Professorenkataloge online

Ort
Leipzig
Veranstalter
DFG-Projekt „Vorlesungsverzeichnisse als Quellen disziplinär organisierter Wissenschaft“ an der Universitätsbibliothek Leipzig; Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte/Historisches Seminar der Universität Leipzig
Datum
14.11.2008 - 15.11.2008
Von
Tobias Grave / Frank Fischer, Universitätsbibliothek Leipzig

Professorenkataloge und Vorlesungsverzeichnisse nannte man bisher kaum in einem Atemzug. Waren die Kataloge repräsentative Organe der Kodifikation der jeweils eigenen Geschichte einer Universität, hatten ihnen gegenüber die Vorlesungsverzeichnisse bestenfalls erhöhten Quellenwert, weshalb sie gern genutzt, aber als eigene Textform kaum reflektiert worden sind. Dies hat sich in den letzten Jahren geändert, denn das Interesse an diesen Texten und ihren Eigenheiten steigt – und damit auch die Zuversicht, dass ihre systematische Auswertung die in den Professorenkatalogen niedergelegte Geschichte der Lehre einer Universität und ihres Personals durchaus noch bereichern kann. Dies gilt insbesondere, wenn beide Gattungen vermehrt in Datenbanken der vergleichenden Benutzung offen stehen.

Beide aus dieser Perspektive gemeinsam in den Blick zu nehmen, war das Anliegen eines Workshops an der Universitätsbibliothek Leipzig. Dieser wurde vom „Catalogus Professorum Lipsiensis“ am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Leipzig und dem DFG-Projekt „Vorlesungsverzeichnisse als Quellen disziplinär organisierter Wissenschaft. Die Ausdifferenzierung wissenschaftlicher Fächer an der Universität Leipzig 1814/15–1914“ an der Leipziger Universitätsbibliothek veranstaltet. Beide Projekte betreiben die Aufbereitung von Personaldaten in Datenbanken. Fragen nach der Beschaffenheit, der Verfügbarmachung und der möglichen Verknüpfung des Datenmaterials standen demzufolge auf dem Tagungsprogramm.

Zunächst jedoch empfahl sich ein genauerer Blick auf die Entstehung und die Gestalt der universitären Vorlesungsverzeichnisse. Ein ausgewiesener Kenner des Gegenstandes, der Universitätshistoriker ULRICH RASCHE (Jena), stellte ihre frühneuzeitliche Entwicklung an Beispielen dar und beschrieb sie als Instrument zur Herstellung einer Öffentlichkeit für die Lehre namentlich an den protestantischen Universitäten – ein Prozess, der die traditionelle Abgeschlossenheit der Institution unterlief und die Ankündigungen der Lehre von der Werbung um Hörerschaft immer weniger unterscheidbar macht. Die ursprünglich ausschließlich lateinischen Vorlesungsverzeichnisse wurden ab der Mitte des 18. Jahrhunderts zunehmend auch in deutscher Sprache abgedruckt und in Zeitungen sowie auf Messen verbreitet.

Eingehende Beschäftigung erfährt die frühneuzeitliche Lehre gegenwärtig an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel unter dem Titel „Wissensproduktion an der Universität Helmstedt: Die Entwicklung der philosophischen Fakultät 1576–1810“. FRANZISKA JÜTTNER (Wolfenbüttel) und KRISTINA STEYER (Wolfenbüttel) berichteten als Mitarbeiterinnen des integrierten Erschließungsprojekts über das Vorgehen bei der Erfassung der lateinischen und deutschen Lektionskataloge, die übrigens die vollständigen Drucke und damit die Veranstaltungen aller Fakultäten einschließt. Exemplarisch mit der Entwicklung der universitären Lehre im 19. Jahrhundert ist das oben genannte DFG-Projekt zu den Vorlesungsverzeichnissen der Universität Leipzig befasst, vorgestellt von FRANK FISCHER (Leipzig) und TOBIAS GRAVE (Leipzig). Im Fokus dort steht die datentechnische und statistische Aufbereitung des gesamten Lehrangebots in diesem Zeitraum, was hinsichtlich der Auswirkungen von wissenschaftlicher Spezialisierung und Differenzierung der Fächer auf die Textsorte erläutert worden ist. Neben der umfassenden Recherchierbarkeit wird hier Aufschluss über die Entwicklung des Lehrumfangs und die Beteiligung von nichtprofessoralen Dozenten zu gewinnen sein. Sowohl beim Helmstedter als auch beim Leipziger Projekt sind neben den Veranstaltungstiteln auch die Lehrkörper recherchierbar.

Zur immer festeren Bezugsgröße für alle elektronischen Personalkataloge entwickelt sich die Personennamendatei (PND). BARBARA PFEIFER von der Deutschen Nationalbibliothek (Frankfurt am Main) stellte sie vor. Aktuell sind hier für ca. 3,3 Millionen Namen, meist anhand von Veröffentlichungen, Identifikationsnummern vergeben, von denen rund die Hälfte individualisiert ist, sich also nachweisbar auf Personen bezieht. Die PND wird zum Beispiel im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek benutzt, aber auch in Wissensnetzwerken wie der Wikipedia. Der PND fällt daher auch außerhalb der Bibliotheksverbünde eine zentrale Aufgabe zu.

Dass sich in diesem Bereich in der Tat einiges verändert und die Personen- bzw. bibliographischen Datenbanken nicht nur von der offiziellen Seite der Bibliotheken und Archive betrieben werden, zeigte JAKOB VOß (Göttingen) am Beispiel von Social Cataloging. Einfache und schnelle Benutzerschnittstellen ermöglichen hier den Nutzern, aktiv und parallel an mehreren Katalogen mitzuarbeiten und gleichzeitig von ihnen zu profitieren. Referenzierte Objekte werden mit Schlagworten (Tags) versehen; der Zugriff erfolgt dann gestützt auf Häufigkeits- und andere Relevanz-Algorithmen. Was an Beziehungsnetzen zwischen verschiedenen Datensätzen tatsächlich entsteht, obliegt also in der Tat der „Weisheit der Vielen“.

Ein über die universitären Biographien hinausreichendes Projekt stellte FRANK METASCH (Dresden) vor, Mitarbeiter an der gleichermaßen ausschließlich online zugänglichen „Sächsischen Biografie“ am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e. V. Dieses Projekt war auch durch eine am genannten Institut organisierte Tagung von Interesse[1], deren Impulse zur Bündelung biographischer Online-Forschung der Workshop fortsetzen wollte.

Bei der Präsentation der im Entstehen begriffenen Professorenkataloge der Universitäten Leipzig durch ULF MORGENSTERN (Leipzig) und FRIEDERIKE BULKA (Leipzig) sowie Rostock durch KARSTEN LABAHN (Rostock) wurden die technischen Neuerungen greifbar, die den Aufbau und den Umgang mit Personalkatalogen verändern werden. Der Leipziger Katalog etwa entsteht auf der Basis einer sogenannten ontologischen Datenbank. Der Weg führt dabei weg von starren Eingabemustern hin zu objektorientierten, dynamisch erweiterbaren Verwaltungssystemen, die auf komplexe Anfragen immer sachgemäßer reagieren können. Für das Rostocker Projekt besonders anschaulich wurden darüber hinaus die rechtlichen Einschränkungen bei der Veröffentlichung rezenter Personendaten erörtert, die in beiden Katalogen zu beachten sind.

Die Mehrzahl der vorgestellten Projekte vertritt einen jeweils prototypischen und auf Erweiterbarkeit hin angelegten Ansatz. Der Workshop nun stellte die Wichtigkeit der Vernetzung der verschiedenen Systeme in den Mittelpunkt. Ein einfacher Link auf die PND hilft zum Beispiel nicht nur den Bibliotheken, ihre Stammdatensätze zu den einzelnen Personen zu verbessern – durch die Vernetzungen aller Projekte in anderen Datenbanken entsteht im selben Moment auch ein immenser virtueller Personalkatalog, bei dem von Anfang an jedes Einzelprojekt auch an die anderen Netzwerke des Wissens angeschlossen ist. Dies zu betonen und eine langfristige Zusammenarbeit zu ermöglichen war das Anliegen der resümierenden Worte von ULRICH JOHANNES SCHNEIDER (Leipzig), dem Gastgeber und Direktor der Leipziger Universitätsbibliothek.

Konferenzübersicht:

Moderation: Ulrich Johannes Schneider (Leipzig)/Helmut Zedelmaier (München)

Ulrich Johannes Schneider (Leipzig): Begrüßung und Einführung

Ulrich Rasche (Jena): Wie entstanden moderne Vorlesungsverzeichnisse?

Franziska Jüttner / Kristina Steyer (Wolfenbüttel): Die Lektionskataloge der Universität Helmstedt und ihre Erfassung

Tobias Grave / Frank Fischer (Leipzig): Die Leipziger Vorlesungsverzeichnisse im 19. Jahrhundert und ihre Erfassung

Barbara Pfeifer (Frankfurt am Main): Die Personennamendatei (PND) und ihr Redaktionsverfahren

Jakob Voß (Göttingen): Social Cataloging in Personaldatenbanken

Frank Metasch (Dresden): Die Sächsische Biografie

Ulf Morgenstern / Friederike Bulka (Leipzig): Der Catalogus Professorum Lipsiensis

Karsten Labahn (Rostock): Der Catalogus Professorum Rostochiensium

Anmerkung:
[1] „Biografische Lexika im Internet“, siehe dazu <http://www.isgv.de/index.php?page=944> (08.04.2009) und den Tagungsbericht von Frank Metasch in: H-Soz-u-Kult,
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2204&sort=datum&order=down&search=metascharch=metasch> (08.04.2009)

Zitation
Tagungsbericht: Professorenkataloge online, 14.11.2008 – 15.11.2008 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 27.04.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2587>.
Redaktion
Veröffentlicht am
27.04.2009
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