Das Institut für Kultur- und Universalgeschichte an der Universität Leipzig und die Hochschulentwicklung am Beginn des 21. Jahrhunderts

Ort
Leipzig
Veranstalter
Global and European Studies Institute, Universität Leipzig
Datum
14.05.2009 - 16.05.2009
Von
Konstantin Freytag-Loringhoven, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Zur Halb-Jahrtausendfeier, dem 500. Gründungsjubiläum 1909, hatte es an der Universität Leipzig Bemühungen um fächerübergreifende Forschung gegeben, welche zum heutigen Ruf nach Interdisziplinarität auffällige Parallelen aufweist. Der Historiker Karl Lamprecht (1856-1915) hatte in diesem Jahr mit seinem Institut für Kultur- und Universalgeschichte einen Rahmen für eine Geschichtswissenschaft tendenziell globalen Zuschnitts in Lehre und Forschung geschaffen, der der Zersplitterung in spezialistische Subdisziplinen entgegen wirken sollte. Schon seit dem International Congress of Arts and Science anlässlich der Weltausstellung in St. Louis 1904 standen diese konzeptionellen Fragen für ihn im Mittelpunkt und ihre bis heute andauernde Aktualität kann kaum bestritten werden. So befasste sich eine von der Fritz Thyssen-Stiftung geförderte internationale Tagung im Jahr des 600. Leipziger Universitätsjubiläums mit den von Leipzig aus angehenden Ansätzen und deren Wirkung bis in die Gegenwart. Ausrichter der Tagung war das im Mai 2009 neu formierte Global and European Studies Institute der Universität Leipzig. Das an der dortigen Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie angesiedelte Institut greift als Träger zweier Master-Studiengänge heute globale Fragen auf, deren Bearbeitung einer ähnlichen methodischen und räumlichen Vernetzung bedarf, wie sie einst Lamprecht im Sinn hatte.

In einem Eröffnungsvortrag behandelte PATRICK MANNING (Pittsburgh) die Lokalisierung von World History im Gefüge der Disziplinen und nutzte dafür die Bildung von internationalen Verbänden als Ausgangspunkt. Er konnte zeigen, wie sich einerseits die Naturwissenschaften um die Bildung neuer Verbände an den Schnittstellen mehrerer Disziplinen bemühten, während die Humanwissenschaften sich noch immer auf eine ältere disziplinäre Matrix stützen und in diesem Rahmen den Neuerungen Platz verschaffen müssen. Manning zeichnete nach, auf welche Schwierigkeiten dies gerade im Fall der Weltgeschichte gestoßen sei und markierte die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts als entscheidenden Umbruch, da es hier erstmals gelang, internationale Organisationen wie das Network of Organisations in Global and World History zu bilden und Master- sowie Promotionsstudiengänge im Fach Global History zu etablieren.

Den ersten vollen Konferenztag eröffnete der Leipziger Rektor FRANZ HÄUSER mit einer Hommage an die „goldenen Jahre“ der Universität Leipzig am Vorabend des Ersten Weltkrieges und Verweisen auf Lamprechts Rektorentätigkeit, die mit einem anspruchsvollen Reformprogramm verbunden war.

Die anschließende Sektion 1 der Tagung fragte nach dem intellektuellen Programm der Leipziger Humanwissenschaften in dieser Phase. Neben dem Historiker Lamprecht bemühte sich auch der Chemiker Wilhelm Ostwald (1853-1932) um eine solche Einheit der Wissenschaften. Bei seinem Referat über Ostwald fokussierte PIRMIN STEKELER-WEITHOFER (Leipzig) auf dieses Engagement, welches jenseits seiner 1909 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten chemischen Forschung lag. Zusammen mit dem Wiener Philosophen Rudolf Goldscheid (1870-1931) entwarf Ostwald vor dem Ersten Weltkrieg eine auf seinem Energie-Begriff basierende soziologische Theorie, die sich später allerdings nicht durchsetzen konnte. Die von Ostwald herausgegebenen „Annalen der Naturphilosophie“ gaben bewusst neuen Ideen Raum, wurden so aber auch im Laufe der Zeit immer mehr zu einem Sammelplatz obskurer Laienautoren. Seine persönliche Kompromisslosigkeit und seine ideologischen Festlegungen im Monistenbund seien Gründe für das Scheitern Ostwalds gewesen, mit seiner Wissenschaftsphilosophie erfolgreich Standards zu setzen.

Während Ostwald echte wissenschaftliche Forschung nur außerhalb der Universität als möglich ansah, versuchte Lamprecht verschiedene Perspektiven der Wissenschaften in seinem Konzept der Forschungsinstitute in der Universität zu verankern. MATTHIAS MIDDELL (Leipzig) stellte die 1914 mit Hilfe privater Geldgeber errichtete König-Friedrich-August-Stiftung vor, mit der Lamprecht dem drohenden Auszug der Forschung aus der Universität, wie er sich mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft bereits ankündigte, entgegenzutreten. Uneinigkeiten vor allem innerhalb der Philosophischen Fakultät der Leipziger Universität führten dazu, dass mit der Vielzahl der letztendlich geschaffenen Instituten eine profilierte gemeinsame Basis für die Einheit der Wissenschaften nicht mehr möglich war. Die Bemühungen in Leipzig standen durchaus an der Spitze ihrer Zeit, ihr Scheitern ist zu einem nicht unbeträchtlichen Teil den Persönlichkeitsstrukturen der Protagonisten geschuldet, die wenige Kompromisse zuließen; aber zugleich zeigte sich, dass das strukturelle Dilemma für die Universitäten damit keineswegs aus der Welt war.

In der Entstehung der Teildisziplin Osteuropäische Geschichte in Berlin und Wien zeichnete STEFAN TROEBST (Leipzig) die Motivation für die Einrichtung eines interdisziplinär ausgerichteten Teilfaches nach. Das politische Interesse an verwertbaren Informationen durch „Feindbeobachtung“ ermöglichte großzügige Ressourcen für das Teilfach seit den 1890er-Jahren. Troebst verfolgte die Entwicklung der Osteuropaforschung über ihre Instrumentalisierung im Dritten Reich und ihr von Polemiken oft verdecktes Schicksal in der Zeit der deutschen Teilung bis hin zur Reorganisation im Zeichen der Transitions- und Transformationsforschung der 1990er-Jahre als Grundlage für ein erweitertes Verständnis europäischer Geschichte.

Der hybride Charakter der Doppeltagung zwischen historischem Blick und aktuellen Anforderungen erwies sich als Glückfall für die in Sektion 2 diskutierten Universitätsreformen. Im Vergleich mit den vorangegangenen Versuchen vor hundert Jahren konnte die nach den ersten Erfahrungen mit den Bologna-Reformen vielerorts gerne von Geisteswissenschaftlern praktizierte „Kummerkasten“-Atmosphäre vermieden werden. Stattdessen stellte CARL FRIEDRICH GETHMANN (Duisburg-Essen) seiner Einführung zur Verfasstheit der deutschen Universität grundsätzliche Überlegungen zur deutschen Universität vor. Nach Humboldtscher Tradition und den beiden Neubesinnungsmomenten nach 1945 und 1968 sei der Organisationszweck der Universität als Ort von Forschung und Lehre unbestritten. Die Ökonomisierung stelle aber heute eine Gefährdung dar, der man die von Kant angeregte „Gelehrtenrepublik“ entgegenstellen könne. Merkmale seien der transutilitarische Zweck des Wissens, die relative Autonomie und vor allem ein Regime der Lehrenden und Lernenden. Insbesondere die letztgenannte Verantwortung der Wissenschaftler selbst brauche es für einen funktionierenden Wissenschaftswettbewerb. Wünschenswert sei zwar keinesfalls die entscheidungsunfähige Gruppenuniversität, wohl aber eine Selbstverwaltung der Wissenschaftler, deren Gestaltungsspielraum die Bürokratielast bei weitem im Positiven ausgleiche. Auf der anschließenden Podiumsdiskussion vertat WOLFGANG FACH, als Prorektor der Universität Leipzig für die Umsetzung der Studienreformen zuständig, die Gegenposition: Zwar sei die „Reform der Reform“ notwendig, grundsätzlich sei eine Krise der Universitäten durch den Bologna-Prozess aber nicht erkennbar. Gerade die Modularisierung habe auch Lösungen für manche Probleme der Lehre an der Massenuniversität erleichtert.

Eine zweite Podiumsdiskussion fragte nach dem Gewicht der Leipziger Traditionen für eine heute zunehmend geforderte interdisziplinäre Vernetzung. Stekeler-Weithofer beschrieb, dass bei heutigen Hybridstudiengängen schwer von Interdisziplinarität gesprochen werden könne, da in der kurzen Zeit keine Methodik voll erlernt werden könne. HANNES SIEGRIST (Leipzig) erinnerte daran, dass der Erfolg der Bielefelder Interdisziplinarität auch aus einem Zusammenkommen von Menschen resultierte, die ihr Fach sehr gut beherrschten. Vernetzungen müssten heute in einem internationalen Maßstab erfolgen, da lokal nicht die geeignete Anzahl an Spezialisten vorhanden sei. Aus Sicht des Humangeographen beschrieben SEBASTIAN LENTZ (Leipzig), aus der der Osteuropahistoriker Stefan Troebst die bewusste Reserviertheit gegenüber Fachtraditionen in ihren Disziplinen, da zum Beispiel die Erfahrung der ideologisierten Ostforschung der NS-Zeit negative historische Bezugspunkte bilde. Der Konsens in dieser Podiumsdiskussion formierte sich um drei Gesichtspunkte: Ein direktes Anknüpfen an die „Helden“ des Leipziger Positivistenkränzchens lässt sich nur in Ausnahmefällen beobachten, wozu möglicherweise auch die massiven personellen Umbrüche in den 1990er-Jahren beigetragen haben, die viele andere Traditionsbestände als Referenzpunkte nach Leipzig gebracht haben. Trotzdem formierte sich zweitens die wiederum benötigte Interdisziplinarität entlang ähnlicher Fächerkonstellationen, was zur vertieften Auseinandersetzung mit den vorläufig noch vernachlässigten Traditionen Anlass bietet. Drittens schließlich: Interdisziplinarität ist leichter proklamiert als in Studiengängen und Forschungsprojekten realisiert, weshalb aus dem Scheitern früherer Versuche vielleicht sogar mehr zu lernen sei als aus den wenigen erfolgreichen Bemühungen, die oft nur kurzlebig waren.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert fand eine rasante Transnationalisierung vor allem der Forschung statt, der sich Sektion 3 widmete. ECKARDT FUCHS (Braunschweig) beschrieb den Internationalismus in der Wissenschaft als eine conditio sine qua non, da sie von universeller Überprüfbarkeit und grenzenlosem Austausch lebe. Der Austausch um 1900 wurde oftmals von praxisrelevanten Fragen angetrieben und zumeist von einem Wettstreit der Nationen motiviert. So wurde zwar das Wissen in hohem Maße internationalisiert, nicht aber die Institutionen. Auf diese Weise wird verständlich, dass der Erste Weltkrieg einen großen Teil des Austausches zum Erliegen brachte. Anhand der Weltgeschichtschreibung in drei Ländern des östlichen Europas illustrierte FRANK HADLER (Leipzig) die gegenseitigen Anregungen und Referenzen, die selbst in den 1960er-Jahren grenzüberschreitend wirkten. Allerdings folgte der weltgeschichtliche Blickwinkel in Ungarn, Polen und der Tschechoslowakei immer auch den nationalen Erfahrungen der jeweiligen Epoche. GENEVIEVE WARLAND (Brüssel) beschrieb die Internationalisierungsstrategien der Geschichtsforschung Lamprechts und des Belgiers Henri Pirenne (1862-1935). Die weitreichenden Forderungen an die Ausbildung der Historiker in mehreren Ländern oder den Austausch neuer Episteme endeten freilich auch hier oft an der nationalen Perspektive. An der Universität Leipzig blieb ein großer Teil der Aktivitäten im Paradigma des Wettstreits der Nationen, während im kleinen Belgien die Eigenwahrnehmung eher eine Mittlerrolle im „Mikrokosmos Europa“ in den Vordergrund rückte. Mit der Beschreibung der Beziehungen von Henri Berr (1863-1954) zu Lamprecht ging DOMINIQUE BOUREL (Paris) der Frage nach, wer eigentlich die Träger solch internationaler Wissenschaftsaustausche waren. Anhand der Beispiele Berrs und anderer Franzosen aus jüdischen Familien oder solchen protestantischer Konfession, illustrierte Bourel seine These, dass es stets Minderheiten seien, aus denen die „Apostel und Träger“ der Internationalisierung stammen. Die Spannung zwischen nationalem Wettbewerb und Forschungsinteresse an anderen Perspektiven verfolgte auch der Beitrag von PETER LAMBERT (Aberystwyth), der im Werdegang von Mark Hovell (1888-1916) den Austausch zwischen der Manchester School of History und der Leipziger Geschichtswissenschaft rekonstruieren konnte. Es war Lamprecht gelungen, Lektorate an seinem Institut für britische und französische (ebenso wie für japanische und chinesische) Geschichte mit Historikern aus diesen Ländern einzurichten. Einer davon war Hovell, dessen Erfahrungen mit der deutschen Arbeiterbewegung in Leipzig auch in sein Werk über die britische Chartistenbewegung eingingen. Während man über die frankophonen Lektoren schon seit etwa 15 Jahren Näheres weiß, erweitert der Quellenfund Lamberts unser Wissen auf ein bisher vernachlässigtes Terrain.

Auch für die heutigen Fragen nach der künftigen Organisation der Kulturwissenschaften konnte der Leipziger Rückblick um ein Centennium zahlreiche Anregungen geben. Aus dem Mikrokosmos der Leipziger Diskursgemeinschaft entstanden mehrere Versuche, über fachliche und nationale Grenzen hinauszugehen. Insbesondere der Blick auf Gründe des Scheiterns mancher Ambitionen brachte detailreiche Einblicke in das Wissenschaftssystem. Somit ist bedauerlich, dass die Tagung nicht von einem größeren Kreis über den der interessierten Kulturwissenschaftler hinaus als geeignetes Forum auch für die aktuelle Diskussion genutzt wurde.

Konferenzübersicht:

Abendvortrag
Patrick Manning (University of Pittsburgh), World History and the Disciplines in the Twentieth Century

Sektion 1: Das intellektuelle Programm der Leipziger Humanwissenschaften um 1900
Moderation: Hannes Siegrist (Universität Leipzig, Institut für Kulturwissenschaften)

Eröffnung: Prof. Dr. Franz Häuser, Rektor der Universität Leipzig

Pirmin Stekeler-Weithofer (Universität Leipzig / Sächsischen Akademie der Wissenschaften), Wilhelm Ostwald

Matthias Middell (Universität Leipzig), Von der König-Friedrich-August-Stiftung 1914 zu den Forschungskollegs von heute – Wie organisiert man interdisziplinäre humanwissenschaftliche Forschung an den Universitäten?

Stefan Troebst (Universität Leipzig), Deutsch(sprachig)er Sonderweg: Das politisch bedingte Entstehen einer historischen Teildisziplin Osteuropäische Geschichte in Berlin und Wien um 1900

Sektion 2: Universitätsreformen
Moderation: Ulf Engel (Universität Leipzig)

Carl Friedrich Gethmann (Universität Duisburg-Essen), Die Verfaßtheit der deutschen Universität

Podiumsdiskussion I „Bologna in der Krise“
Moderation: Pirmin Stekeler-Weithofer

Teilnehmer:
Wolfgang Fach (Universität Leipzig)
Carl Friedrich Gethmann

Podiumsdiskussion II „Interdisziplinarität damals und heute“
Moderation: Matthias Middell

Teilnehmer:
Sebastian Lentz (Leibniz-Institut für Länderkunde)
Hannes Siegrist
Pirmin Stekeler-Weithofer
Stefan Troebst

Sektion 3: Transnationalisierung von Lehre und Forschung im 20. Jahrhundert
Moderation: Katja Naumann (GWZO Leipzig)

Eckhardt Fuchs (Georg-Eckert Institut für Internationale Schulbuchforschung Braunschweig), Internationalisierung der Humanwissenschaften um 1900

Frank Hadler (GWZO Leipzig), Interesse an Weltgeschichte im östlichen Europa

Geneviève Warland (Collège Saint Louis, Brüssel), Henri Pirenne und Lamprechts Internationalisierungsstrategie

Dominique Bourel (Sorbonne Paris), Henri Berr und Karl Lamprecht

Peter Lambert (Aberystwyth), Die "Manchester School of History", 1890-1930: transnationale Perspektive

Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Das Institut für Kultur- und Universalgeschichte an der Universität Leipzig und die Hochschulentwicklung am Beginn des 21. Jahrhunderts, 14.05.2009 – 16.05.2009 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 02.10.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2790>.