon an der Doppelbedeutung von ‚be-greifen’ auffällt, in der der Verstandesakt des Verstehens mit dem des Anfassens polysemisch verwoben ist. Folgend illustrierte Kuni die Dialektik von Digitalisierung und Rematerialisierung des menschlichen Körpers an handgestrickten Figuren, die Künstler/innen und ‚Do-it-yourself’ – Aktivisten seit einigen Jahren vermehrt produzieren. Diese subkulturelle ‚Verdatung’ des Menschen ließe sich durchaus, so Kuni, als Kritik an hegemonialen Darstellungsweisen aus der Medizin und Biologie deuten.

ELKE GAUGELE (Wien) fokussierte Verdatungen in der Mode-Industrie, indem sie deren Techniken und Diskurse in den medizinisch-biometrischen Wissenschaften verortete. Hier transformieren so genannte Mode-Scan Technologien den menschlichen Körper. Bildkörper in der Modebranche fungieren somit nicht mehr als perfekte Körper, dessen Ideal jede(r) zu erreichen verlangt; für den Bildkörper gibt es kein Kleid mehr, das nicht passt. Gleichzeitig, so Gaugele, verschieben Körperdesigner und plastische Chirurgen den (ontologischen) Stellenwert des Körpers, indem sie mittels Duftstoffen und bioaktivem Zellgewebe an einer Dimension der Körperlichkeit experimentieren, die ‚unter die Haut geht’.

YVONNE VOLKARTS’ (Basel) konstruktiv diskutierter Kommentar wies vor allem auf die Dialektik der Kritik hin, die sie insbesondere in den Strickmustern menschlicher Organe verortete: Einerseits legt die Lesart Kunis durchaus die Möglichkeit einer Rematerialsierung immaterieller Datenbilder nahe, und Kunst kann, so verstanden, totalisierende Bedeutungen spielerisch unterlaufen. Andererseits würden, so Volkart, die Strickmuster das Bedeutungsspiel ausschließlich zwischen Organ selbst und seiner wollenen Materialisierung initiieren, so dass eine Referenz zur Technologisierung und Simulierung des Körpers in Wissenschaft und Medizin fehlt.

Die Podiumsdiskussion zwischen GABRIELE WERNER (Wien), FAITH WILDING (Chicago), Bettina Bock v. Wülfingen und Volker Hess (beide Berlin) wurde durch einen Einwurf von Eugene Thacker (Atlanta) auf einen Gedankenkomplex aufmerksam gemacht, den die Tagung bisher nicht zu beantworten vermochte: die Ethik. Die große Mehrheit der Beiträge zerlegte die betrachteten Gegenstände in ihre materiellen und simulierten Einzelteile, um aufzuzeigen, was sie zusammenhält, und wie sie wirken. Allerdings fehlte die normative Abwaegung, inwieweit diese Dekontruktionen wünschenswert seien. In der Diskussion mit dem Publikum wurde die Trennung zwischen „Digitalem“ und „Materie“ als eine Weiterfühung der Körper-Geist-Dichotomie erörtert. Eine (ethische) Problematisierung der Digitalisierung sei demnach fragwürdig, da „flesh“ und „digits“ in binäre Oppositionen uebersetzt würden. Dennoch war es Konsens, dass die soziokulturelle Nutzung der Technologien kritisch zu begleiten und auf ihre Potentiale, Risiken und missbräuchlichen Verwendungen zu beleuchten sei.

GERTRUD SCHRADER (Berlin) eröffnete ihre Performance im Visualisierungs-Finale mit einer kritischen Note zum Stellenwert der Kunst am Schluss des Tagungsprogramms. Ihr Beitrag verstand sich dann als visuelle Intervention in die Beziehung von Daten und Körper. Sie projizierte eine Reihe wissenschaftlicher und medizinischer Bilder auf eine weiße Wand, die ihr als Arbeitsfläche diente, um die Konturen der Abbildungen nachzuzeichnen, unterlegt von einer Tonspur mit Reflexionen zum Tagungsthema. Eine Abbildung der überlagerten, neu repräsentierten Körperbilder war ihr Produkt. Das Projekt Data Cadavre um Nanna Lüth und Hannah Fitsch, unterstützt mit Ton der Kollegiatin Claude Draude, fügte der Konferenz eine weitere audio-visuelle (Wissens-)Produktion hinzu. Hierfür wurden Bildbeiträge der Tagungsreferent/innen miteinander verknüpft und in Form von Animation, Montage, Splitterung, Überblendung und Färbung verwandelt. Dabei ging es den Wissenschaftskünstlerinnen um eine weitere Ebene der Reflexion und Störung der eigenen Vorannahmen.

Die künstlerischen Interpretationen waren der Schlusspunkt einer gelungenen Veranstaltung mit vielfältigen Beiträgen aus verschiedenen Disziplinen. Für die wissenschaftliche Diskussion ist sicherlich verwunderlich, warum, wenn denn die Frage der Kritik und der Widerständigkeit so zentral war, sich kaum ein Beitrag spezifischen Fallstudien des Widerstandes gegen Formen der Verdatung gewidmet hat. Sicherlich, Wissenschaftshistoriker und -historikerinnen und feministische Wissenschaftsforscher und -forscherinnen erkennen die Kritikfähigkeit ihrer Arbeiten zumeist in einer Form der Repolitisierung augenscheinlich naturalisierte Gegenstände (wie etwa Geschlechterrollen). Doch blieben die Studien, die sich explizit auf Fälle konzentrierten, in denen technologische Entscheidungen und Entwicklung noch nicht ‚stabilisiert’ waren, in der Minderheit. Aufgrund dieses ‚Verlusts des Gefühls für politische Kräfte’ (Terry Eagleton) blieb eigenartig unterbelichtet, wie etwa das klassische Demokratiedefizit technologischer Entwicklung konzeptionell behandelt werden sollte. Vielleicht wäre es in diesem Zusammenhang spannend, eine ältere Diskussion in den Science and Technology Studies (STS) wieder aufzunehmen. Winner stellte sich vor gut 15 Jahren die Frage, ob es theoretisch zufrieden stellend sein kann, die ‚black boxes’ der Technik nur zu öffnen, ohne dafür Sorge zu tragen, die Macht durchdrungene Verfahrensweisen politiktheoretisch zu analysieren und gesellschaftspolitische Konsequenzen moralphilosophisch zu bemessen.[1] Um an die zahlreichen wichtigen Ergebnisse der Tagung anzuknüpfen, müssten in Zukunft die oftmals impliziten Politikbegriffe in den Forschungsdesigns stärker hervorgehoben und voneinander abgegrenzt werden.[2] In diesem Kontext mag auch die Diskussion zwischen Gerard de Vries und Bruno Latour um einen angemessenen Politikbegriff in den STS weiterführen, sei dieser nun aristotelisch oder pragmatisch.[3] Hieran scheint jedenfalls eine neuere Tendenz in den STS deutlich zu werden, die Konstruktion demokratischer Legitimität mit der gleichen empirischen Aufmerksamkeit und Methodik zu untersuchen, wie dies zuvor für die Politik technologischer Entwicklungen geschehen war.[4] Die Frage der Legitimität verweist auch auf den eigenen wissenschaftlichen Standpunkt und die Frage, was sozialwissenschaftliche Kritik an gegenwärtigen Prozessen der Verdatung und darüber hinaus heute bedeuten kann. Beide Fragen stellen sich gerade deshalb heute neu, weil deutlich geworden ist, dass es nicht mehr ausreicht (oder noch nie ausgereicht hat), in der Analyse auf die Gemachtheit naturalisierter Fakten und Gegenstände hinzuweisen. In diesem Zusammenhang wäre es dringend angebracht, Latours Reflexionen zum Stand der Kritik im Zeitalter der Kriege in Wissenschaft und Politik zu reflektieren, um abzuwägen, ob der Geist der Kritik noch die richtigen Ziele verfolgt.[5]

Konferenzübersicht:

Einführung:
Christina v. Braun, Volker Hess, Bettina Bock v. Wülfingen (alle Humboldt-Universität Berlin)

Keynotes 1:

John Dupré (University of Exeter): The Genome between Information and Matter

Barbara Orland (ETH Zürich): Our Flesh, our Protein – Modes of Existence in the 19th Century Physiology

Keynote 2:

Eugene Thacker (Georgia Institute of Technology): De anima: On Life and the Living

Panel Ia Praktiken des Messens:
Moderation: Claude Draude (Humboldt Universität Berlin)

Marc Rölli (Technische Universität Darmstadt): Anthropologie der Kraniometrie

Kathrin Peters (Freie Universität Berlin): Preisturner, einen Fels werfend. Anatomisches Bilderwissen für Ärzte und Künstler

Kommentar: Herbert Mehrtens (Technische Universität Braunschweig)

Panel Ib Praktiken des Messens:
Moderation: Volker Hess (Humboldt-Universität Berlin)

Susanne Bauer und Christine Bischof (Humboldt-Universität Berlin): Towards an Ethnographic Study of Nutritional Epidemiology: Measurement Practices, Risk Calculations and Renegotiations of the Self

Kathrin Nikoleyczik (Universität Freiburg): On BOLD effects, measurement-visualisations and statistical power: The Production of Gender Differences through Functional Brain Imaging

Kommentar: Silvia Berger (Universität Zürich)

Panel IIa Biometrische Verarbeitungsverfahren:
Moderation: Nanna Lüth (Universität Oldenburg)

Dietmar Kammerer (Berlin): Die Mikro-Politik der Artefakte: Die Fallen der automatischen Gesichtserkennung

Roland Meyer (Universität der Künste Berlin): Gesichter des Erkennungsdienstes. Biometrie als Bildpraxis

Sven Bergmann (Humboldt-Universität Berlin): Neue Überwachungstechniken als Verschwinden oder Wiederkehr des organischen Körpers

Kommentar: Stefan Rieger (Ruhr-Universität Bochum)

Panel IIb Biometrische Verarbeitungsverfahren:
Moderation: Hannah Fitsch (Universität Potsdam)

Katrin Amelang (Humboldt-Universität Berlin): Funktionen, Kurven, Spiegel. Medizinische Körpervermessung und Messwertmanagement am Beispiel von Leberwerten

Ulrike Thoms (Charité Berlin): Wiegen – Zählen – Messen. Gewichtsnormen und ihr Weg aus der Anthropologie in die Gesundheitspolitik

Mark Potocnik (Universität Potsdam und Universität Frankfurt/Oder): Die zwei Körper des Verbrechers. Zu Émile Zolas La Bête Humaine

Kommentar: Sybilla Nikolow (Universität Bielefeld)

Keynote 3:
Catherine Waldby (University of Sidney): Datacizing Blood and Citizenship: Biobanking and the Life of Populations

Keynote 4:
Christine Hanke (Universität Potsdam): Indeterminacy. On the Mediality of Measurement, Statistics, and Data Visualisation

Panel III Die Zahl in der (Re-)generation des Organischen:
Moderation: Bettina Bock von Wülfingen (Humboldt-Universität Berlin)

Corinna Bath (Institut for Advanced Studies on Science, Technology and Society, Graz): Computing the Social Body

Sigrid Schmitz (Universität Freiburg): Brain-Machine-Networks: Intra-Actors and their Codes

Katja de Vries (Vrije Universiteit Brussel): Profiles, Hot Blobs and Smart Cameras: How Data-technologies Make the Mind of Lawyers Boggle

Kommentar: Ulrike Bergermann (Universität Köln)

Panel IV Berechnete Bild-Körper:
Moderation: Daniela Döring

Hannah Fitsch (Universität Potsdam): Visualisierungstechniken am Beispiel funktioneller Magnetresonanztomografie

Verena Kuni (Universität Frankfurt/Main): DatenKörper be-greifen

Elke Gaugele (Akademie der Künste, Wien): Science Fashion – Verdatung des Organischen in der Mode

Kommentar: Yvonne Volkart (Hochschule für Gestaltung und Kunst, Basel)

Podiumsdiskussion:
Moderation: Simon Strick (Humboldt-Universität Berlin)

Gabriele Werner (Universität für Angewandte Kunst, Wien)

Faith Wilding (School of Art Institute, Chicago)

Bettina Bock v. Wülfingen (Humboldt-Universität Berlin)

Volker Hess (Humboldt-Universität Berlin)

Visualisierungs-Finale und Abschiedslounge:
Gertrud Schrader (Berlin): Daten – Körper – Visualisierungen
Nanna Lüth und Hannah Fitsch von der AG Data Cadavre (Berlin)

Anmerkungen:
[1] Langdon Winner, Upon Opening the Black Box and Finding it Empty: Social Constructivism and the Philosophy of Technology, in: Science, Technology & Human Values 18 (1993), S. 362-378. Siehe die Antwort von Woolgar und Cooper: Steve Woolgar und Geoff Cooper, Do Artefacts Have Ambivalence? Moses’ Bridges, Winner’s Bridges and Other Urban Legends in S&TS, in: Social Studies of Science 29 (1999), S. 433-449.
[2] Siehe etwa die Vorschläge von Roel Nahuis und Harro van Lente, Whre are the Politics? Perspectives on Democracy and Technology, in: Science, Technology & Human Values 33 (2008), S. 559-581.
[3] Gerard de Vries, What is Political in Sub-Politics? How Aristotle Might Help STS, in: Social Studies of Science 37 (2007), S. 781-809. Bruno Latour, Turning Around Politics: A Note on Gerard de Vries’ Paper, in: Social Studies of Science 37 (2007), S. 811-820. Ich danke Sonja Palfner meinen Eindruck zum diffusen Politikverständnis der Tagungsbeiträge mit diesen Literaturhinweisen unterstützt zu haben.
[4] Siehe auch Sheila Jasanoff und Marybeth Long Martello, Earthly Politics: Local and Global in Environmental Governance, MIT Press, Cambridge, 2004.
[5] Bruno Latour, Why Has Critique Run out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern, in: Critical Inquiry 30 (2004), S. 225-248.

Zitation
Tagungsbericht: Menschen – Zahlen – Transformationen: Verdatung des Organischen, 10.09.2008 – 12.09.2008 Berlin, in: H-Soz-Kult, 13.02.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2529>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.02.2009