Genocide and Colonialism

Ort
Sydney
Veranstalter
A. Dirk Moses, Universität Sydney
Datum
18.07.2003 - 20.07.2003
Von
Jürgen Zimmerer, Coimbra

Genozid ist ein relativ neuer Begriff, aber ein weit älteres Verbrechen. Definiert wurde es erstmals während des Zweiten Weltkrieges durch den polnischen Juristen Raphael Lemkin in dessen grundlegender Studie "Axis Rule in Occupied Europe". Lemkin hatte in seinem Exil in den USA aus seinen persönlichen Erfahrungen mit den nationalsozialistischen Verbrechen und seinen durch Studium erworbenen Kenntnissen des türkischen Massenmordes an den Armeniern im Ersten Weltkrieg die Schlussfolgerung gezogen, dass sich bestimmte Fälle von Massengewalt nicht mit dem bisherigen Instrumentarium des internationalen Strafrechts fassen, geschweige denn ahnden, ließen. Deshalb schuf er einen neuen Begriff, welcher der "Zerstörung einer Nation oder einer ethnischen Gruppe" Rechnung tragen sollte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde seine Definition zur Grundlage der 1948 von der UNO verabschiedeten Völkerrechtskonvention und hat seitdem einen globalen Bekanntheitsgrad erreicht. Kambodscha, Ruanda und jüngst der Kosovo belegen, dass die Geschichte des Völkermordes mit dem Untergang des Dritten Reiches nicht an ihr Ende gelangt ist, ja einiges spricht dafür, dass sich diese Massenmorde noch häufen dürften. Früherkennung und Prävention sind drängende Aufgaben. Dazu ist jedoch ein Blick in die Geschichte unerlässlich.

Wie schon Lemkin gesehen hatte, beginnt die Geschichte der Genozide nicht mit den Massenverbrechen der Nationalsozialisten, ja sie reicht sogar hinter den Massenmord an den Armeniern zurück. In der öffentlichen Diskussion haben neben diesen beiden Fällen vor allem die Völkermorde, zu denen es im Zuge der kolonialen Eroberung Amerikas, Asiens und Australiens gekommen ist, für Aufsehen gesorgt. Vertreter der nordamerikanischen Indianer oder der namibischen Herero fordern ihre Anerkennung als Opfer von Genozid und eine Entschuldigung, Entschädigung oder Wiedergutmachung. Schon der Vorwurf, einen Genozid verübt zu haben, wird jedoch von der 'Tätergesellschaft', im kolonialen Kontext ist dies die 'weiße' Siedlergesellschaft, meist abgelehnt, da die Akzeptanz von Genoziden in den Kolonien die Annahme, die Europäisierung der Erde sei ein Projekt des Fortschritts gewesen, grundsätzlich in Frage stellen würde. Zudem geht es dabei um nichts Geringeres als die jeweilige nationale Identität, um zwei sich gegenseitig ausschließende Meistererzählungen. Die eine handelt von der zivilisatorischen Mission der Europäer, die nach langem Exodus im 'neuen Land' ihre Heimstatt fanden, es bewirtschafteten und fruchtbar machten, die andere erzählt die Geschichte von Gewalt, Raub, Unterdrückung, Vergewaltigung und Mord an den Ureinwohnern. Sind in der ersten Meistererzählung die Europäer die Opfer einer wilden Natur und grausamer Ureinwohner, so sind sie in der zweiten die Täter. Man kann sich leicht vorstellen, welche der beiden Geschichten als Gründungsmythos der 'weißen' Gesellschaft populärer ist.

Die wohl intensivste Debatte über die genozidalen Elemente der kolonialen Geschichte wird derzeit in Australien geführt, seit eine Regierungskommission 1997 in einem Bericht über die "Stolen Generations", die bis weit in die Nachkriegszeit praktizierte, staatlich sanktionierte Entführung von Kindern von Aborigenes, um sie zu 'Weißen' zu erziehen, offen als Genozid bezeichnete. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass man sich dort besonders intensiv um eine wissenschaftliche Aufarbeitung dieses Themas bemüht.

Um die jeweiligen nationalen Blickwinkel zu sprengen und die weithin noch separat voneinander entstehenden Forschungen zum Zusammenhang von Kolonialismus und Genozid in einen Dialog zu bringen, lud A. Dirk Moses, Historiker an der Universität Sydney, zum Gedankenaustausch über "Genocide and Colonialism"[1] nach Sydney ein. Drei Tage lang, vom 18.-20. Juli 2003, diskutierten Historiker aus Australien, den USA, Großbritannien und Deutschland untereinander und mit einem außerordentlich interessierten Publikum über Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern und Kontinenten, über theoretische Konzepte bei der Definition von Genozid und über methodische Probleme historischen Vergleichs.

Gleich die 'keynote address' von Mark Levene (Southampton) skizzierte in "Empires, Native-Peoples, Genocide" die globalgeschichtliche Dimension der Verbindung von Kolonialismus und Genozid. Levene wandte sich ausdrücklich gegen eine Aufsplitterung der Genozidforschung in einer Reihe von regionalen oder epochalen Spezialforschungen und plädierte für den Versuch, diese genozidalen Vorkommnisse in eine allgemeine Geschichte des Verhältnisses zur Moderne einzubetten. In Erweiterung der häufig anzutreffenden Argumentation, dass die Nationalstaatsbildung am Ursprung des Genozids stünde, plädierte er für die genauere Betrachtung der Prozesse der Ausbildung, der Expansion und des Rückzugs von Imperien. Durch diese differenziertere Betrachtungsweise wollte er den vorherrschenden Dichotomien, der koloniale Prozess sei an sich genozidal gewesen bzw. die genozidalen Massaker in den Kolonien seien nur 'Betriebsunfälle' gewesen, entgegenwirken. Er bot eine dreiteilige Typisierung dieser Genozide an: 1. Genozide im Gefolge der europäischen Besiedelung Amerikas, Australiens und Argentiniens; 2. genozidale oder beinahe genozidale Ereignisse in den europäischen Kolonialreichen zwischen 1880 und 1914; sowie 3. eine Serie von Völkermorden im Zeitraum zwischen 1860 und 1915, die er gerade der Schwäche der 'alten', sich im Niedergang befindlichen Weltreiche Russland, Österreich-Ungarn, dem Osmanischen Reich und China zuschrieb. Besonders wichtig für die weitere Diskussion war seine Beobachtung, dass in allen drei Kategorien, die Extermination des 'Anderen' nicht am Ausgangspunkt der Überlegungen stand. Stattdessen findet sich überall die Hoffnung auf Seiten der imperialen Vertreter, die indigene Bevölkerung würde sich assimilieren, in ihre Entrechtung fügen, ihren neuen – niedrigen - Platz in der kolonialen Gesellschaft akzeptieren, oder auf magische Weise verschwinden. Und es war das Scheitern dieser Hoffungen, der 'erfolgreiche' Widerstand der indigenen Bevölkerung bzw. ihre Resistenz gegen die koloniale Umerziehung, die den Weg zum Völkermord ebneten. Widerstand, insbesondere militärischen, konnten die imperialen Mächte nämlich nicht dulden, glaubten sie sich doch selbst mit ihren imperialen Konkurrenten in einem Kampf ums Überleben stehend. Und es ist die Angst vor Prestigeverlust, die sie, laut Levene, zum Genozid als letztem Mittel führt.

Dreh- und Angelpunkt jeder vergleichenden Geschichte des Genozids ist die Frage nach dessen Definition. Gleich zwei Vorträge widmeten sich deshalb dieser Frage. Raymond Evans (Brisbane) plädierte in "'Crime Without a Name'. The Colonial Case for 'Indigenocide'" dafür, das Konzept des Völkermordes durch das des "Indigenocide" zu ersetzen, da ihm ersteres als zu eng erschien, zu viel Bedeutung dem Nachweis der Intention beimaß und systematische Zerstörungen der Kultur, Beeinträchtigungen der Umwelt und planvolle sexuelle Ausbeutung nicht berücksichtige. Deshalb tauge es nicht zur Beschreibung der zerstörerischen Wirkungen der Enteignung indigener Bevölkerung im Zuge des Kolonialismus. Der Begriff des "Indigenocide" schien ihm dabei einen Ausweg zu bieten.

John Docker (Canberra) konzedierte in "Are Settler-Colonies Inherently Genocidal? Some Thoughts on Lemkin"), dass Lemkin sich nicht ausdrücklich mit Völkermorden in Siedlergesellschaften befasst habe, kam jedoch zu einem etwas anderen Ergebnis als Evans. So glaubte er, dass sich die genozidalen Momente im Prozess der Kolonisation durchaus mit dem Genozidbegriffs Raphael Lemkins fassen ließen, da Lemkin selbst in früheren Entwürfen der UN-Konvention für die Aufnahme des 'kulturellen Genozids' plädiert habe, auch wenn dies im Zuge der zähen Verhandlungen um den Konventionstext verlorengegangen sei.

Etwas gegen den Strich bürstete Berel Lang (Connecticut), in seinem verlesenen Paper "Genocide and the Founding of Group Rights" – er selbst war verhindert -, die Frage, was eigentlich das Charakteristische an Genozid ausmache, "was genau (...) falsch oder schlecht an Genozid" sei? Was mache ihn schlimmer als den individuellen Mord an den Mitgliedern der Opfergruppe? Als Antwort bleibe nur die Tatsache, dass die Existenz einer ganzen Gruppe betroffen sei. Zum einen ließen sich daraus bestimmte Gruppenrechte ableiten, analog zu den individuellen Menschenrechten beispielsweise, zum anderen ergäben sich jedoch potentielle Konflikte zwischen den individuellen Rechten und den Rechten der Gruppe. In der Bedeutung der Gruppe läge auch eine Übereinstimmung zwischen Genozid und Kolonialismus, der ebenfalls auf der Fiktion der Existenz zweier Gruppen beruhe, den Kolonisierenden und den Kolonisierten. Von einer kausalen Beziehung zwischen Kolonialismus und Genozid wollte Lang jedoch nicht ausgehen, betonte stattdessen die Bedeutung der Kontingenz, des (freien) Entschlusses der Täter, ein genozidales Programm in Gang zu setzen.

Die von Berel Lang und anderen ausgemachte Zielgruppe muss jedoch definiert und mit bestimmten Attributen versehen werden. Jeder Genozid wird durch Diskurse vorbereitet, begleitet und legitimiert. Dass sich bestimmte Stereotypen dabei auch über Kontinente hinweg wiederfinden lassen, wies Norbert Finzsch (Köln) in seiner 'keynote address' "'It is scarcely possible to conceive that human beings could be so hideous and loathsome': Discourses of genocide in eighteenth and nineteenth centuries America and Australia" nach. Ausgangspunkt seiner Überlegungen waren offensichtliche Übereinstimmungen in der Praxis der kolonialen Landnahme in Nordamerika und Australien, und er stellte die Frage nach der Charakterisierung der jeweiligen indigenen Bevölkerung als zentralem Element des kolonialen Dispositivs. Damit richtete er den Blick auf die zwei Pfeiler eines jeden Genozids, den Tätern und dem Wissen – inklusive der damit verbundenen Macht – welche die Tat ermöglichten. Die europäischen Reisenden nach und die Kolonisatoren in Australien/Amerika griffen dabei auf ein Set von Merkmalen zurück, nach denen sich die niedrigere Stellung der Aborigines/Indianer vor allem von körperlichen Merkmalen ableitete. Noch vor dem durch Darwin eingeleiteten Siegeszug des biologischen Rassismus wurden in den Körper eingeschriebene Kennzeichen, die mit 'inneren' Merkmalen, mit Charaktereigenschaften korreliert wurden, zu den zentralen Distinktionsmerkmalen. Die Ureinwohner waren hässlich, also moralisch schlecht und wild, sie waren nackt, also sexuell unbeherrscht, undiszipliniert und ökonomisch unproduktiv; letzteres eine zentrale Legitimation des kolonialen Raubes. Nach Finzsch ermöglichte diese frühe Form von Bio-Macht eine Exklusion der indigenen Bevölkerung, ehe sie durch den biologischen Rassismus ersetzt wurde. Diese Diskurse seien eine notwendige, wenn auch noch keine hinreichende Voraussetzung für 200 Jahre der Enteignung, der Diskriminierung und des Genozids.

Während sich Norbert Finzsch bemühte, die vorbiologischen Konstruktionen von Rasse genauer auszuloten, fasste Alex Hinton (New Brunswick) die Geschichte kolonialer Massengewalt seit dem 16. Jahrhundert unter dem Stichwort der Moderne. In "Savages, Subjects, and Sovereigns: Conjunctions of Modernity, Genocide, and Colonialism" beschrieb er die jeweiligen vorkolonialen Bewohner in der Geschichte der Völkermorde in drei 'Funktionen': als Wilde, als Untertanen und als Souverän. Als 'Wilde' würden sie entweder als 'Untermenschen' gesehen, die ausgerottet werden dürften, oder aber als zivilisierbar, womit sie sich in Untertanen verwandeln ließen. Und drittens, so Hinton, würde sich vor allem bei den zeitgenössischeren Völkermorden zeigen, dass vormals Kolonisierte auch als Täter in Erscheinung treten könnten. Erst indem man diese Funktionen genauer auslote, könne man das Verhältnis von Genozid und Kolonialismus, und vor allem von Genozid und der Moderne, die allen Konzepten zugrunde läge, genauer fassen.

Die Definition des Anderen, die diskursive Erfindung des 'Wilden', ist jedoch nur eine der Voraussetzungen für die Ingangsetzung von Genozid. Eine andere ist die nach der Motivation der Täter, nach den diskursiven Elementen, die sie zum Massenmord befähigen. Dan Stone (London) diskutierte diese unter dem Stichwort der "Biomacht" ("Biopower and Modern Genocide"), etwa der seit der 19. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewinnenden Einteilung der Bevölkerung in definierbare und vor allem kontrollierbare Einheiten. Unzufrieden mit der einseitigen Fixierung auf die Rationalität des Nationalsozialismus, die über der Betonung des industriellen, klinischen Mordens die Auswüchse unglaublicher Brutalität nicht zu erklären vermöge, plädierte er für eine stärkere Berücksichtigung der "Rolle von Fantasie oder Magie im modernen Leben", wobei er Ansätze von Bronislaw Malinowski und Norbert Elias aufgriff. Zugleich könne die durch den Nationalsozialismus freigesetzte Gewalt nicht einfach nur durch die immer weiter um sich greifende Tendenz zur Bevölkerungskontrolle, durch die "restlose Erfassung" (Götz Aly/Karl Heinz Roth) erklärt werden, sondern sie sei auch ein Reflex der kolonialen Gewalterfahrung, die aus dem klassischen Imperialismus in die nationalsozialistische Massengewalt hinübergezogen worden sei. Im Zuge der Konstruktion der Singularität des Holocaust, habe man diese Elemente ausgeblendet.

Um die diskursiven und ideologischen Grundlagen von Genozid ging es auch Lorenzo Veracini (Suva/Fiji) in "Is Every Genocide a Colonial Phenomenon (Notes for the Analysis of a Settler Archive)?". Er fasste, Anregungen von Michael Foucault aufgreifend, unter den Begriff des Siedler-Archivs diskursive und ideologische Praktiken zusammen, die sich im Laufe einer mehrhundertjährigen Geschichte und den Erfahrungen verschiedener Länder in verschiedenen Erdteilen gebildet hätten. In diesem Archiv lagerten ohne systematische Ordnung und zum Teil halbvergessen "Bilder, Vorstellungen, Konzepte, Narrative, Stereotypen und Ideen", die jederzeit, von jedermann und zu unterschiedlichen Zwecken mobilisiert werden könnten. Es sei nicht auf die Epoche der aktuellen Kolonialherrschaft beschränkt, sondern finde sich etwa in der kommunistischen Pioniersideologie ebenso wie in der israelischen Siedlungspolitik oder der reflexhaften Unterstützung dieser in den USA und in Europa. Es sei in diesem Archiv angelegt, so Veracini, dass Genozid denkbar wurde. Da das Siedler-Archiv zudem große inhaltliche und strukturelle Übereinstimmungen zum antisemitischen Archiv aufweise, läge hier auch ein Ansatzpunkt zur Erklärung des Holocaust.

Wie dieser Transfer von Amerika, Australien oder Afrika nach Europa erfolgte, wo Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den einzelnen Genoziden lägen, dem widmeten sich die Vorträge von Jürgen Zimmerer und Wendy Lower, die sich von jeweils unterschiedlichen Ausgangspunkten dem Vergleich zwischen dem Völkermord an den Herero und dem Holocaust widmeten. Nachdem im ersten Teil der Tagung vor allem theoretische Überlegungen im Mittelpunkt standen, eröffneten sie auch die Reihe der Fallstudien.

Jürgen Zimmerer (Coimbra) nahm in "Military Genocide. The German War of Extermination in South-West Africa (1904-1908)" die Diskussion vom Vortag um die Reichweite des UN-Genozidkonvention und um alternative Kategorisierungen wie beispielsweise den 'Indigenocide' auf, warnte jedoch davor, eine Begrifflichkeit zu verwenden, die ihrerseits auf ethnischen Konzepten bei der Definition der Opfer beruhte, wie überhaupt die Einführung von immer neuen Kategorien dazu führen würde, frühere oder spätere Genozide semantisch vom Holocaust abzukoppeln, und damit das Ergebnis vergleichender Forschung von vorneherein festzulegen. Anhand des Völkermordes an den Herero und Nama exemplifizierte er, dass dieser auch nach der UN-Definition eindeutig als Genozid zu identifizieren sei. Diese, da am weitesten anerkannt, böte auch die besten Möglichkeiten für einen historischen Vergleich. Den Genozid selbst teilte er in drei Phasen ein: die Vertreibung der Herero in die Omaheke-Halbwüste, die Vernichtungsstrategie in der Guerillabekämpfung gegen die Nama und die Vernichtung durch Vernachlässigung in den Konzentrationslagern in Swakopmund und Lüderitzbucht. Der genozidale Eroberungs- und Pazifizierungskrieg in Deutsch-Südwestafrika, in dem größere Truppenkontingente unter einem einheitlichen Oberkommando über einen längeren Zeitraum zum Einsatz kamen, und in dem sich Anfänge einer bürokratischen Form der Vernichtung im Lager fänden, stelle damit einen entscheidenden Schritt von den früheren, durch lokale Siedlermilizen durchgeführten Genoziden der amerikanischen und australischen Frontier und den weit stärker bürokratisierten Genoziden des Dritten Reiches dar.

Stärker die Unterschiede betonte Wendy Lower (Washington), die in "German Colonialism and Genocide in Africa and Ukraine: A Comparative View from Below" weniger die Frage einer direkten Verbindung von Kontinuität oder Diskontinuität in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellte, als vielmehr vergleichend der Frage nachging, wie Idee und Praxis von Rassismus, Kolonialismus und totalem Krieg zur Massengewalt und Genozid in der jeweiligen Situation beitrugen. Im Gegensatz zu den nationalsozialistischen Tätern in der Ukraine waren ihrer Meinung nach die Deutschen nicht mit der festen Absicht nach Südwestafrika gekommen, die dortige afrikanische Bevölkerung komplett zu zerstören. Im Gegensatz zu Zimmerer betonte sie, der Völkermord habe sich vielmehr aus den aktuellen Kampfhandlungen heraus entwickelt. Da der Großteil der Afrikaner in der Wüste verdurstete, hätten die Deutschen eher Distanz zu ihrer Tat entwickeln können. In der Ukraine habe Panik und die aktuelle Kriegsentwicklung keine Rolle gespielt, stattdessen habe es sich um einem kühl kalkulierten Plan zum Völkermord gehandelt. Der Holocaust habe zwar in einer kolonialen Umgebung stattgefunden, sei aber kein kolonialer Genozid gewesen, da jüdischer Widerstand bei dessen Ingangsetzung keine Rolle gespielt habe.

Aus der Warte der Erinnerungspolitik widmete sich auch Michael Rothberg (Champaign/Illionis) in seinem Beitrag "Decolonizing Holocaust Memory" der Frage nach dem Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust. Während allgemein der Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Jerusalem als Beginn einer aktiven internationalen Holocaust-Erinnerung angesehen werde, sah Rothberg diese bereits früher einsetzen. Ausgangspunkt war seine Analyse des französischen "cinéma vérite", und zwar des Films "Chronique d'un été" von Jean Rouch und Edgar Morris (1961), der zum einen an zentraler Stelle die persönliche Erinnerung einer Holocaust-Überlebenden brachte, zum anderen diese als Code für die zu der Zeit noch unsagbaren Gräuel des Kolonialkrieges in Algerien verwendete. Rothberg folgerte daraus, dass der Holocaust zu dieser Zeit noch im Kontext allgemeiner, insbesondere der kolonialen Gewalterfahrungen gesehen wurde, der Eichmann-Prozess weniger den Beginn der Holocaust-Erinnerung darstelle, als den Beginn der Erinnerung der Singularität des Holocaust.

Schon für Lemkin stellte der Völkermord an den Armeniern einen wichtigen Ausgangspunkt seiner theoretischen Überlegungen dar. Ihm widmete sich Donald Bloxham (Edinburgh), der die Ansiedlung türkischer Emigranten in den mehrheitlich von Armeniern bewohnten Teilen Anatoliens, vor allem nach den Balkankriegen, als wichtiges Motiv zur Ingangsetzung des Genozids betrachtete, einen Prozess den er als "innere Kolonisierung" verstanden wissen wollte. Er zeichnete das Bild einer kumulativen Radikalisierung, bei der die Zwangshomogenisierung der Bevölkerung Anatoliens unter türkischen Vorzeichen, der Bedarf an Unterkünften für türkische Neuankömmlinge und die – zum Teil durchaus berechtigte - Angst der Zusammenarbeit armenischer Gruppierungen mit der Entente und die vorrückende russische Armee zur Ingangsetzung der Umsiedlungsaktion führte, die dann in den Völkermord mündete. Indem er die bis ins 14. Jahrhundert zurückreichenden Wurzeln einer Politik der Zwangsumsiedlung aufdeckt, in der die Muslime mal Täter, mal Opfer waren, verlieh er den Ereignissen während des Ersten Weltkrieges eine für das Verständnis des Völkermordes zentrale historische Tiefendimension. Wie auch sein Hinweis auf weitere Opfergruppen wie die Nestorianischen Christen, Kurden, 'Zigeuner' oder Juden, die ebenfalls ermordet oder umgesiedelt wurden, belegt, tut eine umfassendere Betrachtungsweise dringend not.

Klang bei Levene und Bloxham bereits die für die Ingangsetzung von Genoziden wichtige Verbindung außen- und innenpolitischer Faktoren an, so widmete sich Ben Kiernan (New Haven) diesem Thema in seinem Beitrag "Genocide and Resistance in East Timor, 1975-1999: Comparative Reflections on Cambodia" ausführlicher. Nicht nur lieferte er eine detaillierte Beschreibung der indonesischen Invasion in die ehemalige portugiesische Kolonie und des dort stattfindenden Völkermordes, sondern er beleuchtete auch das ambivalente Verhalten der USA. Die Vereinigten Staaten, von Gerald Ford über Henry Kissinger bis Jimmy Carter unterstützten Indonesiens völkerrechtswidrige Annexionspolitik, während sie zugleich jede Einmischung Vietnams zur Beendigung des Genozids unter Pol Pot in Kambodscha zurückwiesen. Der Kalte Krieg deckte Völkermord im Zeichen des Antikommunismus wie des Kommunismus, so lange es nur den geostrategischen Interessen der USA nutzte.

Um Indonesien ging es auch in dem Vortrag "Land and Loyalty: Colonial Origins of the Brief Genocide of Eurasians in Indonesia, 1945-1946" von Robert Cribb (Canberra). Hatte Alex Hinton bereits darauf hingewiesen, dass koloniale Untertanen ihrerseits zu genozidalen Tätern werden konnten, nachdem sie selbst die Macht dazu erhalten hatten, so beleuchtete Cribb dies an einem fast völlig vergessenen Fall. Ende 1945/ Anfang 1946 töteten ethnische Indonesier Hunderte ihrer Landsleute. Deren hervorstechendes Kennzeichen war, sowohl indonesische als auch europäische Vorfahren zu haben. Sie wurden wohl stellvertretend für die Angehörigen der niederländischen Kolonialmacht erschlagen, die sich gerade anschickte, nachdem Indonesien seit 1942 von Japan besetzt gewesen war, ihr koloniales Regime wieder zu errichten. Ohne dass eine ausgesprochen rassistische Ideologie diese Massaker vorangetrieben hätte, wurden die "Eurasiens" als Symbol für die koloniale Unterdrückung getötet, weil man ihnen mangelnde Unterstützung zum gerade unabhängig werdenden Indonesien unterstellte, und weil man diese Unabhängigkeit vor einer Restitution kolonialer Ordnung sichern wollte, indem man deren soziale Träger ermordete. Die Europäer selbst waren in den Lagern, in denen sie noch von den Japanern interniert worden waren, leichter zu schützen, die Eurasians dagegen nur schwer. Wie schon bei dem von Kiernan skizzierten Massenmord an den Ost-Timoresen wirft auch dies die Frage nach der Einbeziehung politischer Gruppen in die Genoziddefinition auf. In der UN-Charta fehlen sie bekanntlich ja.

Ben Madley (New Haven) wandte sich dagegen einem Völkermord aus der Frühzeit der kolonialen Inbesitznahme zu. In "An American Genocide: The Yuki of California" schilderte er das Schicksal dieser kalifornischen Ethnie, die bald nach der Übergabe Kaliforniens von Mexiko an die Vereinigten Staaten, vor allem aber nach dem Einsetzen des Goldrausches 1848, in Bedrängnis gerieten. Durch den rasanten Zuzug 'weißer' Siedler kam es alsbald zum blutigen Kampf um Weideplätze und Ressourcen. Widerstand der Yuki gegen den Missbrauch ihrer Frauen und Töchter und die fortschreitende Enteignung wurde von Seiten der Siedler mit Massakern beantwortet. Innerhalb von nur 10 Jahren sank die Zahl der Yuki von circa 5000-20000 auf 300. Diese wurden schließlich in ein weitgehend unfruchtbares Reservat gepfercht, wo die Vernichtungspolitik fortgesetzt wurde. Madleys Rekonstruktion der Ereignisse zeigt staatliches Handeln, dass durch Massaker und Hunger die Yuki-Bevölkerung bewusst 'ausrotten' wollte.

Die hier aufgeführten Vorträge ergeben zusammen kein ganzes Bild, viele Punkte bleiben ausgeklammert, geschuldet der begrenzten Zeit und vorhandenen Forschungsdesiderata. Es ist vielmehr ein Puzzle, bei dem viele, vielleicht immer noch die meisten, Teile fehlen. Das kann auch gar nicht anders sein. Denn von den Namibia bis Ost-Timor, von den Yuki zu den Armeniern ist es ein weiter Weg. Das Verhältnis von Genozid und Kolonialismus umspannt den gesamten Globus und mehr als fünfhundert Jahre. Aber es ist notwendig, die verschiedenen Genozide zueinander in Beziehung zu setzen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzuzeigen, um so zu einem tieferen Verständnis des "racial century" zu kommen, wie A. Dirk Moses jüngst (Patterns of Prejudice 4, 2002) den Zeitraum von 1850 bis 1950 genannt hat, einen Zeitraum, in dem rivalisierende Projekte des 'nation-builing' und der Bevölkerungspolitik geradezu kulminierten. Nur so kann auch die Frage nach dem Verhältnis kolonialer und nationalsozialistischer Massengewalt geklärt werden. Allein die Komplexität dieser Probleme aufgezeigt zu haben, ist ein außerordentliches Verdienst dieser Tagung, die sicherlich wichtige Impulse sowohl für die Erforschung von Genozid als auch von Kolonialismus zu geben vermocht e.

Es scheint vielleicht redundant, am Ende eines Berichtes erneut auf Definitionsfragen zurückzukommen. Dennoch liegt darin eine wichtige Erkenntnis der referierten Beiträge. Genozid hatte zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Ausprägungen. Dies wurde referiert. Aber auch der Begriff des Kolonialismus meint in unterschiedlichen Jahrhunderten und auf den einzelnen Kontinenten ganz unterschiedliches. Beides kann jedoch zur Erklärung des jeweils anderen vortreffliche Hilfestellung leisten. Aus dem jeweiligen kolonialen Kontext ergibt sich Umgang, Ziel und Methode genozidaler Akte, aber aus der Existenz bzw. der Abwesenheit von Völkermord lassen sich auch wichtige Rückschlüsse auf das Wesen des Kolonialismus in seiner jeweiligen Ausprägung ziehen.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die – demnächst auch publizierten - Ergebnisse der Tagung, sicherlich ein Meilenstein in der Erforschung der Verbindung von Genozid und Kolonialismus, von Experten beider Felder rezipiert werden. Der Berichterstatter plant jedenfalls einige der Fragen in einer eigenen Konferenz zur vergleichenden historischen Genozidforschung aufzugreifen.

[1] Ausser den hier aufgeführten Vorträgen referierten noch Robert van Krieken (Sydney) über "Rethinking Cultural Genocide: Settler-colonial State Formation and Indigenous Child Removal", Ann Curthoys (Canberra) über " Genocide in the Archives: The Fate of the Indigenous Tasmanians Reconsidered" und Jason Field (Sydney) über "The Stolen Generations and Genocide: Past Practices-Contemporary Responses". Leider lagen mir dazu jedoch nicht die Vortragsmanuskripte vor.

Kontakt

Jürgen Zimmerer, CEIS 20, Universität Coimbra/Portugal

Zitation
Tagungsbericht: Genocide and Colonialism, 18.07.2003 – 20.07.2003 Sydney, in: H-Soz-Kult, 25.08.2003, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-281>.