Zeugenschaft und Erinnerungskultur. Der künftige Umgang mit dem Vermächtnis der Zeitzeugengeneration in der Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus

Ort
München
Veranstalter
Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Projekt NS-Dokumentationszentrum, mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit
Datum
05.12.2008
Von
Kathrin Kollmeier, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam; Thomas Rink, Kulturreferat der Landeshauptstadt München

In München entsteht in den nächsten Jahren am Königsplatz – auf dem ehemaligen Standort der NSDAP-Parteizentrale – ein neues NS-Dokumentationszentrum, das Ausstellungen und Bildungsangebote zur Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Folgen der prominenten Rolle der Stadt im Nationalsozialismus anbieten wird.[1] Kürzlich wurde ein Entwurf für den Neubau ausgewählt. Selbst bei zügiger Realisierung wird die Einrichtung damit zu einem Zeitpunkt für das Publikum eröffnen, an dem Überlebenszeugen der nationalsozialistischen Herrschaft und Vernichtungspolitik nicht mehr selbst für Begegnungen und die pädagogische Arbeit zur Verfügung stehen werden. Die späte Gründung des Münchner Dokumentationszentrums an der Schwelle des Verlusts der unmittelbaren Zeugenschaft bedeutet eine gänzlich neue Situation in der bundesdeutschen Erinnerungslandschaft.

Während die Zeitzeugenschaft in der geschichtswissenschaftlichen Forschung bereits historisiert wird [2], verfolgte die am 5. Dezember 2008 veranstaltete interdisziplinäre Tagung „Zeugenschaft und Erinnerungskultur. Der künftige Umgang mit dem Vermächtnis der Zeitzeugengeneration in der Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus“ im Münchner Amerika Haus vor allem praxisbezogene Ziele: Neben einer Bestandsaufnahme sollten Perspektiven für die künftige Arbeit in der historischen Bildung entwickelt werden. Im Mittelpunkt der von der Projektgruppe NS-Dokumentationszentrum im Münchner Kulturreferat in Kooperation mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit organisierten Arbeitstagung standen der Austausch und die gemeinsame Diskussion der etwa dreißig TeilnehmerInnen aus Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Museen, Archiven, der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit und der wissenschaftlichen Forschung.

Eine begriffliche Ausgangsbasis für die Reflexion zur „Historischen Zeugenschaft und Erinnerungskultur“ legten der Soziologe und Forschungsanalytiker CHRISTIAN SCHNEIDER und GOTTFRIED KÖSSLER, Gymnasiallehrer und pädagogischer Leiter des Fritz Bauer Instituts, mit konzentrierten Impulsen aus psychoanalytischer und aus pädagogischer Perspektive.

Schneider wies über den Begriff der Sprecherposition anhand des Beispiels Max Horkheimers auf eine zentrale Problematik hin: Dessen Sprecherposition habe – als programmatische Selbstverpflichtung – den Ermordeten eine Stimme geliehen, um für sie Zeugnis abzulegen; diese Position sei von den politisch aktiven Angehörigen der akademischen Jugend der Nachkriegszeit übernommen worden, die, in Identifikation mit den Opfern, die Grundlage unserer heutigen Erinnerungskultur geschaffen hätten. Die Frage, wer für die Zeugen spreche, wenn es sie nicht mehr gibt, beantwortete Schneider mit Hinweis auf das Filiations-Konzept der zweiten Zeugenschaft des Psychoanalytikers Dori Laub: Da nicht die Kinder der Überlebenden herangezogen würden, sondern diejenigen, die sich – im Sinne der Sicherung der Erinnerung an den Holocaust – zu deren professionellen Hütern gemacht hätten, bestehe die Gefahr, dass Geschichte für identitäre Operationen missbraucht werde.

Ausgehend von ihrer nicht unmittelbar über Erzählung und Zuhören zugänglichen Erfahrung, stellte Kössler die Komplexität der Rezeption von Zeugenberichten heraus. Sie erfordere einen mühsamen Prozess der Annäherung, der auf der Seite der Zuhörer ein Bewusstsein über die Empfindlichkeit des Zeugen ebenso voraussetze, wie ein Bewusstsein der eigenen Grenzen des Verstehens. Gerade da es der besondere Gewinn von Begegnungen mit Zeitzeugen sei, die Perspektivität von Geschichte zu erfahren, sei es zentraler pädagogischer Auftrag zu verhindern, dass die Vermittlung der Perspektive der Betroffenen zur Identifikation umkippe; Lehrkräfte müssten den Wechsel der Perspektiven kontrolliert begleiten und eine Kontextualisierung der subjektiven Erzählungen erschließen. Da die Appelle der Überlebenden historisch geworden seien, könne ihr Gehalt nicht ohne historische Reflexion tradiert werden. Für diesen pädagogisch zu organisierenden Prozess der Geschichtsaneignung schlüsselte Kössler unterschiedliche Schwerpunktsetzungen des Terminus Zeitzeuge für pädagogische Kontexte auf: die Biographie des Zeitzeugen in Verbindung mit den subjektiven Lehren, der Zeitzeuge als Quelle (Zusammenarbeit zwischen Zeugen und Forschern), Konzentration auf die Begegnung, die den Rezepienten die Chance der Erfahrung einer Begegnung mit lebender Vergangenheit bietet, psychische Belastungen der Zeugenschaft sowie die intergenerationelle Tradierung.

Mit der „Weitergabe der Erinnerung“ stand in der zweiten Sektion die Praxis im Mittelpunkt, die gegenwärtig immer mehr durch die Tradierung der Erinnerungen durch die den Überlebenden nachfolgenden Generationen, die als (sekundäre) „Zeugen der Zeugen“ auftreten und für die Geschichte ihrer Eltern oder Großeltern(generation) sprechen, charakterisiert ist. Anhand von zwei aus unterschiedlicher Perspektive mit der Geschichte des Nationalsozialismus befassten Einrichtungen – der meistbesuchten KZ-Gedenkstätte und dem jüngsten Jüdischen Museum in Deutschland – wurde praktizierte „Zeitzeugenarbeit“ für unterschiedliche Geschichtseinrichtungen diskutiert.

BARBARA DISTEL, langjährige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, berichtete aus den Erfahrungen ihrer Arbeit mit den Überlebenden von Verfolgung und Vernichtungspolitik. Sie betonte, das Wissen über das Schicksal der Häftlinge beruhe in erster Linie auf den Erinnerungen der „aktiven“ Zeugen der Erfahrungsgeneration. So habe noch für das Konzept der ersten Ausstellung 1965 die Häftlingsgemeinschaft verantwortlich gezeichnet, unterstützt von Fachleuten. In den 1980er Jahren sei die KZ-Gedenkstätte einer der ersten Orte gewesen, an dem die Stimmen der Überlebenden (und in Folge auch der so genannten 'vergessenen Opfer', Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Homosexuelle, und nach 1989 der Überlebenden aus den ehemaligen Ländern der Sowjetunion) Interesse und Gehör gefunden hätten – in diesem Rahmen sei auch auf Initiative der Überlebenden die Praxis von Kontakten zwischen Zeugen und Schulen entstanden.

Die Historikerin JUTTA FLECKENSTEIN, Kuratorin und stellvertretende Leiterin des Jüdischen Museums München, präsentierte demgegenüber sehr unterschiedliche Beispiele, wie das im März 2007 eröffnete Museum mit persönlicher Zeugenschaft umgeht. Grundsätzlich arbeite es mit einem zeitlich offenen Begriff, der Zeitgenossen einschließt. So werden zum Thema „Ankommen in München“ etwa Zeugnisse von 1799 bis zum Jahr 2006 gesammelt. Da in Bezug auf die Geschichte der Shoah zunehmend Kinder und Enkel der Zeitzeugen der Erfahrungsgeneration in den jüdischen Museen zu Akteuren werden, binde das Museum diese ein und erzähle nicht nur die Geschichte jüdischer Münchner Familien, sondern erarbeite diese, wenn möglich, mit ihnen zusammen. Das Museum positioniere sich zudem neu als Vermittlerstelle zu den Kindern und Enkeln ehemaliger Münchner, etwa wenn verstreut lebende Familien zu einer „Wurzelreise“ eintreffen und versuchen, vor Ort Lücken in der Familienerinnerung zu schließen.

Mit Blick auf das in Gründung befindliche NS-Dokumentationszentrum, das neben der Perspektive der Opfer auch die „Zeugenschaft der anderen Seite“ - der Mehrheits-gesellschaft, von Tätern und „bystanders“ - aufgreifen wird, wurde der Wechsel zum Vermächtnis der Zeugen auch als Chance diskutiert, Themen und Perspektiven neu zu erschließen.

Zum Thema der „Bewahrung der Erinnerung: Zeitzeugen in der Geschichtsvermittlung“ stellte MICHAEL STEPHAN, seit Dezember 2008 Leiter des Münchner Stadtarchivs und zuvor im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, das langjährige Zeitzeugenprojekt des Hauses der Bayerischen Geschichte vor, das der Bedeutung mündlich erinnerter Geschichte durch ein systematisches Sammeln oraler Geschichtsquellen begegnen will und mit dieser Überlieferungsbildung noch immer eine Vorreiterrolle einnehme. Die vom Haus der Bayerischen Geschichte zu verschiedensten Feldern der Zeitgeschichte Bayerns seit 1986 angefertigten Zeitzeugen-Interviews – unter anderem auch zum jüdischen Leben in Bayern, den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg sowie zum Widerstand gegen das NS-Regime – ermöglicht über ein Zeitzeugenportal den Zugang auf diese langfristig bewahrten Erinnerungen für weitergehende Fragestellungen.[3] Ludwig Eiber, Projektleiter im Haus der Bayerischen Geschichte, ergänzte die Diskussion um zahlreiche relevante rechtliche und praktische Aspekte.

Die Jenaer Fachdidaktikerin JULIANE KÖSTER skizzierte Themen und Textsorten der Erinnerungsliteratur sowie unterschiedliche Perspektiven und ihre Veränderung. Zentraler Gegenstand der literarischen Erinnerung seien die Orte der Verfolgung und Vernichtung; für den „Erinnerungskern“ seien vor allem frühe, inzwischen kanonisierte Texte wie das Tagebuch der Anne Frank oder Primo Levis Erinnerungsromane exemplarisch. Als signifikante Veränderungen benannte Köster die zunehmende Differenzierung der einzelnen Opfergruppen und auch innerhalb dieser Gruppen, die Reflexivität der Texte in Hinblick auf die Erinnerung sowie die Thematisierung bisheriger Tabus, etwa in Texten von AutorInnen der zweiten Generation, die von den Eltern nicht erzählte Geschichten offen legen, oder Texte, die nach dem Entscheidungsspielraum von Tätern und Opfern fragen – Texte und Neuerscheinungen, für deren Berücksichtigung im Schulunterricht sie nachdrücklich plädierte.

Ziel der Abschlussdiskussion war es, Perspektiven der künftigen Arbeit zu formulieren. Sowohl in den Impulsreferaten als auch in den Diskussionen wurde der besondere Zugang, den Begegnungen mit Zeitzeugen zur Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus bieten, ebenso deutlich, wie die Herausforderung, dem Verstummen der Zeitzeugen der Erfahrungsgeneration mit neuen Zugängen zu begegnen. Didaktisch aufbereitete Erinnerungsberichte werden künftig die lebendige Begegnung ersetzen. Der Umgang mit den Erinnerungen in Form von Bild- oder Tonaufzeichnungen bietet die Möglichkeit einer kritischen und differenzierten Auseinandersetzung und damit neue Chancen für die Bildungsarbeit. Diese Zeugnisse, Berichte und Dokumente ersetzen zwar nicht die persönliche Begegnung, führen die nachfolgenden Generationen jedoch an das historische Geschehen und die Lebensgeschichte der Zeuginnen und Zeugen heran. Aufgabe der Vermittlungsarbeit wird daher in Zukunft in verstärktem Maße sein, diese vielfältigen Dokumente entsprechend zusammenzuführen, aufzubereiten und in geeigneten Kontexten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Basis dafür ist ein würde- und verantwortungsvoller Umgang mit den Überlieferungen.

Nach der notwendigen Bestandsaufnahme und der Sensibilisierung für die Problematik ist eine Folgetagung zum künftigen Umgang mit der bereits geschaffenen Erinnerungsüberlieferung und Quellen – Interviews und schriftlichen Erinnerungen – nun der nächste Schritt.

Konferenzübersicht:

Einführung (Thomas Rink, Kulturreferat München)

Historische Zeugenschaft und Erinnerungskultur

Impulsreferate:
Christian Schneider, Institut für Psychoanalyse, Universität Kassel
Gottfried Kößler, Pädagogische Abteilung Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main
Moderation:
Kathrin Kollmeier und Thomas Rink, Kulturreferat München

Weitergabe der Erinnerung: „Zeugen der Zeugen“

Impulsreferate:
Barbara Distel, ehemalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau
Jutta Fleckenstein, Kuratorin, Jüdisches Museum München
Moderation:
Kathrin Kollmeier, Kulturreferat München

Bewahrung der Erinnerung: Zeitzeugen in der Geschichtsvermittlung

Impulsreferate:
Michael Stephan, Archivdirektor, Staatsarchiv München
Juliane Köster, Fachdidaktik Deutsch, Universität Jena
Moderation:
Werner Karg und Robert Sigel, Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Abschlussdiskussion: Perspektiven der künftigen Arbeit

Moderation:
Kathrin Kollmeier und Thomas Rink, Kulturreferat München

Anmerkungen:
[1] Zu Planungsstand, Entwicklung und Hintergrund des Projekts vgl. <www.ns-dokumentationszentrum-muenchen.de> (22.04.2009).
[2] Vgl. das Programm des Symposions „Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945“ des Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts der Universität Jena und des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam am 18.-20.12.2008.
[3] <www.hdbg.de/basis/06_bildarchiv_uebersicht.php> (22.04.2009).

Zitation
Tagungsbericht: Zeugenschaft und Erinnerungskultur. Der künftige Umgang mit dem Vermächtnis der Zeitzeugengeneration in der Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus, 05.12.2008 München, in: H-Soz-Kult, 08.05.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2598>.
Redaktion
Veröffentlicht am
08.05.2009