Adel als Unternehmer im europäischen Vergleich

Ort
Engelskirchen
Veranstalter
Gudrun Gersmann, Paris; Manfred Rasch, Duisburg
Datum
01.10.2009 - 02.10.2009
Von
Monika Gussone, DHI Paris

Inhalt der von GUDRUN GERSMANN (Paris) und MANFRED RASCH (Duisburg) konzipierten Tagung war das adlige Unternehmertum Europas (mit Ausnahme des Nordens) im 19. und 20. Jahrhundert. Veranstalter waren der Landschaftsverband Rheinland, die Fritz Thyssen-Stiftung, das Deutsche Historische Institut, Paris, sowie die Rheinische Ritterschaft und die Vereinigten Adelsarchive im Rheinland e.V. Als Leitfrage kristallisierte sich die Frage nach Handlungsmustern im adligen Unternehmertum heraus. War der Adel mehr regional interessiert und vernetzt, handelte er national oder gar international? War er fortschrittlich in seiner Sicht auf die Industrialisierung oder beschränkte er sich traditionell auf die Bewirtschaftung seiner Landgüter? War adliges Unternehmertum stets zunächst mit dem Landbesitz, den darauf befindlichen Rohstoffen und produzierten Gütern verbunden? Wie veränderte sich unternehmerisches Handeln und gab es Branchen, in denen sich der Adel vorzugsweise engagierte?

Nicht nur in diesen Punkten zeigten sich einerseits Unterschiede im Handeln des Adels einzelner Nationen, andererseits überraschende Parallelen auch zwischen räumlich entfernten Adelslandschaften. Im Einklang mit der Charakterisierung als „Arbeitstagung“ befand sich die Erkenntnis, dass das Thema für den ausgewählten Zeitraum in großen Teilen kaum erforscht ist. Es wurde aber deutlich, dass auf gesamte Länder bezogene Stereotype grundsätzlich überprüft werden müssen. Bereits zu Beginn wurde das Problem der Definition des adligen Unternehmers angesprochen, sehr zu Recht, da der Begriff teilweise weit gefasst wurde, angestellte Manager, sogar Aufsichtsräte und Vorstandsmitglieder ohne vertiefte Kenntnisse einbezog, teilweise auf Firmenbesitzer, die eigenverantwortlich handelten, beschränkt wurde. Diskutiert wurde außerdem, in welcher Form Nobilitierte zu berücksichtigen seien.

PETER NEU (Bitburg) stellte die aus der Eifel stammenden Herzöge von Arenberg als ein Beispiel für supranational agierende adlige Unternehmer vor, die ihre Verbindung in andere Regionen (Ardennen, Lüttich, Maasgebiet, Brüsseler Umland) immer für wirtschaftliche Unternehmungen nutzten. Eines ihrer „Erfolgsrezepte“ war der Wissensaustausch und das Heranziehen von Fachleuten, ein anderes die Förderung der Landwirtschaft durch Ansiedlung von Bauern insbesondere dort, wo industriell keine Möglichkeiten bestanden. Ihr seit dem Spätmittelalter bestehendes Engagement in der Eisenproduktion verstärkten sie Mitte des 18. Jahrhunderts, als das Schleidener Eisen- und Erzrevier in ihren Besitz fiel. Anpassungsfähigkeit zeigte die Familie darin, dass sie unrentabel gewordene Wirtschaftszweige abstieß: Statt in Eifeler und Ardenner Eisenproduktion und Bergbau investierte sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Vest Recklinghausen in die höchst erfolgreiche Arenberg’sche AG für Berg- und Hüttenwesen. Um 1900 wurden die Arenberger, die sich trotz der Herkunft ihres Vermögens immer vor allem als Standesherren gesehen hatten, zu internationalen Kapitalisten, waren nur noch Geldgeber, aber keine Unternehmer mehr.

JACQUES MAAS (Luxemburg) widmete sich dagegen mit den de Wendel einer Familie, die aufgrund ihres wirtschaftlichen Engagements in den Adelsstand erhoben wurde und bis ins 20. Jahrhundert die mächtigste Eisen- und Stahldynastie in Frankreich blieb. Zunächst in militärischen Diensten, erwarb Jean-Martin 1704 die Eisenhütte und 1705 die zugehörige Herrschaft Hayange. Auch hier zeigte sich, dass der Besitz von Eisenhütten für den Adel unproblematisch war, der Titel „maître de forges“ sogar ein erster Schritt in Richtung Nobilitierung. Durch Beziehungen und Familienverbindungen, deren genaue Betrachtung ihren Aufstieg im 17. Jahrhundert erst nachvollziehbar werden lässt, wurde die Familie einerseits veranlasst und war andererseits erst in der Lage, in das Eisenhüttengewerbe einzusteigen. Im 18. Jahrhundert übten die de Wendel den Beruf des „maître de forges“ selbst aus, zugleich blieben militärische Karrieren innerhalb der Familie üblich. Beide Bereiche verknüpfte François-Ignace (gest. 1795), als er die Aufsicht über die königlichen Waffenmanufakturen erhielt und die französische Kanonenherstellung modernisierte.

Wirtschaftsstile und unternehmerische Aktivitäten englischer und böhmischer Hochadliger im 19. Jahrhundert stellte TATJANA TÖNSMEYER (Berlin) gegenüber. Der überwiegende Teil des böhmischen Adels war kapitalistisch tätig, sei es in der Eisengießerei oder der Zuckerraffinerie, jedoch nahm die adlige Beteiligung seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ab. In England spielte der Adel ebenfalls eine wichtige Rolle bei der frühen Industrialisierung. Man baute Kohle auf eigenem Grund ab, errichtete Hochöfen und Walzwerke – jedoch nie in unmittelbarer Nähe des Adelssitzes, um das Idealbild des adligen Landlebens nicht zu beschädigen. Der Adel hatte Interesse an langfristigen Investitionen auf eigenem Land, verkaufte oder verpachtete Unternehmen aber, wenn sie unrentabel wurden. Profitorientierung herrschte auch in der Landwirtschaft vor, so dass der böhmische und der englische Hochadel die Agrarkrise der 1870er- und 1880er-Jahre recht gut überstand. Wenn auch fortschrittlich auf wirtschaftlichem Gebiet, hielten beide Adelsgruppen an ihrem traditionellen Standesverständnis fest, das Autorität mit Sorge um die Landarbeiter verband, dieses soziale Engagement zugleich aber auch als Herrschaftsmittel einsetzte, Gewerkschaften und Landarbeiterversicherungen verhinderte – und so wieder Kosten sparte.

Als Abschluss des Tages zeigte HEINZ REIF im öffentlichen Abendvortrag die Entwicklungsphasen der deutschen Adelsforschung zum 19. und 20. Jahrhundert seit 1945 an einzelnen Vertretern der verschiedenen Ansätze auf – von Otto Brunners Niedergangstheorie über Hans Rosenbergs Theorie der Pseudodemokratisierung des Adels bis zu Eckart Conzes Befund der zunehmenden internen Vielfalt innerhalb des Adels während des 20. Jahrhunderts bei gleichzeitiger Bewahrung der „Adligkeit“. Als aktuelle Ansätze nannte Reif die Suche nach den Stärken des Adels einerseits und andererseits nach dem, was als typisch adlig überhaupt noch zu erkennen sei.

DITTMAR DAHLMANN (Bonn) behandelte den russländischen Adel, der kein geschlossener Stand, seit Ivan IV. ein Dienstadel und seit 1722 in die 16-stufige Rangtabelle der Gesellschaft eingeordnet war. Auch erfolgreiche nicht-adlige Unternehmer konnten durch Nobilitierung in der Rangtabelle aufsteigen. Im spät industrialisierten Russland betätigte sich der Adel zunächst als Manufakturunternehmer, wofür staatliche Lizenzen zu erwerben waren. Nach der Bauernbefreiung 1861 konnten die Erlöse aus Landverkäufen anderweitig investiert werden. Da die russische Adelsgeschichte insgesamt noch wenig erforscht ist, wurde auf einige markante Beispiele eingegangen. Erfolgreiche Unternehmer wurden vor allem nicht genuin russische, aber gut integrierte Adlige, die sich – oft über mehrere Generationen – beispielsweise im Uran-, Kohle- und Eisenabbau, in der Champagner- und Zuckerproduktion, der Mineralwasserabfüllung oder als Gründer einer Gesellschaft für Eisenbahnbau engagierten.

Mit dem überwiegend ritterschaftlich organisierten baltischen Adel – dem ländlichen und dem städtischen – beschäftigte sich ULRIKE VON HIRSCHHAUSEN (Hamburg). Bei seiner erfolgreichen Integration in eine moderne Industriellenschicht spielten sicherlich die Offenheit für Ideen der Aufklärung und der Wissenstransfer aus Westeuropa eine Rolle, der auch wirtschaftlich-technische Kenntnisse beinhaltete. Seit in den 1860er-Jahren der Eisenbahnausbau betrieben wurde und aufgrund der protektionistischen Zollpolitik Russlands am Rand des Reiches, wandelte sich Riga zur Industriestadt, von der aus die nationale Nachfrage bedient wurde. Der marktwirtschaftlich denkenden Unternehmerschicht traten Söhne baltischer Adelsfamilien bei, entscheidende Impulse kamen auch von der multiethnischen Struktur der Region. Die Rolle des Adels veränderte sich, als nach 1860 Bauern Land erwerben und in die Stadt abwandern konnten. Der Landadel passte sich an die neue Situation an, indem er mit Holz-, Milch- und Fleischproduktion auf seinen Gütern die städtische Nachfrage deckte. Ebenso modernisierte eine vom Adel gegründete Kooperative, welche adlige Netzwerke nutzte, die Alkoholproduktion. Gleichzeitig investierte der städtische Adel zunehmend in neue Industriezweige wie Maschinenbau, Chemie oder Metallverarbeitung. Trotz wirtschaftlicher Aktivitäten änderte sich aber der adlige Habitus in Beziehung auf Bildung, Erziehung, Heiratskreise oder Freizeitverhalten nicht.

Einen „Erkundungsgang“, der mehr die allgemeine wirtschaftliche als die adelsspezifische Entwicklung in Polen beleuchtete, unternahm ALBERT KOTOWSKI (Bydgoszcz). Sie verlief nach der Teilung Polens (1791-1795) in den einzelnen Gebieten höchst unterschiedlich. Am wenigsten entwickelt war das zu Österreich gehörende Galizien, am meisten industrialisiert das Großherzogtum (ab 1849 Provinz) Posen. Die nationale Gesinnung des polnischen Adels erschwerte jedoch Posens Einbindung in den preußischen Staat. Preußen beendete bestehende Handelsbeziehungen und unterdrückte die Industrialisierung, so dass dem Adel vor allem Landwirtschaft und kulturelle Betätigungen offenstanden. Von den drei beispielhaft vorgestellten adligen Lebenswegen war nur einer der eines typischen Unternehmers: Hippolyt von Zegelski gründete eine erfolgreiche Handelsgesellschaft und schließlich einen eigenen Produktionsbetrieb für landwirtschaftliche Geräte.

Beispielhaft für eine mittlere böhmische Herrschaft und die darauf gewonnenen Rohstoffe (wie Torf, Ziegellehm, Getreide, Holz, Wolle) und produzierten Waren (Eisen, Zucker, Spitzen, Textilien, Glas) stellte HUBERT WEITENSFELDER (Wien) die Herrschaft Rothenhaus des Heinrich Franz Graf Rottenhan (gest. 1809) vor. Des Weiteren wurde der Anteil des niederösterreichischen Adels bis 1848 an den Fabrikbesitzern ermittelt (16,1 Prozent), sein Anteil an technischen Innovationen im Zeitraum 1820-1847 (vermutlich 5,8 Prozent der erteilten Patente gingen an Adlige), seine Beteiligung an Gewerbeausstellungen und seine Präsenz in Firmengeschichten. Deutlich wurde, dass in allen Bereichen auch der Hochadel zahlreich vertreten war.

GABRIELE CLEMENS (Saarbrücken) befasste sich mit dem regional sehr unterschiedlichen italienischen Adel – dem Feudaladel des Mezzogiorno, dem wenig gebildeten, konservativen Adel des Kirchenstaats, dem wirtschaftlich aktiven, vernetzten Stadtadel des Nordens und dem piemontesischen Dienstadel, der im 19. Jahrhundert erfolgreiche Unternehmer stellte. Die bislang gültige Ansicht, der italienische Adel des 19. Jahrhunderts sei wirtschaftlich rückständig gewesen, wurde infragegestellt. An der in den 1840er- bis 1860er-Jahren beginnenden Industrialisierung mit Metall- und Textilherstellung, Ausbau von Handel, Banken und Infrastruktur, waren immerhin halb so viele Adlige wie Bürgerliche beteiligt. Erfolgreiche Unternehmer wendeten neue Agrartechniken an, gründeten eine Eisenbahngesellschaft, produzierten Wein und optimierten Produktionsprozesse und Vertrieb. Die piemontesischen Landwirtschaftsbetriebe waren zwischen 1850 und 1875 die wertvollsten Italiens, in der Lombardei waren adlige Landbesitzer erfolgreich offen für Innovationen, die vor allem aus England kamen. In der Toskana waren unter anderem florierende Porzellan-, Textil-, Filz- und Seidenmanufakturen in adligem Besitz, in Mailand dagegen war der Adel um 1880 an der Industrialisierung vor allem als Geldgeber beteiligt.

Das in wirtschaftlicher Hinsicht geteilte Spanien nahm HEDWIG HEROLD-SCHMIDT (Jena) in den Blick: Mitte und Süden mit zahlreichen Großgrundbesitzungen waren agrarisch geprägt, Norden und Osten bereits industrialisiert. Lange wurde die Rückständigkeit der Agrargegenden dem Adel angelastet, jedoch waren Innovationen auf den verstreuten Besitzungen wegen schwerfälliger Verwalter und Pächter, die kaum auf den Modernisierungsdruck reagierten, nur langsam durchführbar. Die Gruppe des „Alten Adels“, der Großgrundbesitzer, betrieb Landwirtschaft streng nach Rentabilitätsüberlegungen und war keineswegs innovationsfeindlich. Auf Modellgütern erprobte sie neue Anbautechniken und Maschinen, die in Europa erfolgreich waren. Der „Neue Adel“ besaß dagegen weniger Land, investierte mehr in anderen Bereichen, kombinierte auch unterschiedliche Erwerbszweige und nutzte seine Beziehungen, beispielsweise im Zucker-, Sklaven- und Tabakhandel oder im Schiffbau. Fortschrittliche Wirtschaftstechniken lernte er in landwirtschaftlichen Vereinigungen kennen. Nach den liberalen Reformen von 1833 beteiligte sich auch der Altadel an Unternehmen, aber inwieweit er tatsächlich geschäftlich tätig war und nicht nur als Geldgeber auftrat, bleibt noch offen.

PAUL JANSSENS (Gent) suchte nach dem relativen Anteil des Adels am Geschäftsleben, zum Beispiel als Geschäftsführer, im Verhältnis zum Bürgertum und nach der zahlenmäßigen Relation des Alten Adels gegenüber den Nobilitierten. Es zeigte sich, dass Nachkommen Geadelter das Geschäftsleben weniger schnell aufgegeben haben als Söhne und Enkel Bürgerlicher, die Familienkontinuität beim Adel war also geringfügig größer. Eine Fortführung der Geschäftstätigkeit nach der Nobilitierung war doppelt so wahrscheinlich wie deren Beendigung. Geschäftsführer haben jedoch unter den Nobilitierten und erst recht den Altadligen insgesamt nur einen geringen Anteil ausgemacht. Zudem wurden sie oft wegen ihres Namens, weniger wegen der Höhe ihrer Kapitaleinlage in Aufsichtsräte berufen. Sagen lässt sich für das 19. Jahrhundert, dass der Adel im Versicherungsgewerbe dominant war, unterrepräsentiert dagegen im Metall- und Textilgewerbe, in der Gas-, Papier- und Brauindustrie, im Gartenbau oder in Steinbrüchen. Im Bereich der Industrialisierung beteiligte sich der Adel größtenteils noch nicht. Die obrigkeitliche Förderung eines „Geschäftsadels“, in dessen Zusammenhang dem Adel seit 1736 ohne Gefährdung des Standes der Großhandel offenstand, bewegte den Altadel erst später, sich an der Industrialisierung zu beteiligen, wie Janssen darlegte.

Indem er den Aktivitäten des Adels vor der Industrialisierung (1770-1820/1830) seine Rolle als Unternehmer im Second Empire gegenüberstellte, verfolgte THIERRY JACOB (Lyon) die Frage nach Kontinuität oder Diskontinuität adligen Engagements. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entfaltete man, abgesehen von der Stabilisierung der Landwirtschaft, kaum unternehmerische Aktivitäten. Wenn doch, dann dominierten mit eigenem Grund und Boden verbundene Betriebe, auch war der Adel – Familien von lokaler und regionaler, keine von nationaler Bedeutung – nicht an allen Industriezweigen interessiert, sondern an solchen, die eng mit der Region verknüpft waren. Seit circa 1860 änderten sich die Formen unternehmerischen Handelns, der Adel suchte meist als Geldgeber und Aktionär Restrukturierung und Sicherung seines Vermögens. Vorwiegend über Beziehungsnetze gelangten insbesondere Pariser Adlige um die Jahrhundertwende an Verwaltungsratssitze in Aktiengesellschaften – vor allem Eisenbahn- und Versicherungsgesellschaften.

JACQUES VAN RENSCH und WILLIBRORD RUTTEN (Maastricht) stellten zum Abschluss der Tagung heraus, dass der limburgische Adel an Handel und Industrialisierung kaum Interesse hatte. Er betrachtete den Grundbesitz als wichtigsten Bestandteil des Vermögens und die Landwirtschaft noch am Ende des 19. Jahrhunderts als die wirtschaftliche Zukunft. Hinzu kam, dass die Nobilitierung von Unternehmern zwar theoretisch möglich war, in der Praxis jedoch schwer durchführbar, so dass auch auf diesem Weg der Anteil des Adels an der Industrialisierung nicht erhöht wurde. Die Wirtschaftsgeschichte Limburgs im 19. und 20. Jahrhundert prägten Immigranten aus den Nachbarstaaten, die teilweise mit Kapital adliger Familien aus Belgien und Lothringen Firmen gründeten. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigten vereinzelte niederländische Adlige Interesse am Bergbau in Limburg, nicht aber der limburgische Adel selbst.

Als Fazit sollen vier von ULRIKE VON HIRSCHHAUSEN entwickelte Arbeitsthesen dienen, die auf breite Zustimmung stießen und zeigten, an welchen Stellen in der (Gesamt-)Adelsforschung zukünftig anzusetzen oder der Blickwinkel zu ändern ist (Punkt 3 wurde in einigen Vorträgen bereits angesprochen): 1. Die regionale Perspektive auf den Adel sollte über die Grenzen Deutschlands hinaus erweitert werden, da der Adel vorwiegend regional oder auch regional und zugleich europäisch handelt(e), weniger dem bisherigen Bezugsrahmen entsprechend national. Es wurde in der Diskussion festgestellt, dass der „nationale Ansatz“ nur in Russland und Teilen Spaniens, eventuell auch in Polen der passende Ansatz zu sein scheint. 2. Die europäische Vernetzung des Adels, wie auch die globale, müsse stärker erfasst und berücksichtigt werden. 3. Es dürfe nicht vergessen werden, dass sich industrielles Handeln mit adligem Habitus vereinbaren ließ und lässt. 4. Man brauche den gesamteuropäischen Vergleich unter stärkerer Berücksichtigung Osteuropas, müsse dafür jedoch zunächst Kriterien und vergleichende Fragestellungen entwickeln.

Weiterhin wurde in der Diskussion deutlich, dass der Übergang zwischen Landwirtschaft und Industrie, vor allem im Bereich der Nahrungsmittelindustrie, genauer zu definieren und untersuchen ist. Schließlich wurde angeregt, nicht nur erfolgreiche adlige Unternehmungen, sondern ebenso deren Misserfolge in den Blick zu nehmen.

Konferenzübersicht:

Manfred Rasch, Duisburg: Einführung: Adel als Unternehmer – ein europäisches Forschungsdesiderat

Gudrun Gersmann, Paris: Der rheinische Adel in westeuropäischer Perspektive

Peter Neu, Bitburg: Die Arenberger als supranational agierende Unternehmer im 19. und 20. Jahrhundert

Jacques Maas, Luxemburg: Eine adelige Hüttenherrendynastie aus Lothringen: Die maîtres de forges de Wendel und ihr gesellschaftlich-wirtschaftliches Beziehungsgeflecht (18. – 20. Jahrhundert)

Tatjana Tönsmeyer, Berlin: Wirtschaftsstile und unternehmerische Aktivitäten englischer und böhmischer Hochadliger im 19. Jahrhundert

Heinz Reif, Berlin: Alte und neue Wege der Adelsforschung (öffentlicher Abendvortrag)

Dittmar Dahlmann, Bonn: Adelige und geadelte Unternehmer im Russischen Reich von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs

Ulrike von Hirschhausen, Hamburg: Zwischen Stand und Klasse: Baltischer Adel als modernes Unternehmertum. Praxis und Habitus 1850 bis 1918

Albert Kotowski, Bydgoszcz: Polnischer Adel als Unternehmer

Hubert Weitensfelder, Wien: Der Adel im zisleithanischen Österreich in der Industrialisierung

Gabriele Clemens, Saarbrücken: Der italienische Adel im langen 19. Jahrhundert zwischen Feudalismus und industriellem Engagement

Hedwig Herold-Schmidt, Jena: Adelslandschaften und Unternehmertum in einem verspätet industrialisierten Land: Spanien (1833–1931)

Paul Janssens, Gent: Der belgische Adel als Unternehmer im 19. und 20. Jahrhundert

Thierry Jacob, Lyon: Die wirtschaftlichen und unternehmerischen Aktivitäten des französischen Adels im langen 19. Jahrhundert in europäischer Perspektive

Jacques van Rensch und Willibrord Rutten, Maastricht: Adelige Unternehmer in der niederländischen Provinz Limburg

Zitation
Tagungsbericht: Adel als Unternehmer im europäischen Vergleich, 01.10.2009 – 02.10.2009 Engelskirchen, in: H-Soz-Kult, 05.12.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2869>.