4. Studientag Literatur und Wissenschaftsgeschichte

Ort
Berlin
Veranstalter
Institut für Deutsche und Niederländische Philologie, Freie Universität Berlin; Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte; Exzellenzcluster 16, Universität Konstanz
Datum
13.06.2009
Von
Eva Johach, Institut für Kulturwissenschaft, Humboldt-Universität zu Berlin; Andreas Degen, Excellence Cluster „Languages of Emotion“, Freie Universität Berlin

Zum nunmehr vierten Mal luden am 13. Juni 2009 das Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin, das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und der Exzellenzcluster 16 der Universität Konstanz zum Studientag „Literatur und Wissenschaftsgeschichte“ ein. Der Studientag versteht sich als ein für alle Interessierte offenes Forum, auf dem vorher eingereichte Beiträge aus dem Bereich von Literature and Science diskutiert werden können. Organisation und Durchführung des Studientages lagen wieder bei Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm und Dr. Johanna Bohley (FU Berlin), Dr. Christina Brandt und Fabian Krämer M.A. (MPI für Wissenschaftsgeschichte, Berlin) sowie Prof. Dr. Bernhard Kleeberg (Uni Konstanz).

Die für den Studientag ausgewählten Beiträge waren den circa 30 Teilnehmern vorab zugegangen, für die Diskussion auf dem Studientag wurden sie zunächst durch einen Kommentator kritisch vorgestellt. Eröffnet wurde die Diskussion mit der Vorstellung des PhD-Projekts von NINA ENGELHARDT (Edinburgh) „Mathematics in Literature – Mathematics, Reality and Fiction in Thomas Pynchons ‚Against the Day’“, das anhand dreier Romane, die den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu erklären versuchen (Hermann Broch „Die Schlafwandler“, Robert Musil „Der Mann ohne Eigenschaften“, Thomas Pynchon „Against the Day“), die Thematisierung von Mathematik und den Einfluss mathematischer Konzepte auf das Erzählen untersucht. Mit der „Grundlagenkrise der Mathematik“ um 1900 sei die Vorstellung, Mathematik würde Natur beschreiben, durch konstruktivistische und selbst-referentielle Vorstellungen abgelöst worden: „Exploring the ‚nonexistent’ – the mathematical ideas that no longer represent the given world – a fictional quality appears in mathematics“. Dies habe eine Annäherung mathematischer und literarischer Fiktionsvorstellungen veranlasst. Der Kommentar von REMIGIUS BUNIA (Berlin) setzte mit einer fundierten mathematikhistorischen Erläuterung der für Pynchons Roman zentralen Begriffe irrationale Zahl, imaginäre Zahl, Vektor und (heute nur noch von marginaler Bedeutung) Quaternion ein und wies auf den Reiz derartiger Konzepte für fiktionale Texte hin. Dieser könne etwa darin liegen, dass Operationen mit imaginären Zahlen Sachverhalte von durchaus realer Natur beschreiben. Nachdrücklich plädierte er für eine Differenzierung zwischen den Begriffen „Fiktion“ und „Imagination“. Die Diskussion griff diese Erläuterungen dankbar auf. Gefragt wurde, wie Pynchons historischer Roman sich hinsichtlich der theoretischen Krise der Mathematik am Beginn des 20. Jahrhunderts einordnen ließe und in welchen konzeptionellen Zusammenhang er mit Brochs und Musils Romanen gebracht werden soll. Hingewiesen wurde auf einen Essay Musils von 1913, der die Freiheit der Mathematik als vorbildlich für den literarischen Umgang mit dem Imaginären und Phantastischen unterstreicht.

ANNA THIEMANN (Münster) ging in ihrem Beitrag „Neurorealism and the Contemporary Literary Imagination“ der Frage nach, welchen Einfluss aktuelle neurowissenschaftliche Diskurse auf die zeitgenössische amerikanische Erzählliteratur (Ian McEwan, Richard Powers und andere) haben. Diese Frage traf einen Punkt, der für die gesamte Auseinandersetzung um das Verhältnis von Literatur und Wissenschaft von zentraler Relevanz ist. Lässt sich Literatur als „Antwort“ auf wissenschaftliche Entwicklungen verstehen oder kann das Verhältnis anders beschrieben werden? Der von Thiemann gewählte Ansatz ging dahin, literarischen und wissenschaftlichen „Neurorealismus“ in einer gemeinsamen kulturellen Matrix zu verorten, an der Literatur und Wissenschaften gleichermaßen partizipieren und somit die Beziehung zwischen beiden nicht als einseitige Einwirkung zu verstehen. Die Deutung des Phänomens als „renegotiation of the two cultures debate“ rief allerdings ein Problem auf den Plan, auf das FERNANDO VIDAL (Berlin) in seinem Kommentar hinwies: die eigenartige Überforderung literarischer Texte als paradigmatische Ausdrucksformen jener zweiten, „geisteswissenschaftlichen“ Kultur. Dass Literatur stellvertretend eine Oppositionsrolle gegenüber den Naturwissenschaften zu übernehmen habe, bringe das Risiko mit sich, ihre Gegenstände auf Aussagelogiken zu reduzieren. Aber, so Vidal: „Man kann keine klare Position aus Literatur extrahieren.“ Bei der Einordnung der Beziehungen unter die etwas abgegriffene These von den zwei Kulturen bestehe die Gefahr, weitere Dichotomien zu konstruieren, die den Blick auf derzeitige „Neurokulturen“ verstellen, wie zum Beispiel konstruktivistisch versus realistisch - zwei Paradigmen, die innerhalb der Neurowissenschaften gleichermaßen vertreten werden.

Im Anschluss wurde die begriffs- und wissensgeschichtliche Studie „Konstellationen. Zur kulturwissenschaftlichen Karriere eines astrologisch-astronomischen Konzepts bei Heinrich Rickert, Max Weber und Karl Mannheim“ von ANDREA ALBRECHT (Freiburg) vorgestellt. Diese untersucht die semantische Transferleistung, die Ende des 19. Jahrhunderts den Begriff der Konstellation zu einer einflussreichen kultur- und sozialwissenschaftlichen „Hintergrundmetapher“ werden ließ. In andere Diskursfelder übertragen bezeichne „Konstellation“ in der Regel eine „mehrstellige Beziehungsstruktur“ von differenten Faktoren und Positionen, die einen „dynamischen Wirkungszusammenhang bilden“ und nur „aus diesem Zusammenhang heraus angemessen erklärt oder verstanden werden können“. Albrecht rekonstruierte jedoch nicht nur die mit dem interdisziplinären Begriffstransfer verbundene methodische Selbstreflexion der Kulturwissenschaft, sondern versuchte, wie STEFAN BORCHERs (Berlin) Kommentar unterstrich, anhand dieser einen generellen Wandel der wissenschaftlichen Ordnungsmodelle von statischen, zentrierten, systemischen zu dynamischen, dezentrierten, anti-systemischen Vorstellungen zu belegen. Die intensive Diskussion berührte einerseits grundlegende Fragen der historischen Semantik, etwa die Eigendynamik von übertragenen Begriffen in wissenschaftlichen Kontexten. Zum anderen galt sie der spezifischen Affinität des Konstellationsbegriffs zu Methodenpluralismus, zu einem Denken von Kontingenz, zu relationalen Ordnungsvorstellungen und damit auch zur Annahme, eine (historische) Situation nicht nur diagnostizieren, sondern auch beeinflussen zu können. Dass eine räumliche Metapher wie „Konstellation“ in der Moderne eine derartige Konjunktur hat, könne durch die inhärente Dynamik des Begriffs erklärt werden. Empfohlen wurde, die Studie auszuweiten und dabei unter anderem auch die Begriffsbildungen Walter Benjamins und Theodor W. Adornos zu berücksichtigen.

Der Text von URTE HELDUSER (Marburg), „Poetische Missgeburten und das Wissen vom Monströsen“, lenkte die Diskussion auf poetologische Auseinandersetzungen des 18. Jahrhunderts. Er rekurrierte auf einen Topos literarästhetischer Debatten der Aufklärung: die poetische „Missgeburt“ als Resultat einer dichterischen Einbildungskraft, die sich über die Gebote der Mimesis hinwegsetzt. Wenn die verhandelten Autoren, allen voran Gottsched, von poetischen Monstrositäten sprechen, bezeichneten sie zum einen eine misslungene Gattungsvermischung, zum andern eine Fehlleitung dichterischer Einbildungskraft, die das Werk ‚verzerre’, und rekurrierten so eher auf ästhetische Proportionslehren. Neben älteren Vorstellungen von der Entstehung der Monstren aus ‚naturwidrigen’ Kreuzungen bzw. Sodomie werde dabei auch auf neuere Konzepte von Zeugung und Bildungstrieb zurückgegriffen. Handelt es sich hierbei aber um die literarische Adaption eines biologischen Zeugungswissens? Wird hier eine Autonomieästhetik entwickelt, die sich an zeitgenössischen Vorstellungen von Epigenesis orientiert? Wie die Kommentatorin YVONNE WÜBBEN (Berlin) vermutete, könnte es gerade angesichts der Überzeugungskraft dieser Entsprechung sinnvoll sein, neue Begriffe für ein Feld zu finden, das sowohl wissenschaftlich wie ästhetisch relevant ist, und schlug hierfür den Begriff der „Kopplungen“ vor. In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass es nicht die Adaption eines zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Wissens sein muss, die diesen biologisch-ästhetischen Katachresen zugrunde liegt. Die Parallelisierung dichterischer und sexueller Zeugungskraft ließe sich auch auf Umschriften frühneuzeitlicher Imaginatio-Lehren beziehen, in denen der Zeugungsakt mit dem Einprägen von Bildern analogisiert werde.

Im Unterschied zu allen anderen Beiträgen, die einen fiktionalen, kulturwissenschaftlichen oder poetologischen Sekundärdiskurs mit einem natur/neurowissenschaftlichen bzw. theologischen oder mathematischen Primärdiskurs verglichen, stellte der Beitrag von FABIENNE IMLINGER (München) einem medizinischen Sekundärdiskurs einen autobiographischen Primärdiskurs gegenüber. Unter dem Titel „Erzähltes versus diagnostiziertes Geschlecht? Der Fall des Hermaphroditen zwischen autobiographischer Laien- und medizinischer Experten-Rede um 1900“ ging sie der Frage nach, wie medizinische Expertise den autobiographischen Text eines Laien überformt und klassifizierend vereindeutigt. Nach einem an Michel Foucault orientierten Problemaufriss zur medizinischen Geschlechterklassifikation um 1900 wurde dies am Beispiel der Autobiographie eines Hermaphroditen dargestellt. Dessen Deutungshoheit über seine eigene sexuelle Disposition werde durch das Nachwort Magnus Hirschfelds prinzipiell in Frage gestellt, insofern dieses den Bericht zu einem bloßen Kommentar vorgängigen Expertenwissens herabstufe. In ihrem Kommentar wies SABINE MEYER (Berlin) darauf hin, dass die am Beispiel des Hermaphroditen vorgenommene Problematisierung dichotomischer Klassifikation auch auf die Unterscheidung von Experten- versus Laienrede zu beziehen sei. Inwiefern ist eine autobiographische, mit Nachwort ausgestattete Publikation überhaupt noch als „Laienrede“ zu verstehen? Die Diskussion empfahl darüber hinaus eine methodische Reflexion hinsichtlich des Verhältnisses von Narratologie und Foucault’scher Diskursanalyse. Angesprochen wurden auch die Verschiebung der Deutungsmacht aus dem juridischen in den medizinischen Diskurs, die funktionale Mehrdeutigkeit des Nachwortes (Deutungshoheit, Legitimation der Publikation, Vermarktung) und die Möglichkeit, die rhetorisch-narrativen Strategien des autobiographischen Primärtextes und medizinischen Kommentars genauer zu analysieren.

Der abschließende Beitrag führte zurück in die Frühe Neuzeit. BJÖRN QUIRING (Frankfurt an der Oder) ging in seinem Paper „Die Ausrufung der Naturgesetze in John Miltons ‚Paradise Lost’“ den Spuren der scientia nova in diesem Epos nach. Zentral hierfür sei der Begriff des Naturgesetzes, der von Milton unter anderem für eine „Ausstoßung“ von Adam und Eva aus dem Paradies in Anspruch genommen wurde. Dem prominent werdenden Begriff des Naturgesetzes sei dabei eine theologische Problematik eigen, die sich auf den Modus göttlichen Wirkens in der Natur bezieht: Wirkt Gott durch die Naturgesetze oder durch eine grundsätzlich unbegreifliche Offenbarung? Während im letzteren Fall Gott erhaben über allen Gesetzen steht (potentia dei absoluta), scheint im ersten Fall sein eigenes Handeln - nach Art einer Selbstverpflichtung - an Naturgesetze gebunden zu sein (potentia dei ordinata). Auf den Sündenfall bezogen, laute das Dilemma: „Ist die Erbsünde Bestandteil von Gottes Schöpfungsplan, dann ist der Mensch letztlich schuldlos; ist sie es nicht, dann scheint das Gottes Souveränität in Frage zu stellen.“ In Miltons Epos, so Quiring, würden die verschiedenen Positionen so einbezogen und gegeneinander gesetzt, dass sie sich „aneinander abarbeiten“. Gegen klassische theologische Positionen würden dabei dem neuzeitlichen Weltbild erste „Erhabenheitseffekte“ abgewonnen. Die durch den Kommentar von CLAUDIA RICHTER (Berlin) angeregte Diskussion drehte sich unter anderem um die Frage, inwiefern die Naturgesetze selbst erst mit dem Sündenfall in Kraft träten und dieser zugleich als die Geburtsstunde poetischer Einbildungskraft verstanden werde. Wenn nicht nur der Mensch, sondern auch die Natur „gefallen“ ist (natura lapsa), ist ein unmittelbarer Zugang versperrt, was eine umfassende Naturhermeneutik notwendig macht.

Ein Leitmotiv dieses Studientags war sicherlich das problematische Konzept des „Einflusses“, den (in der Regel) naturwissenschaftliche Diskurse auf Literatur haben. Daran wird idealtypisch deutlich, mit welchen Schwierigkeiten sich jede Untersuchung im Feld Literature and Science auseinandersetzen muss. Wenn literarische Formen als „Antwort“ auf und Verarbeitungen von wissenschaftlichen Entwicklungen gelten, droht ihre Eigengesetzlichkeit aus dem Blick zu geraten. Um älteren Positionen einer „Einflussforschung“ zu entkommen, schlägt das Pendel mitunter aber auch in die Gegenrichtung aus: Über das Argument der „Vorwegnahme“ werden Literaten zu Natur-, zum Beispiel Neurowissenschaftlern erklärt; dadurch wird aber die Einflussrichtung nur umgekehrt. Texte und Diskussionen dieses Studientags waren vom Bemühen geprägt, dritte Wege zwischen diesen Extrempolen einzuschlagen und einen gemeinsamen Referenzpunkt zu finden, an dem Literatur und Wissenschaften gleichermaßen partizipieren – sei es eine „kulturelle Matrix“, ein populäres Wissen oder „Affinitäten“ auf anderen Ebenen. Als Herausforderung bleibt, die Wissensformen und die zwischen ihnen stattfindenden Wechselwirkungen so zu konzeptualisieren, dass ihren eigenen Regeln und Funktionen Rechnung getragen wird.

Konferenzübersicht:

Nina Engelhardt, Edinburgh: Mathematics in Literature – Mathematics, Reality and Fiction in Thomas Pynchon’s ‘Against the Day’

Anna Thiemann, Münster: Neurorealism and the Contemporary Literary Imagination

Andrea Albrecht, Freiburg: „Konstellationen“. Zur kulturwissenschaftlichen Karriere eines astrologisch-astronomischen Konzepts bei Heinrich Rickert, Max Weber, Alfred Weber und Karl Mannheim

Urte Helduser, Marburg: Poetische Mißgeburten und das Wissen vom Monströsen im 18. Jahrhundert

Fabienne Imlinger, München: Erzähltes vs. diagnostiziertes Geschlecht? Der Fall des Hermaphroditen zwischen autobiographischer Laien- und medizinischer Experten-Rede um 1900

Björn Quiring, Frankfurt an der Oder: Die Ausrufung der Naturgesetze in John Miltons Paradise Lost“

Zitation
Tagungsbericht: 4. Studientag Literatur und Wissenschaftsgeschichte, 13.06.2009 Berlin, in: H-Soz-Kult, 24.08.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2760>.