Wer spart wie? Sparverhalten und kulturelle Vielfalt. Sparkassenhistorisches Symposium 2009

Ort
Münster
Veranstalter
Wissenschaftsförderung der Sparkassen Finanzgruppe
Datum
11.09.2009
Von
Johannes Bracht, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Die Wissenschaftsförderung der Sparkassen Finanzgruppe hatte ihr Sparkassenhistorisches Symposium 2009, am 11. September 2009 in Bremen, dem Sparverhalten gewidmet. Unter dem Titel "Wer spart wie? Sparverhalten und kulturelle Vielfalt" wurden Beiträge sowohl zum historischen Sparen, zu weltwirtschaftlichen Finanzströmen als auch zur gegenwärtigen Produktpolitik von Banken und Sparkassen gehört. Diesem breiten Spektrum der Themen zwischen historischer Analyse und praktischer Geschäftspolitik verdankte die Tagung die 70 und damit sehr zahlreichen Zuhörer.

In das Tagungsthema führte GÜNTHER SCHULZ, Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bonn und Tagungsleiter, ein. Zu lange habe man sich ausschließlich mit der eigenen Sparkultur auseinandergesetzt und nicht beachtet, dass es in anderen Kulturen andere Produkte und andere Ansprüche gebe, die gerade im Kontext der Migration an Bedeutung auch im Inland gewännen.

Schulz rief mögliche Merkmale der Differenzierung des Sparverhaltens in Erinnerung. So könne etwa unterschieden werden zwischen „Vorsparen“, dem landläufig bekannten Deponieren und Anlegen einer Einlage, und dem „Nachsparen“, dem Tilgen eines Kredits. Beides sei Konsumverzicht, führe aber unter Umständen zu sehr unterschiedlichen Kulturen des Umgangs mit Geld, etwa zu einer Kultur des Kredits. Sparen hingegen heiße auf Kontinuität zu setzen und großes Vertrauen ins System aufzubringen. Welche Kulturen, welche Nationen handeln so, fragte Schulz. Er mahnte einen genauen Blick auf individuelle Sparmotivationen an: Es mache einen Unterschied, ob man spart, weil man wenig Einkommen hat und vorsorgen will, oder weil man über ein hohes Einkommen verfügt und der Konsumverzicht leicht fällt. Zu fragen sei, wie sich das Sparverhalten von Männern und Frauen unterscheide, und wie das in Stadt und Land. Wichtige Aspekte des Sparverhaltens seien auch Haushaltsgröße und Lebenszyklus, denn durch die Etablierung eines Sozialversicherungssystems und die Veränderung der Fertilität (Geburtenrückgang oder gar die gesetzlich verordnete Einkindehe etwa in China) sollten Einflüsse auf das Sparverhalten zu erwarten sein.

ANSGAR BELKE, Professor für Volkswirtschaft an der Universität Duisburg-Essen, schloss an die letztgenannten Punkte an, die relevant sein dürften für die weitere Position Chinas in der globalen Finanzwirtschaft. Belke bekräftigte die von Ben Bernanke, dem Chef der amerikanischen Zentralbank, aufgestellte These der „global savings glut“. Der Überfluss an Sparvermögen in China und in den OPEC-Staaten der vergangenen Jahre habe zu niedrigen Zinsen und starker Spekulation auf den Finanzmärkten geführt. Gründe für die Sparschwemme seien die fehlende Sozialversicherung in China, was die Menschen zum Sparen animiere, und die hohen Exportüberschüsse gerade der Öl exportierenden Staaten. Dieses Sparvermögen sei zuletzt in großem Maßstab in die USA geflossen. Belkes Perspektive für die nächste Dekade: Entweder werden die USA bei einer hohen Nachfrage bleiben und die globalen Sparvermögen anziehen, oder aber sie werden die Kapitalnachfrage eindämmen und den Export stärken. Auf jeden Fall werde sich an der hohen Sparneigung insbesondere der Chinesen nichts ändern, denn etwaige institutionelle Änderungen liefen eher langsam an.

SHELDON GARON, Professor für Geschichte an der Princeton University, erklärte daraufhin, warum in den Budgets der amerikanischen Haushalte der Konsum ein so hohes Gewicht besitzt. Garon argumentierte, dass die Amerikaner im Sparverhalten sich von den Bürgern praktisch aller anderen Industrienationen unterschieden. Dies schlage sich in der Selbstsicht seiner Landsleute nieder, die Konsum fast als „amerikanische Natur“ empfänden. Es gebe jedoch historische Gründe für die schwach ausgeprägte Sparneigung der US-Bürger, etwa ausgebliebene staatliche Sparanreize, ein im 19. Jahrhundert ausgesprochen dünnes und ungleich verteiltes Sparkassennetz und den – von politischer Seite sogar betriebenen – Misserfolg eines landesweiten Postspar-Systems. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg, als in Europa und auch in Japan der Wiederaufbau-Gedanke die Spardisziplin der Bürger schärfte, sei in den prosperierenden USA der Konsum propagiert worden. Während auch trotz dieser eher nachteiligen Faktoren die Sparquote der USA immer auf zwar niedrigem, aber respektablem Niveau von 7 bis 11 Prozent geblieben sei, so fiel sie zwischen 1980 und 2000 von schwachen 10 Prozent auf 0 Prozent ab, wofür Garon mehrere Gründe anführte, unter anderem die Deregulierung von Kreditkarten und die ab 1986 möglichen Hypotheken für Konsumzwecke. Diese „culture of consumption and debt“ sei allerdings nicht ausschließlich zu verstehen. Viele seiner Landsleute sparten zwar nicht im engeren Sinne, schloss Garon, sie legten dennoch Geld an: in Aktien und Fonds. Diese Anleger bezeichneten ihr Handeln nicht als Sparen, sondern als Investieren.

Mit der Differenzierung von Sparen und Anlegen legte Garon einen Finger in die Wunde des Forschungsinteresses. Der Doppel-Vortrag „Der Mensch zwischen rationaler Individualität, Kulturgeschöpf und Herdentier“ von RÜDIGER VON NITZSCH und PAUL THOMES von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, ersterer Professor für Betriebswirtschaftslehre, letzterer für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, zeigte, dass höchstens bis zur Mitte des 20. Jahrhundert mit dem Begriff des Sparens in Form der Spareinlagen gearbeitet werden kann, dann aber endgültig das Spektrum der Produkte andere Zugänge erfordert. Thomes bezog Aktieninvestition in seine Betrachtung mit ein. Er schlug vor, von vier Perioden des Sparens auszugehen, die jeweils mit vier Kriterien charakterisiert werden können: Sparfähigkeit, Sparneigung, Produktauswahl und „kulturelle Disposition“. Bis 1850 war demnach zwar Sparneigung vorhanden, sowohl die ökonomische Potenz der Sparer als auch das Angebot an Sparprodukten seien jedoch dahinter zurückgeblieben. Erst zwischen 1850 und 1914 sei hier Wachstum zu verzeichnen gewesen. 1914 bis 1945 schwankten nach Thomes Sparneigung und Sparfähigkeit, während die Zahl der Produkte nennenswert sank. In der Nachkriegszeit bis 2000 schließlich stieg die Sparfähigkeit abermals an. Nach Thomes wuchs die Zahl der Produkte stark, zugleich verloren die „kulturellen Restriktionen“ gerade seit den vergangenen Jahrzehnten an Bedeutung. Sparer verloren die Scheu vor dem Risiko. Während man das Sparverhalten der Frühphasen bis zum Ersten Weltkrieg als Horten und Sparen/Investieren charakterisieren könne, habe in der jüngeren Vergangenheit die Spekulation die Oberhand gewonnen.

Gerade in Phasen der Spekulation aber, dies ergab der Vortrag von Rüdiger von Nitzsch, wichen Anleger gravierend von dem theoretischen Ideal der rationalen Entscheidungen ab. Nitzsch führte in die Behavioural Finance ein, die am Leitbild des homo oeconomicus rüttelt. Am Beispiel der Internet-Blase 2001 an den Börsen definierte Nitzsch unterschiedliche Phasen kollektiven Anlageverhaltens. So führten unmittelbare, positive Erfahrungen bei Anlegern etwa zu „Kontrollillusion“ mit Risikounterschätzung. Infolgedessen, so kann eine Konsequenz aus diesem Doppelvortrag heißen, muss das Sparverhalten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einem anderen methodischen Instrumentarium erforscht werden, als das der früheren Perioden, nämlich mit stärkerer Berücksichtigung moderner Verhaltensökonomischer Ansätze.

Ein weiterer Doppelvortrag von HANS-GEORG EBERT, Professor für islamisches Recht an der Universität Leipzig, und FRIEDRICH THIEßEN, Ökonom an der Technischen Universität Chemnitz, beschloss mit dem aktuellen Thema „Islamic banking in Deutschland“ die Tagung. Hintergrund der Problemstellung ist, dass nach der Scharia gläubigen Muslimen nur solche Geldanlagen erlaubt sind, die ihre Rendite aus realwirtschaftlichen Geschäften beziehen. Ebert stellte verschiedene islamische Rechtsgeschäfte anhand der Überlieferung in Koran und Scharia dar. Er sah Diskrepanzen zwischen den Quellenbelegen und den heute geläufigen Anlageprodukten. Thießen führte aus, dass die Werbung für islamische Geldanlagen die gleichen Lebensträume und Sparziele anspreche wie die konventionelle Bankwerbung, etwa Unabhängigkeit, Familienglück, Eigenheim und Life-Style. Er erläuterte anhand eines Rechenmodells, wie schariakonforme Geldanlagen von Institutsseite kalkuliert werden. In der Diskussion wurde von mehreren Diskutanten der Aspekt hervorgehoben, dass gerade die Definition schariakonformer Geldanlagen viele Ideale enthalte, die sich mit jenen Vorschlägen decken, wie in Zukunft spekulative Blasen und Zusammenbrüche bei Geldanlagen verhindert werden könnten. In einem moderierten Gespräch schließlich gab JÖRN STÖPPEL von der Sparkasse Bremen zur Kenntnis, dass Migranten und Einheimische gegenwärtig kein wesentlich unterschiedliches Sparverhalten an den Tag legten und die Bemühungen des Instituts, der im Tagungstitel angesprochenen „kulturellen Vielfalt“ gerecht zu werden, sich auf mehrsprachige Bankberatung konzentriere.

Insgesamt zeigte das Symposium, dass mit Sparverhalten ein Thema gewählt wurde, das ungewöhnlich gut über große Zeiträume hinweg betrachtet werden kann. Die Erforschung des Sparverhaltens aber, allemal was die historische Dimension betrifft, steht am Anfang. Historiker/innen, die diese voranbringen wollen, können von der Rezeption verhaltensökonomischer Ansätze sicher profitieren.

Konferenzübersicht:

Eröffnung: Werner Netzel (Deutscher Sparkassen- und Giroverband, Berlin)

Grußworte: Karoline Linnert (Finanzsenatorin der Freien und Hansestadt Bremen), Susanne Wranik (Sparkasse Bremen)

Günther Schulz (Universität Bonn): Einführung in das Tagungsthema

Ansgar Belke (Universität Duisburg-Essen): "Weltwirtschaftliche Auswirkungen unterschiedlichen Spar- und Anlageverhaltens – Ölpreise, China-Faktor und die globale Sparschwemme"

Sheldon Garon (Princeton University): „The Savings Mentality and Promotion of Saving in the United States from an International Historical Perspective“

Rüdiger von Nitzsch/ Paul Thomes (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen): „Der Mensch zwischen rationaler Individualität, Kulturgeschöpf und Herdentier“

Hans-Georg Ebert (Universität Leipzig)/ Friedrich Thießen (Technische Universität Chemnitz): „Sparen und Anlegen im Islam – Islamic Banking in Deutschland“

Moderiertes Gespräch: Jörn Stöppel (Sparkasse Bremen), Rüdiger von Nitzsch, Friedrich Thießen, Moderation: Wilhelm Bartnik (Wirtschaftsjournalist, Bremen)

Schlusswort: Günther Schulz

Zitation
Tagungsbericht: Wer spart wie? Sparverhalten und kulturelle Vielfalt. Sparkassenhistorisches Symposium 2009, 11.09.2009 Münster, in: H-Soz-Kult, 30.11.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2875>.
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Veröffentlicht am
30.11.2009