Schreib-Praxis. Drittes anwendungsorientiertes Seminar des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin

Ort
Aldersbach
Veranstalter
Thomas Schlemmer / Hans Woller, Institut für Zeitgeschichte
Datum
07.09.2009 - 11.09.2009
Von
Johannes Dafinger, München

Gute Autoren müssen keine guten Historiker sein. Historiker sollten jedoch gute Autoren sein, denn das geschriebene Wort ist ihr Hauptausdrucksmittel. Sie wollen, dass ihre Texte erstens gelesen, zweitens gerne gelesen und drittens verstanden werden. Diese drei Wünsche können nur bei gut geschriebenen Texten in Erfüllung gehen.

Wie aber wird man eine gute Autorin oder ein guter Autor? Mit einem Augenzwinkern könnte man antworten: Indem man die „Schreib-Praxis“ besucht, einen Schreibworkshop, der unter der Leitung von THOMAS SCHLEMMER und HANS WOLLER (beide Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin) in diesem Jahr bereits zum dritten Mal stattfand.

Theoretisch ist gutes Schreiben ganz einfach, wie Woller gleich zu Beginn des Seminars klarstellte: Jeder Autor braucht erstens eine klare Leitfrage sowie eine überzeugende Antwort darauf; er muss wissen, was er sagen will. Zweitens soll er deutlich machen, warum das behandelte Thema relevant ist, und den Text drittens klar und den Gesetzen der Logik folgend aufbauen. Viertens darf ein Autor sich nicht selbst widersprechen, sich nicht wiederholen, und er muss bei der Sache bleiben.

Dass es mit dem Wissen um diese Grundsätze jedoch nicht getan ist, weiß jeder, der schon einmal einen Text geschrieben hat. Denn mit dem Schreiben ist es wie mit dem Fahrradfahren: Man lernt es nur durch Übung. Was beim Fahrradfahren der Gleichgewichtssinn ist, ist beim Schreiben das Gespür für guten, der jeweiligen Textgattung angemessenen Sprachstil. In der „Schreib-Praxis“ trainierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer daher drei Tage lang stilistisch korrektes und verständliches Schreiben. Unter der Anleitung ausgewiesener Fachleute verfassten sie innerhalb von drei Tagen vier eigene Texte. Eingeübt wurde sowohl das journalistische Schreiben historischer Texte für die Zeitung (CHRISTIAN JOSTMANN, Süddeutsche Zeitung) und den Rundfunk (RAINER VOLK, Bayerischer Rundfunk) als auch das wissenschaftliche Schreiben: Schlemmer führte in das Genre des Aufsatzes ein, PETER HELMBERGER (Online-Rezensionsjournal „Sehepunkte“) in das der Rezension. Anschließend besprach das Plenum jeweils einige der entstandenen Texte – und sparte dabei nicht mit Kritik: Wer vom Rad fiel, das heißt über einen der „Stolpersteine der deutschen Schriftsprache“ (JOHANNES HÜRTER) stürzte, holte sich schon einmal blaue Flecken. Doch sind erstens – um im Bild zu bleiben – Verletzungen auf dem Testgelände harmloser als im Straßenverkehr. Fehler, die man in der „Schreib-Praxis“ macht, wiederholt man in der ersten wissenschaftlichen Publikation nicht. Zweitens ist es beruhigend zu sehen, dass auch Profis nicht immer fest im Sattel sitzen. Dies bewies eine Übungseinheit, in der stilistische und grammatikalische Fehler in fremden Texten aufgespürt wurden.

Abgerundet wurde das Programm durch die Vorträge dreier Referenten, die von Berufs wegen mit (fremden) Texten zu tun haben: CHRISTIAN KREUZER (Oldenbourg-Verlag) plauderte aus dem Nähkästchen eines Lektors. DANIEL SCHLÖGL (Bibliothek des Instituts für Zeitgeschichte) berichtete unter anderem, nach welchen Kriterien Bibliothekare neue Literatur einkaufen. Schließlich informierte der Publizist RAINER OSTERMANN (München) über die formale Gestaltung wissenschaftlicher Publikationen.

Ob aus allen Teilnehmerinnen und Teilnehmer gute Autorinnen oder Autoren geworden sind, wie eingangs mutig postuliert, sei dahingestellt. Bessere als vorher sind sie jetzt aber auf jeden Fall. Die Erwartungen hat das Seminar damit voll erfüllt: Das Feedback war durchweg positiv. Eine Mehrheit hätte sich lediglich gewünscht, dass für das wissenschaftliche Schreiben (auf Kosten des journalistischen) etwas mehr Zeit zur Verfügung gestanden hätte – ein Anliegen, das die Veranstalter vielleicht im kommenden Jahr aufgreifen. Erfreulicherweise bieten sie das Seminar auch im Jahr 2010 an. Dann weht vom 6. bis 10. September wieder der wissenschaftliche Geist durch das ehemalige Zisterzienser-Kloster Aldersbach (dem der Ort nicht nur eine Asam-Kirche, sondern auch eine Brauerei verdankt), wie dies vor der Säkularisation üblich war. Man kann allen Historikern, die gute Autoren werden wollen, nur empfehlen, sich davon inspirieren zu lassen.

Seminarübersicht:

Thomas Schlemmer/Hans Woller (Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin): Einführung und Eröffnungsgespräch

Thomas Schlemmer/Hans Woller (Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin): Grundlagen und Übungen

Christian Jostmann (Süddeutsche Zeitung): Historische Texte für die Zeitung

Thomas Schlemmer (Institut für Zeitgeschichte, München-Berlin): Der wissenschaftliche Aufsatz

Rainer Volk (Bayerischer Rundfunk): Historische Texte für den Rundfunk

Peter Helmberger (Online-Rezensionsjournal „Sehepunkte“): Die Rezension

Christian Kreuzer (Oldenbourg-Verlag): Aus der Arbeit eines Lektors

Daniel Schlögl (Bibliothek des Instituts für Zeitgeschichte): Ihr Text als Teil der Fachinformation

Rainer Ostermann (Publizist, München): Zur Gestaltung wissenschaftlicher Publikationen

Zitation
Tagungsbericht: Schreib-Praxis. Drittes anwendungsorientiertes Seminar des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, 07.09.2009 – 11.09.2009 Aldersbach, in: H-Soz-Kult, 12.10.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2813>.
Redaktion
Veröffentlicht am
12.10.2009
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