Transkulturelle Geschichte der Vormoderne – Eine Bestandsaufnahme

Ort
Basel
Veranstalter
Arbeitskreis für Transkulturelle Geschichte der Vormoderne
Datum
13.02.2009 - 14.02.2009
Von
Christiane Sibille, Exzellencluster „Asia and Europe in a global Context“, Universität Heidelberg / Universität Basel; Yigit Topkaya, Universität Basel

Transkulturelle Geschichte der Vormoderene – Eine Bestandsaufnahme. Unter diesem Titel lud der Arbeitskreis für Transkulturelle Geschichte der Vormoderne vom 13. bis 14. Februar ins Historische Seminar nach Basel ein. Das Ziel des Workshops – eine Bestandaufnahme – war dabei durchaus vielfältig intendiert, wie ALMUT HÖFERT in ihrer Einleitung darstellte. Zum einen sah sich der Arbeitskreis, dessen Mitglieder sich einerseits methodisch der Disziplin der Geschichtswissenschaft verpflichtet fühlen, andererseits jedoch über Geschichte von Regionen, Religionen und Ethnien arbeiten, die – nicht zuletzt aufgrund der Quellensprache – im Allgemeinen nicht von der Geschichtswissenschaft, sondern der Islamwissenschaft, Byzantinistik, Judaistik, Indologie etc. abgedeckt werden, an einem Wendepunkt, an dem eine Entscheidung über die weitere Ausrichtung des Kreises sinnvoll erschien. Darüber hinaus sollte Gelegenheit geboten werden, sich mit anderen Projekten, die sich ebenfalls transkultureller Geschichte widmen, über Konzepte und Perspektiven auszutauschen. Dementsprechend war der Workshop in zwei thematische Blöcke geteilt. Der erste Tag widmete sich exemplarischen Fallstudien, während unterschiedliche methodische Ansätze im Mittelpunkt des zweiten Tages standen.

ISABELLE DOLEZALEK (Berlin) untersuchte unter dem Titel „Verrückte Heilige“ den gesellschaftlichen Status der in Gott vernarrten Sufis und Franziskaner im 13. Jahrhundert. Anhand des transkulturellen Vergleichs von Rezeption, gesellschaftlicher und hagiographischer Funktion der Darstellung, sich aus der Gesellschaft ausgrenzenden Personen in christlichen und islamischen Quellen zeigte sie einerseits teilweise erstaunliche Parallelen auf und fokussierte andererseits auf Unterschiede, die aus verschiedenen politischen und religiösen Kontexten resultierten. Während beispielsweise sowohl Sufis als auch Franziskanern eine Vermittlerrolle im religiösen Leben zugesprochen wurde, konnte Sufis zudem eine politische Funktion zugesprochen werden, die in der Hagiographie der Franziskaner weitgehend fehlt.

RAINER BRÖMER (Mainz) widerlegte aus medizinhistorischer Sicht in einem Vortrag über „Medizinische Körper im Osmanischen Reich“ die Annahme, dass die Theorie des Blutkreislaufes, die Ibn an-Nafīs (gest. 1288 in Kairo) aufgestellt hatte, im Osmanischen Reich nicht bekannt gewesen sei. Brömer widersprach dem gängigen dichotomen Orient-Okzident-Bild, wonach das „europäische“ medizinische Wissen bis zum 15. Jahrhundert von der „islamischen“ Gelehrsamkeit profitiert habe, um sich dann ab der Renaissance im Alleingang zur modernen medizinischen Körpervorstellung aufzuschwingen, die im 19. Jahrhundert der islamischen Welt Teile ihres eigenen Erbes wieder offenbarte. Brömer betonte, dass „Europa“ und „Islam“ als zivilisatorische Einheiten eher hinderlich seien, um die Vielfalt der Verflechtungen im medizinischen Wissenstransfer zu erfassen.

VERA BEYER (Berlin) explorierte auf einem methodisch hohen Niveau die Möglichkeiten einer transkulturell ausgerichteten Kunstgeschichte und wies darauf hin, dass in der Kunstgeschichte der europaübergreifende Vergleich durch die nationalsozialistisch geprägte vergleichende Kunstgeschichte von Josef Strzygowski und Dagobert Frei als vorbelastet gelte. Bei transkulturellen Arbeiten würden in der Kunstgeschichte auch im Anschluss an die von Michel Espagne geübten Kritik Phänomene studiert, anhand derer „gute Beziehungen“ in Form von transkulturellem Transfer und Globalisierung wirksam gewesen sind. Beyer erörterte anhand ihres Forschungsprojektes über „Ornamente: Ordnungen des Transzendenten – Persische und französische Buchmalerei im Vergleich“ die methodischen Optionen für den transkulturellen Vergleich eines Phänomens, bei dem kein direkter Transfer auszumachen und der damit bisher aus dem kunsthistorischen Raster gefallen ist. Beyer nutzte das Modell der histoire croisée von Werner und Zimmermann, um der Starre festgeschriebener analytischer Universalkategorien wie Körper und Raum zu entgehen. Dabei diente ihr das Thema der alttestamentarischen Geschichte über die Verführung Josefs durch Suleika als ein Leitfaden ihres Vergleiches, bei dem sie für beide Seiten einen ähnlichen Umgang mit dem Begehren sinnlicher Schönheit, aber auch sehr unterschiedliche Kontextualisierungen von Körperlichkeiten und Räumlichkeiten ausmachte.

Der zweite Tage des Workshops stand unter der Überschrift „Methodendiskussion: Jenseits des Eurozentrismus? Konzepte von Transkulturalität und ihre heuristische Tragfähigkeit.“ JULIA DÜCKER (Heidelberg), MARCEL MÜLLERBURG (Berlin) und JULIANE SCHIEL (Berlin) stellten in ihrem Gemeinschaftsvortrag das Konzept von europäischer Transkulturalität im Sschwerpunktprogramm (SPP) „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ vor. Im Rahmen des SPP wird das Europa des Mittelalters nicht als christliche Einheitskultur verstanden, sondern als Raum in dem drei monotheistische Religionen (Judentum, Christentum und Islam) ihr Zusammenleben im Bewusstsein der Unterschiedlichkeit organisieren mussten und in dem durch Integration und Desintegration transkulturelle Prozesse stattfinden konnten. Auf der Basis des historischen Vergleichs arbeiten drei transdisziplinär ausgerichtete Arbeitsgruppen zur Rezeption des Fremden im christlich-islamischen Europa, zu geographischen Räumen und Austausch und zu interkultureller Gewalt. Der Vergleich erwies sich im Rahmen des SPP nicht nur aus methodischer Hinsicht als besonders geeignet sondern auch, weil ein Großteil der beteiligten Fächern mit vergleichender Forschung vertraut war und somit ein grundlegendes Problem der transdisziplinären Zusammenarbeit gelöst werden konnte.

Einen innovativen Ansatz mit einer anderen Definition von Transkulturalität präsentierte ALMUT HÖFERT (Basel) in ihrem Vortrag über „Transkulturelle Geschichte und ihr Verhältnis zu den Shared, Connected und Entangled Histories: Ein Ausweg aus dem Dilemma zwischen Eurozentrismus und Kulturalismus?“. Aufbauend auf der von ihr entwickelten Definition des transkulturellen Vergleichs, als „Vergleich, der über die historiographisch gesetzten Kulturgrenzen hinausgeht“[1] betonte sie die wichtige Rolle des Zivilisationsparadigmas für die Historiographie und die heute daraus resultierenden Probleme im Umfeld einer global ausgerichteten Forschung, die versucht, den Eurozentrismus zu überwinden. An Beispielen vormoderner monarchischer Herrschaftsformen zeigte sie die Folgen des Blicks durch die „Brille des Zivilisationsparadigmas“ auf, die beispielsweise dann erkennbar werden, wenn vom lateinischen Mittelalter auf die Exklusivität europäischer Phänomene geschlossen wird und parallele Entwicklungen im Islam als missglückte Versuche dargestellt werden. Genau hier solle die transkulturelle Perspektive ansetzen und in Ergänzung zu den connected, shared und entangled histories versuchen, die historiographisch gesetzten Grenzen der Europa- und Islamgeschichte zu hinterfragen.

Die von WOLFRAM DREWS (Berlin) geleitete Abschlussdiskussion stellte zukünftige Wege und Entwicklungsmöglichkeiten der transkulturellen Geschichte in den Mittelpunkt. Auf institutioneller Ebene wurde deutlich, dass trotz der Fortschritte, die sich beispielsweise in der Einrichtung transkultureller Forschungsschwerpunkt an der Universität Heidelberg zeigen (Forschungsbereich „Transkulturelle Studien“ und Exzellenzcluster „Asia and Europe in a Global Context), sich das zunehmende Interesse an transkulturellen Fragestellungen noch selten in der Profilierung universitärer Lehrstühle widerspiegelt. Der Umgang mit der methodischen Vielfalt, die auch in den Vorträgen des Workshops erkennbar war, wurde ebenfalls aufgegriffen und im Hinblick auf die weitere Ausrichtung des Arbeitskreises diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass das den Arbeitskreis konstituierende Element, die Erfahrung und der Umgang mit außereuropäischen Quellensprachen weiterhin ein wichtiger und sinnvoller gemeinsamer Ausgangspunkt für künftige Forschungen zur transkulturellen Geschichte der Vormoderne sein kann.

Konferenzübersicht:

ALMUT HÖFERT (Universität Basel): Begrüßung und Einführung

ISABELLE DOLEZALEK (Freie Universität Berlin): „Verrückte Heilige“. Untersuchungen zum gesellschaftlichen Status der in Gott vernarrten Sufis und Franziskaner im 13. Jahrhundert.

RAINER BRÖMER (Universität Mainz): Medizinische Körper im Osmanischen Reich.

VERA BEYER (Freie Universität Berlin): Gute Beziehungen? Zur Komplementarität von direktem Transfer und indirekter Vergleichbarkeit insbesondere in der Kunstgeschichte.

Methodendiskussion: Jenseits des Eurozentrismus? Konzepte von Transkulturalität und ihre heuristische Tragfähigkeit.
JULIA DÜCKER (Universität Heidelberg), MARCEL MÜLLERBURG (HU Berlin), JULIANE SCHIEL (Humboldt Universität Berlin/ Universität Zürich): Das Konzept von Transkulturalität im SPP Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter.

ALMUT HÖFERT (Universität Basel): Transkulturelle Geschichte und ihr Verhältnis zu den Shared, Connected und Entangled Histories: Ein Ausweg aus dem Dilemma zwischen Eurozentrismus und Kulturalismus?

Schlussdiskussion (Diskussionsleitung: WOLFRAM DREWS (Humboldt Universität Berlin))

Anmerkung:
[1] Almut Höfert, Europa und der Nahe Osten: Der transkulturelle Vergleich in der Vormoderne und die Meistererzählungen über den Islam, in: Historische Zeitschrift 287 (2008), 3, S. 561–597, hier S. 562.

Zitation
Tagungsbericht: Transkulturelle Geschichte der Vormoderne – Eine Bestandsaufnahme, 13.02.2009 – 14.02.2009 Basel, in: H-Soz-Kult, 04.04.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2572>.