Narva, Russia and the Baltic Sea Region: Borders Contacts and Identities in Peace and War

Ort
Narva, Estland
Veranstalter
Narva College der Universität Tartu
Datum
30.04.2003 - 04.05.2003
Von
Michael Schippan, Berlin

II. International Conference on Political and Cultural Relations between Russia and the Baltic Region States

Nachdem 2001 in Samara an der Wolga (Russische Föderation) eine erste Tagung über die Geschichte der Beziehungen zwischen Rußland und den baltischen Staaten stattgefunden hatte, trafen sich nun vom 30. April bis zum 4. Mai 2003 Wissenschaftler aus zehn Ländern in Narva (Estland) zu einer zweiten internationalen Konferenz, die den politischen und kulturellen Beziehungen zwischen Rußland und den Staaten der baltischen Region gewidmet war. Diese Tradition brachte es mit sich, daß von den Gästen aus der Russischen Föderation außer Historikern aus Moskau und St. Petersburg mehrere Teilnehmer aus Karelien (Petrozavodsk) sowie aus Tatarstan (Kazan') angereist waren. Dem Anliegen der Tagung kam es zugute, daß sich Vertreter mehrerer Wissenschaften (Historiker, Soziologen, Geographen, Philologen, Kunstwissenschaftler) austauschten, die spezifische Methodik ihrer Disziplinen demonstrierten und auf diese Weise oft überraschende Einblicke in Zusammenhänge gewährten.

Die estnischen und deutschen Kollegen des Narva College der Universität Tartu die die Konferenz organisiert hatten, konnten bei der Vorbereitung der Tagung mit der großzügigen Unterstützung durch die Fritz Thyssen Stiftung, die Zeit Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius sowie die Robert Bosch Stiftung rechnen. Die Tagung fand während ihres gesamten Verlaufs großen Zuspruch bei den kulturell und wissenschaftlich interessierten Bürgern der Stadt Narva, die an den Sektionen der Tagung als Zuhörer teilnahmen und mit den Gästen ins Gespräch kamen.

Tarmo Tammiste, der Bürgermeister der Stadt Narva, und der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Republik Estland Jürgen Dröge sowie von Seiten des Narva College dessen Direktorin Katri Raik und Karsten Brüggemann, der zurzeit als Lektor der Bosch Stiftung Geschichte und Deutsch in Narva lehrt, begrüßten am Vormittag des 1. Mai 2003 die Gäste aus Estland und Deutschland, aus Dänemark, Finnland, Kanada, Lettland, Polen, der Russischen Föderation, Schweden und den USA. Narva liegt direkt am gleichnamigen Fluß (russ. Narova), der hier die Grenze Estlands zur Russischen Föderation bildet. Bald wird die am weitesten nordöstlich gelegene Außengrenze der Europäischen Union hier verlaufen. Auf der anderen Seite des Flusses sind die Mauern der von Zar Ivan III. am Ende des 15. Jh. begründeten russischen Stadt und Festung Ivangorod zu erkennen, die nach ihrer Eroberung durch die Russen 1704 mit dem estländischen Narva bis ins 20. Jh. hinein eine widerspruchsvolle Einheit bildete. Eine städtische Spezifik Narvas besteht in dem im Jahre 2002 auf über 95 Prozent bezifferten Anteil der russischsprachigen Bevölkerung. Die Nordostregion der 1991 wieder selbständig gewordenen Republik Estland liegt auf halbem Wege zwischen dem Zentrum der baltischen Republik mit der Hauptstadt Tallinn und der Neva-Metropole St. Petersburg. Den Teilnehmern der Tagung wurde angesichts der deutlich zutage tretenden Gegensätze zwischen den beiden Teilen der Stadt besonders plastisch vor Augen geführt, wie das auf den ersten Blick paradox anmutende Motto der Tagung "Borders unite" verstanden werden kann.

Die Teilnehmer der ersten stadtgeschichtlichen Sektionen versammelten sich in den Räumen der seit dem 13./14. Jh. errichteten Hermannsfeste. In der 1. Sektion "Narva History between East and West" gab Jüri Kivimäe (Toronto) einen Überblick über "Medieval Narva: Controversies of a Small Town between East and West". Die von ihm gezeigten Lichtbilder verdeutlichten das historische Wachstum der regelmäßig angelegten Stadt von den Anfängen seit der Ersterwähnung 1240 bis zum 17. Jahrhundert. Estland war im Hochmittelalter Ziel der dänischen Expansion - dies verdeutlichte Anti Selart (Tartu) in seinem Vortrag "Die Könige von Dänemark und der Kreuzzug in Livland Mitte des 13. Jahrhunderts". Der Herausbildung von Handelsverbindungen auf dem Landwege zwischen Livland und Novgorod von 1160 bis 1260 ging Gints Skutans (Riga) nach.

In der 2. Sektion zur Stadtgeschichte Narvas charakterisierte Enn Küng (Tartu) "Das russische Bürgertum Narvas in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts". In der Diskussion zu diesem Beitrag ging es um die Frage, wie das Verhältnis der Stellung russischer Kaufleute zu der der privilegierten deutschen Städtebürger in Narva vor der Eroberung der Stadt durch Peter I. 1704 zu bewerten ist. Viktor N. Zacharov (Moskau) zeigte in seinem Beitrag über die Handelstätigkeit und die Zusammensetzung der Kaufmannschaft im 18. Jahrhundert, wie Narva als "Vorhafen" St. Petersburgs sowohl in die über die Ostsee laufenden Fernhandelsverbindungen einbezogen war, als auch als Umschlagplatz für das Binnenland diente. Debattiert wurde vor allem der Handel mit dem für die Ausrüstung der Kriegsflotten wichtigen Mastenholz, in dem Narva eine beträchtliche Rolle spielte. Dirk Erpenbeck (Bochum) ging wie seine Vorgänger als Historiker der Stadt Narva "Ad fontes" und widmete sich den Anfängen der Stadtgeschichtsschreibung Narvas im 19. Jahrhundert. Dabei ging er sowohl auf das Standardwerk von H.J. Hansen (1858) als auch auf weniger bekannte, bisher nur handschriftlich erhaltene Materialien ein. Eine moderne Stadtgeschichte, dies machte die Diskussion klar, ist nach wie vor ein Desiderat der Forschung.

Im historischen, aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stammenden Rathaus der Stadt, das als einziges Gebäude in seiner unmittelbaren Umgebung erhalten geblieben ist, folgte am zweiten Konferenztag eine Verständigung über "Theoretical Approach to Border Issues". Ralph Tuchtenhagen (Hamburg) stellte in seinem Vortrag "Borders: Aspects of a Notion in Humanities" die semantischen Felder des Grenz-Begriffs in historisch herausgebildeten und postmodernen Theorien vor. Christoph Waack (Leipzig) charakterisierte mit Blick auf die bevorstehende Erweiterung der EU "Grenzen und Grenzregionen im östlichen Europa - konzeptionelle Elemente einer geographischen Grenzregionsforschung im Hinblick auf den Schengen-Raum". Zurück auf Narva führte der vergleichende Beitrag von Dennis Zalamans (Stockholm) "Analysing the Border: Integration or Segregation? Narva and other Examples from the Baltic Sea Area". "Conflict and Peace as a Background for Karelian History" standen im Mittelpunkt des von Ilja Solomeshch (Petrozavodsk) und Lassi Heininen (Rovaniemi) gemeinsam verfaßten Beitrages. In der Diskussion zeigte sich vor allem, daß die Unwägbarkeiten künftiger russischer Außen- und Sicherheitspolitik den Integrationsprozeß im baltischen Raum beeinflussen.

Aktuelle Probleme der Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft standen im Mittelpunkt der 4. Sektion. Andrew Cave (Warszawa) fragte eingangs: "Can EU Enlargement remove Narva from the Periphery?" Um die Lage Narvas an der Grenze Estlands zu Rußland als "Peripherie" zu bezeichnen, nimmt der heutige Betrachter noch einen Standpunkt in einem angenommenen Zentrum ein. Die Blickachse verschiebt sich freilich, wenn das europäische Rußland einbezogen wird. Aron Buzogány (Tübingen) verwies auf die historische Dimension der ersten Jahrzehnte nach 1945, indem er die Erfahrungen des russisch-finnischen Verhältnisses vergleichend heranzog, um die heutigen Wechselbeziehungen zwischen Rußland und seinen baltischen Nachbarstaaten zu charakterisieren: "From ‚Finladisation' to the Northern Dimension. The Finnish-Russian Relationship and the Baltic States at the EU's Shifting Borders". Ein Vergleich mit einer anderen Grenzregion, in der die Interessen verschiedener zusammen lebender Ethnien zu wahren sind, bietet sich mit Blick auf den Norden Schleswig-Holsteins mit seiner dänischen Minderheit an. Martin Klatt (Aabenraa) sprach über "Regional Cross-border co-operation (CBC) - Ideological or Practical Approach?" Eine im Sektionsraum projezierte Europakarte verdeutlichte den Teilnehmern die Verteilung der bereits existierenden CBC auf dem Kontinent, mit denen bereits praktische Erfahrungen gewonnen wurden. Der sich herausbildende estnisch-russische Komplex Narva-Ivangorod mit seinem unmittelbaren Umland wird sie zu nutzen haben.

Aleksandr Filjuškin (St.Petersburg) ging auf den "Diskurs über die Notwendigkeit des Zugangs zur Ostsee in der russischen Geschichte und Geschichtsschreibung" ein und machte deutlich, daß sich in der Regierungszeit Ivans IV. noch keine Quellen auffinden ließen, in denen das Ziel des russischen Zaren formuliert gewesen wäre, Zugang zum Meer zu erhalten. Der Landmacht Rußland ging es bei ihrer Expansionspolitik zunächst vor allem um vermeintliche Ansprüche auf Ländereien, während das Streben nach einer beherrschenden Stellung über die Ostsee erst im nachhinein zum russischen Staatsziel erklärt wurde. Die folgenden Vorträge galten Identitätsproblemen in Lettland und Estland während des 20. Jh. "Die Rolle der estnisch-russischen Grenze in der regionalen Identitätsbildung aus Sicht der Regionalelite im Südosten und Nordosten Estlands" untersuchte Sigrid Rand (Frankfurt am Main) anhand vergleichender Betrachtungen zur den Regionen Setomaa und Ida-Virumaa im Süd- bzw. Nordosten Estlands. Valters Šcerbinskis (Riga) behandelte Identitätsfragen der "Lauri Latvians", die als kleine lettische Minderheit in der Zwischenkriegszeit in Estland und in der Pskover oblast' der Sowjetunion lebten.

Die 6. Sektion zu "Russia, Pribaltika and the Baltic Germans" war der Aufklärungszeit gewidmet. 1764 und 1780 bereiste die Kaiserin Katharina II. die baltischen Provinzen. Mati Laur (Tartu) schilderte in seinem Beitrag "Der aufgeklärte Absolutismus der Kaiserin Katharina II. im Baltikum" ihre Reformpolitik vor allem im administrativen Bereich. Guzel' Ibneeva (Kazan') setzte ihre vergleichenden Untersuchungen über die Reisen Katharinas der Großen fort und untersuchte in ihrem Referat "Katharina II. und die Gesellschaft des Ostseegebietes im Jahre 1764" die gesellschaftliche Resonanz auf ihren ersten Besuch vor allem in Reval. Die Angehörigen der deutschsprachigen Bevölkerung in den Städten fühlten sich als loyale Untertanen der Kaiserin. Diese Betrachtungen ergänzten sich mit denen Michael Schippans (Berlin) über den "Patriotismus" des Aufklärungszeitalters in den baltischen Provinzen des Russischen Imperiums.

Zur Eröffnung 7. Sektion in den Räumen des Narva College über "Narva in the 20th Century" verglich Katri Raik "Die estnische Eigenständigkeit in Narva in den 1930er Jahren und heute", wobei sie vor allem die kulturelle Rolle der Russen Estlands behandelte. Anhand umfangreichen Materials aus estnischen Archiven stellte Karsten Brüggemann dar, wie beim Wiederaufbau Narvas nach der kompletten Zerstörung durch sowjetische und deutsche Militäreinsätze 1944 die in den dreißiger Jahre in der Sowjetunion entwickelte Utopie der sozialistischen Stadt immer mehr durch materielle Schwierigkeiten in den Hintergrund gedrängt wurde. Die historischen Gebäude des Zentrums der Stadt, in denen auch Sektionen der Tagung durchgeführt wurden (Hermannsfeste, Rathaus aus dem 17. Jh.) blieben von den architektonischen Umgestaltungen der Sowjetzeit ausgenommen - und das Rathaus diente als Pionierpalast. Olaf Mertelsmann (Hamburg) charakterisierte in seinem Beitrag über die Herausbildung des Sonderstatus der Nordostregion innerhalb der Estnischen Sowjetrepublik die Migrationsprozesse. Die beträchtliche Einwanderung von Menschen aus dem Inneren der Sowjetunion unmittelbar nach 1945 war vor allem auf die Industrialisierung und den damit einhergehenden Arbeitskräftebedarf zurückzuführen, weniger ein Produkt bewußter "Russifizierung".

Drei Kollegen aus der karelischen Metropole Petrozavodsk gingen in der 8. Sektion auf Aspekte der "Finnish-Russian Cultural Relations" ein. Maksim Pul'kin verdeutlichte, wie sich das vorwiegend negativ geprägte Bild "des Finnen" in der russischen Publizistik an der Wende vom 19. zum 20. Jh. herausbildete. Der sich verstärkende russische Nationalismus verlangte nach einer Abgrenzung der Eliten des Zarenreiches von Angehörigen anderer Ethnien. Anhand bildlicher Wiedergaben von Gemälden und Zeichnungen russischer Künstler wie Levitan und Rörich schilderte Elena Soini, wie in der Malerei und Graphik vom Ausgang des 19. und im ersten Drittel des 20. Jh. vor allem die finnische Landschaft erfaßt wurde. Deutlich weniger Aufmerksamkeit bei den russischen Malern fanden ethnische Besonderheiten der Finnen. Schließlich untersuchte Elena Dubrovskaja, wie sich der erste Weltkrieg 1914-1918 in den Briefen russischer Militärangehöriger widerspiegelte, die in Finnland dienten. Sowohl der vergleichsweise höhere Lebensstandard der Bevölkerung Finnlands als auch eine zunehmende Radikalisierung innerhalb der russischen Armee vor und nach Ausbruch der Revolution von 1917 fanden ihren Niederschlag in diesen Berichten.

In der 9. Sektion über "Cultural Relations in the Baltic Sea area" kamen Kollegen von der Universität Uppsala (Schweden) zu Wort. Torbjörn Eng charakterisierte "Swedish Forms of Lordship in the Baltic Region during Early Modern Time", in der Zeit von 1561 bis zur Eroberung der schwedischen Überseeprovinzen Livland und Estland durch die Russen 1710. Torkel Jansson stellte Betrachtungen über den Begriff "Norden" an, der nicht mit dem der "Ostseeregion" identisch sei, sondern weiter ausgreife. In der anschließenden Diskussion wurde die Vielgestaltigkeit der Ansätze deutlich, die historischen und geographischen Dimensionen des "Nordens" zu begreifen, was eine nicht unerhebliche Rolle beim Fortgang des europäischen Integrationsprozesses spielt.

Die 10. und letzte Sektion "Russia and Latvia / Russians in Latvia" gewährte einen spannenden Einblick in die Forschungen der letzten Jahre über das Zusammenleben von Menschen verschiedener Ethnien in den an der Ostsee gelegenen ehemaligen Republiken der Sowjetunion, bei denen auch Umfragen eingesetzt wurden. Die Diskussion im Anschluß an die Beiträge handelte vor allem auch von Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung narrativer Quellen. Janis Keruss (Riga) behandelte "Das Bild der Sowjetunion in der Presse Lettlands in den 1920er Jahren". Es war vor allem durch das Gefühl der Bedrohung charakterisiert; die Okkupation Lettlands durch die Sowjetmacht 1940 zeigte seine Berechtigung. Wie die Einwohner Lettlands die sowjetischen Militärangehörigen wahrnahmen, die seit den vierziger Jahren Lettland besetzt hielten, schilderte Irena Saleniece (Daugavpils). Es haben sich sowohl ablehnende als auch eher freundliche Erinnerungen erhalten. Der beträchtliche zeitliche Abstand zu den mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Geschehnissen bewirkte, daß sich mitunter die Erinnerung an konkrete Zeitumstände trübte und der Ablauf der Befragungen auch zu Suggestionen führte. Irina Novikova (Riga) ging auf ethnische und geschlechterspezifische Besonderheiten der Reidentifikation von Angehörigen der russischsprachigen Bevölkerung in Lettland in den neunziger Jahren ein. Der Herausbildung einer "Baltic Russian Identity" in Lettland war der abschließende, mit Bonmots gewürzte Beitrag von Daniel A. Kronenfeld (Berkeley) gewidmet, der unter dem Motto "Ethnogenesis Without the Entrepreneurs" stand und ebenfalls auf soziologischen Feldforschungen der zurückliegenden Jahre beruhte.

Um die vielfältigen Eindrücke der Tagung zu verarbeiten und die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse einzuordnen, bedarf es sicher noch weiterführender Diskussionen, als sie während des im Narva College organisierten abschließenden Treffens der Teilnehmer möglich waren.

Kontakt

Dr. Karsten Brüggemann
Tartu Ülikooli Narva Kolledzh
Kerese 14
20304 Narva/Estland
Tel. mob. ++372 (0) 53 834796
e-mail karsten@narva.ut.ee

Zitation
Tagungsbericht: Narva, Russia and the Baltic Sea Region: Borders Contacts and Identities in Peace and War, 30.04.2003 – 04.05.2003 Narva, Estland, in: H-Soz-Kult, 25.07.2003, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-268>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.07.2003
Klassifikation
Region(en)
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Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
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