Staufisches Kaisertum im 12. Jahrhundert. Konzepte - Netzwerke - Politische Praxis

Ort
Mainz
Veranstalter
Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz; in Zusammenarbeit mit den Reiß-Engelhorn-Museen Mannheim; dem Institut für Fränkisch-Pfälzische Geschichte, Universität Heidelberg; der Stadt und Kaiserpfalz-Forschungsstätte Ingelheim
Datum
02.09.2009 - 04.09.2009
Von
Mascha Funke / Lena Sommer, Mittelalterliche Geschichte, Universität Heidelberg

Vom 2. bis 4. September fand im Landesmuseum Mainz in Vorbereitung der Ausstellung der Länder Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen „Die Staufer und Italien" die wissenschaftliche Tagung „Staufisches Kaisertum im 12. Jahrhundert. Konzepte - Netzwerke - Politische Praxis" statt. Veranstalter waren die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz in Zusammenarbeit mit den Reiß-Engelhorn-Museen Mannheim, dem Institut für Fränkisch-Pfälzische Geschichte der Universität Heidelberg und der Stadt und Kaiserpfalz-Forschungsstätte Ingelheim. Die wissenschaftliche Leitung lag bei Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter und Stefan Burkhardt vom Historischen Seminar Heidelberg. Die Veranstaltung knüpfte an die Ende 2008 in Mannheim ausgerichtete Tagung „Verwandlungen des Stauferreichs – Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa“ an.

Wie geht eine Wissenschaft mit ihren „zerforschten Helden“ um? In seiner Einleitung skizzierte BERND SCHNEIDMÜLLER (Heidelberg) zunächst die Geschichte der Instrumentalisierung Friedrichs I. Barbarossas: Das Barbarossa-Bild des 12. bis 20. Jahrhunderts mache es den modernen Mediävisten schwer, heute noch über die Staufer zu arbeiten. Daher bedürfe es neuer Denkmodelle: weg von den Bestrebungen, das Trauma von Canossa zu überwinden und das Kaisertum aus nationaler Perspektive zu definieren, hin zu dem Versuch, das staufische Kaisertum als „regionale Denkfigur“ zwischen Byzanz, der Iberischen Halbinsel und der Mongolei zu begreifen. Die Frage nach Globalität und Nationalität dürfe dabei aber nicht einziger Maßstab sein, sondern der Fokus solle auch auf vormoderne Ordnungskonfigurationen im Sinne der Alterität gelegt werden.

Die erste Sektion der Tagung unter der Moderation Bernd Schneidmüllers nahm sich zur Aufgabe, „Konzepte des Kaisertums“ aufzuspüren. ROMAN DEUTINGER (München) ging imperialen Konzepten bei den Geschichtsschreibern im Umkreis Friedrichs I. nach. Inwieweit lässt sich, so fragte Deutinger, eine spezifisch höfische Herrschaftsideologie aus der so genannten „staufischen Hofhistoriographie“ wie Werken Ottos von Freising, Rahewins oder Gottfrieds von Viterbo herauslesen? Die Schlussfolgerung sei eher ernüchternd: Zwar fänden sich etwa Vorstellungen von den vier Weltreichen oder der „translatio imperii“, doch werde andererseits kaum zwischen „regnum“ und „imperium“ unterschieden; das „sacrum imperium“ tauche gar nicht auf. Die Autoren schrieben nicht im Auftrag des Hofes, so dass sie kaum als Vertreter eines offiziellen imperialen Gedankenguts zu proklamieren seien. Generell bliebe fragwürdig, ob diese Geschichtsschreiber eine homogene Gruppe darstellten.

„Das Kaisertum aus päpstlicher Sicht“ behandelte ULRICH SCHLUDI (Heidelberg/Ravensburg) anhand zweier an der Kurie gebräuchlicher Begriffe: Friedrich als „advocatus sancte Romane ecclesie“ und als „karissimus et specialis filius beati Petri“. In seiner Funktion als Vogt der römischen Kirche komme dem Kaiser zwar eine herausgehobene Stellung als deren Beschützer und Verteidiger zu, aus päpstlicher Perspektive bleibe der Vogt aber auf eine dienende Funktion beschränkt. Das Bild des Kaisers als Sohn des Papstes kommentierte Schludi am Beispiel des Friedens von Venedig 1177: Dort sei die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Alexander III. und Friedrich I. wiederhergestellt worden, jedoch mit einer biblischen Konnotation: Barbarossas Unterwerfung wurde zur Heimkehr des verlorenen Sohns stilisiert.

Welche Bedeutung hatte Rom für Barbarossa? Dieser Frage widmete sich JOCHEN JOHRENDT (München) in seinem Vortrag „Barbarossa, das Kaisertum und Rom“. Schnell werde dabei eine Diskrepanz klar: Rom erscheine als „Caput mundi“ auf den Bullen Friedrichs I. und somit auf herausragenden Herrschaftszeichen des Staufers. Johrendt stellt diesem abstrakten Rom jedoch ein ganz konkretes, nämlich die reale Stadt, gegenüber: Blicke man auf das Itinerar und die Urkunden Barbarossas, so nehme Rom in der politischen Praxis wenig Raum ein. Selbst die intensivierte Steigerung des Rominteresses ab 1167 sei nicht auf einen Funktionswandel der Stadt zurückzuführen, sondern auf die faktische Notwendigkeit kaiserlicher Kontrolle in Zeiten des Schismas. Die Romidee könne demnach nicht als spezifisch kaiserliches Herrschaftskonzept Friedrichs I. verankert werden.

Den ersten Sitzungstag beschloss JOACHIM EHLERS (Berlin) mit seinem öffentlichen Abendvortrag „Das Kaisertum Barbarossas und seine Folgen für das Reich“. Dabei fokussierte er weniger die Herrschaftskonzeption Friedrichs I. als vielmehr dessen „bloßes Vorhandensein“: Dadurch dass Barbarossas Kaisertum einer Schnittstelle des Reiches gleichgekommen sei, hätten sich weitreichende Konsequenzen ergeben. An erster Stelle sei wohl das Erstarken der oberitalienischen Städte zu nennen, die in dem staufischen Kaiser einen gemeinsamen Kontrahenten gesehen und sich zum Lombardenbund zusammengeschlossen hätten. Barbarossa sei eine Schlüsselgestalt: „Die Welt sähe anders ohne ihn aus!“

Die zweite Sektion unter Leitung von Helmut Kluger (Köln) blickte am folgenden Tag auf „Das Kaisertum im Netzwerk politischer Praxis“. Mit einer Neubewertung der Einflüsse oberitalienischer Rechtskultur auf das Lehnrecht leitete JÜRGEN DENDORFER (München) die Sektion ein. In seinem Vortrag „Roncaglia: Kaiserrecht und lehnrechtlicher Umbau des Reiches?“ ging Dendorfer von der These aus, dass die Hoftage von Roncaglia (1154/1158) auslösendes Moment eines lehnrechtlichen Transferprozesses geworden seien. Präzisiert habe sich dadurch ein neues Ordnungskonzept, das in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ins deutsche Reich eingedrungen sei: Die Vorstellung des Königs als oberstem Lehnsherr des Reiches, inspiriert vom Modell des lombardischen Lehnrechts. Der Erfolg dieses Modells rühre vornehmlich daher, dass ein so verstandenes Verhältnis zwischen einem Herrn und seinen Vasallen es ermögliche, deren Heeresfolge nach Italien zu erzwingen.

„Barbarossa, Frankreich und die Weltherrschaft“ und deren Verhältnis zueinander widmete sich STEFAN BURKHARDT (Heidelberg). In der politischen Praxis könnte sich der Anspruch Friedrichs I. auf Weltherrschaft unter anderem im Lehnrecht, im Konnubium oder in der Rolle als Vogt einer universalen römischen Kirche geäußert haben. Wende man die Begriffe der Weltherrschaft und Hegemonie an und begreife Hegemonie als Vorherrschaft über ein begrenztes Territorium, Weltherrschaft als Anspruch auf Alleinvertretung, so ergebe sich im Vergleich mit Frankreich folgendes Bild: Barbarossa könne – überspitzt dargestellt – als hegemonialer Herrscher gelten, dessen politische Praxis einem Angleichungsversuch an die Herrschaftskonzeptionen der Île-de-France nahekomme.

Den Spuren byzantinischer Einflüsse auf die Herrschaftskonzeption Barbarossas ging ELENI TOUNTA (Thessaloniki) nach und wurde vor allem in der Zeit des Alexandrinischen Schismas (1159-1177) fündig. Durch den Versuch Kaiser Manuels I. Komnenos, den Konflikt zwischen „sacerdotium“ und „regnum“ zu nutzen und Alexander III. zur Negation der „translatio imperii a Grecis ad Francos“ zu bewegen, habe Friedrich I. seine Herrschaft neu legitimieren müssen. Hinsichtlich Romidee, Thronfolge und Universalmacht habe er aus dem ideologischen Fundus seines byzantinischen Gegners geschöpft. Am Beispiel des Mitkaisertums Heinrichs VI. zeige sich, dass sich Friedrich I. auch in der politischen Praxis an Byzanz orientiert und seinen Gegner „mit eigenen Mitteln“ bekämpft habe. Der Prestigeverlust Byzanz‘ und nicht zuletzt dessen Niedergang Ende des 12. Jahrhunderts müssten auch als eine Konsequenz dieser politischen Praxis gedeutet werden.

KAI SPRENGER (Ravensburg) nahm italienische Quellen und deren Entstehungskontext in den Blickpunkt seiner Betrachtung, um die Polarität zwischen den auftretenden Bezeichnungen „sanctus imperator“ und „persecutor ecclesie“ für Barbarossa aufzuzeigen und zu erläutern. Weiter wurde geprüft, ob der Terminus sanctus eine spezifisch italienische Sichtweise charakterisiere oder ob es sich um eine vom Hof instruierte handle. Insgesamt ließe sich festhalten, dass es sich bei der Titulierung des Kaisers als sanctus um eine Ausnahme handle und nicht um eine Notariatsgewohnheit. Erst in Krisensituationen trete eine Häufung des Begriffes auf und dies meist im Kontext höfischer Schreiber.

In welcher Hinsicht „Das Kaisertum in der langen Dauer“ Traditionen und Neuerungen aufwies, behandelten drei Vorträge, die der dritten Sektion unter der Moderation von Hubertus Seibert (München) angehörten. GERALD SCHWEDLER (Zürich) beleuchtete das Kaiserverständnis Barbarossas auf Traditionslinien und Innovationen unter „Bezugnahme auf andere Kaiser“. Er arbeitete heraus, dass gerade das Aufgreifen von Traditionen bewusst eingesetzt worden sei, um neue Prozesse zu initialisieren. Zunächst untersuchte er die historisch nachweisbaren Anleihen, um in einem zweiten Schritt auf die historischen Vorgänger und deren politische Grundlinien einzugehen. Im dritten Teil widmete er sich den Memorialpraktiken, die sich in einem Bild aus den verschiedenen „praedecessores“ verdichteten. Die Fragestellung ergab, dass gerade die Vorstellung von Herrschaft und Reich am staufischen Hof besonders gepflegt worden sei, weitaus stärker als im salischen oder ottonischen Hause.

Neue Herrschaftskonzeptionen, die nach dem Ende des Schismas 1177 und dem Konstanzer Vertrag von 1180 nötig erschienen, wie auch vor allem deren Verbindung mit apokalyptischem Gedankengut, waren Thema von THOMAS FOERSTER (Bergen/Norwegen). In seinem Vortrag „Das Kaisertum Heinrichs VI.“ untersuchte er vor allem dessen Beziehung zu Joachim von Fiore. Imperiale Vorstellungen und deren Zusammenhang mit apokalyptischen Theorien seien schon unter Barbarossa feststellbar und würden unter Friedrich II. konkretisiert. Ebenso ließe sich demnach auch Heinrich VI. in dieser Tradition verorten.

GERHARD LUBICH (Bochum) deutete das Mainzer Hoffest als einen Markstein in der Verbindung – aber auch Inszenierung – von Kaisertum und höfischer Welt. Auf diese Weise werde der Kaiser an die Spitze der höfischen Bewegung gestellt und die Bedeutung des Rittertums hervorgehoben. Der bereits im Titel „Das Kaiserliche, das Höfische und der Konsens auf dem Mainzer Hoffest“ erwähnte, der Politologie entlehnte Begriff des Konsens, klassifiziere das Fest als identitätsstiftendes Moment jener Gesellschaft.

Die letzte Sektion, geleitet durch Werner Hechberger (Koblenz), zeigte die Symbole des Kaisertums auf und wurde von MARTINA GIESE (München) eröffnet. Sie lenkte die Aufmerksamkeit auf das kaiserliche Symbol des Adlers in staufischer Zeit. Dabei wurden neben Sachquellen vor allem schriftliche Zeugnisse ausgewertet: Einerseits habe der Adler Verwendung als kaiserliches Herrschaftszeichen gefunden, andererseits könne er aber im übertragenen Sinne auf die Person des Kaisers, das Kaisertum wie auch auf das Geschlecht der Staufer bezogen werden. Von Barbarossa an lasse sich ein stetiges Ansteigen der Verwendung des Symbols feststellen, bis es unter Friedrich II. zu einer fast inflationären Inanspruchnahme gekommen sei.

JAN KEUPP (München) untersuchte „Kaiserliche Gewänder im 12. Jahrhundert“, indem er Schriftquellen und Bildmaterial heranzog. Er verstand diese als aussagekräftige und bewusst gesetzte Zeichen, die die kaiserliche Macht durch Anlehnungen an geistliche Gewänder sowie byzantinische Amtsinsignien nobilitierten und so von den weltlichen Großen abhoben.

Über die karolingischen Bauten von Ingelheim, die unter Barbarossa wiederhergestellt und befestigt wurden, referierte HOLGER GREWE (Ingelheim). Die Erhaltung der karolingischen Bausubstanz erkläre sich aus der Verehrung Karls des Großen und werte durch diese aktive Rückwendung die Pfalz in ihrer imperialen Repräsentation auf. Gestützt würden die Ausführungen durch den Bericht Rahewins, der teils wortgetreu Sentenzen Einhards über den Pfalzbau Karls übernommen habe.

Was also bleibt vom Kaisertum Barbarossas und was von seinem auf uns gekommenen Herrscherbild? STEFAN WEINFURTER (Heidelberg) stellte als Fazit heraus, dass durch die Blickwinkel und Perspektiven der jüngeren Forschung auf Konzepte und politische Praxis des staufischen Kaisertums ein neues Bild Friedrichs I. entstanden sei. Würde und Ehre seien zur Zeit Barbarossas aufs Neue fundamentiert und durch ein intensiver vernetztes politisches Handeln gestärkt worden. Bedingt durch den Generationswechsel sei es zu dem Versuch gekommen, das Trauma von Canossa zu überwinden. Durch den lehnrechtlichen Umbau des Reiches sei in Analogie zur universalen Autorität des Papstes auch im „imperium“ eine „Hierarchie des (lehnrechtlichen) Gehorsams“ angestrebt worden. Indem dem Kaiser die Rolle des Sohnes des Papstes zugewiesen worden sei, habe sich das Konzept der Erneuerung des alten (mit antikisierenden Elementen versehenen und mit dem römisch-deutschen Reich verbundenen) Kaisertums noch unter Barbarossa erledigt. Das Kaisertum habe sich vom Reich gelöst.
Die Veranstalter planen, die Vorträge in einem Sammelband zu veröffentlichen.

Konferenzübersicht:

Thomas Metz (Mainz/Koblenz): Begrüßung
Bernd Schneidmüller (Heidelberg): Einführung

Sektion I: Konzepte des Kaisertums

Roman Deutinger (München): Imperiale Konzepte in der Historiographie der Barbarossazeit

Ulrich Schludi (Heidelberg/Ravensburg): Das Kaisertum aus päpstlicher Sicht

Jochen Johrendt (München): Barbarossa, das Kaisertum und Rom

Joachim Ehlers (Berlin): Das Kaisertum Barbarossas und seine Folgen für das Reich (Öffentlicher Abendvortrag)

Sektion II: Das Kaisertum im Netzwerk politischer Praxis

Jürgen Dendorfer(München): Roncaglia: Kaiserrecht und lehnrechtlicher Umbau des Reichs?

Stefan Burkhardt (Heidelberg): Barbarossa, Frankreich und die Weltherrschaft

Eleni Tounta (Thessaloniki): Byzanz als Vorbild Friedrich Barbarossas

Kai Sprenger (Ravensburg): Die Heiligkeit von Kaiser und Reich aus italienischer Sicht

Sektion III: Das Kaisertum in der langen Dauer – Kontinuitäten und Brüche

Gerald Schwedler (Zürich): Kaisertradition und Innovation. Die Bezugnahme Barbarossas auf andere Kaiser

Thomas Foerster (Bergen/Norwegen): Das Kaisertum Heinrichs VI.

Gerhard Lubich (Bochum): Inszenierungen des Kaisertums in der höfischen Welt

Sektion IV: Symbole des Kaisertums

Martina Giese (München): Der Adler als kaiserliches Symbol

Jan Keupp (München): Kaiserliche Gewänder im 12. Jahrhundert

Holger Grewe (Ingelheim): Ingelheim – Pfalz imperialer Repräsentation

Stefan Weinfurter (Heidelberg): Zusammenfassung

Zitation
Tagungsbericht: Staufisches Kaisertum im 12. Jahrhundert. Konzepte - Netzwerke - Politische Praxis, 02.09.2009 – 04.09.2009 Mainz, in: H-Soz-Kult, 26.09.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2791>.
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Veröffentlicht am
26.09.2009
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