Untergang des kommunistischen Systems in Oberschlesien

Ort
Katowice
Veranstalter
Schlesische Universität Kattowitz; Universität Oppeln; Institut des Nationalen Gedenkens Kattowitz (IPN)
Datum
04.06.2009
Von
Roman Smolorz, Osteuropa-Institut Regensburg

Anlässlich des 20. Jahrestages der ersten, teilweise freien Wahl in Polen, die für das Ende des Kommunismus dort und auch in anderen Ländern Ostmitteleuropas steht, wurde die Konferenz „Untergang des kommunistischen Systems in Oberschlesien“ veranstaltet. Ihr erklärtes Ziel war es, „diejenigen Mechanismen zu durchschauen, die den Untergang des real existierende Sozialismus bedingten“[1]. In vier Themenabschnitten wurden der Zerfall von Parteistrukturen[2], der politische Widerstand, die Juli-Wahl und die Folgen dieser teilweise freien Wahl in Oberschlesien[3] vorgestellt.

MAREK MIGALSKI (Schlesische Universität Kattowitz) besprach die „Demokratisierung des politischen Systems 1989 in der gesamtpolnischen Perspektive“. Erwiesen sei heute, dass die Partei ihre Macht im Staat nicht an die Opposition habe abgeben wollen, die Gesellschaft jedoch, wenn auch lange nicht einstimmig, doch nach dieser Macht im Sinne parlamentarischer Demokratie verlangt habe. Migalski widerlegt damit den ersten nach wie vor präsenten Mythos in der Öffentlichkeit, denjenigen einer kooperativen kommunistischen Einheitspartei. Den zweiten, die kommunistische Staatsmacht sei dazu reif geworden, die Macht abzugeben (gemäß Kwaśniewski[4]), widerlegt er gleichfalls, denn es sei den Kommunisten darum gegangen, den Analysen des Referenten zufolge, Teile der Opposition dem System zuzufügen, also um deren Zersetzung [5]. Der Referent konstatierte für das Land Polen, dessen heutige Demokratie leite sich keinesfalls vom Kompromiss – um mit Personen zu sprechen – zwischen Jaruzelski und Wałęsa her, sondern von der richtungsweisenden freien Wahl am 4. Juni 1989.

BOGUSŁAW TRACZ (IPN Kattowitz) suchte in seinem Vortrag über die „Zerlegung der Woiwodschaftsstrukturen der PZPR in Kattowitz“ nachzuweisen, dass sich bereits seit 1980/81 die Tendenz abgezeichnet habe, dass der kommunistischen Partei Mitglieder davonliefen. Zudem war sie veraltet: Noch 1980 habe das Durchnittsalter der Mitglieder 35 Jahre und 1989 bereits 45 Jahre betragen. In den 1980er-Jahren sei die sich selbst bezeichnende Arbeiterpartei auch nicht mehr der Theorie nach eine solche gewesen, denn über 50 Prozent der Mitglieder stellte die sogenannte Intelligenz dar. Die Versuche, statt auf Quantität auf Qualität der Parteiarbeit zu setzen, sei in den 1980er-Jahren gescheitert, insbesondere in den lokalen Strukturen, die es abgelehnt hätten, den zentral angeordneten Disput der Partei mit der Opposition zu führen. Trotz dieser Ablehnung der zentralen Leitlinie habe sich doch im Januar 1989 gezeigt, dass ohne eine Anordnung von oben in den unteren Parteistrukturen überhaupt nichts mehr funktionierte, was auch zum Untergang der Partei von innen geführt habe.

SEBASTIAN ROSENBAUM (IPN Kattowitz) widmete sich der „Atrophie lokaler Parteistrukturen am Beispiel ausgewählter städtischer Komitees in der Woiwodschaft Kattowitz“. Von der Mikroperspektive ausgehend, ging der Referent auf Gemeinde-, Siedlungs-, Betriebs- sowie Stadtkomitees der PZPR ein und reflektierte, dass gerade Parteiorganisationen in den Betrieben deren Lebensader darstellten. Damit verwundert es nicht, dass die Forderung der Opposition, die Partei aus den Betrieben hinauszukomplimentieren, auf einen massiven Widerstand der Kommunisten stieß. Da jedoch in den Betrieben die Parteisekretäre für einen Beschäftigten bei der Direktion selbst in der Tat kaum fürsprechen konnten, seien sie von allen Seiten als obsolet empfunden worden, zum Teil seien Zweifel bei den Funktionären selbst aufgekommen. In den städtischen Komitees wurde der Schein einer funktionsfähigen Partei bis zuletzt, bis 1988/89, beibehalten, so Rosenbaum, doch gerade die Wahlen vom Juni 1989 bereiteten den unteren Parteistrukturen ein Ende. Denn, so Rosembaum weiter, die Gesellschaft habe gezeigt, sie setze auf die nun legale Opposition, und der Partei habe das Wesentliche in diesem Moment gefehlt, eine ideologische Zielsetzung.

JAROSŁAW NEJA (IPN Kattowitz) widmete sich der „Opposition in der Kattowitzer Woiwodschaft 1988-1989“. Es wurden alle oppositionellen Untergrundstrukturen dargestellt, besonders jedoch darauf verwiesen, dass Jugendliche des Kriegszustandes – nicht nur Arbeiter, sondern zum Teil auch Studenten –, damals 1981 ungefähr 15 Jahre alt, im Jahr 1989 die treibende Kraft der Veränderung geworden seien, auch auf der Straße. Sehr detailliert und interessant waren die zahlreich vorgestellten Flugblätter und Zeitungen im Vorfeld der Zäsur von 1989.

TOMASZ KRUPIERZ (IPN Kattowitz) präsentierte die „Unabhängige Studentenvereinigung in der Kattowitzer Woiwodschaft in der Zeit des Umbruchs“. Den Anfang der Oppositionsarbeit auf dem Weg zur freien Wahl 1989 machten die Studenten der Schlesischen Universität in der Tradition von 1980/81, die Krupierz seit Jahren und als einziger erforscht. Als sich diesen Studenten die Studeierenden der TU Gleiwitz (Politechnika Śląska) 1987 und darauf auch diejenigen der Medizinakademie anschlossen, sei der Druck nach Legalisierung dieser studentischen Vereinigung enorm groß gewesen. Trotzdem, der Erfolg ließ auf sich bis September 1989 warten. Bis dahin kosteten manchen Studenten die Demonstrationen heftige Prellungen von Seiten des Staatssicherheitsdienstes, und interessant ist, dass die Bürgermiliz zunehmend zu den Studenten und nicht so sehr den eigenen Kollegen vom Staatssicherheitsdienst hielten.

ZBIGNIEW BERESZYŃSKI (ehem. Oppositioneller/Oppeln) reflektierte über den „Staatssicherheitsdienst und den Transfomationsbeginn im Oppelner Schlesien“. Nachdem zunächst die oppositionelle Arbeit und ihre Akteure chronologisch und bezogen auf einzelne Orte im sogenannten Mittelschlesien dargestellt worden waren, ging der Referent, gestützt auf seine Analysen des Schrifttums der ehemaligen kommunistischen Staatssicherheit, auf die Durchdringung oppositioneller Strukturen von Agenten der Staatssicherheit ein. Von besonderem Interesse war die Tarnaktion „Juni1989“, deren Ziel es war, die erste freie Wahl unmittelbar zu beeinflussen. Bereszyński stellte fest, diese Aktion habe den Willen nach Veränderung nicht beeiflussen können.

KRZYSZTOF ŁOJAN (IPN Kattowitz) analysierte die „Wirtschaftstrukturen der Kattowitzer Staatssicherheit in der Zeit des Systemverfalls“. Łojan erklärte den Zuhörern die Strukturen des Staatssicherheitsdienstes in der Wirtschaft, sprach von vier Phasen dieser Tätigkeit: die Gründungszeit, ferner die 1970er-Jahre als Zeit des Ausbaus, die 1980er-Jahre als die Dekade der Bewährung angesichts der Wirtschaftskrise, welcher der Kriegszustand angeblich ein Ende gesetzt habe. Nach der ersten freien Wahl wurde erst das Departement zum Schutze der Wirtschaft ins Leben gerufen, konnte offiziell nur noch bis Anfang 1990 arbeiten – die vierte Phase. Denn damals wurde die Auflösung der Staatssicherheit beschlossen. Łojan suchte aufzuzeigen, wie die besprochenen Strukturen der Staatssicherheit nach 1990 in der Wirtschaft, aber auch inbesondere in der Bank-Landschaft fortbestanden hätten. Die Folgen wurden angedeutet, als ein eindeutig aktuelles politisches Thema jedoch weiter nicht diskutiert.

MAREK S. SZCZEPAŃSKI (Schlesiche Universität Kattowitz) sprach von „Oberschlesien – Kulturgrenzland in der Zeit des Umbruchs“. In seinem soziologischen Vortrag wies Szczepański auf den multiethnischen Faktor der oberschlesischen Gesellschaft hin, besprach das Aufkommen des Związek Górnośląski (dt. Oberschlesichen Vereins) sowie des Ruch Autonomii Śląska (dt. Bewegung für Autonomes Schlesien) 1989 und konstatierte demzufolge ein nach Jahrzehnten der Unterdrückung nach wie vor vitales Grenzgebiet. Zu ergänzen wäre, es handelt sich um ein vitales Grenzgebiet, das sich inmitten eines Landes befindet.

MAŁGORZATA ŚWIDER (Universität Oppeln) widmete sich der „Gründung deutscher Minderheit seit Ende der 1980er Jahre“ Anders als im Kattowitzer Industriegebiet habe sich in der Oppelner Gegend um 1989 alles um die Schaffung einer legalisierten deutschen Minderheit gedreht. Bereits in den 1980er-Jahren besuchten zahlreiche Westdeutsche aus der SPD mit Einverständnis der kommunistischen Warschauer Regierung diese noch nicht legal agierende, doch sozialpolitisch präsente Minorität und stellten fest, dass die Anschauungen der Oberschlesier „eingefroren“ seien. Die westdeutschen Debatten um die Vergangenheitsbewältigung seien an ihnen vorbeigegangen, die Thesen von der „deutschen Schuld“ 1939-1945 lehnten sie entschieden ab und seien allgemein gegenüber eigenen polnischen Mitbürgern sehr kritisch. Als die wichtigste Aufgabe im Frühling 1989 verstand man es in der Oppelner Opposition, den Behauptungen Świders folgend, für die eigenen Kandidaten eine Wahlkampagne zu machen. Die Zeit der ideologisch-politischen Transformation begann in Oberschlesien, so die Referentin, erst mit der neuen Generation, der ersten, die in einem demokratischen Land aufwuchs und sozialisiert wurde.

KRZYSZTOF ZUBA (Universität Oppeln) stellte die „Bürgerkomitees im Oppelner Schlesien und deren Rolle in der ersten Periode der Transformation“ dar. Die Rolle der Bürgerkomitees hob Zuba gerade als zivilgesellschaftliche Übergangskraft hervor und bewertete sie freilich sehr positiv. Denn, obwohl nach der Wahl die Komitees ihre Berechtigung verloren, wurden sie doch zum Sammelbecken nichtkommunistischen Denkens und Handelns. Diese Komitees zeichnete ausgeprägte Öffentlichkeitsarbeit aus, was für die Zukunft entscheidend war und die zwar vorhandene, jedoch für die Bedürfnisse einer funktionierenden Demokratie schwach ausgeprägte Zivilgesellschaft in der Region stärkte.

WOJCIECH CZECH (Societas Scientiis Favendis Silesia Superioris) beschäftigte sich mit dem Thema „Bürgerkomitees, Oberschlesischer Verband und deren erste Herausforderungen nach der Wahl 1989”. Czech, selbst einer der ersten nichtkommunistischen Woiwoden – in Kattowitz zwischen 1990 und 1994 – im Polen nach 1989, ging auf die wichtigsten Momente im Aufbau einer Zivilgesellschaft ein: Hinzu zählt er insbesondere die Akzentuierung des Regionalen sowie die Verpflichtung der oberschlesischen Gesellschaft gegenüber der katholischen Kirche. Er selbst beteiligte sich an der Gründung des bereits erwähnten Oberschlesischen Vereins. Indem diese zwei Themen ab 1989 offiziell in Wort und Tat in der breiten Öffentlichkeit vertreten wurden, verschwand der kommunistisch oktroyierte Zentralismus, was die erste Voraussetzung für wirkliche Veränderungen schuf.

ADAM DZIUBA (IPN Katowitz) besprach die „Juli-Wahl in der Kattowitzer Woiwodschaft“ und sein Kollege MARIUSZ PATELSKI (Universität Oppeln) referierte zur „Juli-Wahl im Spiegel von Akten der Staatssicherheit und des Wowiwodschaftskomitess der PZPR in Oppeln“. Beide Referenten rekonstruierten angesichtes des Sieges der Opposition im ersten Wahlgang in beiden schlesischen Woiwodschaften den Sturz der regierenden kommunistischen Einheitspartei. Der Grund dafür sei nicht nur die überraschend „reife“ politische Wahlkampagne der Opposition gewesen, sondern ein Debakel-Wahlkampf der PZPR. Sie habe sich einerseits veralteter Propaganda bedient, andererseits habe ihr der Enthusiasmus der Opposition gefehlt; man könne, so die Referenten, sogar von der Agonie in der Öffentlichkeitsarbeit der PZPR sprechen, also von ihrer internen Handlungsunfähigkeit.

Insgesamt gelang es den Referenten und damit den Organisatoren, anhand von historischer Quellenarbeit und von historisch-soziologischen sowie politologischen Analysen, die wichtigsten Mechanismen aufzuzeigen, wie eine nur teilweise freie Wahl zum entscheidenden Sieg im Aufbau einer Zivilgesellschaft und zur Beseitigung totalitärähnlicher Strukturen im polnischen Oberschlesien nach 1989 beitrug.

Konferenzübersicht:

Marek Migalski: Demokratisierung des politischen Systems 1989 in der gesamtpolnischen Perspektive

Bogusław Tracz: Zerlegung der Woiwodschaftsstrukturen der PZPR in Kattowitz

Sebastian Rosenbaum: Atrophie lokaler Parteistrukturen am Beispiel ausgewählter städtischer Komitees in der Woiwodschaft Kattowitz

Jarosław Neja: Opposition in der Kattowitzer Woiwodschaft 1988-1989

Tomasz Krupierz: Unabhängige Studentenvereinigung in der Kattowitzer Woiwodschaft in der Zeit des Umbruchs

Zbigniew Bereszyński: Staatssicherheitsdienst und den Transfomationsbeginn im Oppelner Schlesien

Krzysztof Łojan: Wirtschaftstrukturen der Kattowitzer Staatssicherheit in der Zeit des Systemverfalls

Marek S. Szczepański: Oberschlesien – Kulturgrenzland in der Zeit des Umbruchs

Małgorzata Świder: Gründung deutscher Minderheit seit Ende der 1980er Jahre

Krzysztof Zuba: Bürgerkomitees im Oppelner Schlesien und deren Rolle in der ersten Periode der Transformation

Wojciech Czech: Bürgerkomitees, Oberschlesischer Verband und deren erste Herausforderungen nach der Wahl 1989

Adam Dziuba: Die Juli-Wahl in der Kattowitzer Woiwodschaft

Mariusz PATELSKI: Juli-Wahl im Spiegel von Akten der Staatssicherheit und des Wowiwodschaftskomitess der PZPR in Oppeln

Anmerkungen:
[1] Adam Dziuroks Eröffnungs-Ansprache.
[2] Gemeint ist freilich die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza = PZPR).
[3] Aus organisatorischen Gründen konnte die angekündigte Reihenfolge der Referate nicht eingehalten werden.
[4] Aleksander Kwaśniewski, bis 1989 an der Spitze der PZPR, im demokratischen Polen 1995 als Mitglied
der sozialdemokratischen Partei zum Staatspräsidenten gewählt.
[5] Die „Zersetzung“ war ein Fachbegriff der kommunistischen Staatsicherheitsdienste und bedeutete im
politischen Bereich, in einer Organisation/Verband einen von außen eingeführten Zerfallsprozess zu initiieren, der von innen begann und nach außen als „natürlich“, also unbeeinflusst wirkte.

Zitation
Tagungsbericht: Untergang des kommunistischen Systems in Oberschlesien, 04.06.2009 Katowice, in: H-Soz-Kult, 22.07.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2698>.
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Veröffentlicht am
22.07.2009
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