Friedrich und die historische Größe

Ort
Potsdam
Veranstalter
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG), Potsdam
Datum
25.09.2009 - 26.09.2009
Von
Ullrich Sachse, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG), Potsdam

Am 25. und 26. September 2009 hat die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) die dritte internationale Tagung der Konferenzreihe „Friedrich300“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) in Potsdam veranstaltet. Als Referent/innen nahmen Wissenschaftler/innen aus Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland teil. Gefördert und unterstützt wurde die SPSG dabei auch in diesem Jahr von der Stiftung Preußische Seehandlung und dem Deutschen Historischen Institut Paris. Nachdem „Friedrich – eine historische Bestandsaufnahme“ im Jahr 2007 und „Friedrich und der Hof“ im Jahr 2008 den thematischen Rahmen bildeten, wurde im Jahr 2009 „Friedrich und die historische Größe“ mit 140 Gästen angeregt diskutiert. Im Zentrum der Überlegungen standen Fragen nach Kriterien für die Verleihung des Epithetons „der/die Große“ in der Geschichte, nach den Wandlungen der Merkmale historischer Größe, nach den konkreten Bedingungen, unter denen Friedrich II. dieses cognomen erhalten hat, und danach, welcher Anteil der Nachwelt an dessen „Ausschmückung“ zukommt. Neben Friedrich kamen auch viele andere historische Persönlichkeiten zur Sprache, die ebenfalls diesen Beinamen tragen oder zumindest zeitweise getragen haben.

In seinem einführenden Vortrag ging JÜRGEN LUH (Potsdam) auf das Verhältnis ein, das Friedrich selbst zu seinem Beinamen „der Große“ hatte. Dabei wandte er sich gegen die weitverbreitete Legende, der König habe diesem Beinamen wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Vielmehr zeigte Jürgen Luh exemplarisch anhand des Briefwechsels mit Voltaire, wie viel ihm selbst an der Stilisierung seiner eigenen historischen Größe gelegen war.

MICHAEL KAISER (Bonn) stellte in seinem Vortrag zur geschichtlichen Größe als historiographischer Kategorie den preußischen König mit seinem Epitheton in den Kontext der europäischen Geschichte. Immer wieder ist der Beiname in Antike, Mittelalter und Neuzeit vergeben und gebraucht worden. Doch seitdem im Gefolge der Französischen Revolution die Idee der Nation die einzelne historische Persönlichkeit an den Rand gedrängt hat, wurde der Beiname nicht mehr vergeben. Friedrich war der letzte europäische Monarch, der nach alteuropäischer Tradition dieses cognomen erhalten hat.

Über die Kriterien für „militärische Größe“ und deren Bedeutung für die Zuschreibung des Epithetons referierte MARIAN FÜSSEL (Göttingen). Als konstitutives Merkmal für die Erhebung Friedrichs zu einem „militärisch Großen“ tritt neben die Überschreitung der konventionellen militärischen Normen seiner Zeit deren Inszenierung. Seine „militärische Größe“ wurde jedoch im 19. und 20. Jahrhundert wesentlich stärker hervorgehoben als noch im 18. Jahrhundert.

Zwischen einem „großen Geist“ und einem „großen Mann“ muss keine Identität bestehen. Mit dieser Differenzierung leitete HOLGER NOLTZE (Dortmund) seinen Vortrag über geistige Größe ein. Deutlich wurde die Abhängigkeit der Kriterien für „geistige Größe“ und die Bedeutung von „geistiger Größe“ von den Moden der urteilenden Zeit und vom Standpunkt des Wertenden sowie die Tendenz, dass nur wenige bereits von ihren Zeitgenossen als „Große“ tituliert worden sind. Der Mehrheit ist „Größe“ erst von der Nachwelt zugeschrieben worden.

Der Frage nach dem Beitrag Daniel Chodowieckis zu Friedrichs „Größe“ ging RAINER MICHAELIS (Berlin) nach. Mit seinen Darstellungen Friedrichs hat Chodowiecki sowohl die „Größe“ Friedrichs als auch seine eigene „Größe“ befördert. Er hatte ein Bildnis geschaffen, das den Vorstellungen des preußischen Königs entsprach, das ihn so zeigte, wie Friedrich von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden wollte. Deshalb tolerierte der König das Bild und beließ es auf dem Kunstmarkt.

Mit dem Bildnis des preußischen Königs nach dessen Tod befasste sich HUBERTUS KOHLE (München), der dabei Adolph Menzels Beitrag zur Friedrich-Ikonograpie in den Mittelpunkt stellte. Menzels einziges Schlachtengemälde „Friedrich und die Seinen in der Schlacht bei Hochkirch“ bricht in Thematik und Komposition mit der Herrscherapotheose, wie sie sich seit der Vormoderne etabliert hatte. Dadurch kreierte Menzel eine neue Form von „historischer Größe“: die „menschliche Größe“. Er hat damit ein Bild geschaffen, das ganz der Selbstdarstellung des preußischen Königs in seinen Schriften entspricht.

Der Stilisierung Friedrichs zum „Großen“ im Film widmete sich ANDREAS KILB (Berlin). Seit dem Beginn der 1920er-Jahre wurde der Friedrich-Stoff im Film verarbeitet. Dessen Ideologisierung und Nationalisierung setzte aber erst zu Beginn der 1930er-Jahre ein. Friedrichs cineastische Vereinnahmung durch das Regime erreichte ihren Höhepunkt in der nationalsozialistischen Heroisierung des preußischen Königs in dem mit Gegenwartsbezügen aufgeladenen Film „Der Große König“, der 1942 in die Kinos kam.

KATRIN KOHL (Oxford) wandte sich der Größe zu, wie sie im zeitgenössischen Tagesschrifttum, aber auch in den Schriften Friedrichs selbst thematisiert wurde. Friedrichs „Größe“ ist nur aus dem Begriff „Ruhm“ heraus zu verstehen. Die mediale Vermittlung und die Komposition seines „ruhmreichen“ Wirkens nahm Friedrich in seinen Schriften persönlich in die Hand. Er inszenierte einen mit den Ansprüchen seiner Zeit an einen „Großen“ harmonisierten Ruhm und ordnete deren Ereignisse – soweit er an ihnen beteiligt war – ein in den Kontext großer Begebenheiten der Geschichte.

Die Sorgfalt, mit der Friedrich im Wort seinem Nachruhm den Weg bereitete, ließ er auch der bildhaften Inszenierung seiner „Größe“ angedeihen, wie FRANZISKA WINDT (Potsdam) am Beispiel der im Neuen Palais sichtbaren Bildprogrammatik zeigte. Hier zeigt sich, dass Friedrich das Medium Bild für seine Stilisierungen ebenso programmatisch einsetzte wie das Wort. Allegorien auf den tugendhaften Herrscher untermauern in seinem „Gästeschloss“, dem Neuen Palais, seinen Anspruch auf „Größe“.

Einen vergleichenden Blick auf einen anderen „Großen“ des 18. Jahrhunderts warf J.S.A.M. KONINGSBRUGGE (Groningen) in seinem Vortrag über Zar Peter den Großen. Im Jahr 1721 war Peter zum pater patriae erklärt und zum Kaiser erhoben worden. Doch erst posthum, im Jahr 1725, wurde ihm der Beiname „der Große“ verliehen – jedoch nicht für seine Leistungen als Modernisierer, nicht für den Bruch mit den traditionellen Normen und nicht für sein Reformwerk, das seine Nachfolger zumal nicht fortsetzten, sondern für den militärischen Triumph im Nordischen Krieg.

Mit Katharina II. von Russland, der einzigen Herrscherin, der historische Größe zugesprochen wurde, befasste sich MICHAEL SCHIPPAN (Wolfenbüttel). Die aus dem Hause Anhalt-Zerbst stammende Katharina hatte sich als in Russland fremde Prinzessin und zumal als Frau auf dem russischen Thron gegen zahlreiche Widerstände durchzusetzen. Von Bewunderern ihrer Zeit bereits als „der Große“ und „Augustus“ gepriesen – die männliche Form sollte dem Epitheton eine größere Wirkmacht verleihen –, konnte sich der Beiname in der russischen Geschichtsschreibung 200 Jahre lang nicht durchzusetzen.

Das Verhältnis Elisabeth Christines von Braunschweig-Bevern zu Friedrich und seiner „Größe“, an der sie zu keinem Zeitpunkt zweifelte, beschrieb ALFRED HAGEMANN (Potsdam). Geist und Persönlichkeit verbürgten für sie die „Größe“ des Gemahls. Deutlich wurde nicht nur ihre Gewissheit, mit einem „Großen“ der Geschichte verheiratet zu sein, sondern auch die Disparität zwischen „Größe“ und „moralischer Überlegenheit“, deren Komplementarität in ihren Augen im Lichte der Beispiele aus der Geschichte als geradezu ausgeschlossen erschien.

Der Frage nach der Vergänglichkeit des Epithetons wandte sich STEFAN BENZ (Bayreuth) in seinem Vortrag über Kaiser Leopolds I. vergessenes Epitheton „magnus“ zu. Einst von den Protestanten in Süddeutschland als „magnus“ gefeiert, setzte sich das cognomen bei Katholiken nur spärlich, in der Wiener Hofhistoriographie überhaupt nicht durch. Der Beiname blieb ein Konstrukt der Gelehrten, so dass Leopolds „Größe“ seit der Mitte des 18. Jahrhunderts – nicht zuletzt durch die Popularität Friedrichs und die Wirkmacht seiner Schriften – der Vergessenheit anheimfiel.

Zum Abschluss der Konferenz referierte ANDREAS ROSE (Bern) in seinem Vortrag über die Möglichkeit des Scheiterns bei der Zuschreibung von „Größe“. Dies war Kaiser Wilhelm I. widerfahren, der aber gar nicht selbst dieses Epitheton für sich beansprucht hatte. Vielmehr versuchte es sein Enkel Wilhelm II. posthum zur eigenen Legitimation zu etablieren und zu popularisieren. Der Versuch scheiterte an Parlament und Öffentlichkeit; die Zeit für solche Beinamen und erst recht für deren Dekretierung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorüber.

Die zahlreich angeführten Beispiele zeigten, dass „Größe“ die Anerkennung durch ein Publikum voraussetzte. Ohne dessen Affirmation blieben der Wille des Einzelnen, sein Handeln, Wirken und deren Inszenierung vergeblich. Die Kriterien für „Größe“ unterlagen dem Wandel der Zeiten. Der, der als „Großer“ in die Geschichte eingehen wollte, war aufgefordert, ein facettenreiches Bild von seinen Taten und seiner Persönlichkeit zu präsentieren. Außerdem musste auch die Nachwelt ein Interesse daran haben, die „historische Person“ in ihre Dienste zu nehmen. Es steht außer Frage, dass persönlicher Ruhm und persönliche Größe sowie deren Anerkennung durch die Nachwelt von Friedrich II. gewollt waren. Die Inszenierung der militärischen Siege, der Friedensschlüsse, der Leidensfähigkeit und Duldsamkeit in scheinbar aussichtslosen Situationen ebenso wie der geistigen Auseinandersetzung mit den großen Themen der Zeit diente diesem Ziel. Inszenierung und Stilisierung sollten aber, anders als noch im 17. Jahrhundert und in den ersten Jahrzehnten im 18. Jahrhundert, nicht mehr plump und aufgesetzt wirken, sondern filigran und raffiniert Zeitgenossen und Nachwelt von Ruhm und Größe überzeugen. Mit dieser wohldurchdachten Strategie war Friedrich der Große erfolgreich.[1]

Konferenzübersicht:

Jürgen Luh (SPSG, Potsdam)
Einführung in die Thematik

Michael Kaiser (DHI Paris)
Geschichtliche Größe als analytische Kategorie und historiographischer Maßstab

Marian Füssel (Universität Göttingen)
Manifestation historischer Größe: Militärische Größe

Holger Noltze (Universität Dortmund)
Manifestation historischer Größe: Geistesgröße

Rainer Michaelis (SMB-Gemäldegalerie, Berlin)
Fabrikation historischer Größe: Daniel Chodowiecki

Hubertus Kohle (Ludwig-Maximilians-Universität München)
Fabrikation historischer Größe: Adolph Menzel

Andreas Kilb (FAZ)
Fabrikation historischer Größe: Der Film und der König

Katrin Kohl (University of Oxford)
Publizistische Inszenierung von Größe: Friedrichs Werke, Flugschriften und Dichtung

Franziska Windt (SPSG, Potsdam)
Künstlerische Inszenierung von Größe: Friedrichs Selbstdarstellung im Neuen Palais

J.S.A.M. Koningsbrugge (Rijksuniversiteit Groningen)
Reform und Modernisierung: Zar Peter der Große

Michael Schippan (HAB Wolfenbüttel)
Eine historisch Große: Katharina II. von Russland

Alfred Hagemann (SPSG, Potsdam)
Im Schatten des Großen Königs: Elisabeth Christine von Preußen

Stefan Benz (Universität Bayreuth)
Vergessene Größe: Kaiser Leopolds I. vergessenes Epitheton „magnus“

Andreas Rose (Universität Bern)
Verweigerte Größe: Kaiser Wilhelm I.

Anmerkung:
[1] Die Vorträge der Konferenzreihe „Friedrich300“ können binnen Jahresfrist auf <http://www.perspectivia.net> nachgelesen werden, wo auch schon die Beiträge der ersten beiden Colloquien zu finden sind (17.11.2009).

Zitation
Tagungsbericht: Friedrich und die historische Größe, 25.09.2009 – 26.09.2009 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 02.12.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2876>.