Umbruch 1945? Die prähistorische Archäologie in ihrem politischen und wissenschaftlichen Kontext

Ort
Dresden
Veranstalter
Landesamt für Archäologie und Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der Technischen Universität Dresden
Datum
24.09.2009 - 26.09.2009
Von
Uwe Ullrich, Dresden

Nachdem vor fast zwei Jahren „Die prähistorische Archäologie im geschichtlichen Diskurs der politischen Systeme zwischen 1918 und 1989. Schlesien, Böhmen und Sachsen im Vergleich: Perspektiven der Forschung“[1] eine erste Bestandsaufnahme von Archäologen und Zeithistorikern für die weitere Aufarbeitung der Geschichte der prähistorischen Forschung im Kontext mit den an Sachsen angrenzenden Regionen darstellte, widmete sich diese Tagung inhaltlich vier Aspekten um das Kriegsende 1945. Das Hauptaugenmerk galt Biographien von Archäologen, die vor, während und nach dem Dritten Reich ihrem Beruf nachgingen, den Fachinstitutionen in denen sie wirkten, dem kriegsbedingten Schicksal prähistorischer Sammlungen sowie archäologischen Grabungen und deren Auswertung, die jeweils Bestandteil der Forschungen waren und blieben. Innerhalb der Beiträge blieben die Grenzen zwischen den einzelnen, oben benannten Schwerpunkten fließend.

Landesarchäologin REGINA SMOLNIK (Dresden) begrüßte die 14 Referenten und Gäste der Konferenz „Umbruch 1945?“ im Japanischen Palais, seit 1953 zum Teil als Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsens genutzt, zur zweiten Zusammenarbeit des Landesamtes für Archäologie (LfA) mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der Technischen Universität Dresden (HAIT). Den grundlegenden Fragestellungen von vor zwei Jahren[2] folge jetzt eine Sicht auf die Neuorganisierung von Forschung und Wissenschaft in den beiden deutschen Staaten unter dem Rückgriff auf frühere Netzwerke und Schülerkreise sowie eine Bilanz der musealen Kriegsverluste. In seiner Einführung verwies CLEMENS VOLLNHALS (Dresden), Direktor des HAIT, auf die in den Besatzungszonen verschieden gehandhabte Praxis der Entnazifizierungsverfahren und die widrigen Zeitumstände, in denen sich Lebenswege im geteilten Deutschland vollzogen.

Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) stand nach der bedingungslosen Kapitulation des Großdeutschen Reiches vor vielfältigen Herausforderungen, denn es existierte faktisch nicht mehr. Die Auslandsabteilungen waren geschlossen, die Römisch-Germanische Kommission dem Land Hessen unterstellt, die Auslandskontakte seit vielen Jahren unterbrochen, ein Teil der Mitglieder emigriert oder im Krieg geblieben. Nachdem MARIE VIGENER (Berlin) kurz die Eingangssituation geschildert hatte, referierte sie über den inneren Zustand der Institution und deren Umgang mit dem unrühmlichen Erbe, als Mitgliedsstreichungen aus „rassischen“ Gründen während der NS-Zeit erfolgt waren. Der kommissarische Leiter des DAI, Carl Weickert und die Zentraldirektion setzten nach 1945 auf stillschweigende Wiederaufnahmen der ehemaligen Mitglieder und unterließen es, NS-belastete Archäologen auszuschließen. Zusammenfassend verwies Vigener darauf hin, dass „im Umgang mit der NS-Vergangenheit zwei Phasen zu sehen sind: die unmittelbare Nachkriegszeit, in der wesentliche Teile des Narratives der ‚sauberen Archäologie’ entstanden, und die fünfziger Jahre, in denen eine personelle und institutionelle Kontinuität eine entschiedene Zäsur verhinderte. Selbstkritik fand kaum statt, man rückte stattdessen zusammen.“

Um den ehemaligen Ordinarius für Vorgeschichte an der Philipps- Universität in Marburg, Gero von Merhart, ranken sich einige Legenden, stellte DANA SCHLEGELMILCH (Wewelsburg) fest und hinterfragte deshalb den Nachlass über den Wahrheitsgehalt der Überlieferungen: „Unbestritten blieb dabei, dass Merhart nicht nur ein sympathischer Mensch, sondern auch im Sinne unseres Faches ein Idealist war, der daher zu Recht zum Vorbild einer ganzen Generation bedeutender Prähistoriker wurde.“ Einschränkend fügte sie an, dass Merhart auch Schwächen besaß und eine „Idealisierung dieser vielschichtigen Persönlichkeit kaum gerecht“ wird. Unbestritten seien seine grundlegenden Leistungen zwischen 1914 und 1921 für die sibirische Archäologie. Aber Georg Kossacks Aussage in den 1990er-Jahren, Gero von Merhart sei im Nationalsozialismus ein „Beispiel für Widerstand“ gewesen, überprüfte Dana Schlegelmilch; so gebe es über Gegenwehr nichts zu berichten. Im Machtkampf mit Hans Reinerth sei Merhart unterlegen gewesen und aus nichtigem Anlass aus dem Lehramt verdrängt worden. Die Referentin erinnerte daran, dass nach der Machtübernahme durch die NSDAP der alte Streit weiter schwelte und die Kontrahenten sich in zwei Lagern sammelten: Jene Gruppierung um Hans Reinerth, Leiter des Reichsbundes für Vorgeschichte und damit Vertreter des Amtes Rosenberg, der die „Gleichschaltung der prähistorischen Verbände und Institutionen unter seiner Führung betrieb“, und die immer mächtiger werdende SS um Heinrich Himmlers „Ahnenerbe“, welches „den alten Eliten das Faches die Erhaltung bestehender Strukturen grundsätzlich zusicherte.“ Den SS-Archäologen stand Merhart zweifellos persönlich nahe. Schlegelmilch verwies darauf, dass viele bei ihm studiert und promoviert hatten. Als entlassener Hochschullehrer fiel Gero von Merhart nicht unter das im März 1946 von der amerikanischen Militärregierung erlassene „Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus“. Er wurde als „politisch Verfolgter“ eingestuft. Im Verlauf der Zeit wurde er wieder Vermittlungsinstanz, wenn es um die Suche nach geeigneten Kandidaten für zu besetzende Stellen ging. Schlegelmilch: „Für Merhart stand fest, dass die Zukunft nur gesichert sein würde, wenn von ihm als fähig betrachtete Leute wieder in aussichtsreiche Positionen hereingebracht werden könnten.“ Er schrieb „Persilscheine“ aus und wirkte auch an Spruchkammerverfahren mit. Ihm war die fachliche Qualifikation wichtig und er unterließ es, politische Aktivitäten zu erwähnen. „Er beeidete damit also im Grunde, wie die Person sich ihm gegenüber verhalten hatte, nachdem er aus dem Amt gedrängt worden war“, stellte Dana Schlegelmilch am Ende ihrer Ausführungen resümierend fest.

Aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP verlor Wilhelm Unverzagt entsprechend der Bestimmung der sowjetischen Militärverwaltung Mitte Juli 1945 sein Amt als Direktor des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte, das er seit 1932 inne hatte. Ohne Einkommen und Zukunftsperspektive sah sich Unverzagt ausgegrenzt. Er legte Widerspruch gegen die Entscheidung ein und konnte sieben Erklärungen, darunter einen „Persilschein“ von Merhart, vorlegen, welche ihn entlasteten. SEBASTIAN HEBER (Berlin) untersuchte dessen Lebensweg um das Jahr 1945. Obwohl in seiner politischen Grundhaltung national- konservativ[3], so Heber, wagte es Unverzagt 1938 nicht, „im Interesse der Erhaltung seiner Lebensarbeit und der Fortsetzung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit“ den Parteieintritt abzulehnen. Er schien aus seiner Haltung keinen Hehl zu machen, denn das Preußische Erziehungsministerium lehnte seine Wahl zum Ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften wegen mangelnder nationalsozialistischer Überzeugungen im Juni 1939 ab. Nach mehreren Versuchen, ihn beruflich wieder einzubinden, wurde Wilhelm Unverzagt im Oktober 1953 an der Akademie der Wissenschaften in Berlin (Ost), seit 1949 deren Ordentliches Mitglied, zum Institutsdirektor berufen. Über die Jahre seiner Amtsführung hinweg, blieb er Grenzgänger zwischen West- und Ost-Berlin. „Unverzagt hatte als West-Berliner Bürger,“ berichtete Heber, „unter der zunehmenden Spaltung Deutschlands zu leiden und diente gleichzeitig als Bindeglied (Akademieberufungen für westdeutsche Kollegen, Wissens- und Fachaustausch, Zusammenarbeit mit ostmitteleuropäischen Partnern) zwischen diesen beiden sich zunehmend auseinander bewegenden Welten.“

Weitere Referate[4] widmeten sich den Lebenswegen von Archäologen in Ost und West. JAN JESKOW (Jena) und ROMAN GRABOLLE (Leipzig) berichteten über Gotthard Neumann und dessen wechselhaftes berufliches Schicksal zwischen Entnazifizierung und Reintegration an der Universität Jena[5] in der frühen DDR. DIRK MAHSARSKI (Göttingen) beleuchtete Herbert Jankuhns Rückkehr in den Wissenschaftsbetrieb und MICHAEL STROBEL (Dresden) verfolgte Werner Radigs Karriere vom engagierten „Ostforscher“ zum Träger des Vaterländischen Verdienstordens der DDR

Über die Geschichte der vorgeschichtlichen Sammlung der Staatlichen Museen Berlin nach 1945 berichtete TIMO SAALMANN (Jena). Seinen Vortrag leitete er mit einem Rückblick auf die Sammlungsgeschichte ein, um einen Eindruck darüber zu vermitteln, welche Verluste zu beklagen waren. Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden die Ausstellungsstücke im früheren Kunstgewerbemuseum (heute Martin-Gropius-Bau) in 21 Sälen präsentiert. Drei Räume dienten zur Unterbringung des wohl wichtigsten Sammlungsobjektes, den Troja-Funden, einschließlich des so genannten „Schatz des Priamos“ Heinrich Schliemanns. Das Gold, erklärte Saalmann, wurde „zum Eigentum der Nation und als wichtiger integraler Bestandteil des nationalen Kunstbesitzes verstanden, was wichtig für das Verständnis der Nachkriegsgeschichte“ dieser Sammlung sei. An dieser Stelle muss daran erinnert werden, dass bereits ab Mitte der 1930er-Jahre Berliner Museen Vorkehrungen zum Luftschutz trafen und unersetzbare Exponate in die Großtresore der Münzprägeanstalt und der Preußischen Staatsbank brachten. Pläne für Evakuierungen in Bergwerke Mitteldeutschlands und Österreichs wurden jedoch erst in der zweiten Kriegshälfte Wirklichkeit. Museumsbestände der Vor- und Frühgeschichte verblieben hingegen größtenteils in der Hauptstadt. Exponate, die den Krieg überdauerten, wurden immer mehr zum Politikum zwischen Ost und West. Denn die sowjetischen Beschlagnahmungen standen im schroffen Gegensatz zur Kunstpolitik der Westalliierten. Diese trieben die Rückgabe von Kulturgütern zielstrebig mit dem Ziel voran, Raubgut an die Eigentümer oder den deutschen Museen zurück zu geben. In der geteilten Stadt lag im Ostteil die Museumsinsel und die Westmuseen waren nach Dahlem ausgewichen. Saalmann erinnerte daran, dass „jedes Mal, wenn neue Lieferungen aus den Central Collecting Points aus Celle oder Wiesbaden nach Dahlem gingen und von der Westberliner Presse gefeiert wurden, die DDR-Führung die Herausgabe der zurückgekehrten Kunst beanspruchte, weil sie in die Stammhäuser auf die Museumsinsel gehöre. Von dem Verbleib der 1945 beschlagnahmten Goldsachen, besonders dem Schatz des Priamos, fehlt leider immer noch jede Nachricht.“

Im Blickpunkt weiterer Sammlungsschicksale waren die Provenienzrecherche am Hegau - Museum durch KATHARINA KRALL (Singen), JUDITH SCHACHTMANN (Dresden) referierte über Walter Frenzel und die ethnographische Sammlung Łódź und JASPER VON RICHTHOFEN (Görlitz) stellte den schwierigen Umgang mit kriegsverlagerten Kulturgütern am Beispiel des Kulturhistorischen Museums Görlitz dar.

Zahlreiche Bodenaltertümer der Dresdner Sammlungen gingen durch die Bombenangriffe auf die Stadt unwiederbringlich verloren. Den Wiederaufbau des Museums für Vorgeschichte verflocht THOMAS WIDERA (Dresden) mit der Biographie von Werner Coblenz[6], der sich zeitweise zunehmendem politischem Druck auf die Bodendenkmalpflege ausgesetzt sah. Er orientierte sich zwar am neuen (sozialistischen) Vokabular, stellte Widera fest, konnte aber die Anpassung an die Politik und deren inhaltliche Einmischungen vor allen während der Übergangszeit bis in die frühe Konstituierung der DDR nicht verhindern. „Mehrmals erfolgten strukturelle Eingriffe mit dem Ziel, die Vorgeschichte anderen Einrichtungen anzugliedern. Da Museen als kulturelle Erziehungsinstrumente kulturpolitisch die SED-Herrschaft stabilisieren sollten, entstand aus dem mangelnden Gegenwartsbezug des Fachs dessen erhöhter Legimitationsbedarf. Bindung an einen politischen Auftrag wurde Voraussetzung wissenschaftlicher Tätigkeit“, resümierte Widera am Ende seines Vortrages und sah den Zustand erst entspannt, nachdem 1952 die Länder der DDR in Bezirke aufgelöst und die Sektion für Vor- und Frühgeschichte der Deutschen Akademie der Wissenschaften zur Leitinstitution wurde.

In deren Auftrag bereiste Werner Coblenz zwischen 1959 und 1967 Burgwallanlagen in den drei Bezirken (Dresden, Karl- Marx- Stadt, Leipzig) Sachsens berichtete SUSANNE GRUNWALD (Leipzig). Er ergänzte und prüfte alte Angaben aus der Burgwallkartei[7], legte allerdings nie die geplante katalogmäßige Vorlage und Auswertung der Ergebnisse vor. Die sächsische Burgwallforschung stehe in der Tradition der Vorkriegsforschungen und die Ursachen sind nach Grunwalds Einschätzung vielfältig. Einerseits gab es zahlreiche personelle Kontinuitäten innerhalb des Burgwalldiskurses, andererseits orientierte man sich an der polnischen Forschung zum Frühmittelalter, die methodisch ebenfalls in die 1920er- und 1930er-Jahre zurückreichte, „als die deutsche Ostforschung wie die polnische Westforschung aggressiv ethnische Deutungen versuchten und archäologische wie historische Argumente zu instabilen Mischargumentationen aufbauten.“ Noch ein anderer Gesichtspunkt sei in Betracht zu ziehen: Der ideologische und der politische Rahmen der Forschungen änderte sich radikal, denn der einstige Gegner im Osten war inzwischen zum Bündnispartner geworden. Es folgte eine Umwertung frühgeschichtlicher Kulturen und eine einheitliche Geschichtsphilosophie begann sich durchzusetzen. „ Nach 1945 steuerten die sächsische Forschung und mit ihr die Burgwallforschung keine wesentlichen Argumente für politische Diskurse bei, weil dies von Seiten des Staates angesichts der zu konstruierenden neuen sozialistischen nationalen Identität nicht gefördert wurde“, stellte Grunwald abschließend fest. Wie die sächsischen Burgwallanlagen blieb der limes saxoniae seit Anfang des vergangenen Jahrhunderts stets Interpretation ausgesetzt. Darüber referierte ULRICH MÜLLER (Kiel).

Die Tagung war ein weiterer Schritt auf dem Weg, die Geschichte der Archäologie zwischen Weimarer Republik und der Gründung der beiden deutschen Staaten als Tatsache in der Nachkriegsordnung aufzuarbeiten. Naturgemäß standen die biographischen Entwicklungen und fachlichen Einbindungen im Mittelpunkt. Während der kurzen Vorträge und der sich anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass hier nur ein äußerer Rahmen individueller Lebenswege angerissen werden konnte. Es wird notwendig sein, in nächsten Schritten Beweggründe für Entscheidungen herauszuarbeiten. Gangbare Wege scheinen dafür die schrittweise Erarbeitung von Biographien zu sein, welche Leben, Werk und Wirkung der Protagonisten ausbreiten und in den verschiedenen gesellschaftlichen Systemen in den Wissenschaftsbezug einzuordnen sind. Hierfür erscheint es wichtig, Bezugnahmen zu den Geisteswissenschaften, insbesondere der Geschichtswissenschaft und den politischen Maßgaben für archäologische Wertungen zu beachten.

Vorgestellt wurden im Tagungsverlauf umfangreiche Materialsammlungen, welche biographische Daten und personelle Zusammenhänge offen legten. Als Konsequenz aus der Summe der Vorträge muss nun ein Ausloten der möglichen zeitbedingten individuellen Spielräume folgen und persönlichkeitsbedingte Beweggründe für Unterschiede oder Einheit von Wort und Tat in den jeweiligen Zeitabschnitten (Weimarer Republik/ Drittes Reich/ Zweiter Weltkrieg/ Besatzungszeit/ Eigenstaatlichkeit) herauszuarbeiten sowie denkbare Alternativen aufzuzeigen. Der Kreis der zu untersuchenden Personen sollte erweitert werden, um Grundlagen für Kollektivbiographien in den historischen Etappen zu schaffen und Legendenbildungen zu hinterfragen. Dabei gilt es, ein besonderes Augenmerk auf die strukturellen Ähnlichkeiten und Unterschiede von Persönlichkeitsentwicklungen, Lehrinhalten und Museumskonzepten zu haben. Die Tagung warf auch die Frage auf, welche Bedeutung der Archäologie in der staatsbürgerlichen Erziehung und Bildung in den Gesellschaftssystemen der Demokratie und Diktatur beigemessen wurde? Vorerst nur punktuell angerissen wurden die Themen Generationenkonflikte, die zeitliche Kontinuität der Denkmalschutzgesetze, individuelle Absprachen innerhalb des Faches (dazu zählen auch die Entlastungen in Spruchkammerverfahren gegen Kollegen), differenzierte Fachinterpretationen nach den Systemwechseln sowie die Art der Finanzierung der Forschung und Bewahrung von Zeugnissen der Vor- und Frühgeschichte. Es sind hier in Dresden Grundlagen für die weitere Beschreibung der Wissenschaftsgeschichte vorgestellt worden, die für eine komplexe Darstellung von Biographie und Fachwissenschaft unabdingbar sind.

Konferenzübersicht:

Roman Grabolle (Leipzig)/ Jan Jeskow (Jena): Gotthard Neumann (1902-1972) – Vom Vorgeschichtsprofessor zum Waldarbeiter und zurück. Entnazifizierung, Wiedereinstellung und Reintegration an der Universität Jena in der SBZ und frühen DDR

Susanne Grunwald (Leipzig): Berliner Konzeption und Sächsische Realitäten. Zur Bedeutung der Burgwallforschung für die Archäologie in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1965

Sebastian Heber (Berlin): Wilhelm Unverzagts Rolle im Nachkriegsdeutschland

Katharina Krall (Singen): Provenienzrecherche am Hegau - Museum

Dirk Mahsarski (Göttingen): Von der „germanischen Stadt der Frühzeit“ zum „Handelsplatz der Wikingerzeit“ – Herbert Jankuhns Rückkehr in den Wissenschaftsbetrieb

Ulrich Müller (Kiel): Der limes saxoniae seit 1945: Grundlagen seiner Interpretation seit den 1920er Jahren

Jasper von Richthofen (Görlitz): Kriegsverlust und Beutekunst. Der schwierige Umgang mit kriegsverlagerten Kulturgütern am Beispiel des Kulturhistorischen Museums Görlitz

Timo Saalmann (Jena): Den Verlust erinnern. Die prähistorische Sammlung der Berliner Museen nach 1945

Judith Schachtmann (Dresden): Walter Frenzel und die ethnographische Sammlung Łódź

Dana Schlegelmilch (Wewelsburg): Gero von Merharts Rolle in den Entnazifizierungsverfahren „belasteter“ Archäologen

Michael Strobel (Dresden): Werner Radig – Ostforscher im Generalgouvernement und Träger des Vaterländischen Verdienstordens der DDR

Marie Vigener (Berlin): „Schäbigste Opportunität und Charakterschwäche“? –Mitgliederstreichungen beim Deutschen Archäologischen Institut, 1938-1953

Thomas Widera (Dresden): Wissenschaft oder Mission? Die „Aufbauarbeit“ des sächsischen Landesamtes für Vorgeschichte

Anmerkungen:
[1] Tagungsbericht, Die prähistorische Archäologie im geschichtlichen Diskurs der politischen Systeme zwischen 1918 und 1989. Schlesien, Böhmen und Sachsen im Vergleich: Perspektiven der Forschung. 24.11. 2007-26.11. 2007, Dresden, in: H-Soz-u-Kult, 13.02.2008, >http://hsozukult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsbericht/id=1906>.
[2] Judith Schachtmann / Michael Strobel / Thomas Widera (Hrsg.), Politik und Wissenschaft in der prähistorischen Archäologie. Perspektiven aus Sachsen, Böhmen und Schlesien, Berichte und Studien Nr. 56 herausgegeben vom Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V., Göttingen 2009.
[3] Vgl. Sebastian Heber, Wilhelm Unverzagt und die archäologischen Untersuchungen in Zantoch (1932-1934), in: Ethnographisch- Archäologische Zeitschrift 49, 2008, S.309-333.
[4] Links zu den Abstracts der Referenten unter <http://www.archaeologie.sachsen.de/themenportal/1711.htm> (12.11.2009).
[5] Vgl. Roman Grabolle / Uwe Hoßfeld / Klaus Schmidt, Ur- und Frühgeschichte in Jena 1930–1945. Lehren, Forschen und Graben für Germanien? in: Uwe Hoßfeld / Jürgen John / Oliver Lemuth u.a. (Hrsg.): Kämpferische Wissenschaft. Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus. Köln, Weimar, Wien 2003, S. 868–912.
[6] Vgl. Thomas Widera, Werner Coblenz und die prähistorische Archäologie in Sachsen nach 1945, in: Judith Schachtmann / Michael Strobel / Thomas Widera (Hrsg.), Politik und Wissenschaft in der prähistorischen Archäologie, S. 193-217.
[7] Vgl. Susanne Grunwald, Potentiale der Burgwallforschung. Sächsische Archäologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, i n: Judith Schachtmann / Michael Strobel / Thomas Widera (Hrsg.), Politik und Wissenschaft in der prähistorischen Archäologie, S. 149-168.

Zitation
Tagungsbericht: Umbruch 1945? Die prähistorische Archäologie in ihrem politischen und wissenschaftlichen Kontext, 24.09.2009 – 26.09.2009 Dresden, in: H-Soz-Kult, 25.11.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2866>.