Stadt als Erfahrungsraum der Politik

Ort
München
Veranstalter
Arbeitskreis „Politik und Kultur“ der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft; Fachgebiet Politikwissenschaft der TU München
Datum
26.02.2009 - 28.02.2009
Von
Marc Schalenberg, Helsinki Collegium for Advanced Studies

Diese Münchner Tagung vereinte in anregender und (allzu) seltener Weise Forscherinnen und Forscher aus der Poltikwissenschaft, der Kunst- und Architekturgeschichte, den Film- und Medienwissenschaften sowie der Stadt- und Raumplanung. Den Schnittpunkt der Interessen markierte „die politische Stadt“, wobei die tagungschronologische Unterteilung in „geplant und gebaut“ sowie „medial konstruiert“ keine undurchlässige Trennlinie darstellte. Vielmehr zeigte sich in den Vorträgen ein ums andere Mal, wie sehr der physische Stadtraum und seine – vorangehende oder nachfolgende – Konstruktion und Interpretation einander durchdringen.

WILHELM HOFMANN (München), der Organisator der Tagung, konstatierte in seiner Einführung den bislang ausgebliebenen „cultural turn“ in der deutschen Politikwissenschaft. Dadurch blieben entscheidende, nicht zuletzt räumliche und materielle Manifestationsformen von Politik ausgeblendet, obwohl gerade die „politisch relevante Dimension von Urbanität“ ein wichtiges Desiderat sei.

Der daran anknüpfende thesenreiche, bisweilen apodiktische Vortrag KLAUS VON BEYMEs (Heidelberg) war der für die Thematik besonders aussagekräftigen Gestaltung von Hauptstädten und zentraler politischer Repräsentationsbauten in ihnen gewidmet: Zunächst richtete Beyme den Blick auf verschiedene markante europäische Beispiele, dann vor allem auf die Entwicklungen und Besonderheiten in Bonn und Berlin. Die Diskussionen über den Umgang mit der Bundeshauptstadt seit 1990 zeichnete MICHAEL FALSER (Zürich) auf der Grundlage seiner kürzlich erschienenen Dissertation nach.[1] Er ging dabei auf an zentraler Stelle beteiligte Politiker, Publizisten und Architekten ein und diagnostizierte drei zentrale Diskursfelder: Bürgerkultur/Zivilgesellschaft, „europäische Stadt“ sowie „Berlinische Architektur“. Der von Falser hierfür favorisierte Begriff der „Neomythen“ (angelehnt an den von dem Frankfurter Religionsphilosophen Hermann Schrödter 1991 herausgegebenen Band „Die neomythische Kehre“) stieß dabei auf einige Skepsis.

Abgerundet wurde der erste Tagungsnachmittag mit dem Vortrag von MARK ESCHERICH (Erfurt), der sich den Wechselwirkungen zwischen städtebaulichen Maßnahmen und den Selbstbild-Konstruktionen in Erfurt während der Weimarer Republik annahm. Das Spektrum von traditionalistischen bis zu dezidiert modernen Leitbildern („Blumenstadt“, aber auch „Neues Bauen“) sei durchaus breit gewesen, ohne dass ältere Topoi („Domstadt“) und namentlich der politische wie kulturelle „Hauptstadt“-Anspruch gegenüber Weimar darüber hinfällig geworden wären.

Den zweiten Tag eröffnete, anstelle des erkrankten WOLFGANG SONNE (Dortmund), der einen Beitrag zur Mall als stadträumlichem Medium der Politik angekündigt hatte, der Kunsthistoriker ANDREAS NIERHAUS (Wien). In seinen anregenden Ausführungen über den Wiener „Heldenplatz“ bzw. das sich auch südlich des Burgtores erstreckende „Kaiserforum“ zwischen 1858 und 1938 legte er dar, dass und wie Architektur „Raum“ schafft. Eine derartige Medialisierung und Bildhaftigkeit von einmal konnotierten Räumen stellte gerade bei politischen Umbrüchen eine Herausforderung dar, die im Wiener Fall offensiv genutzt worden sei.

Stärker theoretisch angelegt, wiewohl immer wieder auf konkrete Bauten rekurrierend, war der Vortrag von OLE W. FISCHER (Zürich/Harvard). Gleichsam im Versuch einer Aktualisierung Walter Benjamins spürte er den Merkmalen von Architektur im gegenwärtigen „Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit“ nach. Dem Prinzip der – auch computertechnisch nachvollziehbaren – Immersion und der Wiederaufwertung des Haptischen und Auratischen stehe die eher zeichen- und markenhafte, medial ubiquitäre Verbreitung von „signature architecture“ gegenüber.

Aus der raumplanerischen Praxis referierte anschließend AGNES FÖRSTER (München) über die Bedeutung von Visualisierungen für die Durchsetzung und Durchführung heutiger Raumplanung. An zwei in sich sehr verschiedenen Beispielen – dem Regionalplan „Côte du Sud“ für das südliche Luxemburg und der geplanten „Stedenbaan“ zwischen mehreren Städten der Randstad in den Niederlanden – erläuterte sie vier parallele Logiken von Visualisierung (Analysieren, Entwerfen, Organisieren, Politik). In der anschließenden Diskussion wurde betont, dass „Visualisierung“ von Planung keineswegs zwangsläufig mit einem Transparent-Machen oder gar demokratischem Vorgehen einher gehen muss.

Anschließend standen filmische Visualisierungen von Stadträumen im Mittelpunkt, beginnend mit einem Vortrag der Kunsthistorikerin ANNA MINTA (Bern), welcher die architektonischen Bilderwelten von Washington und New York kontrastierte. Ersteres erwies sich als Chiffre des amerikanischen Patriotismus, letzteres als eher universal-menschheitliches Versprechen respektive Schicksal. Als signifikantes Beispiel zeigte die Referentin Szenen aus dem anti-apokalytischen Science Fiction-Film „The day the earth stood still“, dessen Originalversion (1951) in der Hauptstadt angesiedelt war, während die Neuverfilmung (2008) die Metropole am Hudson River als Schauplatz wählte.

Die New Yorker Hochhausschluchten markierten ebenfalls den dramaturgischen und dramatischen Rahmen des Films „I am Legend“ (2007, nach einer Romanvorlage von 1954), den STEPHANIE GEISE (Hohenheim) näher betrachtete. Der von den Ereignissen des 11. Septembers 2001 sichtlich geprägte Film beschreibt die Vision einer post-apokalytischen Weltstadt bzw. Stadtwelt, in welcher der Arzt Robert Neville als einziger menschlicher Überlebender um den Erhalt des zivilisatorischen Erbes kämpft. Hier erscheint der dem Verfall geweihte Stadtkörper - nicht ohne biologistische Obertöne und „amerikanisches“ Pathos - als Ergebnis wissenschaftlichen, vor allem aber moralischen und politischen Scheiterns.

Eine weitere cineastische Dystopie stellte STEFFEN KRÄMER (München) mit Terry Gilliams „Brazil“ (1985) vor. In dieser Satire einer überverwalteten, gesichtslosen Industriegesellschaft spielten die aus Planungseuphorien hervor gegangenen urbanistischen Großstrukturen der 1960er und 70er-Jahre eine heraus gehobene Rolle als Setting und Ermöglichung totalitärer Politik.

Etwas leichtfüßiger war dagegen der Vergleich der Stadtinszenierungen in der „Lindenstraße“ und in „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, den der Medienwissenschaftler ECKHARD PABST (Kiel) zum Abschluss des zweiten Tages vortrug. Neben einer Reihe interessanter soziologischer und gegenwartsdiagnostischer Implikationen der beiden Serien stellte er die Bedeutung der in ihnen „auftretenden“ Städte München und Berlin als „ästhetisch autonomen (Re-)Konstruktionen urbaner Realität“ heraus, in Abgrenzung von mimetischer Abbildlichkeit, aber auch von umfassender Fiktionalität.

Diese Kernfrage nach der medialen (Re-)Präsentation der Stadt als politischem Raum wurde in den drei kunsthistorischen Referaten anhand „klassischer“ Bildmedien erörtert. SUSANNE KOLTER (Oldenburg) interpretierte Thomas Coles in den 1830er-Jahren entstandenen Ölgemälde-Zyklus „The Course of Empire“, dessen fünf Teile eine Allegorie von Aufstieg und Zerstörung einer mit mannigfachen historischen Anspielungen versehenen, aber letztlich ideal zu verstehenden Stadt enthalten. Diese geschichtstheologische Darstellung reihe sich ein in „die Ahnenreihe bildkünstlerischer Stadtzerstörung“ und sei als dreifache Mahnung vor göttlicher Strafe, äußeren Feinden und Naturkatastrophen zu lesen, weniger hingegen als Kritik an der sich konstituierenden, vor Selbstbewußtsein strotzenden amerikanischen Nation.

KERSTIN SCHWEDES (Göttingen) befragte in einer eingehenden Analyse die römischen Kupferstiche Giovanni Battista Faldas (1665-67) auf ihren Beitrag zur Vermarktung der nicht eben boomenden Hauptstadt der katholischen Welt. Papst Alexander VII., der das Werk ideell wie materiell unterstützte, war daran gelegen, nicht bloß das Bild vergangener Blüte von Rom nach außen zu tragen, sondern auch seine eigenen Bemühungen um eine zeitgemäße Aufwertung des Stadtraums - nicht zuletzt als Ausdruck seiner politischen Ansprüche.

In ähnlicher Weise wandte sich YVONNE RICKERT (Paris) abschließend den materiellen und bildlichen Setzungen einer anderen europäischen Hauptstadt zu: am Beispiel des Reiterstandbildes für Louis XV. auf dem nach ihm benannten Platz am westlichen Ausgang der Tuilerein (der heutigen Place de la Concorde). Vor dem eher ungünstigen Hintergrund des für Frankreich enttäuschenden Siebenjährigen Krieges sei die verzögerte Aufstellung dieser Statue und ihre eher ambivalente Propagierung durch Bildmedien eine Kompromisslösung gewesen, die Inszenierung des Königs als „Bien-Aimé“ eine Glorifizierung und Ermahnung zugleich. Mit diesem Beitrag wurde zugleich nochmals deutlich, wie sehr die genaue Einschätzung der politischen Implikationen von „Füllungen“ des Stadtraums die umfassende Kenntnis der zeitgenössischen medialen Spielregeln voraus setzt.

Es bleibt zu hoffen, dass die in Aussicht genommene Drucklegung der Beiträge in der Reihe „Studien zur visuellen Politik“ ohne größere Verzögerungen erfolgen kann. Denn ungeachtet ihrer thematischen und methodischen Heterogenität verdeutlichte diese Tagung, wie lohnend es sein kann, städtischen Raum auf seine politischen Entstehungsbedingungen, Botschaften und Vereinnahmungen hin zu untersuchen. Er kann, um an Bourdieu anzuknüpfen, als „strukturierte“ wie als „strukturierende Struktur“ aufgefaßt werden. Ob und wie „Habitus“ und „Erfahrungsraum“ zusammen passen, welche analytischen Begriffe überhaupt für die interdisziplinäre Beschäftigung mit materiellen Einsätzen im politischen Handlungsfeld tragfähig sind, müsste freilich noch weiter diskutiert werden.

Auch der Geschichtswissenschaft, die sich dem Politischen zuletzt von verschiedenen Seiten (wieder) angenähert hat, würde eine aktive Beteiligung daran nur zugute kommen. Bislang wird die „dritte Dimension“ sowohl von der „Neuen Politikgeschichte“ Bielefelder Provenienz als auch von der stärker auf die Autonomie von Macht und individuellen Entscheidungen insistierenden „Geschichte der Politik“ praktisch ausgeblendet.[2] In ihrer Engführung auf staatliches und institutionelles Handeln bzw. auf kulturalistisch erweiterte gesellschaftliche Kommunikation, erweisen sich beide Richtungen als sonderbar ortlos und unhaptisch. Die räumlichen und baulichen Manifestationen von Politik und deren Repräsentationen in verschiedenen Medien verdienen zweifelsohne weitere Untersuchung: als „contested space(s)“ im wörtlichen und greifbaren Sinne.

Konferenzübersicht:

Wilhelm Hofmann: Begrüßung und Eröffnung der Tagung

I: Die politische Stadt: geplant und gebaut

Klaus von Beyme: Hauptstadtgestaltung zwischen Architektur und Politik

Michael Falser: Scheinplausibilität und ihre destruktive Kraft - Berliner Neomythen für den Stadtumbau nach 1990

Mark Escherich: Selbstbild-Konstruktion und kommunale Baupolitik 1918-1933. Das Beispiel Erfurt

Andreas Nierhaus: „Kaiserforum“ und „Heldenplatz“. Politik und Ästhetik des urbanen Raums am Beispiel Wien

Ole W. Fischer: Die Immersion der Architektur und die Architektur der Immersion – Gedanken über die Architektur im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit

Agnes Förster: Visualisierungen in räumlichen Planungsprozessen. Über die Gleichzeitigkeit der Arbeitsebenen Entwurf, Organisation und Politik

II: Die politische Stadt: medial konstruiert

Anna Minta: Ikonizität und politischer Symbolwert der amerikanischen Stadt. Architektur und Bilderwelten von Washington D.C. und New York im Vergleich

Stephanie Geise: Der urbane Lebensraum als Spiegel der Gegenwartsgesellschaft – visuell konstruierte Urbanität im Film „I am Legend“

Steffen Krämer: Terry Gilliams „Brazil“ – Soziale Utopie und politische Dystopie in der Science-Fiction-Stadt

Eckhard Pabst: Bürger oder Individuum? Stadtinszenierungen in den TV-Serien „Lindenstraße“ und „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“

Susanne Kolter: Das Stadtbild als Projektion des Gemeinwesens.

Thomas Cole - The Course of the Empire (1835/36)

Kerstin Schwedes: „Roma moderna caput mundi“. Stadtmarketing im 17. Jahrhundert

Yvonne Rickert: Platzgestaltung und -repräsentation als Mittel der politischen Propaganda. Die Darstellungen der Place Louis XV. in Graphik und Malerei

Anmerkungen:
[1] Michael S. Falser, Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland, Dresden 2008.
[2] Ute Frevert / Heinz-Gerhard Haupt (Hrsg.), Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung, Frankfurt am Main 2005; Hans-Christof Kraus / Thomas Nicklas (Hrsg.), Geschichte der Politik. Alte und neue Wege, München 2007.

Zitation
Tagungsbericht: Stadt als Erfahrungsraum der Politik, 26.02.2009 – 28.02.2009 München, in: H-Soz-Kult, 21.03.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2560>.