Henri Pirenne (1862-1935): un historien belge face au développement des sciences sociales et historiques

Ort
Gent, Brüssel
Veranstalter
Universität Brüssel, Universität Gent
Datum
27.03.2009 - 28.03.2009
Von
Geneviève Warland, Collège Saint Louis, Brüssel

Am 27. und 28. März 2009 fand in Gent und Brüssel eine Tagung über die Koryphäe der belgischen Geschichtswissenschaft Henri Pirenne statt. Organisiert wurde sie anlässlich der Verleihung des internationalen Francqui-Lehrstuhls (einem angesehenen Wissenschaftspreis Belgiens) an Prof. Dr. Martha Howell (Columbia University, New York), gemeinsam vergeben von den Universitäten Brüssel und Gent. Die Tagung versammelte Mediävisten und Neuzeit-Historiker aus Belgien, Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten, die einen besonderen Bezug zu Pirenne und seiner Schule aufweisen. Zugleich eröffnete dieses wissenschaftliche Treffen eine umfangreiche Ausstellung in der Bibliothek der Universität Gent über Pirennes Leben und die Entstehung seines Spätwerkes, Mohammed und Karl der Grosse: „Henri Pirenne en Mahomet et Charlemagne: Genese en wedervaren van een historische hypothese“, die auf der Website www.henripirenne.be dokumentiert ist.

Man mag sich fragen, woraus das gegenwärtige Interesse an dem belgischen Sozial- und Wirtschaftshistoriker, dem Experten über das Entstehen von Städten ebenso wie des Handels im 11. bis 14. Jahrhundert und des Verfasser einer siebenbändigen Geschichte Belgiens resultiert. Denn abgesehen davon, dass sich dieses Interesse eher auf einen kleinen Expertenkreis beschränkt, denn für eine breitere Öffentlichkeit gilt, ist zwar unbestritten, dass Pirenne eine wesentliche Rolle in der Verwissenschaftlichung der belgischen Historiographie spielte, doch seine nationale Vision eines einheitlichen Belgien ist längst überholt. Belgien ist zu einem föderalen Staat mit eigenständigen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entitäten geworden. Erneute Aufmerksamkeit erfährt Pirenne daher in einer anderen Hinsicht, nämlich aufgrund seiner Überlegungen bezüglich der konzeptionellen und methodologischen Herausforderungen moderner Geschichtswissenschaft. Wenngleich nicht explizit formuliert, setzte sich die Tagung mit der Frage auseinander, was das Moderne – im Sinne von wegweisend – in dem wissenschaftlichen Denken, Schreiben und Handeln von Pirenne war.

Der erste Tag in Gent widmete sich Pirennes wissenschaftlicher Tätigkeit und Vernetzung im internationalen Kontext der Jahre 1880-1930. Pirenne hatte vielfältige Verbindungen zur internationalen Geschichtswissenschaft und stand im stetigen Austausch mit Kollegen aus Deutschland und Frankreich. Die Vorträge über seine Wissenschaftsbeziehungen konzentrierten sich zwar auf die Kontakte zu Gustav von Schmoller, Karl Lamprecht und Marc Bloch, diese wurden jedoch in das internationale Netzwerk eingebettet, das Pirenne aufgebaut hatte. Am zweiten Tag in Brüssel wurden verschiedene Facetten seines Werks analysiert. Thematisiert wurden dabei hauptsächlich Pirenne’s Studien und Vorstellungen zur Wirtschafts- und Zeitgeschichte sowie seine Ansichten über die Soziologie und Geographie.

Zusammengenommen zeigten die Vorträge und Debatte der Tagung mehrerlei:
Erstens wurde deutlich, dass die theoretische Aufgeschlossenheit Pirennes und sein Plädoyer für eine ‚kommunikative’ Geschichtswissenschaft, die er mit seinem Lehrer aus Lüttich, Godefroid Kurth, teilte, auf seine Schüler wirkte: auf Guillaume des Marez, Hauptarchivar der Stadt Brüssel und Lehrbeauftragten an der Universität Brüssel, der die Einführung sozialwissenschaftlicher Methode in der Geschichtswissenschaft unterstützte, und auf Henri De Man, einen der Haupttheoretiker der belgischen sozialistischen Partei, der in Leipzig u. a. bei Karl Bücher studierte.
Zweitens, liegt eine der auch heute noch maßgeblichen Innovationen Pirennes in seiner vergleichenden Methodik. Dieser zur Folge sollte kein historisches nationales, regionales oder lokales Phänomen ohne den Vergleich mit ähnlichen Entwicklungen an anderer Stelle oder zu einer anderen Zeit studiert werden. Der Erste Weltkrieg, der für Pirenne im Wesentlichen auf die Verschärfung des Nationalismus zurückging, bestätigte ihn in der Überzeugung, die theoretische Grundlage einer komparativen Geschichtswissenschaft weiterzuentwickeln. Indem die Geschichtswissenschaft ihr Objekt jenseits seiner nationalstaatlichen Grenzen konzipiere, sei sie, so Pirenne, universalgeschichtlich ausgerichtet. Und ihre Funktion gegenüber der Gesellschaft verpflichte sie, aufklärerisch zu wirken, mithilfe historischer Rekonstruktionen humanistische Werte zu stärken.
Drittens besteht eine Errungenschaft des Pirenneschen Werkes in dem Hinterfragen etablierter Periodisierungen. So kontrastierte Pirenne die mit den germanischen Eroberungen assoziierte Zäsur zwischen der antiken Welt und dem Mittelalter mit dem Verweis auf die im 8. Jahrhundert stattgefundene muslimische Expansion im Mittelmeerraum. Für Pirenne führte diese Entwicklung zu dem Zusammenbruch der Handelsbeziehungen zwischen Norden und Süden und zog den Rückgang der westlichen Zivilisation nach. Wenn diese These auch bestritten worden ist, bleibt doch die Tatsache, dass Pirenne die entscheidende Frage nach der Wechselwirkung zwischen zwei Welten, der römisch-christlichen und der muslimischen, aufgeworfen hatte. [1] Pirennes Eifer, insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg, seine These über Mohamed und Karl den Großen zu verteidigen drückte auch ein gewisses Ressentiment gegenüber den deutschen Historikern aus, obwohl er ihnen viele Anregungen entnommen hatte. In der Tat gehörte Pirenne zu den besten Kennern der deutschen Geschichtswissenschaft in jener Zeit. Er bewunderte die imponierenden Werke der Rechts- und Wirtschaftsgeschichte, eine Hauptinspirationsquelle seiner wissenschaftlichen Arbeit. Daher ist es interessant, ideengeschichtlich den Pirenneschen Deutungen von Konzepten wie dem Stadtpartikularismus diejenigen deutscher Historiker der Wilhelminischen Zeit entgegenzusetzen, und sich die Frage nach der Sinngebung solcher Konzepte in einer Epoche des territorialstaatlichen Prinzips und der Suche nach einheitstiftenden Elementen zu stellen. Unentbehrlich ist es in diesem Kontext, auch darauf wurde während der Tagung mehrfach hingewiesen, der Beeinflussung Pirennes durch den Kulturhistoriker Karl Lamprecht nachzugehen: Diese liegt hauptsächlich in einer Interpretation der Geschichte als Entwicklungsprozess kollektiver Phänomene und in einer Geschichtsschreibung als synthetische Darstellung.

Der Entwurf einer vergleichenden Geschichtswissenschaft und die Öffnung geschichtswissenschaftlichen Beschäftigung zu Zeitgeschichte und außereuropäischen Phänomenen sind die nennenswerten Verdienste Pirennes als „moderner“ Historiker. Anderen seiner methodischen Überlegungen wurden bereits zu seiner Zeit Vorstellungen entgegengesetzt, die sich als durchsetzungsfähiger erwiesen: Eine kontrastive Analyse der geschichtswissenschaftlichen Praxis Pirennes und seines Kollegen Paul Fredericq zeigt beispielsweise, dass Letzterer die Forschung als Teamarbeit zu organisieren bestrebt war, während Ersterer eine Vorliebe für die individuelle Forschungsarbeit hatte. In dem Verhältnis mit den Studenten und Mitarbeitern erwies sich Fredericq als ein Patron, und Pirenne als ein Maître: in diesem Sinn darf Fredericqs Praxis wohl als die fortschrittlichere gelten.
In seiner Auseinandersetzung mit liberalen Wirtschaftstheorien erscheint Pirenne zudem weniger als Wirtschafthistoriker, dem an einer globalen Analyse der Strukturen des kapitalistischen Weltsystems gelegen war, sondern vielmehr als Sozialhistoriker, der den Kapitalismus aus menschlichen Entscheidungen ableitet. Gerade in der Betonung des Einflusses handelnder Menschen für den Verlauf von Wirtschaftsprozessen zeigt sich Pirennes Prägung durch die liberale Ideologie seiner Zeit. Auch insgesamt interessierte sich er sich weniger für eine strukturgeschichtliche Beschreibung der Vergangenheit. Wenn er sich mit Kategorien wie Geldwirtschaft, Zunftwesen oder Fernhandeln auseinandersetzte, fügte er diese in eine erzählerische Darstellungsform ein. Pirenne, auch dies ein Ergebnis der Tagung, war in erster Linien ein „Archivhistoriker“, der bei all seiner theoretisch-methodischen Reflexionen Gesamtdarstellungen ohne expliziten theoretischen Unterbau entwarf. Als Zeithistoriker hat Pirenne die Hauptmerkmale des 19. Jahrhunderts in Belgien treffend skizziert – so die soziale Frage oder die Sprachenfrage. Jedoch hat er sie nur im Rahmen der allgemeinen Zustimmung der Belgier für die seit 1830 bestehenden Institutionen einer Verfassungsmonarchie behandelt. Auch hier findet man wieder einen Zug des liberalen Geschichtsverständnisses Pirennes, das für die heutigen Debatten und Herausforderungen der Geschichtswissenschaft weniger Anregung bietet als seine konzeptionellen Ansichten.

Die Ergebnisse der Tagung sollen auf Englisch 2010 in zwei belgischen historischen Zeitschriften, der Revue belge de philologie et d’histoire (RBPH/BTFG) und der Revue belge d’histoire contemporaine (RBHC/BTNG) veröffentlicht werden.

Anmerkung:
[1] Aufgrund solcher außereuropäischen Bezüge wurde Pirenne auch kürzlich als einer der ersten Welthistoriker dargestellt, siehe insbes.: Ronald Findlay, Kevin H. O’Rourke, Power and Plenty. Trade, War and the World Economy in the Second Millenium, Princeton 2007.

Zitation
Tagungsbericht: Henri Pirenne (1862-1935): un historien belge face au développement des sciences sociales et historiques, 27.03.2009 – 28.03.2009 Gent, Brüssel, in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, 29.05.2009, <www.connections.clio-online.net/conferencereport/id/tagungsberichte-2634>.
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Veröffentlicht am
29.05.2009
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