Konferenz zum tausendsten Todestag Bruns von Querfurt. Leben – Werk – Wirkungsstätten

Ort
Leipzig
Veranstalter
Geisteswissenschaftliche Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig (GWZO)
Datum
13.03.2009 - 14.03.2009
Von
Christian Zschieschang, GWZO Leipzig

Eintausend Jahre ist es her, dass sich im östlichen Mitteleuropa eine politische und gesellschaftliche Struktur entwickelte, die bis heute fortwirkt – die Gründung von Herrschaftskomplexen, die zu Keimzellen der heutigen Staaten wurden, Missionierungsaktionen, die mehr oder weniger Erfolg zeitigten, die Entwicklung wirtschaftlich bedeutsamer Zentren und eine umfangreiche Erweiterung der besiedelten Landschaften. Immer wieder gilt es, in diesem Zusammenhang Jubiläen zu feiern, anlässlich derer unter anderem auch bestimmte Akteure mit Gewinn neu betrachtet werden. Hierum ging es auch bei Brun von Querfurt, der, bevor sein kurzes Leben tragisch endete, einige Länder des mittleren und östlichen Europa bereiste und zum Teil für deren Geschichte von herausragender Bedeutung ist. Für das Geisteswissenschaftliche Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig (GWZO) mit seiner spezifischen Forschungsausrichtung war es geradezu eine Verpflichtung, dieser Persönlichkeit in ihrer internationalen Konstellation eine Würdigung in Form einer Konferenz widerfahren zu lassen; dies geschah in enger Kooperation mit dem Museum Burg Querfurt.

Nach einem Grußwort von JOHANNA RUDOLPH als Vertreterin des Landrates des seit 2007 existierenden Saalekreises wurde die Veranstaltung vom Direktor des GWZO, CHRISTIAN LÜBKE, eröffnet. In seinen Worten rückte er die Tagung in den historischen Kontext, wie er in den einleitenden Sätzen dieses Berichts skizziert wurde. Er stellte Brun in eine Reihe mit dem Heiligen Adalbert, in dessen Schatten er in gewissem Sinne verblieb, aber auch in die Tradition von Kyrill und Method. Lübke betonte, dass die Geschichte der Erinnerung an diese und weitere Personen im Kontext ihrer Milleniumsehrungen durchaus eine vergleichende Untersuchung wert wäre.

Die folgenden Beiträge waren entsprechend der Lebenslinie Bruns auf die einzelnen Stationen seines Wirkens ausgerichtet. Dem gemäß standen die Stätten seiner Kindheit, die Burg und Umgebung von Querfurt, im Mittelpunkt der ersten Vorträge. REINHARD SCHMITT (Halle), der wohl beste Kenner der Burganlage, führte vor Augen, dass Bausubstanz aus der Zeit um 1000 bis heute erhalten ist. Im Kontext der mitteldeutschen Architekturgeschichte ist dies eine Besonderheit, auch wenn derzeit nicht sicher zu klären ist, ob der junge Brun das Mauerwerk wirklich schon gesehen hat oder ob es nicht erst wenige Jahrzehnte nach seinem Tod errichtet wurde. Sicher ist allerdings die Existenz eines archäologisch nachgewiesenen Vorgängerbaus der heutigen Kirche, in der sich Spuren der ursprünglichen Grablege von Bruns Mutter fanden. In der Mittagspause konnten diese Relikte in einer – durch die zeitlichen Vorgaben der Tagungsplanung leider etwas kurzen – Burgführung auch real besichtigt werden.

SABINE ALTMANN und ROMAN GRABOLLE (beide Leipzig) stellten aus geschichtlicher und archäologischer Sicht das Siedlungsumfeld der Burg vor. Eine besondere Rolle spielt hierbei das Hersfelder Zehntverzeichnis, das neben einer ganzen Anzahl von Burgen eine Vielzahl von Siedlungen für die Region schon für das 9. Jahrhundert nennt. Der archäologische Forschungsstand weist noch unerschlossene Potentiale auf. Eine interdisziplinäre Auswertung aller verfügbaren Quellen lässt jedoch ein aussagekräftiges Bild der Besiedlung entstehen, das die beiden Referenten eindrucksvoll vorstellten, wobei es ganz natürlich ist, dass nicht zu allen Aspekten der Siedlungsentwicklung erschöpfende Aussagen getroffen werden konnten.

Brun verbrachte in Querfurt seine frühe Kindheit, genoss aber bald eine fundierte Ausbildung an der Magdeburger Domschule. BABETTE LUDOWICI (Hannover) stellte in ihrem Beitrag all das zusammen, was Hinweise auf den baulichen Zustand Magdeburgs im späten 10. Jahrhundert geben könnte. Das ist quellenbedingt nicht viel, aber die Referentin konnte auf ihre vor wenigen Jahren Aufsehen erregenden Forschungen zurückgreifen, im Verlauf derer sich die angebliche Kaiserpfalz der Ottonen auf dem heutigen Domplatz als zweiphasiger Kirchenbau entpuppte.

Besonders lebhaft diskutiert wurde der Beitrag von WOLFGANG HUSCHNER (Leipzig), der die Zeit beleuchtete, die Brun in Italien verbrachte. Eine besondere Rolle spielte hierbei sein Verhältnis zu Kaiser Otto III., das angesichts seiner rasanten Kariere an dessen Hof ein gutes gewesen sein muss, wobei aber der Geistliche mitunter auch in kritischer Distanz stehen konnte. Einen entscheidenden Wendepunkt in Bruns Leben stellte der sehr frühe Tod des Kaisers im Jahre 1002 dar. Zuvor – so die zentrale These Huschners, die im Auditorium Zustimmung fand – war er für die Position des Magdeburger Erzbischofs vorgesehen, die er, ehrgeizig genug, wohl auch selbst anstrebte. Gewissermaßen in Vorbereitung dazu sollte er in Abstimmung mit dem polnischen König in dessen Machtbereich oder bei den Lutizen westlich der Oder Mission betreiben. Da dann aber Heinrich II. völlig neue politische Strategien in den Beziehungen zu den Fürstentümern des östlichen Europas verfolgte und insbesondere zu Bolesław Chrobry auf Konfrontationskurs ging, war daran kaum mehr zu denken, und spätestens, als Tagino den Magdeburger Erzstuhl bestieg, war Bruns Ziel nicht mehr zu erreichen.

Unter diesen Umständen wandte sich der Geistliche nach Südosten. MÁRTA FONT (Pécs) beleuchtete die Aussagen der schriftlichen Quellen über die Tätigkeit Bruns (und seines geistigen Vorgängers Adalberts) im Karpatenbecken im weiteren Kontext der ungarischen Frühgeschichte. Insbesondere ging es um Ansatzpunkte zur ethnischen und geographischen Einordnung der „schwarzen Ungarn“, die im Gegensatz zu den „weißen Ungarn“ bezeugt sind, und die Brun wohl recht erfolglos zu missionieren versuchte.

Im Abendvortrag beleuchtete MAREK DULINICZ (Warszawa) die Situation Polens um die Jahrtausendwende. Er zeigte dabei deutlich, mit welchen Schwierigkeiten die polnische Forschung zu kämpfen hat. Der Name des Landes taucht erst um 1000 unvermittelt in den Quellen auf und auch die Umgrenzung des piastischen Machtbereichs ist nicht genau anzugeben. Somit ist dessen Entstehung noch immer mit vielen Fragen verknüpft. Dann näherte sich Dulinicz dem mutmaßlichen Schauplatz des letzten Kapitels in Bruns Leben insofern an, als er die Situation der Besiedlung Masowiens vorführte. Besonders interessant waren hierbei zwei Aspekte: Viele masowische Burganlagen waren gemäß dendrochronologischer Befunde schon zu Beginn des 9. [sic!] Jahrhunderts gegründet worden, und eine genaue Abgrenzung zwischen masowisch(-slavischer) und pruzzischer Siedlung ist nur sehr schwer zu bestimmen.

JERZY STRZELCZYK (Poznań) ging auf eine wichtige Vorgeschichte von Bruns Polenaufenthalt ein. „Fünf Brüder“, italienische und polnische Mönche, derer drei sich schon in einer Einsiedelei nahe Ravenna zusammengefunden hatten, gründeten mit Förderung Bolesław Chrobrys irgendwo in Polen ein kleines Missionskloster. Breiten Raum in Vortrag und anschließender Diskussion nahm die Darbietung verschiedener Lokalisierungsvorschläge ein. Die Bedeutung Bruns wird durch den Umstand unterstrichen, dass die Brüder auf seine Ankunft regelrecht warteten und sogar einen Boten entsandten, um ihn, wohl in Regensburg, zu treffen. Die Kommunität nahm ein tragisches Ende, als sie im Jahr 1003 überfallen und ihre Mitglieder getötet wurden. Es wird vermutet, dass Bezprem, der erstgeborene Sohn Bolesławs, und Kaiser Heinrich II. hinter diesem Anschlag standen.

Danach ging es um weitere Wirkungsstätten Bruns. ALEKSANDER PAROŃ (Wrocław) beleuchtete die Missionsreise Bruns zu den Petschenegen. Er widersprach der verbreiteten Ansicht, dass mit dieser eine diplomatische Mission Bolesław Chrobrys verbunden war, um ein Bündnis gegen die Kiewer Rus vorzubereiten. Vielmehr scheint es Brun um eine Mission in extremer Form, am Rande der damals bekannten Welt gegangen zu sein, dort, wo den Menschen die wildesten Sitten und sogar Kannibalismus unterstellt wurden.

MARCIN WOŁOSZYN (Leipzig/Kraków/Rzeszów) stellte die Verbreitung archäologischen Fundgutes mit ausgeprägt ostslavischem Charakter in Polen dar. Es zeigte sich hierbei, dass dieses in vielen Fällen im ganzen Land vorliegt, nur bestimmte Fundgruppen, zum Teil mit religiös-orthodoxem Hintergrund, verbleiben in der Region östlich der Weichsel. Eine strenge kulturelle Grenze zwischen lateinischem Westen und orthodoxem Osten scheint demnach nicht bestanden zu haben. Außerdem ist nach den Forschungen von Michał PARCZEWSKI zu konstatieren, dass die damalige politische Grenze zwischen Polen und der Rus mitten durch Siedlungsareale verlief und diese zerschnitt.

Aus soziologisch-anthopologischer Perspektive ging JUKKA KORPELA (Joensuu) auf die kommunikativen Netzwerke Bruns und seiner Zeitgenossen ein. Zunächst wurde der allgemeine Charakter selbstorganisierender Netzwerke beleuchtet, worauf die graphische Darstellung in Anlehnung an neuronale Netze erfolgte, die schließlich auch in ihrer geographischen Dimension umgesetzt wurde. Er betonte, dass Bruns Aufenthalt am Hof des russischen Großfürsten nur von ihm selbst geschildert wurde, jedoch keinen Widerhall in anderen zeitgenössischen Quellen gefunden hat, so dass er nicht als hundertprozentig gesichert gelten kann.

LESZEK SŁUPECKI (Rzeszów) betrachtete das Verhältnis Bruns zu den Lutizen. Dabei spielen die detaillierten Aussagen in seinem Brief an Kaiser Heinrich II. aus dem Jahre 1008, den er in Polen verfasste, die Hauptrolle. Angesichts seines Ziels, die Lutizen zu bekehren, kann er das Bündnis, das der Kaiser mit ihnen schloss, nur missbilligen, und er verweist als Vorbild auf das freundschaftliche Verhältnis zwischen Otto III. und dem polnischen Herrscher. Weiterhin ging der Referent kurz auf einen Bischof ein, den Brun nach Aussage seines Briefs nach Schweden geschickt hatte.

Standen für MATTHIAS HARDT (Leipzig) die Reisen Bruns im Mittelpunkt der Betrachtung, so verstand er es, dabei einen Überblick über das Leben Bruns zu geben. Dieses war von einem permanenten Unterwegs-Sein geprägt, bei dem der Missionar viele Tausende von Kilometern zurücklegte. Angesichts der in vielen anderen Vorträgen dargestellten Spezialprobleme, die den Zuhörern zum Teil umfassende Vorkenntnisse abverlangten, war eine solche Übersicht sehr willkommen. Eine schließlich gezeigte kartographische Darstellung von Bruns „Lebensweg“ führte in der Diskussion auch vor Augen, welche Stationen nur unsicher bezeugt sind.

In den letzten zwei Beiträgen ging es um die Todesumstände Bruns. Nach der Betrachtung der Rolle Bruns im litauischen Geschichtsbild – dass im Zusammenhang mit seinem Tod Litauen zum ersten mal schriftlich genannt wird, fand erst relativ spät Aufmerksamkeit – widmete sich DARIUS BARONAS (Vilnius) der geographischen Verortung des Sterbeortes des Missionserzbischofs. Diese ist aufgrund der sehr dürren Quellenangaben nach wie vor fraglich, wurde aber dennoch lebhaft diskutiert. Als Hypothese formulierte Baronas, dass es sich bei den Mördern Bruns um eine Gruppe warägischer Abenteurer gehandelt haben könnte.

HEINER LÜCK (Halle) referierte, ausgehend von diesen Ereignissen im Jahre 1009, über die rechtliche Dimension im Umgang mit Gefangenen und Gefallenen. In Ermangelung geeigneter direkter Rechtsquellen griff er dabei auf Nachrichten aus ausgewählten Chroniken und Literaturdenkmälern zurück und konnte gewisse Gewohnheiten herausarbeiten, die wohl auch im Umgang mit Bruns Leichnam maßgeblich gewesen sein dürften.

Somit gelang es, an den zwei Konferenztagen das gesamte Leben des Missionars und Märtyrers Revue passieren lassen. Die Anwesenheit führender Vertreter der Forschung aus den verschiedenen Ländern ermöglichte außerordentlich sachkundige und ins Detail gehende Diskussionen. Etwas stärkere Beachtung hätte die theologische Sicht finden können – was alles in den nicht zu umfangreichen Berichten über das Leben des Geistlichen eher auf Topoi der christlichen Tradition zurückzuführen wäre und was dann tatsächlich als historisch verwertbare Information übrig bliebe. Auch sein Nachwirken – z. B. auch, ob er nun als Heiliger gelten kann oder nicht – hätte systematisch untersucht werden können.

Trotz dieser im Großen und Ganzen unerheblichen Lücken boten die zum Teil sehr ausführlich gehaltenen Beiträge ein facettenreiches Bild zu allen Lebensstationen Bruns. Über viele Aspekten in seinem Leben und Wirken bestehen in Ermangelung klarer Quellenaussagen noch immer große Unsicherheiten, über die viel diskutiert, aber wahrscheinlich niemals Eindeutigkeit erzielt werden kann. Am Ausmaß der Interpretation der relativ wenigen schriftlichen Zeugnisse über den Missionserzbischof (die zum größten Teil aus seiner eigenen Feder stammen) zeigte sich eindrücklich, welch große Bedeutung seiner Person und seinem Wirken in den Ländern des östlichen Mitteleuropa beigemessen wird. All diese Ansichten bei einer reibungslosen logistischen und wissenschaftlichen Organisation zusammengebracht zu haben, hat die Forschung über die Zeit um 1000 sehr bereichert, und der vorgesehenen Publikation der Tagungsbeiträge in der Hausreihe des GWZO „Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa“ ist eine zügige Umsetzung zu wünschen.

Konferenzübersicht:

Frank Bannert (Landrat des Saalekreises), vertreten durch Johanna Rudolph: Grußwort

Christian Lübke (Direktor des GWZO): Eröffnung der Konferenz

Reinhard Schmitt (Halle/Saale): Querfurt - Burg und Stiftskirche im späten 10. und 11. Jahrhundert

Sabine Altmann/Roman Grabolle (Leipzig): Das Land an der Saale zur Zeit Bruns

Babette Ludowici (Hannover): Magdeburg an der Wende zum 11. Jahrhundert: was sah Brun von Querfurt auf dem Weg zur Domschule?

Wolfgang Huschner (Leipzig): Brun von Querfurt in Italien

Márta Font (Pécs): Die Probleme der Christianisierung der Ungarn in den Schriften Bruns von Querfurt

Jerzy Strzelczyk (Posen): Brun von Querfurt und die fünf Brüder

Marek Dulinicz (Warschau): „Polonia“ in der Zeit Bruns von Querfurt

Aleksander Paroń (Breslau): Bruns Reise in das Land der Pečenegen: Christianisierungsmission oder diplomatische Aufgabe?

Marcin Wołoszyn (Leipzig/Krakau): Piasten, Rurikiden und osteuropäische Steppenvölker. Archäologisches zu ostmittel- und osteuropäischen Begegnungen im 10.-11. Jahrhundert

Jukka Korpela (Joensuu, Finnland): Warum besuchte Bruno im Jahr 1008 Kiew? Praktische und ideologische Aspekte seiner Reise nach Osten

Alexander Nazarenko (Moskau): Brun von Querfurt und die Kiewer Rus (Vortrag ist ausgefallen)

Leszek Słupecki (Rzeszów): Brun von Querfurt und die Lutizen

Matthias Hardt (Leipzig): Querfurt – Monte Cassino – Kiew – Litauen. Brun von Querfurt auf Reisen

Darius Baronas (Wilna): Brun von Querfurt: von der ersten Erwähnung Litauens bis zum Kolumbus von Litauen

Heiner Lück (Halle/Saale): Der Umgang mit Gefangenen und Gefallenen in Konflikten des frühen und hohen Mittelalters. Rechtsgeschichtliche Anmerkungen zu Thietmar VI 95

Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Konferenz zum tausendsten Todestag Bruns von Querfurt. Leben – Werk – Wirkungsstätten, 13.03.2009 – 14.03.2009 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 26.05.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2626>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.05.2009
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