Female vita religiosa between Late Antiquity and High Middle Ages: Structures, Norms and Developments

Ort
Eichstätt
Veranstalter
Forschungsstelle für vergleichende Ordensgeschichte (FOVOG), Katholische Universität Eichstätt
Datum
19.03.2009 - 21.03.2009
Von
Jörg Sonntag, Forschungsstelle für Vergleichende Ordensgeschichte (FOVOG), Katholische Universität Eichstätt

Die facettenreichen Spektren weiblicher vita religiosa bildeten den inhaltlichen Gegenstand der an der Forschungsstelle für Vergleichende Ordensgeschichte in Eichstätt veranstalteten Tagung. Im Fokus standen dabei ausgewählte, prägende Formen weiblicher Religiosität, wie sie sich von der Spätantike bis ins hohe Mittelalter, also in einer bislang relativ wenig erforschten Zeit, herausbildeten und entfalteten. Sie wurden nicht nur chronologisch, sondern zugleich auf tragfähige, institutionelle Momente des Vergleichs hin erschlossen und ausgewertet. Solche signifikanten Phänomenbereiche artikulierten sich im Verhältnis von Leitideen und Normen, von Organisationsformen und Regelgebrauch, materiellen Grundlagen und sozialen Beziehungen oder von Fragen charismatischer Führung und Reformfähigkeit an exemplarisch ausgewählten Gemeinschaften. In diesem Sinne, so betonte es der Direktor der FOVOG, Gert Melville (Dresden / Eichstätt), in seinen einführenden Worten, seien das Ziel komparatistische Analysen gewesen, die weiteren Einblick in die Komplexität und Differenzierungen institutionalisierter weiblicher Lebensformen verschaffen und Kulturleistungen religiöser Frauen ebenso zur Diskussion stellen könnten wie deren mitunter ambivalente Stellung neben den Männern.

In seinem Eröffnungsvortrag stimmte JACQUES DALARUN (Paris) auf die Paradigmen und Paradoxien der weiblichen vita religiosa ein. Jenseits der großen biblischen Frauengestalten, wie Maria Magdalena oder Maria und Martha von Bethanien, warf er Fragen nach der „Freiheit“ der eingeschlossenen Klosterfrauen gegenüber einem „männlich geprägten Mittelalter“ auf. Des Weiteren sprach er die gesellschaftlichen Folgen des Ausstiegs der Frauen aus der vorgezeichneten sozialen Reproduktion wie die Debatte der stets von Eliten getragenen Emanzipation solcher Frauen an. Zugleich deutete er die Überwindung der ihnen zugewiesenen Schwäche als spirituelles Moment aus, das gerade Nonnen noch vor Mönchen als wahre Asketen hätte erscheinen lassen können.

In der ersten Sektion gingen CLAUDIA RAPP (Los Angeles) und GEORG JENAL (Köln) der frühen Phase des weiblichen Asketentums im 4. Jahrhundert nach. Während Rapp für das spätantike Ägypten das in patriarchalische Strukturen eingebettete, trügerische Bild der Heiligenviten um die Nuance der nicht wenigen geistlichen Frauen in (von Männern akzeptierten) Führungspositionen erweiterte, diskutierte der Beitrag Georg Jenals (Köln) die Lebenswege exponierter Frauengestalten des Westens, um anschließend die weibliche vita religiosa im Spiegel von Paränese, Propaganda und Kirchengesetz im 4. Jahrhundert zu analysieren.

Die zweite Sektion legte den Fokus auf das weibliche Zönobitentum des fränkischen und irischen Raums bis zum 7. Jahrhundert. Albrecht Diem (Syracuse) plädierte in seinem Vortrag zum fränkischen Klosterwesen als „Unisex Experiment“ für eine Korrektur des Bildes weiblicher vita religiosa als der kleinen Schwester eines ursprünglich männlichen Lebensmodels. Wer die in diversen normativen Texten konstruierten Vergangenheiten mit dem Auge der Genderforschung prüfe, könne gar Paula von Rom weit eher als „Vater des westlichen Mönchtums“ ansehen als den von Hieronymus erfundenen Eremiten Paul. STEPHANIE HAARLÄNDER (Mainz/Jena) befragte die hagiographischen Quellen, die immer wieder erkennen ließen, dass asketisch lebende Frauen und Männer in dieser frühen Zeit komplementär in die noch nicht christianisierte Gesellschaft hineinwirken konnten. Während in den Männerviten nahezu alle Formen weiblicher vita religiosa aufgetaucht seien, Frauen aber vor allem als Verwandte prägende Rollen erfahren hätten, habe etwa die Brigida-Vita des Cogitosus diese Heilige als Primatialäbtissin neben dem heiligen Patrick über ganz Irland erhoben. Gisela Muschiol (Bonn) analysierte im Anschluss die iro-fränkischen Frauenklöster in der Merowingerzeit, die nicht selten als Doppelklöster ausgebildet gewesen wären. Dabei ging Muschiol nicht nur den universellen Kennzeichen von Nonnenkonventen nach, sondern auch deren wirtschaftlichen Grundlagen bis hin zu den Familienbanden der Frauen.

Das angelsächsische und fränkische Nonnentum bis ins 8. Jahrhundert stand im Zentrum der dritten Sektion. Im Spiegel der zeittypischen Metaphorik um Nonnen als flores eccelsiae oder Juwelen des Paradieses präsentierte Sarah Foot (Oxford) das angelsächsische Nonnentum des 7. und frühen 8. Jahrhunderts keineswegs als in schriftlichen Quellen unterrepräsentierte Randgruppe. Ausgehend von Barking Abbey und vielen anderen zeigte Foot vielmehr die hohe Anziehungskraft der Frauenklöster, die hohen Bildungschancen und prominenten Rollen von Frauen in kirchlichen wie in laikalen Sozietäten auf. Erst im 10. Jahrhundert habe sich diese Sachlage gewandelt. In seinem öffentlichen Abendvortrag brachte STEFAN WEINFURTER (Heidelberg) die Entstehung, Wirkkraft und den Mythos um die europäische Heilige, Walpurga, ans Licht. Vor der Erhellung der faszinierenden Pfade der Walpurga-Verehrung im hohen und späten Mittelalter, zeichnete Weinfurter das Leben Walpurgas und ihrer berühmten Brüder ebenso nach wie das fränkisch-bayrische Konfliktfeld, in welches die Gründung des Eichstätter (Kloster-)Bistums eingebettet blieb.

Die vierte Sektion griff die Entwicklungen in den lombardischen und karolingischen Nonnenklöstern bis zum 10. Jahrhundert auf. GIANCARLO ANDENNA (Mailand) beleuchtete am Beispiel des Nonnenklosters San Salvatore di Brescia zunächst die generellen Probleme der lombardischen Klöster im 8. Jahrhundert, um sich sodann einer neuen „fränkischen Strategie“ für das genannte Kloster zuzuwenden, die sich unter anderem in einer reichen Donationspolitik der Herrscherfamilie gespiegelt habe. Katrinette Bodarwé (Bad Abbach) analysierte die Kompatibilitätsprobleme um die Adaption der Benediktregel als einer Regel für Männer in ausgewählten Frauenkonventen des 9. und 10. Jahrhunderts. Anhand etwa eines Libellus aus Nájera oder der so genannten Uta-Handschrift aus Regensburg, die beide einschlägige Kapitel der Benediktregel entfernten oder änderten, resümierte Bodarwé, dass es im Frühmittelalter keinen homogenen weiblichen Zweig des Benediktinerordens mit eigener Traditionsbildung gegeben habe. Selbst die Klausur eigne sich keinesfalls als Differenzierungsmerkmal zwischen monastischen und kanonikalen Lebensformen weiblicher Religiosen.

Eine fünfte Sektion perspektivierte die bislang gewonnenen Ergebnisse auf die Zeit der Reformbewegungen des 10. bis 12. Jahrhunderts hin. In diesem Sinne beschäftigte sich HEDWIG RÖCKELEIN (Göttingen) mit den Frauen im Umkreis von Cluny, Hirsau und St. Blasien. Als geschlechterspezifisch asymmetrisch charakterisierte Röckelein die männlich dominierte monastische Reformbewegung des Hochmittelalters. In deren „Dunstkreis“ habe es zwar viele Frauen gegeben, etwa in der häufig auftretenden Institution der Doppelklöster, auf rechtlicher und administrativer Ebene „frei“ jedoch seien jene, anders als die religiösen Frauen in den alten, nicht reformierten Kanonissenstiften und Benediktinerinnenklöstern nicht gewesen. Am Beispiel Roberts von Abrissel demonstrierte BRUCE L. VENARDE (Pittsburgh) im Anschluss, dass die Bekanntschaft und die Interaktion heiligmäßig lebender Männer mit religiösen Frauen bis ins hohe Mittelalter hinein keineswegs eine Ausnahmeerscheinung darstellte, trotz zuweilen anders lautender Quellenbeteuerungen.

Die abschließende Sektion befasste sich zunächst mit der Seelsorge für religiöse Frauen. FIONA GRIFFITHS (New York) wies dahingehend nach, dass es trotz der deutlichen, ablehnenden Aussagen eines Marbod von Renn oder Bernhard von Clairvaux zahlreiche religiöse Männer gab, die sich als „Mentoren“ für die spirituelle Betreuung von religiösen Frauen zur Verfügung hielten und dies auch zu legitimieren wussten. FRANZ J. FELTEN (Mainz) rundete die Tagung mit dem Blick auf den Zisterzienserorden und den Wunsch religiöser Frauen, zisterziensisch zu leben, ab. Dabei eröffnete Felten ein faszinierendes Spannungsfeld aus der Negierung der Zisterzienserinnen in den Exempelliteraturen sowie der ablehnenden Haltung des Generalkapitels einerseits und aus dem starken Wunsch der Frauen sowie der Überzeugungs- und Durchsetzungskraft ihrer Förderer anderseits.

Die anregende Diskussion sämtlicher Beiträge zeigte einmal mehr, dass die Erforschung der weiblichen vita religiosa gerade für die frühe Zeit nicht wenige, bislang ungelöste Problemstellungen aufzuwerfen vermag, für die es noch Antworten zu finden gilt. Die Tagung bot keine positivistische Aufarbeitung von historischen Einzelerscheinungen. Das Phänomen des weiblichen Religiosentums wurde als Ganzes strukturiert und analysiert, weil sich die Vorträge durch ein „Set von gemeinsamen Leitelementen“ verbinden ließen, seien es normative Grundlagen, die Organisation respektive Administration, wirtschaftliche Ressourcen oder selbst Persönlichkeiten. Sie alle bildeten Eckpunkte eines beginnenden Diskurses, in die sich mit je unterschiedlicher Ausprägung die historische Faktizität einordnen lässt und die neue Wege zur Behebung eines dringenden Desiderats weisen.

Konferenzübersicht:

Welcome and Introduction
Gert MELVILLE (Eichstätt/Dresden)

Keynote Address
Jacques DALARUN (Paris)
Women’s Monasticism in the Early Middle Ages. A View from the Twelfth Century

SESSION I: GENESIS. EARLY PHASE OF FEMALE ASCETICISM IN LATE ANTIQUITY (4TH C.)
Chair: André VAUCHEZ (Paris)

Claudia RAPP (Los Angeles)
The Foundations of Monasticism in Egypt. The End of the Hagiographical Paradigm

Georg JENAL (Köln)
Frühe Formen der weiblichen vita religiosa im lateinischen Westen (4. Jh.)

SESSION II: FOUNDATIONS OF REGULAR LIFE IN THE 5TH AND 6TH C. FEMALE MONASTIC COMMUNITIES IN GALLIA AND IRELAND
Chair: Cordula NOLTE (Bremen)

Albrecht DIEM (Syracuse)
Frankish Monasticism: A Unisex Experiment?

Stephanie HAARLÄNDER (Mainz)
Innumerabiles populi de utroque sexu confluentes ... Klöster für Männer und Frauen im frühmittelalterlichen Irland

Gisela MUSCHIOL (Bonn)
Religion, Alltag, Politik. Iro-fränkische Frauenklöster in der Merowingerzeit

Session III: ANGLO-SAXON AND FRANKISH FEMALE MONASTICISM IN THE 7TH AND 8TH C.
Chair: Anne MÜLLER (Eichstätt)

Sarah FOOT (Oxford)
Flores ecclesiae. Women and Early Anglo-Saxon Monasticism

Public Evening Lecture, in presence of the Magnus Cancellarius, Bischof Dr. Gregor Maria Hanke OSB

Stefan WEINFURTER (Heidelberg) (im Rahmen des öffentlichen Abendvortrags)
„Überall unsere heiligste Mutter Walpurga“. Visionen, Mythos und Wirkkraft einer europäschen Heiligen

Session IV: LOMBARD AND CAROLINGIAN NUNNERIES IN THE 8TH AND 9TH C.
Chair: Roberto RUSCONI (Roma)

Giancarlo ANDENNA (Milano)
San Salvatore di Brescia e la scelta religiosa delle donne aristocratiche tra età longobarda ed età franca

Katrinette BODARWÉ (Bad Abbach)
Eine Männerregel für Frauen. Die Adaption der Benediktsregel vom 9. bis 10. Jh.

Session V: FEMALE COMMUNITIES IN THE REFORM CONGREGATIONS FROM THE 10TH TO THE EARLY 12TH C.
Chair: Anne-Marie HELVETIUS (Paris)

Hedwig RÖCKELEIN (Göttingen)
Frauen im Umkreis von Cluny, Hirsau und St. Blasien

Bruce L. VENARDE (Pittsburgh)
Robert of Abrissel and Women’s vita religiosa. Looking Back and Ahead

SESSION VI: PERSPECTIVES. NEW RELIGIOUS COMMUNITIES AND WOMEN IN THE 12TH C.
Chair: Brian GOLDING (Southampton)

Fiona GRIFFITHS (New York)
Priests and the Pastoral Care of Women in the Age of Reform

Franz FELTEN (Mainz)
Abwehr – Zuneigung – Pflichtgefühl. Reaktionen der Zisterzienser auf den Wunsch religiöser Frauen zisterziensisch zu leben

Zitation
Tagungsbericht: Female vita religiosa between Late Antiquity and High Middle Ages: Structures, Norms and Developments, 19.03.2009 – 21.03.2009 Eichstätt, in: H-Soz-Kult, 04.05.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2594>.