Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und um 1930

Ort
Hamburg
Veranstalter
Axel Schildt, Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg; Alexander Gallus, Universität Rostock
Datum
19.03.2009 - 21.03.2009
Von
Eva-Maria Silies, Historisches Seminar, Universität Hamburg

„Intellektuelle in Deutschland werden gehasst oder geliebt, diffamiert oder deutlich gehört“. Mit diesen Worten aus dem Programmflyer waren die Eckpunkte einer Tagung abgesteckt, die mit Unterstützung der Fritz Thyssen-Stiftung vom 19. bis 21. März 2009 in Hamburg stattfand: Es ging um die öffentliche Wahrnehmung von Intellektuellen in Deutschland und um ihr Verhältnis zur politischen Kultur in unterschiedlichen Systemen. Die Veranstalter Axel Schildt von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg und Alexander Gallus von der Universität Rostock hatten zwei Zäsuren als Vergleichspunkte gesetzt: „um 1930“ und „um 1950“.

In seiner Einleitung verwies AXEL SCHILDT (Hamburg) darauf, dass der Blick explizit von 1950 auf 1930 gerichtet werde, um danach zu fragen, welche Kontinuitäten im intellektuellen Denken sich über die Zeit des Nationalsozialismus hatten halten können, aber ebenso, welche Veränderungen sich ergeben hätten. So verwies Schildt neben intellektuellen Brüchen um 1950 verglichen mit 1930 – dem Fehlen jüdischer Intellektueller oder der Schwächung des linksintellektuellen Feldes – auf den strukturellen Wandel der Öffentlichkeit um 1950. Es könne von einer für Gegenargumente offeneren Atmosphäre gesprochen werden, die sich auf intellektuelle Debatten niedergeschlagen habe.

Die erste Sektion zum Oberthema Publizistik und Medien eröffnete ALEXANDER GALLUS (Rostock) mit einem Beitrag zu den Protagonisten der „Weltbühne“, insbesondere Kurt Hiller und Axel Eggebrecht. In beiden sah er Prototypen von Intellektuellen, die politisch dachten, sich antagonistisch zur gesellschaftlichen Umwelt verhielten und dabei eine weltverändernde Absicht verfolgten. Neben Kontinuitäten im politischen Denken zwischen 1930 und 1950 machte Gallus Unterschiede in ihrer Artikulationsweise aus: Während Hiller seine intellektuellen Ideen nur in immer kleineren und unbedeutenderen Zeitschriften veröffentlichen konnte, setzte Eggebrecht auf Medien mit einem größeren Publikumseffekt und reagierte damit auf die gewandelte Öffentlichkeit.

MARCUS M. PAYK (Stuttgart) nahm mit dem „Tat“-Kreis das politisches Gegenspektrum in den Blick und stellte bei dessen Akteuren um 1950 eine Fortsetzung des elitär-autoritären männerbündlerischen Denkens aus der Weimarer Zeit sowie wenig Verständnis für eine demokratische Öffentlichkeit fest. Im intellektuellen Denken waren um 1950 Modifizierungen auszumachen, die vielfach bereits in den letzten Kriegsjahren entstanden seien. Vorherrschend blieben bei den konservativen Intellektuellen eine latente Krisenstimmung und eine „trotzige Selbstbehauptung“ zur eigenen biographischen Entlastung. Diese wurde mit einem Habitus vorgetragen, der Inhalte – ähnlich wie zur Hochzeit des Kreises um 1930 – manchmal zweitrangig erschienen ließ.

CLAUDIA KEMPER (Hamburg) untersuchte mit dem Publizisten Rudolf Pechel einen intellektuellen Einzelkämpfer. Kemper verwies auf dessen „Widerständigkeit“– so die Eigenbeschreibung, nach Kemper eher als „Eigensinn“ zu charakterisieren –, die dieser konsequent in seinem intellektuellen Wirken aufgewiesen habe. Sowohl in der Weimarer Zeit als auch im Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit geriet Pechel in Konflikt mit konservativen Gleichgesinnten und weltanschaulichen Gegnern. Dies machte ihn zu einem unbequemen Zeitgenossen, zeichnete ihn nach Kemper aber gerade als kritischen Intellektuellen aus.

Mehr als die vorigen Referent/innen verwies DANIEL MORAT (Berlin) auf Diskontinuitäten zumindest im äußeren Auftreten von Ernst und Friedrich Georg Jünger. Deren publizistisches Wirken in den zwanziger Jahren charakterisierte Morat als „politischen Aktivismus“, der sich seit den frühen 1930er-Jahren und verstärkt in der Nachkriegszeit zu einem „musischen Attentismus“ gewandelt habe und die politische Aktion nun dezidiert ablehnte. Morat konstatiert auch Kontinuitäten im Denken der Jünger-Brüder. So habe sich ihr Denkmodell der Krise grundsätzlich nicht geändert, sondern sich lediglich der Fokus verschoben: Deren Überwindung wurde zu einem erst in der Ferne erwarteten apokalyptischen Projekt.

Im Vortrag von MICHAEL WILDT (Hamburg) stand ein einzelner Intellektueller im Mittelpunkt: der Rechtswissenschaftler Reinhard Höhn, der nach steilen Karriere im Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit Begründer des „Harzburger Modells“ wurde. Höhn entwickelte soziale Ordnungsvorstellungen, die auf nationalsozialistische Begriffe und Elemente der NS-Volksgemeinschaft zurückgriffen, sich aber zugleich vom autoritär-paternalistischen Führungsstil in Unternehmen verabschiedeten. Wildt deutete daher Höhns Engagement in der Harzburger Akademie als symptomatisch für die Transformationsperiode der frühen Bundesrepublik, in der um rassistische und radikal antisemitische Elemente bereinigte Ordnungsmodelle weiter fortwirkten.

In seinem Kommentar forderte CLAUS-DIETER KROHN eine stärkere Bewertung der intellektuellen Tätigkeit der skizzierten Protagonisten ein. Einem Großteil der vorgestellten Intellektuellen fehle es an Selbst- und Rollenreflexion und an einem unabhängigen ubiquitären Denken; stattdessen hätten sie sich sowohl um 1930 als auch um 1950 als „Häretiker des Überkommenen“ bewiesen.

An dem Kommentar entzündete sich eine Kontroverse, die in folgenden Sektionen über immer wieder aufgegriffen wurde. Mehrere der Referent/innen lehnten ein Vorgehen wie von Krohn eingefordert ab, da sie in einem normativen Zugang keinen Gewinn sahen. Statt einer kategorisierenden Einteilung in „gut“ und „böse“ durch die alleinige Analyse von intellektuellen Ideen müssten vielmehr Habitus und Attitude der Intellektuellen in den Blick genommen werden. BERND WEISBROD (Göttingen) schlug den Begriff „Egotaktiker“ vor, um insbesondere die Fort- und Umschreibung der intellektuellen Ideen und beruflichen Karrieren nach 1945 zu fassen. CHRISTOPH CORNELIßEN (Kiel) forderte ein, den „Resonanzboden“ intellektuellen Handelns und Denkens stärker zu berücksichtigen. Tatsächlich blieb bei fast allen Vortragenden selbst eine näherungsweise Angabe von Rezipientenzahlen der intellektuellen Organe aus.

Die zweite Sektion nahm Intellektuelle in Gesprächszirkeln und Foren in den Blick. DOMINIK GEPPERT (Bonn/Berlin) zeigte am Beispiel der Gruppe 47, dass diese in der Nachkriegszeit das Trauma der gescheiterten Weimarer Demokratie hatte verarbeiten müssen. Für Hans Werner Richter konstatierte Geppert, dass dieser Verfechter einer Elitenpolitik blieb und in der Gruppe 47 eine Möglichkeit sah, nicht nur künstlerisch, sondern darüber hinaus auch politisch-pädagogisch wirken zu können. Zugleich wandelte Richter im Verlauf der fünfziger Jahre seine ablehnende Haltung gegenüber Parteien hin zu einem Engagement für die SPD und signalisierte Gesprächsbereitschaft über weltanschauliche Gräben hinweg.

Im Vortrag von SEAN FORNER (East Lansing, Michigan) standen weniger die beiden zeitlichen Markierungen der Tagung im Mittelpunkt als vielmehr die direkte Nachkriegszeit. Er beleuchtete anhand der Kulturbünde in Berlin, Frankfurt und Heidelberg, wie kulturelle Traditionen auf politisches Engagement übertragen wurden. Forner zeichnete das Suchen nach einer Definition von „Kultur“ nach und verwies auf die Kontakte zwischen der (Ost-)Berliner Gruppe und den westdeutschen Bünden. Diese zerrieben sich schon bald in der Frage der Annäherung an die sowjetische oder die amerikanische Kulturhoheit, sind nach Forner aber gerade deshalb Ausdruck der Verknüpfung von Kultur und Politik im Denken einiger Intellektueller nach 1945.

Im Unterschied zu den anderen Vorträgen ging VANESSA CONZE in ihrem Beitrag nicht von den Vorstellungen einzelner Intellektueller aus, sondern von den Ideen selbst. Sie machte drei dominierende Vorstellungen von Europa um 1950 aus, die ihren Ursprung besonders in der Zwischenkriegszeit hatten: die katholisch-konservative Abendland-Idee, die Vorstellung von Europa als einer „dritten Kraft“ und die Idee eines atlantischen Bündnissystems. Nach Conze hing es vom Grad der Verwurzelung in traditionelle Vorstellungen ab, ob und wie weit sich die jeweiligen Anhänger in der Nachtkriegszeit neuen Impulsen öffneten. Letztlich war um 1960 die Pluralität an Vorstellungen gewichen, die Idee eines westeuropäischen Bündnisses war dominierend geworden.

ULRICH PREHN (Hamburg) stellte wieder eine Einzelbiographie in den Mittelpunkt. Er untersuchte anhand von Max Hildebert Boehm und der von diesem 1949 begründeten (Nord-) Ostdeutschen Akademie in Lüneburg die Kontinuitäten in Lebenslauf und intellektuellem Denken. Im Gegensatz zu de Gaulles „Europa der Nationen“ forderte Boehm ein „Europa der Völker“, das zwar vordergründig nicht auf das Deutschtum konzentriert war, letztlich aber auf die deutsche Wiedervereinigung an einem „Tag X“ ausgerichtet war. Die von ihm begründete Akademie sah Boehm als Möglichkeit, seine politische Agenda in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen.

In seinem Kommentar verwies DIRK VAN LAAK (Gießen) darauf, dass die Referent/innen sich zunehmend auf die Zeit nach 1945 konzentriert hätten. Er konstatierte, dass nicht mehr die eindeutigen Zäsuren wichtig seien, sondern vielmehr die Kontinuitäten in den Lebensläufen. Bemerkenswert fand er, dass das Interesse zunehmend nicht mehr den „großen“ und erfolgreichen Intellektuellen gelte, sondern den gescheiterten. In der Diskussion wurde der Umgang von Auf- und Abstieg von Intellektuellen diskutiert: Wer bestimmte den Maßstab hierfür und inwiefern unterschieden sich Selbst- und Fremdperspektive von Erfolg oder Misserfolg?

Die dritte Sektion legte den Fokus auf Intellektuelle an Universitäten und in Geisteswissenschaften. Den Anfang machte RAINER NICOLAYSEN (Hamburg) mit einem Vortrag zur Position Siegfried Landshuts in der deutschen Politikwissenschaft. Ähnlich schwierig wie die Durchsetzung der Politikwissenschaft als eigenständige Disziplin an deutschen Universitäten nach 1945 hatte es auch Landshut im eigenen Fach. Er verfolgte seine Vorstellung der Politikwissenschaft ohne große Korrekturen über die Exilzeit in die Bundesrepublik weiter. Nach Nicolaysen war Landshut als kritischer Nonkonformist unverzichtbar für die politische Kultur der bundesdeutschen Demokratie – blieb aber auch wegen seiner unbeirrbaren Vorstellungen ein Außenseiter in der Politikwissenschaft.

JAN ECKEL (Freiburg/New York) warf einen Blick auf das breite Feld der Geisteswissenschaften. Personell könne man im Vergleich der Situationen um 1950 und um 1930 von einer „Kontinuität in einem reduzierten Feld“ sprechen. Konzeptionell erschienen die Geisteswissenschaften 1950 nach Eckel homogener und weniger experimentell als sie es 1930 gewesen waren. Im Vergleich der geisteswissenschaftlichen Grundlagen konstatierte er, dass besonders aggressive, mit dem Nationalsozialismus verbundene Denkmuster aufgegeben worden seien. Dennoch blieb Skepsis gegenüber der Moderne eine mentale Grundhaltung. Die Zäsur zu einem radikalen wissenschaftlichen Umbruch setzte Eckel nicht in den 1950er-Jahren, sondern erst in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren.

Intensiver als die meisten anderen Referent/innen setzte sich CAROLA DIETZE (Washington, D.C.) am Beispiel von Helmuth Plessner mit der Bedeutung der Zäsuren von 1930 und 1950 auseinander. In Bezug auf dessen politische Positionen und wissenschaftliche Themen sowie den Habitus als Hochschullehrer machte sie Parallelen zwischen den Phasen bis etwa 1925 sowie ab 1934/35 aus, während sich seine Schriften um 1930 hiervon durch eine konservativere Ausrichtung unterscheiden. In der Zeit nach 1945 habe Plessner die Vorstellung einer deutschen Mission aufgegeben und sei in seiner politischen Kritik vorsichtiger geworden. Er engagierte sich nun für die Bewahrung der Demokratie in Deutschland, war allerdings in Sorge darüber, ob dies auch gelingen werde.

In seinem Kommentar konstatierte MORTEN REITMAYER (Trier), dass in den Vorträgen die Kontinuität zwischen 1930 und 1950 im Denken und Handeln betont worden sei und Diskontinuitäten marginaler werden würden. Er fragte danach, wieso es trotz der Dominanz der Fortführungen zu einer Wende nach 1945 kommen konnte.

In der Diskussion wies Cornelißen zurecht darauf hin, dass in den Vorträgen der Sektion nicht die Universitäten als Ort der intellektuellen Diskussion thematisiert worden seien, sondern vielmehr informelle Netzwerkstrukturen einzelner Intellektueller im universitären Rahmen. Offen blieb weiterhin, was Carola Dietze mit Verweis auf vorige Diskussionen ansprach: Wie verhielten sich Theorie und Praxis im Denken und Handeln von Intellektuellen zueinander?

Die vierte Sektion wandte sich den Intellektuellen in und zwischen den Parteien zu. FRIEDRICH KIEßLING (Erlangen) zeigte an den Beispielen von Walter Dirks und Eugen Kogon, wie sich Intellektuelle als politisch verstehen konnten, auch wenn sie fast lebenslang zwischen konkreten Parteien standen. Kießling machte bei Dirks und Kogon im Vergleich der Positionen 1930 und 1950 sowohl Veränderungen – stärkere Akzeptanz der parlamentarischen Demokratie nach 1945, ausgeprägte Bereitschaft zur Diskussion – wie auch Kontinuitäten fest. Vorstellungen von dem „Lebendigen“ seien grundlegend für das Verständnis von Demokratie und Pluralismus gewesen und hätten zur Präsenz von Dirks und Kogon bis in die 1960er- und 1970er-Jahre entscheidend beigetragen.

Noch stärker verdeutlichte DIETER GOSEWINKEL (Berlin) am Beispiel von Adolf Arndt die enge Verbindung von Intellektuellem und Partei, in diesem Fall der SPD. Arndt hatte nach der Erfahrung des Nationalsozialismus entschlossen für die Notwendigkeit der Parteiendemokratie gefochten – im Gegensatz zu anderen Intellektuellen, deren Parteienskepsis im Verlauf der Tagung immer wieder betont wurde – und sich selbst in der SPD engagiert. Dabei wirkte Arndt als Mittler zwischen der Partei und anderen Gruppierungen wie den Kirchen oder den Juristen, stieß aber in anderen Fragen immer wieder an die Grenze dessen, was in der Partei sag- und machbar war. Letztlich, so Gosewinkel, sei Arndt in der SPD nicht zuletzt durch seine intellektuelle Haltung ein Einzelgänger geblieben.

THOMAS KROLL (Jena) verwies auf die enge, wenn auch ambivalente Verbindung von Intellektuellen und kommunistischen Parteien. Kroll ging überwiegend auf junge westdeutscher Kommunisten ein, die sich der Bewegung als Studenten in der Nachkriegszeit anschlossen. Die Attraktivität des Kommunismus für Intellektuelle lag in der Zustimmung zur Kapitalismuskritik, dem Antifaschismus und der Begeisterung für die Sowjetunion. Trotz eines gewissen Maßes an Eigenständigkeit setzte nach Kroll der hierarchische Parteiapparat dem intellektuellen Denken Grenzen und machte daher die kommunistischen Parteien nur zu einer begrenzten Arena für Intellektuelle.

Zuletzt beleuchtete MARIO KEßLER (New York/Potsdam) drei weitere linke Intellektuelle – Leo Kofler, Alfred Kantorowicz und Ossip K. Flechtheim – und ihr Grenzgängertum zwischen sozialistischem Staatskommunismus und westdeutscher Sozialdemokratie im ideologischen Sinn wie im Lebensverlauf. Kofler und Kantorowicz hatten nach dem Krieg zunächst in der DDR gelebt, bevor sie sich wie Flechtheim in der Bundesrepublik niederließen. Während Flechtheim die akademische Karriere gelang, mussten Kofler und Kantorowicz lebenslang um Anerkennung und Auskommen kämpfen.

In seinem Kommentar schlug MICHAEL RUCK (Flensburg) vor, das Kategorienraster von polity, policy und politics zu nutzen, um zu fragen, welche Rollen Intellektuelle für das institutionelle Setting des Politikbetriebs gehabt hätten, wie sie auf die Politikproduktion einwirkten und wie sie konkret Politik auf ihnen wichtigen Politikfeldern betrieben.

In seinem Schlusskommentar bewertete Axel Schildt es positiv, dass die Tagung kein vereinheitlichendes neues Intellektuellenparadigma entworfen, sondern die Vielfalt intellektueller Möglichkeiten aufgezeigt habe – mit einer Konzentration nicht mehr auf den Großintellektuellen und mit einer eher funktionalen als normativen Herangehensweise. Im Vergleich der beiden Zäsuren habe sich gezeigt, dass das intellektuelle Klima um 1930 eher revolutionär, um 1950 dann eher gedämpft gewesen sei, mit einer Deradikalisierung sowohl im links- wie im rechtsintellektuellen Lager. Dabei betonte Schildt aber, dass auch vermeintlich mittlere Positionen immer politisch gewesen seien und dieses in der Analyse berücksichtigt werden müsse, um den egotaktischen Umschreibeversuchen der Intellektuellen nicht zu erliegen.

Tatsächlich hat die facettenreiche und spannende Tagung offen gelassen, was Intellektuelle nun tatsächlich ausmacht; Annäherungen wurden aber über das Theorie-Praxis-Verhältnis oder die Interaktion mit einer wie auch immer gearteten Öffentlichkeit gesucht. Offensichtlich war Männlichkeit ein Kriterium für Intellektuelle; denn Frauen suchte man unter den diskutierten intellektuellen Persönlichkeiten vergeblich. Diese Geschlechtsblindheit könnte ein Anstoß für weiteres Nachdenken über Intellektuelle sein. Die auf der Tagung skizzierten Einzel- oder Kleingruppenbiographien müssten in einen größeren Rahmen eingebettet werden, und Vergleiche über Zäsuren wie 1930 und 1950 erscheinen dabei ergiebig, wenn sie über rein biographische Fortschreibungen oder Umbrüche hinaus genutzt werden. Und auch der Blick über den deutschen Tellerrand könnte interessante Ergebnisse bringen – aber das wäre, wie Axel Schildt abschließend bemerkte, eine andere, wenn auch lohnenswerte Tagung.

Konferenzübersicht:

Einführung: Axel Schildt (Hamburg)

1. Sektion: Publizistik und Medien
Moderation: Detlef Siegfried (Kopenhagen)

Alexander Gallus (Rostock): Veteranen der Weimarer "Weltbühne" nach 1945 und die Wandlungen linksintellektueller Publizistik
Marcus Payk (Stuttgart): Selbstbehauptung in der Krise – zu einigen Motiven der rechtsintellektuellen Publizistik von 1930 bis 1960
Claudia Kemper (Hamburg): "Widerstand, mit dem Rücken zur Wand" – Rudolf Pechels publizistische Haltung von der späten Weimarer Republik bis zur frühen Bundesrepublik
Daniel Morat (Berlin): "Die Zeitschriftenfrage ist recht kompliziert" – Die politische Publizistik der Brüder Jünger 1950 und 1930
Michael Wildt (Hamburg): Reinhard Hoehn – Vom Reichssicherheitshauptamt zur Harzburger Akademie
Kommentar: Claus-Dieter Krohn (Hamburg)

2. Sektion: Intellektuelle Foren und Gesprächszirkel
Moderation: Bernd Weisbrod (Göttingen)

Dominik Geppert (Bonn/Berlin): Hans Werner Richter, die Gruppe 47 und die "Stunde Null"
Sean A. Forner (East Lansing, Michigan): "Deutscher Geist" und demokratische Erneuerung – die Politik der Kultur nach 1945
Vanessa Conze (Tübingen): "Reich - Europa - Abendland" – Europadiskurse zwischen Bonn und Weimar
Ulrich Prehn (Hamburg): "Kaderschmiede" für den "Tag X" – Max Hildebert Boehm und die (Nord-)Ostdeutsche Akademie
Kommentar: Dirk van Laak (Gießen)

3. Sektion: Universitäten und Geisteswissenschaften
Moderation: Christoph Cornelißen (Kiel)

Rainer Nicolaysen (Hamburg): Zur Kontinuität politischen Denkens – Siegfried Landshuts Beitrag zur Etablierung westdeutscher Politikwissenschaft als Einlösung seines Programms aus Weimarer Zeit
Jan Eckel (New York/Freiburg): Intellektuelle Übergänge – die Geisteswissenschaften in Deutschland 1930 und 1950
Carola Dietze (Washington): Von der "Überwindung des klassischen Liberalismus" zur "Dauerkontrolle gesellschaftlicher Verhältnisse" – der Verlust großer Fragen am Beispiel von Helmuth Plessner
Kommentar: Morten Reitmayer (Trier)

4. Sektion: Intellektuelle in und zwischen den Parteien
Moderation: Werner Müller (Rostock)

Friedrich Kießling (Erlangen): Eigene Wege in die westdeutsche Demokratie – Walter Dirks und Eugen Kogon in der frühen Bundesrepublik
Dieter Gosewinkel (Berlin): Ein Intellektueller in der SPD – Adolf Arndt
Thomas Kroll (Jena): Politisches Engagement im Systemkonflikt – kommunistische Intellektuelle in Ost und West
Mario Keßler (New York/Potsdam): Zwischen den Parteifronten auf dem "dritten Weg"? – Leo Kofler, Alfred Kantorowicz, Ossip Flechtheim
Kommentar: Michael Ruck (Flensburg)

Zitation
Tagungsbericht: Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und um 1930, 19.03.2009 – 21.03.2009 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 27.05.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2629>.