Revues scientifiques. État des lieux et perspectives / Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven

Ort
Paris
Veranstalter
Gudrun Gersmann, DHI Paris; Rolf Große, DHI Paris; Claudia Zey, Historisches Seminar, Universität Zürich
Datum
15.10.2009
Von
Rolf Große, Deutsches Historisches Institut Paris

Die Umwälzungen, denen der Buchmarkt angesichts der Neuen Medien ausgesetzt ist, stellen auch die wissenschaftlichen Zeitschriften vor neue Herausforderungen. Einst das klassische Forum der Diskussion, laufen sie heute Gefahr, diese Aufgabe an eine kaum noch zu überschauende Flut von Tagungsbänden und Festschriften zu verlieren. Darüber hinaus tragen sinkende Etats der Bibliotheken dazu bei, die Zahl der Abonnenten ständig zu verringern. In diesem veränderten Umfeld müssen sich die Fachzeitschriften neu positionieren. Der zum zweiten Mal vom Deutschen Historischen Institut Paris veranstaltete „Tag der Geisteswissenschaften“ bildete den Rahmen einer Diskussion über Stand und Perspektiven, zu der sich Herausgeber, Redakteure und Förderinstitutionen deutscher und französischsprachiger Zeitschriften (mit einem Schwerpunkt auf der Geschichte des Mittelalters) trafen.

In ihrer Eröffnungsansprache stellte GUDRUN GERSMANN (Paris) die Table ronde in den Zusammenhang der in den vergangenen Monaten im internationalen Kontext geführten Diskussion um Open Access (OA) und Autorenrechte. Sie wies auf die OA-Politik des Deutschen Historischen Instituts (DHI) Paris hin, das in enger Zusammenarbeit mit der Bayerischen Staatsbibliothek München seine eigene Zeitschrift Francia retrodigitaliserte und dies auch für die Buchreihen plant.

Als Einführung skizzierte CLAUDIA ZEY (Zürich) die Themen, mit denen sich die Tagung, möglichst im Vergleich deutsch- und französischsprachiger Zeitschriften, auseinandersetzt: das rückläufige Angebot wissenschaftlicher Aufsätze und Miszellen, die Publikationsform (gedruckt oder elektronisch), Möglichkeiten der Finanzierung nicht nur des Drucks, sondern auch der redaktionellen Betreuung sowie die Umsetzung des Peer-Review-Verfahrens, das in zunehmendem Maße für geisteswissenschaftliche Zeitschriften gefordert wird. Die Qualitätssicherung durch ein Gutachtergremium sah sie als Vorteil gegenüber den Sammelbänden und als Chance, durch Bewertungsverfahren und ein allgemein anerkanntes Punktesystem die besten Beiträge für Periodika einzuwerben.

Anschließend verlas sie den kurzen Beitrag von RUDOLF SCHIEFFER (München), der an der Veranstaltung nicht teilnehmen konnte, über das Deutsche Archiv für Erforschung des Mittelalters (DA). Als Fachzeitschrift der Monumenta Germaniae Historica und von dessen Mitarbeitern redaktionell betreut, überwiegen dort quellenkundliche Beiträge, doch ist die Zeitschrift auch für darstellende Studien aus unterschiedlichen Bereichen der Mediävistik offen. Während die Gewinnung geeigneter Beiträge immer schwieriger wird, wächst der Besprechungsteil kontinuierlich an. Er versteht sich als Spiegel der internationalen Mittelalterforschung und zeigt auch Aufsätze in Zeitschriften und Sammelbänden an. Das DA wurde retrodigitalisiert und ist mit einer Movingwall von einem Jahr frei zugänglich.[1]

MARTIN AURELL (Poitiers) stellte die Cahiers de Civilisation Médiévale vor, die1958 gegründet wurden. Herausgegeben vom Centre d’Études Supérieures de Civilisation Médiévale (CESCM) der Universität Poitiers, werden sie maßgeblich von der öffentlichen Hand finanziert. Dem interdisziplinären Ansatz des CESCM verpflichtet, behandeln die Beiträge in vier Faszikeln pro Jahr jeweils zu einem Drittel Themen der Geschichte, Kunstgeschichte und Literatur, zuweilen auch der Musikwissenschaft, Theologie und Philosophie. Wenngleich zeitlich auf das 10. bis 12. Jahrhundert und auf Beiträge in französischer Sprache beschränkt, kann sich der wissenschaftliche Beirat der Zeitschrift, der über die Auswahl entscheidet, nicht über einen Mangel an angebotenen Manuskripten beklagen. Wird ein Aufsatz angenommen, erscheint er erst nach zwei bis drei Jahren. Alle fünf Jahre gibt es Themenhefte, für die Mediävisten gezielt angesprochen werden. Neben den Aufsatzteil treten die Rezensionen mit inzwischen mehr als 120 Besprechungen pro Jahr. Sie werden seit 1969 durch einen fünften Faszikel ergänzt, der die Bibliographie de civilisation médiévale umfasst. Während die Rezensionen weiterhin in Druckform erscheinen, wird die Bibliographie künftig ins Internet ausgelagert. Auch die älteren Jahrgänge der Zeitschrift werden demnächst retrodigitalisiert und dann über das Portal Persée frei zugänglich sein.

Eine völlig andere Politik verfolgt demgegenüber das Concilium Medii Aevi, wie NATHALIE KRUPPA (Göttingen) darlegte. Die Zeitschrift, die auf eine studentische Initiative an der Universität Göttingen zurückgeht, ist seit ihren Anfängen 1998 online verfügbar.[2] Um Vorbehalten gegenüber einer reinen Internetzeitschrift Rechnung zu tragen, erscheinen die Beiträge eines Jahrgangs zu Beginn des Folgejahres auch in Druckform sowie auf CD-Rom. Die Druckkosten werden vom Verlag (Edition Ruprecht) getragen. Angesichts der zunehmenden Akzeptanz von Onlinepublikationen gibt es jedoch die Überlegung, die gedruckte Version sowie die CD-Rom aufzugeben. Der Schwerpunkt der Zeitschrift liegt in der mittelalterlichen Geschichte, vereinzelt veröffentlicht sie auch Beiträge zum 16./17. Jahrhundert sowie zu Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik. Jeder Band enthält im Schnitt neun Aufsätze und zehn Rezensionen. Über ihr Erscheinen informiert ein Newsletter, der circa 400 Abonnenten zählt, von denen etwa ein Viertel nicht aus Deutschland stammt. Neben einigen „Stammautoren“ werden Beiträge auch gezielt eingeworben, etwa nach Vorträgen. Zudem schlagen Dozentinnen und Dozenten Arbeiten von fortgeschrittenen Studierenden zur Publikation vor.

Auf eine viel ältere Tradition blickt die Bibliothèque de l’École des chartes (BEC) zurück, deren erster Band bereits 1839/40 erschien. Als Charakteristikum hob MARC SMITH (Paris) ihre Verbindung mit der École des chartes, der Ausbildungsstätte der französischen Archivare und Bibliothekare, hervor. Sie wird von der Société de l’École des chartes herausgegeben, in der sich die Absolventen der École zusammengeschlossen haben, und vom Centre national de la recherche scientifique bezuschusst. Bei einer Auflage von 1.200 Exemplaren gehen 600 an Mitglieder der Société. Im Unterschied zu den meisten anderen wissenschaftlichen Zeitschriften spielen institutionelle Abonnements nicht die wichtigste Rolle. Wenngleich die BEC allen historischen Disziplinen offensteht, liegt ihr Schwerpunkt doch in quellenorientierten Studien. Um sich stärker neuen Themenfeldern zu öffnen, erscheint seit einigen Jahren der jeweils erste der beiden Faszikel als Themenheft. Zur Zeitgeschichte werden nur wenige Manuskripte angeboten, während sie zum Mittelalter in großer Zahl eingehen. Über ihre Annahme entscheidet ein Gremium, dem nicht nur die Professoren der École, sondern auch auswärtige Gutachter angehören. Seit 2003 stehen die älteren Jahrgänge kostenfrei auf der Internetplattform Persée zur Verfügung.[3]

Auch die 1973 erstmals erschienene, vom DHI Paris herausgegebene und komplett aus seinem Haushalt finanzierte Zeitschrift Francia ist seit einem Jahr retrodigitalisiert und mit einer Movingwall von zwei Jahren frei zugänglich (Francia-Retro).[4] Hält man an der Druckfassung der Zeitschrift fest, so wurden die Rezensionen komplett ins Netz ausgelagert und erscheinen in vier Lieferungen pro Jahr (Francia-Recensio). Als weitere Neuerung hob ROLF GROSSE (Paris) hervor, dass die 1989 vorgenommene Aufspaltung der Zeitschrift in Teilbände für Mittelalter, Frühe Neuzeit und Neuzeit/Zeitgeschichte aufgehoben wurde. Dies eröffnet die Möglichkeit, künftig auch epochenübergreifende Themenhefte zu veröffentlichen. Der Qualitätssicherung und den Anforderungen des Ranking-Verfahrens dient ein neu eingerichtetes, international besetztes Gutachtergremium. Bei Autoren und Rezensenten stießen die Umstellungen auf ein ausgesprochen positives Echo und ließen, nach jahrelangem Abwärtstrend, die Zahl der Abonnenten wieder steigen.

Interdisziplinär und auf den Zeitraum von Konstantin dem Großen bis Otto von Freising ausgerichtet sind die 1967 als Organ des Münsteraner Instituts für Frühmittelalterstudien begründeten Frühmittelalterlichen Studien, über die FRANZ NEISKE (Münster) berichtete. Für ihre Publikation erhält der Verlag keinen Zuschuss. Über Annahme und Ablehnung der Manuskripte (auf einen Rezensionsteil wurde verzichtet) entscheiden in der Regel die Herausgeber. Sie tragen der wachsenden Konkurrenz durch Kolloquiumsbände insofern Rechnung, als sie zuweilen auch die wichtigsten Vorträge von Tagungen geschlossen publizieren. Die seit 2002 erschienenen Bände sind komplett online verfügbar, allerdings nicht im Open Access.[5] Die Retrodigitalisierung der älteren Jahrgänge hat begonnen, und auch dieses Angebot wird nicht kostenfrei sein.

In das ausgehende 19. Jahrhundert zurück reichen die Anfänge der in Lüttich beheimateten Zeitschrift Le Moyen Âge. ALAIN MARCHANDISSE (Lüttich) unterstrich, dass sich ihr Interesse zu gleichen Teilen auf Geschichte und Philologie des Mittelalters richte, ohne benachbarte Disziplinen auszuschließen. Ihre Finanzierung erfolgt über die Abonnements sowie einen geringen staatlichen Zuschuss. Die Zeitschrift erscheint dreimal im Jahr, und seit jüngster Zeit bilden manche Faszikel auch Themenhefte, die oftmals auf Tagungen zurückgehen. Über die Auswahl der Manuskripte, auch für die Themenhefte, entscheiden jeweils zwei (in der Regel auswärtige) Gutachter. Das Angebot ist so groß, dass angenommene Beiträge mehrere Jahre auf ihre Publikation warten müssen. Am umfangreichen Besprechungsteil hält man in seiner gedruckten Form fest und lagert ihn nicht ins Netz aus, unter anderem weil dies auf Widerstand eines Teils der Rezensenten stoßen würde. Die Jahrgänge von 2001 bis 2009 sind in elektronischer Form und (mit Ausnahme der letzten Faszikel) kostenfrei zugänglich.[6] Open Access wird demnächst auch die Internetplattform Gallica gewähren, für die alle älteren Bände von der Bibliothèque nationale de France retrodigitalisert werden.

Aus der Perspektive der Förderung wissenschaftlicher, insbesondere elektronischer Zeitschriften durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft empfahl JOHANNES FOURNIER (Bonn), bereits bestehende Druckzeitschriften um eine digitale Version zu ergänzen oder sogar in eine elektronische Fassung zu überführen. Kleine und mittelständische Verlage der Geisteswissenschaften sollten in die elektronische Publikationsinfrastruktur investieren, um weiterhin eine Rolle zu spielen. Virtuelle Forschungsumgebungen, die nicht nur Arbeitsmaterialien bereitstellen, sondern auch dem wissenschaftlichen Austausch und der Publikation dienen, erfordern eine strikte Qualitätskontrolle und werden in den Geisteswissenschaften dazu führen, dass neben die Leistung des einzelnen Forschers in zunehmendem Maße die einer Forschergemeinschaft tritt.

Die nichtwissenschaftliche Lektüre wissenschaftlicher Zeitschriftenbeiträge und ihre popularisierende Weiterverarbeitung standen im Zentrum des Vortrags von JÜRGEN KAUBE (Frankfurt am Main). Er forderte einen problemorientierten Forschungsstil und warnte vor einer zunehmenden Spezialisierung des Publikationswesens, das mit einer Segmentierung der Forschung einhergeht. Gut sichtbare, zentrale Zeitschriften, an denen sich die besten Forscher beteiligen, ermöglichen es auch dem Vertreter eines benachbarten Gebiets, Anregungen und interdisziplinär anschlussfähige Forschung zu entdecken. Deshalb sei gerade beim elektronischen Publizieren die Frage von Bedeutung, wie weitere Strukturverluste zu vermeiden sind.

In der abschließenden Diskussion traf die Anregung, weniger Zeitschriften, diese aber mit einer größeren thematischen Bandbreite zu veröffentlichen, auf Zustimmung. Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses führt zu erhöhter Textproduktion und dem Druck, schneller zu publizieren. Dieser Wachstumsprozess ist kreativ zu begleiten, insbesondere durch eine strenge Qualitätskontrolle. Online-Publikationen dürfen nicht zu Wildwuchs im Internet führen; die Geisteswissenschaften benötigen vielmehr ein Informationsmanagement. Gegenüber Sammelbänden besitzen Zeitschriften den Vorteil, dass sie einmal angestoßene Diskussionen fortsetzen können. Während deutsche Periodika oft für Beiträge in anderen Sprachen offen sind, bestehen frankophone Zeitschriften in der Regel auf ihrer Sprache. Offen blieb in der Diskussion die Frage, ob mit der Digitalisierung eine Zu- oder Abnahme der Abonnentenzahlen zu erwarten sei.

Die Beiträge werden im Januar online auf www.perspectivia.net veröffentlicht.

Konferenzübersicht:

Gudrun Gersmann, Deutsches Historisches Institut Paris: Ouverture

Claudia Zey, Universität Zürich: Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven – Eine Einführung

Martin Aurell, Universität Poitiers: Les Cahiers de Civilisation Médiévale au service de l’interdisciplinarité

Nathalie Kruppa, Akademie der Wissenschaften in Göttingen: Concilium medii aevi – Ein Projekt aus studentischen Zeiten

Marc Smith, École nationale des chartes, Paris: La Bibliothèque de l’École des chartes entre traditions chartistes et nouvelle économie de recherche

Rolf Große, Deutsches Historisches Institut Paris: Francia. Ein Forum westeuropäischer historischer Forschung

Franz Neiske, Universität Münster: Frühmittelalterliche Studien als Forum aktueller Forschung der mediävistischen Fächer

Alain Marchandisse, Universität Lüttich: Le Moyen Âge, une revue d’histoire et de philologie à la fois centenaire et en prise avec le futur

Johannes Fournier, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Bonn: Zur Förderung wissenschaftlicher Zeitschriften: Entwicklungen, Erfahrungen, Einschätzungen

Jürgen Kaube, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt/M.: Wissenschaftliche Zeitschriften aus der Sicht eines nichtforschenden Lesers

Gudrun Gersmann: Conclusion

Anmerkungen:
[1] Vgl. <http://www.digizeitschriften.de> (16.11.2009).
[2] Vgl. <http://cma.gbv.de> (16.11.2009).
[3] Vgl. <http://www.persee.fr> (16.11.2009).
[4] Vgl. <http://www.perspectivia.net> (16.11.2009).
[5] Vgl. <http://fruehmittelalter.uni-muenster.de/fmst> (16.11.2009)
[3] Vgl. <http://www.cairn.info> (16.11.2009).

Kontakt

Rolf Große, DHI Paris

E-Mail: <rgrosse@dhi-paris.fr>

Zitation
Tagungsbericht: Revues scientifiques. État des lieux et perspectives / Wissenschaftliche Zeitschriften. Aktuelle Situation und Perspektiven, 15.10.2009 Paris, in: H-Soz-Kult, 01.12.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2858>.
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Veröffentlicht am
01.12.2009
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