Kloster, Wirtschaft und Stadt im Spätmittelalter

Ort
Esslingen
Veranstalter
Stadtarchiv Esslingen; Abteilung für Mittelalterliche Geschichte; Historisches Institut; Universität Tübingen
Datum
21.03.2009
Von
Iris Holzwart-Schäfer, Universität Stuttgart

Im späten Mittelalter beherbergte die Reichsstadt Esslingen am Neckar in ihren Mauern sechs Bettelordenskonvente und zehn Wirtschaftshöfe auswärtiger Klöster und Domkapitel. Die Bedeutung dieser starken Präsenz der Klöster für die Entwicklung der Reichsstadt kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Deshalb ist ihr dieses Jahr das große Ausstellungs- und Publikationsprojekt „Zwischen Himmel und Erde. Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewidmet. Die Tagung „Kloster, Wirtschaft und Stadt im Spätmittelalter“ wurde vom Stadtarchiv Esslingen und der Abteilung für Mittelalterliche Geschichte des Historischen Instituts der Universität Tübingen als Auftakt dieses Projekts organisiert. Bei der Konzeption der Tagung wurde der Blick bewusst über Esslingen hinaus geweitet, um die Geschichte der Stadt und ihrer Klöster und Pfleghöfe in einen breiteren Rahmen stellen zu können. Da die Wirtschaft in den Beziehungen zwischen Stadt und Klöstern eine bedeutende Rolle spielte, bildete sie einen thematischen Schwerpunkt. Doch wurde in allen Vorträgen deutlich, dass die ökonomischen Belange nicht isoliert zu betrachten sind, sondern untrennbar mit gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Strukturen verbunden waren.

Nach der Begrüßung durch Bürgermeister Markus Raab führte ELLEN WIDDER (Universität Tübingen) in die Thematik der Tagung ein. Sie betonte, dass das Projekt „Zwischen Himmel und Erde“ und die Tagung Ausdruck eines Paradigmenwechsels seien. Nachdem die seit der Reformation evangelisch geprägte Stadt lange ein Problem mit ihrer katholischen Vergangenheit gehabt habe, sei erst in jüngster Zeit ein unverstellter Blick auf diese Vergangenheit möglich geworden.

In seinem einleitenden Überblick über die Geschichte der Stadt Esslingen im Mittelalter arbeitete JOACHIM HALBEKANN (Stadtarchiv Esslingen) die außergewöhnliche Dynamik der wirtschaftlichen, demographischen und politischen Entwicklung der Reichsstadt im 13. Jahrhundert heraus. Diese hoffnungsvolle Entwicklung habe die Stadt für zahlreiche geistliche Institutionen attraktiv gemacht, deren Niederlassungen ihrerseits zum weiteren Aufschwung beigetragen hätten. Allerdings merkte Halbekann ebenso wie Ellen Widder an, dass die territoriale Umklammerung durch die zunehmend mächtigeren Württemberger im 14. und 15. Jahrhundert zu einer Stagnation der Entwicklung Esslingens geführt habe.

Im folgenden Referat untersuchte MARCO VERONESI (Universität Tübingen) die Wirtschaftsethik der Bettelorden. Dabei stellte er nicht die Norm und Praxis mendikantischer Wirtschaftsführung ins Zentrum, sondern die Frage, inwieweit die Bettelmönche auf die wachsende Bedeutung von Handel und Kreditwirtschaft reagierten und wie stark sie die Herausbildung einer bürgerlichen Wirtschaftsethik beeinflussten. Während die ältere Forschung die „Wirtschaftsgesinnung“ des gesamten Mittelalters als handels- und kreditfeindlich betrachtet habe, hätten Untersuchungen der letzten Jahrzehnte gezeigt, dass scholastische Gelehrte den wirtschaftlichen Entwicklungen ihrer Zeit teilweise durchaus Rechnung trugen. Doch konstatierte der Referent, dass es kaum möglich sei, anhand von theoretischen Schriften eine spezifisch mendikantische Wirtschaftsethik von der scholastischen abzugrenzen. Als alternatives Vorgehen schlug er vor, Äußerungen zur Wirtschaftsethik in Predigten von Bettelmönchen zu analysieren. Die exemplarisch untersuchten Predigten Bertholds von Regensburg (13. Jh.) zeigten sich Veronesi zufolge allerdings weitgehend den kirchenrechtlichen Lehren des Hochmittelalters verhaftet. Bernhardin von Siena (15. Jh.) sei demgegenüber in 13 lateinischen Predigten ausführlich auf konkrete wirtschaftliche Vorgänge eingegangen und habe dabei auch die Kreditvergabe gerechtfertigt. In seinen volkssprachlichen Predigten hätten diese Gedanken jedoch keinen Niederschlag gefunden. Die Frage nach der Verbreitung wirtschaftsethischer Theorien durch die Mendikanten bleibt also zunächst ungeklärt, doch könnten weitere Untersuchungen in der vorgeschlagenen Richtung sicherlich interessante Ergebnisse zeitigen.

STEFAN SONDEREGGER (Stadtarchiv Sankt Gallen) stellte in seinem Vortrag die Beziehungen der Benediktinerabtei St. Gallen und des städtischen Spitals zu den Bauern des Umlands im 14. und 15. Jahrhundert vor. Das Kloster habe kaum in die Organisation und Wirtschaftsführung der von ihm belehnten Bauern in seinem Herrschaftsgebiet eingegriffen; offensichtlich sei sein Interesse am Umland nicht primär wirtschaftlich, sondern herrschaftlich gewesen. Dementsprechend seien kaum Quellen überliefert, die über geforderte oder tatsächlich geleistete Abgaben Auskunft geben. Demgegenüber hatten Stadt und Spital kein Territorium, über das sie Herrschaftsrechte besaßen. Der Referent machte deutlich, dass die Beziehungen zu den Bauern ganz klar von wirtschaftlichen Interessen dominiert waren. Daher habe das Spital eine weitaus differenziertere Buchführung als das Kloster entwickelt, um Produktionsweisen sowie die Menge und Struktur von Abgaben genau festzulegen und zu kontrollieren. So habe es die Herausbildung von drei unterschiedlich ausgerichteten landwirtschaftlichen Zonen um die Stadt gefördert; neben den Getreidebau seien die Spezialisierung auf Wein- und Viehwirtschaft getreten. Diese Differenzierung habe zur Einbindung der Bauern in die Markt- und Geldwirtschaft geführt, die dadurch häufig in starke wirtschaftliche Abhängigkeit vom Spital geraten seien. Über diese wirtschaftliche Dominanz habe die Stadt faktisch doch eine Art von Herrschaft über das Umland ausgeübt.

ARMAND BAERISWYL (Archäologischer Dienst des Kantons Bern) griff die bekannte Diskussion um die Lage von Bettelordensklöstern in den mittelalterlichen Städten auf, wobei er die gängigen Forschungsmeinungen einer kritischen Prüfung unterzog. Aus den vorgestellten Fallbeispiele, vor allem den Zähringerstädten Burgdorf, Bern und Freiburg im Breisgau, schloss der Referent, dass die Bettelorden sich nicht – wie in der Forschung oft angenommen – am Stadtrand niederließen, weil dort zufällig noch Platz war, sondern im allgemeinen an der Stadtmauer angesiedelt wurden, um die Niederlassungen in die Befestigung und deren Unterhalt einzubeziehen. Auch die Niederlassung von Konventen, die sich nicht in unmittelbarer Nähe einer Mauer befanden, sei mit Blick auf die geistliche Versorgung neuer oder wachsender Stadtquartiere und die häufig anzutreffende Übernahme kommunaler Funktionen durch die Mendikanten meist wohl bewusst von der Stadtobrigkeit gelenkt worden. Dies habe jedoch vor allem für die Männerklöster gegolten; die Lage von Konventen der weiblichen Zweige der Bettelorden hing wohl überwiegend davon ab, wo ein privater Stifter Grund zur Verfügung stellte. Abschließend plädierte Baeriswyl dafür, die Lage der Mendikantenklöster nicht isoliert zu untersuchen, sondern den Blick auf alle Arten geistlicher Institutionen zu richten. Um aussagekräftige Ergebnisse zu erzielen, seien breit angelegte, systematische Untersuchungen an möglichst vielen Fallbeispielen und die Zusammenarbeit von Stadtarchäologen und Historikern unabdingbar.

ANGELICA HILSEBEIN (Universität Konstanz) beleuchtete an Beispielen aus zahlreichen Frauenklöstern unterschiedlicher Orden im süddeutschen Raum und der Schweiz die meist sehr engen Beziehungen der Nonnen zu ihren Familien und ihre Möglichkeiten eigenständigen wirtschaftlichen Handelns. Viele Schwestern, so die Referentin, verfügten über einigen Eigenbesitz, über den sie selbst verfügen konnten. Diese relative wirtschaftliche Eigenständigkeit sei allerdings häufig durch den Einfluss der Familie beschränkt worden und habe zudem zu sozialer Ungleichheit im Konvent und damit zu einer Beeinträchtigung der vita communis geführt. Während dieser Befund auch für viele Männerkonvente gelte, sei insgesamt festzustellen, dass sich die Wirtschaftsweise von Frauenklöstern deutlich von derjenigen der Männerklöster, insbesondere der Bettelorden, unterschied. Der im Anschluss vorgesehene Vortrag von SUSANNE KNACKMUSS (Freie Universität Berlin) über die stark vom städtischen Rat dominierte Wirtschaftsführung des Nürnberger Klarissenklosters um 1500 musste leider krankheitshalber entfallen.

Um die Beziehungen von Frauenklöstern zu ihrer städtischen und adeligen Umwelt ging es auch im Vortrag von CHRISTIAN-FREDERIK FELSKAU (Köln). Anhand unterschiedlicher Quellen analysierte er die Sozialstruktur der Klarissenklöster in Prag und Eger, wobei sich für beide Klöster ein deutlich unterschiedliches Bild ergab. Die Auswertung eines Salbuchs aus dem Egerer Konvent, in dem zahlreiche Schwestern der Jahre 1300-1400 namentlich genannt wurden, zeigte die Verbindungen zum Adel und zu unterschiedlichen Gruppen der städtischen Bevölkerung. Dabei stellte der Referent insbesondere eine starke Verankerung des Konvents im städtischen Patriziat fest. Als Quelle für die Zusammensetzung des Prager Konvents diente u.a. ein Mirakelverzeichnis (1342-1415), in dem sich gut 30 Schwestern identifizieren ließen. Felskau kam zu dem Schluss, dass die Prager Klarissen besonders enge Beziehungen zum Hochadel hatten. Dabei falle aber auf, dass für diesen Konvent im Gegensatz zum Egerer Kloster keine Privilegien der Luxemburger existierten.

MARK MERSIOWSKY (Universität Stuttgart) wandte sich am Beispiel der Esslinger Konvente der pragmatischen Schriftlichkeit von Bettelorden zu. Nach einer allgemeinen Einführung zur Entwicklung der Schriftlichkeit im Mittelalter und dem wichtigen Anteil der Zisterzienser und Bettelorden an deren Verbreitung ging er besonders auf die Quellen zur Wirtschaftsführung der Esslinger Konvente ein. An den Urkunden zeige sich, dass die städtischen Gremien eindeutig die wichtigsten Beurkundungsinstanzen der Stadt waren. Doch seien alle Konvente auch selbst als Aussteller und Siegler in Erscheinung getreten und hätten teilweise auch Notariatsfunktionen übernommen. Besonderes Augenmerk widmete der Referent dem Dominikanerinnenkloster Sirnau. Das recht umfangreiche erhaltene Schriftgut dieses Konvents deute darauf hin, dass die Schwestern über einige Bildung verfügten und ihr Klostergut sehr effektiv selbst verwalteten. Wenn ihre Urkunden schon seit dem späten 13. Jahrhundert häufig in der Volkssprache verfasst wurden, so sei dies nicht als Zeichen mangelnder Latinität, sondern als intellektuelle Leistung zu werten, da so ein präzises deutsches Rechtsvokabular entwickelt worden sei.

SEBASTIAN ZWIES (Heidelberger Akademie der Wissenschaften) untersuchte die Bedeutung des reichsstädtischen Stiftungswesens für die Esslinger Mendikantenklöster. Zunächst erläuterte er die hinter den Stiftungen stehende „Jenseitsökonomie“, d.h. die Sicherung des eigenen Seelenheils durch materielle Gaben, und die unterschiedlichen Formen und Funktionen mittelalterlicher Stiftungen und Schenkungen. Danach gab er einen Überblick über die Entwicklung des Esslinger Stiftungswesens, dessen Blütezeit er zwischen 1350 und 1450 verortete. Über den gesamten Zeitraum vom 13. Jahrhundert bis zur Reformation erhielten die dominikanischen Klöster besonders viele Stiftungen, doch ließen sich verschiedene Konjunkturphasen und Vorlieben erkennen. So hätten die Frauenklöster vermehrt Zuwendungen von – meist verwitweten – Frauen erhalten. Die Augustinereremiten und Karmeliten, die insgesamt im Windschatten der Dominikaner und Franziskaner standen, konnten Zwies zufolge in den letzten Jahrzehnten vor der Reformation am meisten von Stiftungen profitieren.

Abschließend fasste IRIS HOLZWART-SCHÄFER (Universität Stuttgart) die wesentlichen Aspekte und Erträge der Referate noch einmal zusammen. Die Referenten thematisierten in ihren Vorträgen eine Fülle von Aspekten und stellten ganz unterschiedliche methodische Zugänge zum Themenkreis „Kloster, Wirtschaft und Stadt“ vor. Dabei wurde deutlich, dass viele gängige Ansichten über das Leben und Wirtschaften in den Klöstern und über die Beziehungen zwischen Klöstern und Städten kritisch zu hinterfragen sind. Auch wurde in den Referaten und Diskussionsbeiträgen immer wieder hervorgehoben, dass die facettenreichen Beziehungen zwischen Klöstern bzw. geistlichen Institutionen und Städten noch längst nicht erschöpfend untersucht sind. Die meisten Tagungsbeiträge gehen in die Begleitpublikation zur Ausstellung ein, die am 27. September im Chor der evangelischen Franziskanerkirche Esslingen eröffnet wird.

Konferenzübersicht:

Ellen Widder (Universität Tübingen): Thematische Einführung

Joachim J. Halbekann (Stadtarchiv Esslingen): Esslingen im Mittelalter - Kurzeinführung zum Tagungsort

Marco Veronesi (Universität Tübingen): Wirtschaftsethik der (Bettel-)Orden

Stefan Sonderegger (Stadtarchiv St. Gallen): Kloster und Stadt St. Gallen

Armand Baeriswyl (Archäologischer Dienst Kanton Bern): Klöster am Stadtrand? Einige Überlegungen zur Lage von Bettelordensklöstern in der mittelalterlichen Stadt

Angelica Hilsebein M.A. (Universität Konstanz): "... send euch ain pfund haller, das habent euch ze euer person allain...". Der Eigenbesitz von Nonnen im Kontext der wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen zwischen Kloster und Welt am Bespiel ausgewählter süddeutscher Konvente

Christian-Frederik Felskau, Köln: Klarissenklöster in Stadt und Raum während des 14. Jahrhunderts – die Beispiele Prag/Praha und Eger/Cheb

Mark Mersiowsky (Universität Stuttgart): Pragmatische Schriftlichkeit der Bettelorden am Beispiel Esslingen

Sebastian Zwies (Heidelberger Akademie der Wissenschaften): Die ökonomische Bedeutung des reichsstädtischen Stiftungswesens für die Esslinger Mendikantenklöster im Spätmittelalter

Iris Holzwart-Schäfer (Universität Stuttgart): Zusammenfassung und Ausblick

Zitation
Tagungsbericht: Kloster, Wirtschaft und Stadt im Spätmittelalter, 21.03.2009 Esslingen, in: H-Soz-Kult, 13.05.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2606>.