Ort
Potsdam
Veranstalter
Internationale Komission für Militärgeschichte / Commission Internationale d’Histoire Militaire
Datum
17.02.2009 - 18.02.2009
Von
Rüdiger von Dehn, Historisches Seminar, Fachbereich A ( Neuere und Neueste Geschichte), Bergische Universität Wuppertal

„Vor Gott und der Geschichte ist mein Gewissen rein. Ich habe den Krieg nicht gewollt.“ Wer sollte Wilhelm II. diese Worte noch glauben, die 1916 auf einer Postkarte abgedruckt worden waren – direkt neben einer Portraitaufnahme des Kaisers. In Feldgrau zeigte sich Wilhelm II. seinen Untertanen. Der Monarch gab sich militärisch, wenngleich dies wenig mit der Realität zu tun hatte. Sein Machtgebaren in Uniform war kein Einzelfall in diesen Jahren der europäischen Geschichte, wie MICHAEL EPKENHANS (Potsdam) - neuer Leiter der Abteilung Forschung am Militärgeschichtlichen Forschungsamt - in seiner Antrittsvorlesung ausführte. Die Jahre 1914 bis 1918 seien es, die das Ende des Zeitalters europäischer Monarchien markierten, so Epkenhans. Sein Vortrag stellte einen Querschnitt durch die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts dar, welcher von England bis auf den Balkan reichte.

Mit dem Vortrag von Michael Epkenhans war die Grundlage für den diesjährigen Workshop der Internationalen Kommission für Militärgeschichte gelegt worden. Zur Diskussion standen die Monarchen vom 17. bis ins 20. Jahrhundert, die ein eigenes und sehr spezielles Verhältnis zu ihren Streitkräften beziehungsweise Armeen entwickelt hatten. Leitend für alle Vorträge war die Vorstellung, dass militärische Organisationsformen und kriegerisches Handeln seit dem 18. Jahrhundert immer wieder professionalisiert und verwissenschaftlicht wurden. Als Folge davon war bald die Reduktion des Oberbefehlshabers auf die Position einer Symbolfigur zu verzeichnen gewesen. Dies bedeutete nicht weniger als die Erosion des monarchischen Prinzips, dessen elementarer Bestandteil die Befehlsgewalt über die Soldaten im Lande war. Fortan definierten Verfassungen die neue Rolle des Herrschers, an dessen Seite Stäbe traten und persönliche Berater in die Bedeutungslosigkeit verbannten. Tragend war demnach die Bedeutung militärischer Biographien im dynastischen Selbstverständnis, die verschiedenen konstitutionellen Rahmenbedingungen des Oberbefehls unterworfen gewesen waren.

Gleichzeitig galt es, nach der tatsächlichen Rolle von Monarchen in militärischen Reformprozessen und Kriegen zu fragen. Erste Antworten gab Hauptmann MARCUS VON SALISCH (Potsdam), der sich August III., einem Feldherrn wider Willen, und dem kursächsischen Militär im Siebenjährigen Krieg widmete. Als ein Kunstkenner und Geistesmensch hielt es den Sachsen kaum bei seinen Soldaten, die im Kampf gegen Preußen eine Niederlage nach der anderen verkraften mussten. Wenngleich es sich bei ihm nicht um einen gänzlich unmilitärischen Landesherrn handelte, musste August III. sich auf die Fähigkeiten seiner Halbbrüder verlassen. Nichts änderte dies an den maroden Strukturen der Armee, die nach jahrelangen Einsparungen alles andere als kampffähig war. Zusammengehalten wurde das Heer durch die engen Bindungen der Soldaten untereinander sowie durch die absolute Treue dem Landesherren gegenüber. Selbst Hunger, Tod und Kälte konnten diese Loyalität nicht erschüttern. Ganz zu schweigen von den preußischen Versuchen, die Truppen Augusts III. in die Reihen der Armeen Friedrich II. aufzunehmen und einzupressen. Es passte nicht in die Weltvorstellung der sächsischen Soldaten, einem anderen Monarchen als August III. zu dienen – einer omnipräsenten Vaterfigur.

JÜRGEN LUH (Potsdam) führte das Plenum aus Kursachsen weg, indem er den Spuren kurhessischer Soldaten in die sich konstituierenden Vereinigten Staaten von Amerika folgte. Statt die großen Strukturen des spätabsolutistischen Soldatenhandels aufzuzeigen, beschrieb Luh Wilhelm von Hanaus Hang zu Soldatenspielereien. Was sich dahinter verbarg, ist in seinen Memoiren nachzulesen. Es waren „seine“ Soldaten, die in Hanau zu den Waffen gerufen wurden, um die absolutistische Macht des eigenen Landes zu repräsentieren und diese zu verteidigen beziehungsweise durchzusetzen. So war es nur konsequent, dass Wilhelm I. ab 1766 ausschließlich im Waffenrock anzutreffen war. In diesem besuchte er regelmäßig die eigens gegründete Militärakademie, wo er an Offiziersprüfungen teilnahm und sich stolz der hohen Ausbildung seiner Soldaten rühmte. Unauflöslich war die Bande zwischen dem Landesherren und der Armee geworden. Trotzdem schien es ihm nicht schwer gefallen zu sein, so Luh, die Soldaten Georg III. von England zur Verfügung zu stellen. Der englische König bedurfte dringend dieser Kontingente, um die Rebellion in den nordamerikanischen Kolonien baldmöglichst niederzuschlagen. Schon im Frühjahr 1776 gingen Hessen an Bord englischer Schiffe, um auf amerikanischem Boden die Unabhängigkeit der britischen Kolonien vom Mutterland zu verhindern. Ein vergebliches Unterfangen. In der Schlacht von Saratoga ging das gesamte Regiment in amerikanische Gefangenschaft, wo es weiterhin die Treue zu Hanau hielt. Rund 1500 Hanauer Soldaten kamen wieder auf den alten Kontinent zurück. Der Rest verblieb in der Neuen Welt und begann das Leben als Siedler auf den weiten Ebenen Nordamerikas.

An die Ausführungen von Luh schloss HEINZ STÜBIG (Marburg) mit einer Beschreibung der Beziehung von Friedrich Wilhelm III. zu den preußischen Heeresreformern an. Allen voran stand Gerhard von Scharnhorst. Provokant stand die Frage im Raum, ob und inwieweit der preußische König selbst einen Anteil an den Reformen der Armee gehabt habe. Stübig ließ keinen Zweifel daran, dass Friedrich Wilhelm III. wenig dazu beigetragen hatte, den Soldatenstand wieder gesellschaftsfähig und zu einer freien und edlen Institution zu machen. Den Bedarf an Reformen hatte er ohne Zweifel erkannt und die richtigen Impulse für die notwendige Selbstreinigung der Streitkräfte gegeben. Faktisch fehlte ihm aber die Übersicht über die gesamte Situation in der Armee, die es grundlegend zu verändern galt. Dies schloss die Einführung der Wehrpflicht ein, für die Scharnhorst seit 1809 immer wieder plädiert hatte. Erst 1813 sollte dies zum gewünschten Erfolg führen. Seine Hartnäckigkeit dem König gegenüber hatte sich gelohnt, der über Jahre nur in ihm einen grundanständigen Menschen gesehen hatte.

Im letzten Vortrag der Jahrestagung skizzierte DIETER STORZ (Ingolstadt) das Leben des Kronprinzen Rupprecht von Bayern, der als dynastischer Heerführer im Massenkrieg 1914 bis 1918 Dienst tat. Zu einem besseren Zeitpunkt hätte der Waffengang für Rupprecht nicht kommen können, der im Alter von 45 Jahren zu den jüngsten Generalen auf deutscher Seite gehörte – und „deutsch“ ist nicht gleich „deutsch“. Im August 1914 trafen nicht nur Belgier und Franzosen auf die Deutschen, sondern auch Preußen auf Bayern. Was folgte war ein innerdeutscher Kleinkrieg, der bis zum Letzten um die Form der Kriegsführung gegen die Entente geführt wurde. Alle Führungsfragen wurden durchweg mit Prestige beantwortet, so dass die Kämpfe in Lothringen drohten, zu einer dynastischen Luxusschlacht zu werden. Sowohl Preußen als auch Bayern hatten einiges zu verlieren: der Gewinner dieser Eröffnungsschlachten hatte gute Chancen, die politischen Kräfte im Kaiserreich neu zu verteilen. Vor diesem Hintergrund nutzte Kronprinz Rupprecht seinerseits die Mittel der Bürokratie, um seine eigene Position abzusichern und die Eigenständigkeit Bayerns im Deutschen Kaiserreich zu erhalten. Bereits 1915 schwanden seine Hoffnungen, dass der Krieg zu gewinnen sei. Prägend waren für ihn die Erfahrungen der Schlacht im Artois gewesen, wo er – so Zeitgenossen – zum Feldherren gereift war und seitdem wusste, was er von seinen Männern erwarten konnte.

Die thematische Bandbreite sowie die Auswahl der Referenten haben den inhaltlichen Erfolg der Tagung - trotz der sehr unterschiedlichen Beiträge und der Kürze der Zeit - sichergestellt. Auffällig war jedoch die Tatsache, dass lediglich eine Historikerin an der Jahrestagung teilnahm. Es bleibt zu hoffen, dass dieses unausgewogene Geschlechterverhältnis nicht zu einem Dauerzustand werden wird. Angekündigt ist ein Sammelband, welcher alle Beiträge nochmals aufarbeitet und zusammenfasst.

Konferenzübersicht:

Michael Epkenhans: Das Ende eines Zeitalters. Europäische Monarchen im Krieg 1914-1918.

Begrüßung durch den Präsidenten des CIHM

Marcus von Salisch: Feldherr wider Willen. August III. (*1696 +1763) und das kursächsische Militär im Siebenjährigen Krieg.

Jürgen Luh: Wilhelm I. von Hessen-Kassel (*1743 +1821) und der spätabsolutistische Soldatenhandel.

Heinz Stübig: Friedrich Wilhelm III. (*1770 +1840) und die preußischen Heeresreformer.

Dieter Storz: Kronprinz Rupprecht von Bayern (*1869 +1955) – dynastische Heerführung im Massenkrieg 1914-1918.

Kontakt

Rüdiger von Dehn
Fachbereich A
Bergische Universität Wuppertal

E-Mail: <von.dehn@t-online.de>

Zitation
Tagungsbericht: Monarchen und ihr Militär, 17.02.2009 – 18.02.2009 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 14.03.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2553>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.03.2009
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