Seelenheil – Gemeinwohl – Ansehen. Stifter und Stiftungen im Rheinland vom Mittelalter bis in die Gegenwart

Ort
Bonn
Veranstalter
Abteilung für Rheinische Landesgeschichte, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Datum
05.10.2009 - 06.10.2009
Von
Janusch Carl, Projekt "Das Digitale Historische Archiv Köln", Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Die Abteilung für Rheinische Landesgeschichte des Instituts für Geschichtswissenschaft der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn richtete am 5. und 6. Oktober 2009 in Verbindung mit dem Verein für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande die Tagung „Seelenheil – Gemeinwohl – Ansehen. Stifter und Stiftungen im Rheinland vom Mittelalter bis in die Gegenwart“ aus. In den zehn Vorträgen wurden besonders die Hochphasen der Stiftungstätigkeit im Rheinland, das Hoch- und Spätmittelalter sowie das 19. Jahrhundert, unter verschiedenen Aspekten diskutiert. Dabei standen neben der Motivation der Stifter auch typologische und terminologische Abgrenzungen (Stifter, Schenker, Mäzene) im Fokus des Interesses.

Seine Einführung nutzte Tagungsleiter MANFRED GROTEN (Bonn), um auf ein grundsätzliches Problem, die Abgrenzung von Stiftungen gegenüber Schenkungen, hinzuweisen. Bei Stiftungen gebe es grundsätzlich vier Bereiche, die untersucht werden könnten: der Stifter selbst, die Rechtsform, die Nutznießer und die Verwalter der Stiftung. Während die Rechtsform bisher vornehmlich von Rechtshistorikern untersucht wurde, hätten sich Historiker hauptsächlich mit den Stiftern selbst beschäftigt. In Zukunft sollten auch die Nutznießer stärker berücksichtigt werden, ebenso die Verwalter. Die Memoria und das eigene Ansehen seien nicht immer entscheidend für Stiftungen gewesen. In jedem Fall seien Stiftungen aber als Signal des Stifters zu verstehen. Hier müsse jeweils geprüft werden, welche Intention das Signal geleitet habe und wer der gewünschte Empfänger gewesen sei. Die Landesgeschichte biete die Möglichkeit über Mikrountersuchungen neue Erkenntnisse zu gewinnen, allerdings fehlten bisher Untersuchungen, die alle zu einem bestimmten Zeitpunkt gemachten Stiftungen analysierten.

Drei Referenten beschäftigten sich mit verschiedenen Stiftungsaspekten des Mittelalters. JENS LIEVEN (Bochum) stellte einige Kloster- und Kirchenstiftungen rheinischer Grafen des 12. Jahrhunderts vor. Die Klöster und Kirchen wurden hauptsächlich auf oder an Burgen gebaut. Die Grafen unterstützten die kanonikale Reformbewegung, bewusst in Abgrenzung von der vom Kölner Erzbischof geförderten Siegburger Reform. Bei Schenkungen sei der Adressat grundsätzlich Gott gewesen, die Geistlichen hätten als „Intercessoren“ fungiert. Als Motivation für die Stiftungen erkannte Lieven verschiedene Faktoren. Eine wichtige Rolle habe die Memoria des Stifters und seiner Familie zur Überwindung des Todes und zum Gedenken gespielt. Zugleich ließen sich die meisten der vorgestellten Grafen in den von ihnen gestifteten Kirchen bestatten. Über die Begründung einer Solidargemeinschaft zwischen Lebenden und Toten zeigten sich erste Ansätze eines dynastischen Herrschaftsanspruchs.

„Die Kunststiftungen Herzog Wilhelms I. von Berg um 1400“ waren das Thema von GÖTZ J. PFEIFFER (Kassel). Bisher wird Wilhelm nicht als bedeutender Kunststifter angesehen, obwohl er in dieser Funktion in der Tradition seiner Vorgänger stand. Wilhelm beschenkte besonders Kirchen mit Schmuck und Ausstattungen. Mit diesen Schenkungen habe er zwei Hauptziele verfolgt. Erstens Repräsentation, so vor allem in der Düsseldorfer Stiftskirche St. Lambertus, im Dom zu Paderborn und an St. Severin in Köln. Zweitens sei seine Hauptmotivation gewesen, sich in die Tradition seiner Vorgänger und Vorfahren zu stellen, neben Düsseldorf (Berg) und St. Severin (Jülich) auch in Altenberg (Berg), Bielefeld (Ravensberg) und der Kartäuserkirche St. Barbara in Köln (Jülich). So habe er seinen Nachfolgeanspruch zu untermauern gesucht. Wilhelm sei ein bedeutender Kunststifter der Zeit um 1400 im Rheinland gewesen. Wichtig sei es allgemein, bei der Motivation der Stifter zwischen Memoria und Repräsentation zu unterscheiden.

SYLVIE TRITZ (Berlin) untersuchte „Die Stiftungen des Nicolaus Cusanus“. Die Stiftungstätigkeit Nicolaus‘ begann erst, als er von seiner Ernennung zum Kardinal erfuhr. Cusanus schuf sowohl caritative als auch Kunst-Stiftungen, jedoch keine Messstiftungen. Die Memoria habe er sich jedoch auf andere Weise zu sichern gesucht, beispielsweise durch die Stiftung eines Altars in S. Pietro in Vincoli in Rom. In der Nähe wurde er bestattet und habe dort auf die „spontane Memoria“ der Pilger gehofft. Seine wichtigste Stiftung war das St. Nikolaus-Hospital in Kues. Hier investierte er neun Zehntel seines Vermögens und habe so „den Glanz des neuen gesellschaftlichen Status auf den Heimatort zurückstrahlen“ lassen. Eine weitere wichtige Stiftung war die „Bursa Cusana“ in Deventer, mit der er armen „scolares“ die Schulbildung ermöglichen wollte. Als Hauptziel des Nicolaus Cusanus ermittelte Tritz eine Stärkung des Ansehens. Er sei in seinem Stiftungsverhalten dem Idealtypus sowohl des „sozialen Aufsteigers“ als auch des „ultimus familiae“ gefolgt.

Verschiedene Möglichkeiten der statistischen Auswertung des „Nordrheinischen Klosterbuches“ stellte WOLFGANG ROSEN (Bonn) vor. Klöster stellten im Alten Reich zentrale Elemente des Stiftungswesens dar. Vom 9. bis 12. Jahrhundert waren Erzbischof und Reichsoberhaupt die wichtigsten Stifter, im 13. bis 15. Jahrhundert Bürger sowie im 17. und 18. Jahrhundert die Landesherren. Die meisten Klöster und Kirchen wurden im 17. Jahrhundert gestiftet. Durch quantitative Analysen auf Grundlage des „Nordrheinischen Klosterbuches“ könne ermittelt werden, welche gesellschaftlichen Gruppen welche Institute in besonderem Maße unterstützten. Außerdem würden Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Orden und Stiftergruppen deutlich. Die Motive für Klostergründungen waren vielfältig und deckten alle im Tagungsthema genannten Bereiche ab: Ausbreitung und Reform des Ordens, Memorienwesen und Grablege, Verbesserung der Seelsorge, Landesausbau und vor allem im 17. Jahrhundert die Förderung der katholischen Reform. Wichtige Anteile stellten auch Ziele wie Bildung, Krankenpflege und Betreuung von Wallfahrten.

Fünf Vorträge behandelten verschiedene Aspekte von Stiftungen des 19. und 20. Jahrhunderts. GABRIELE CLEMENS (Saarbrücken) stellte „Stifter und Mäzene im urbanen Kontext des 19. Jahrhunderts“ vor. Stifter seien eher auf Wohltätigkeit, Mäzene eher auf Kunstförderung bedacht, wobei Mäzene zugleich auch meist Stifter gewesen seien. Im 19. Jahrhundert waren Vereine besonders wichtig für die Kunstförderung und auch für die Entwicklung des Bürgertums. In diesen organisierten sich auch die Mäzene, die großteils sehr konservativ waren und die Entwicklung der Kunst entscheidend in diese Richtung beeinflussten. Ein „individuelles und kollektives Mäzenatentum gehörte im 19. Jahrhundert zum guten Ton“, so Clemens. Kunstsammlungen und Stiftungen seien besonders zum Prestigegewinn angelegt worden. Das 19. Jahrhundert war geprägt vom Konflikt zwischen Adel und Bürgertum. Dabei hätte der Adel die Bürger abgelehnt, während diese dem Adel nacheiferten, wodurch eine „adelig-bürgerliche Hybridkultur“ entstanden sei.

Mäzenatentum und Stiftungswesen in Kalk während der Kaiserzeit standen im Mittelpunkt des Vortrags von FRITZ BILZ (Köln). Durch die späte Entwicklung Kalks zur Stadt bildete sich das Bürgertum dort neu. Die bürgerliche Identität entwickelte sich aus dem Stolz auf den Aufbau eines funktionierenden Gemeinwesens. Dabei hätten Geltungssucht und Repräsentationsbedürfnis dem Sinn für das Gemeinwohl gegenübergestanden. Die Armenfürsorge war jedoch eines der ersten Ziele bürgerlicher Fürsorge. Auch Kirchen wurden mit Hilfe von Spendengeldern gebaut. Bis 1861 gab es ausschließlich kirchliche Stiftungen, alle bürgerlichen Stiftungen der Jahre 1877 bis 1909 dienten armen- und krankenpflegerischen Zwecken. Das Engagement des Bürgertums blieb aber meist auf die städtische Ebene beschränkt.

EVERHARD KLEINERTZ (Köln) gab einen umfassenden Überblick über Stiftungen im langen 19. Jahrhundert in Köln. Es habe besonders um die Jahrhundertwende einen „Wettkampf um die größte Stiftung“ gegeben. Die Förderung der Wissenschaft sei als Ausdruck eines neuen „Verkündigungswunsches“ zu verstehen. Insgesamt gab es von 1800 bis 1930 circa 550 Stiftungen, die meisten wurden 1820 bis 1850 und 1900 bis 1920 gegründet. Es habe ein Gefühl der Verpflichtung gegeben, sich an sozialen Maßnahmen zu beteiligen. Im Jahr 1893 hatten alle Stiftungen in Köln zusammen ein Kapital von mehr als 1 Billion Mark. Allein 1906 bis 1910 wurden Stiftungen für 6,4 Millionen Mark gegründet. Der Kölner Gymnasial- und Stiftungsfond, in dem im 19. Jahrhundert über 100 Stiftungen zusammengefasst wurden, sowie die städtische Armenverwaltung waren die Institutionen, die den Stiftungsgedanken hoch hielten.

JOACHIM OEPEN (Köln) stellte die Stiftungsgeschichte der beiden Kölner Neustadtkirchen St. Agnes und St. Paul vor. Beide Kirchen entstanden um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert und ihr Bau wurde jeweils maßgeblich durch eine Person bestimmt. Die Art der Förderung war jedoch grundverschieden. Ludwig Stollwerck trat beim Bau von St. Paul weniger als Stifter, sondern eher als Mäzen, der geschickt Freunde und Bekannte in das Projekt einbezog, auf. Demgegenüber trug Peter Joseph Roeckerath sämtliche Baukosten von St. Agnes, deren Patrozinium auf seine Frau Agnes Schmitz zurückging, selbst. Allerdings zeigte Stollwerck großen persönlichen Einsatz, während Roeckerath sich aus der konkreten Planung völlig heraushielt. Für Stollwerck sei es auch um die Memoria gegangen, er war eher Mäzen denn Stifter. Roeckerath baute eine Memorialkirche als Pfarrkirche und habe kein weitergehendes Interesse an der Gemeinde, zu der er selbst auch nicht gehörte, oder seinem eigenen Seelenheil gehabt.

CHRISTIAN GEORGE (Bonn) behandelte in seinem Vortrag Stiftungen an der Bonner Universität im 20. Jahrhundert. Insgesamt gab es in diesem Zeitraum über 200 lokale Stiftungen. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts waren Treuhand-, also Stipendien-Stiftungen der Normalfall. Zwei Ereignisse bedeuteten große Einschnitte in den Stiftungsvermögen: Durch die Weltwirtschaftskrise 1929 und die Währungsreform 1948 verloren die Stiftungen jeweils sehr viel Kapital. Stipendienstiftungen wurden durch das BAFöG in den 1950er-Jahren überflüssig, daher gab es seit den 1960er-Jahren neue Stiftungen meist zur Förderung bestimmter Fachbereiche oder Forschungsthemen. Aktuell ließen sich wieder einige neue Stipendienstiftungen nachweisen, was möglicherweise auf die geänderte Situation durch Studiengebühren zurückzuführen sei. Allgemein konstatierte George gewisse Schwierigkeiten bei der Erforschung von Stiftungen im 20. Jahrhundert, da besonders nach 1945 die Quellen fehlten bzw. noch nicht zugänglich seien.

WOLFGANG SCHMID (Trier) gab einen Überblick über das breite Spektrum an Stiftungen im Rheinland vom 9. bis zum 18. Jahrhundert. Dabei ermittelte er verschiedene Phasen der Stiftungstätigkeit. Zunächst gab es eine vom Kirchenbau geprägte „Steinzeit“ bis zum 9. Jahrhundert. In der „Goldzeit“ vom 9. Jahrhundert bis 1250 wurden vorwiegend Reliquien bzw. Schätze und Bücher gestiftet. Daran schloss sich die „Marmor- und Bronzezeit“ mit immer prächtigeren Begräbnissen innerhalb von Kirchen an. 1480 bis 1520 kam es zu einer „Bilderflut“ in Kirchen, die hauptsächlich durch reiche Kaufleute verursacht wurde. Auch im 16. und 17. Jahrhundert waren weiterhin Grabstiftungen von besonderer Bedeutung, die Reformation bot durch einfachere Kircheninnenräume noch mehr Platz für prachtvolle Grablegen. Schließlich verlagerte sich die Kunstförderung im 18. Jahrhundert eher auf weltliche Gebäude und öffentliche Orte. Schmid betonte, dass das Mäzenatentum nicht uneigennützig sei und wiederholte die Forderung Grotens, die Empfänger der Stiftungen in der Forschung stärker zu beachten.

Die sehr interessante Tagung zeigte einen gelungenen Überblick über verschiedene Aspekte des Stiftungswesens im Verlauf der Jahrhunderte. Dabei wurden auch weitergehende gesellschaftliche Probleme zumindest angesprochen. Im Mittelpunkt der Tagung standen die Stifter und ihre Motivation. Unter anderem ist hier die Konkurrenz der Stifter untereinander, die sich durch die Jahrhunderte verfolgen lässt, als interessanter Begleitfaktor zu nennen. In seinem Schlusswort stellte auch Manfred Groten fest, dass deutlich geworden sei, dass sich über die gesamte Zeitspanne gleiche Fragestellungen ergäben und gleiche oder ähnliche Stiftungsmotive erkennen ließen. Stiftungen würden „grundsätzlich elementare gesellschaftliche Bedürfnisse“ befriedigen. Besonderen Klärungsbedarf gäbe es offenbar noch im Bereich der Terminologie bei der Unterscheidung zwischen Stiftern, Schenkern und Mäzenen.

Kurze Überblicke zu allen Vorträgen werden in den Rheinischen Vierteljahrsblättern 2010 veröffentlicht.

Konferenzübersicht:

Manfred Groten (Bonn): Einführung

Jens Lieven (Bochum): Rheinische Grafen des 12. Jahrhunderts als Stifter

Götz J. Pfeiffer (Kassel): Die Kunststiftungen Herzog Wilhelms I. von Berg um 1400

Joachim Oepen (Köln): Bürgerliche Memorialstiftungen im 19. Jahrhundert: die Kölner Neustadtkirchen St. Agnes und St. Paul

Christian George (Bonn): Stiftungen an der Bonner Universität im 20. Jahrhundert

Wolfgang Schmid (Trier): Stifter, Auftraggeber und Mäzene – Streifzüge durch die Geschichte der Rheinlande

Gabriele Clemens (Saarbrücken): Stifter und Mäzene im urbanen Kontext des 19. Jahrhunderts

Everhard Kleinertz (Köln): Stiftungen im Köln des 19. Jahrhunderts im Spannungsfeld von katholischer und liberaler Weltanschauung

Fritz Bilz (Köln): Mäzenatentum und Stiftungswesen im 19. Jahrhundert am Beispiel der Stadt Kalk

Sylvie Tritz (Berlin): Die Stiftungen des Nicolaus Cusanus

Wolfgang Rosen (Bonn): Klostergründungen: Stifter und Motive – Erkenntnismöglichkeiten des Nordrheinischen Klosterbuches

Zitation
Tagungsbericht: Seelenheil – Gemeinwohl – Ansehen. Stifter und Stiftungen im Rheinland vom Mittelalter bis in die Gegenwart, 05.10.2009 – 06.10.2009 Bonn, in: H-Soz-Kult, 04.11.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2832>.
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Veröffentlicht am
04.11.2009
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