Landschaft quer Denken. Theorien – Bilder – Formationen

Ort
Dresden
Veranstalter
Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, ISGV, Dresden e.V. (verantwortlich: Andreas Martin, Manfred Seifert); interdisziplinärer Arbeitskreis Landschaftstheorie (verantwortlich: Guido Fackler, Norbert Fischer, Stefanie Krebs, Miriam Volmert)
Datum
17.09.2009 - 19.09.2009
Von
Norbert Fischer, Historisches Seminar, Universität Hamburg; Stefanie Krebs, Brüssel; Susan Müller-Wusterwitz, Kunsthistorisches Seminar, Universität Hamburg

In der räumlichen Planung sowie in den Natur- und Geisteswissenschaften werden neue Begriffsbestimmungen von Landschaft ausgelotet, mit Auswirkungen für Theorie und Praxis: Einerseits eröffnen sich unbekannte Perspektiven auf historische wie aktuelle Prozesse räumlichen Wandels; andererseits beeinflusst dies die Wahrnehmung und den konkreten Umgang mit Räumen. Unter dem Titel „Landschaft quer Denken. Theorien – Bilder – Formationen“ fand vom 17. bis 19. September 2009 in Dresden eine interdisziplinäre Tagung zur Landschaftstheorie statt. Ihr Ziel war, die Repräsentanten unterschiedlicher Landschaftsdiskurse zusammenzuführen und ein übergreifendes Forschungsfeld Landschaftstheorie zu etablieren. Veranstaltet wurde die Tagung gemeinsam vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, ISGV, Dresden e.V. (verantwortlich: Andreas Martin, Manfred Seifert) und vom interdisziplinären Arbeitskreis Landschaftstheorie (verantwortlich: Guido Fackler, Norbert Fischer, Stefanie Krebs, Miriam Volmert). Rund 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten die ihnen vorgestellten historischen und aktuellen Landschaftskonzepte und -theorien.

In seinem Einführungsvortrag „Landschaft – überall und nirgends“ zeichnete der Literatur- und Medienwissenschaftler LUDWIG FISCHER (Hamburg) ein klares Bild aktueller landschaftstheoretische Diskurse, die sich vom klassischen alteuropäischen Landschaftsbegriff, etwa durch Joachim Ritter geprägt, entfernen. Zwar sieht auch Fischer dessen ästhetische Privilegierung des Natürlich-Ländlichen als problematisch an. Dennoch erscheint es ihm voreilig, ihn zu verabschieden. Derzeitige Diskurse zeigten eine Ausfaserung des Landschaftsbegriffes mit einer für die Forschung wenig hilfreichen Grenzenlosigkeit. Stattdessen sollte die Kategorie „Landschaft“ geschärft und von verwandten Begriffen wie „Raum“ abgegrenzt werden. Unter Verweis auf den Philosophen Martin Seel zeigt sich für Fischer Landschaft letztlich als ästhetisch fundierte Sinnstiftung eines gelingenden Lebens im „Draußen“ – jenseits rein funktionaler Existenzsicherung.

Solchermaßen kritisch eingestimmt wurden den Teilnehmern in der ersten Sektion „Theorie der Landschaft: Zwischen Bild und Prozess“ aktuelle Positionen aus räumlicher Planung und Kulturwissenschaften präsentiert. Für die Landschaftsarchitektin LUCIA GROSSE-BÄCHLE (Hannover) ist „Landschaft“ zugleich Beobachtungsgegenstand und Ort des Handelns, was sie in ihrem Beitrag über „Landschaft: Labor, Streitobjekt, unendliche Weite“ am Beispiel eines Projektes des IBA-Labors „Klimafolgenmanagement: Herausforderung Wasser“ veranschaulichte. Als Ausdruck eines aktiven Umgangs mit Landschaft führte Grosse-Bächle den immer häufiger verwendeten Begriff „Labor“ in die Diskussion ein. Zwar wurde die darin oftmals enthaltende Intention, Entwerfen als Forschung zu begreifen, kritisch befragt, dennoch entwickelte sich „Labor“ zu einer Art Leitbegriff der Tagung auf der Suche nach angemessenen Forschungsstrategien.

Der Volkskundler MANFRED SEIFERT (Dresden) unterstrich die neuen „Ethnologisch-kulturwissenschaftlichen Zugänge auf Raum und Landschaft“, die Landschaft in moderne Forschungsparadigmen wieder einführen. Nach einem historischen Rückblick auf die interdisziplinäre Erforschung der Kategorien Raum und Landschaft stellte Seifert fest, dass diese im Kontext der Globalisierungsdebatte neue Relevanz erhalten haben. Sie würden heute allerdings nicht mehr als „objektives“ Faktum, sondern als gesellschaftlich-kulturelle Konstruktion begriffen.

Im öffentlichen Abendvortrag „Die Stadtlandschaft als Geschmackslandschaft“ zeigte der Soziologe und Kulturwissenschaftler ROLF LINDNER (Berlin), wie sehr die ästhetische Bewertung von Stadtlandschaften einem vorgängig geformten Vorurteil unterliegt. Unter dem Begriff „Geschmackslandschaft“ versteht Lindner jene Konfigurationen von sozialen Praxen und kulturellen Codierungen, die das symbolische Kapital des Ortes repräsentieren. Nach Bourdieu zeigt sich Geschmack als sozialkulturelle Kategorie, die das Andere durch ein System von Zeichen (etwa anhand von Kleidungscodes, „typischen“ Gaststätten etc.) einstuft. Dieser Ästhetisierung der Welt aus Sicht der Gebildeten stehen beispielsweise die vermeintlich unästhetischen Industrielandschaften des Ruhrgebietes gegenüber. Als „hässlich“ gelte das, was das Notwendige zu Tage treten lasse. Lindner verglich kontrastierend die (Selbst-) Wahrnehmung von Bottrop als Stadt der Arbeit und der schlichten Erholung mit der Residenzstadt Dresden als Stadt der Kultur und des höfischen Überflusses.

Mit „Künstlerischer Produktion und Rezeption von Landschaft“ befasste sich die zweite Sektion. Sie wurde durch den Vortrag der Kunsthistorikerin MIRIAM VOLMERT (Hamburg) „Erinnerungslandschaften in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts“ eingeleitet. Holländische Dünenlandschaften, so Volmert, seien weniger topografisch exakte Schilderungen als Imaginationsräume. Seit dem 15. Jahrhundert zeichne sich ab, dass die im kulturellen Bewusstsein verankerte geografische Bedeutung der Dünen als Schutzwall zunehmend auch eine politische Dimension territorialer Grenzmarkierung erhalten habe. Volmert wies nach, wie sich diese politische Konnotierung wiederum im Laufe des 17. Jahrhunderts zu einer idyllisch getönten Erinnerungslandschaft verschob.

Um politische Bedeutungsebenen von Landschaftsrepräsentationen im Film ging es der Kunsthistorikerin NINA GERLACH (Heidelberg). Ihr Beitrag „Politische Subtexte in cineastischen Gartenräumen“ analysierte den Spielfilm „The Draughtman’s Contract“ (1982) von Peter Greenaway. Gerlach zeigte, dass sich die Gartenbilder und Landschaftsdiskussionen des Filmes als Spiegel der Entmachtung des absolutistischen Stuartkönigtums durch die protestantische Partei Wilhelms von Oranien lesen lassen. Die Umgestaltung der Landschaft versinnbildliche den Wandel des politischen Systems.

Symbolische Aufladung von Landschaftsimaginationen in der Literatur behandelte der Vortrag „Moralische Implikationen ästhetisch konstruierter Landschaften: Nordengland versus Südengland“. Der Anglist STEPHAN KOHL (Würzburg) belegte anhand von Reiseberichten englischer Literaten des 20. Jahrhunderts, wie der ländlich geprägte, als schön empfundene Süden Englands gegen den industrialisierten Norden abgegrenzt wurde. In der Diskussion wurden Parallelen dieser politisch und ästhetisch konstruierten Landschaften mit der sich wandelnden Rezeption des Ruhrgebietes hervorgehoben.

„Modellierte Landschaften“, Landschaftsmodelle und Musealisierungen wurden in der dritten Sektion diskutiert. Der Volkskundler SÖNKE FRIEDREICH (Dresden) unterstrich in seinem Beitrag „Landschaft als Museum? Die Dresdner Welterbelandschaft“ die besondere Rolle der Kriterien „Gestimmtheit“ und „Schönheit“ in der in Dresden jahrelang geführten Diskussion um den Bau der Waldschlösschenbrücke im Elbtal. Man habe dabei an den Mythos von der Vernichtung der Schönheit Dresdens im Zweiten Weltkrieg angeschlossen, der die Wahrnehmung der Stadt bestimme. Die Darstellung des Referenten habe die politische Dimension als wesentlichen Strang der Debatte vernachlässigt, so der Tenor der kritischen Kommentare in der anschließenden Diskussion.

In seinem Vortrag „Klanglandschaft – Zeitlandschaft: Paradigma für eine naturalisierende Konstruktion der Rezeption von Landschaft?“ setzte sich der Geograf JUSTIN WINKLER (Basel) mit Klang als landschaftsbildendem Element auseinander. Klanglandschaften, die aus Klang und Zeit entstehen, seien Erfahrungsräume des hörenden Menschen. An zwei Tonaufnahmen desselben Ortes erläuterte Winkler eindrücklich die Veränderung des Klangraums in der Zeit. Für Winkler ist die Erfahrung von Klanglandschaft an Bewegung und Zeitlichkeit gebunden.

Die kulturelle Bedingtheit landschaftlicher Symbole erörterte der Literatur- und Kulturwissenschaftler RAINER GULDIN (Lugano) in seinem Vortrag „Luftschaften. Zur Rolle der Wolken in der Konstitution von Landschaften“. Sein Vergleich chinesischer und europäischer Malerei zeigte unterschiedliche Funktionen des Wolkenmotivs für die Komposition des Bildraums. Während die europäische Malerei des Spätmittelalters Wolken dazu nutzte, die irdische Sphäre von der himmlischen zu trennen, dienten Wolken in der klassischen chinesischen Malerei dazu, Himmel und Erde zu verbinden und Konträres miteinander zu versöhnen.

Um die Ästhetik von Landschaften der Peripherie ging es in der vierten Sektion „Zwischenräume – Räume ohne Bilder?“. Der Architekturtheoretiker und Raumplaner THOMAS SIEVRTS (Bonn) erörterte in Weiterentwicklung seines gleichnamigen Konzeptes die „Zwischenstadt – als Landschaft gelesen und gestaltet“. Er plädierte für eine soziale Utopie der Zwischenräume, in denen sich neue Lebensgemeinschaften jenseits der Profitinteressen des Marktes zumindest für eine begrenzte Zeit entfalten könnten. Er verdeutlichte solche Transformationen in Räume multikultureller Lebenswelten am Beispiel von Pariser Banlieues. Soziale Gruppen, „Dissidenten“, die in der klassischen alten Stadt keinen Platz fänden, formten hier eine eigene Kultur der Migration. In solchen verlandschafteten „Aus-Räumen“ sieht Sieverts zugleich soziale „Auswege“ und Experimentierfelder für „Ordnung in der Unordnung“.

Nach Sieverts übergeordneter Sicht lenkte der Geograf JÜRGEN HASSE (Frankfurt am Main) die Aufmerksamkeit auf ein Einzelelement, auf „Parkhäuser – Schwarze Löcher in der Stadtlandschaft“. Seit den 1920er-Jahren gehören Parkhäuser zur Verkehrsinfrastruktur europäischer Großstädte. Als „Auto-Hotels“ bilden sie hocheffiziente Knoten in einem unterschiedlich strukturierten Verkehrsgeflecht – gleichsam „schwarze Löcher“ des ruhenden Individualverkehrs, so Hasse. Parkhäuser kommunizierten Gefühle und Symbole, mit denen die Stadtlandschaft aufgeladen werde. Damit erfülle das Parkhaus die Funktion des Heterotops, des „anderen Raumes“ im Sinne von Michel Foucault.

Der Sozial- und Kulturhistoriker NORBERT FISCHER (Hamburg) analysierte unter dem Titel „Patchwork-Landschaften in Post-Suburbia“ die Metropolregion Hamburg als postmodernen Landschaftstypus des späten 20. Jahrhunderts. Er charakterisierte dieses „Post-Suburbia“ als Gemengelage von Wohn- und Gewerbegebieten, Verkehrsachsen, Freizeit- und Erholungsterrains sowie „unberührter“ Natur – frühzeitig geprägt vom Zugriff grenzübergreifender Raumplanung. Bei einem hohen Maß räumlicher Ausdifferenzierung würde zugleich die klassische Vorstellung geschlossener räumlicher Einheiten aufgelöst zugunsten eines räumlichen Patchworks von Teil-Landschaften.

„Mobilitäts-Landschaften“ als Räume linearer Landschaftserschließung und mobiler Landschaftswahrnehmung untersuchte die fünfte Sektion. Sie begann mit einem Vortrag des Volkskundlers GUIDO FACKLER (Würzburg) über „Kanal-Landschaften: Von Technotopen der Beschleunigung zu Biotopen der Entschleunigung“. Fackler favorisierte eine Forschungsperspektive Landschaft, die künstliche Wasserstraßen nicht als bloßes Ergebnis optimierter Wasserbautechniken und gesteigerter Transporterfordernisse interpretiert, sondern als dingliche Metaphern für die Disziplinierung, Optimierung und Neustrukturierung des Raumes entschlüsselt. Die Revitalisierung brach gefallener Kanäle und ihre Wiederentdeckung als Industrial Heritage setzten eine materielle wie mentale Transformation in Gang: Als künstliche Biotope verkörperten sie nun einen entschleunigten Lebensstil der Postmoderne, so Fackler.

Der Vortrag des Historikers THOMAS ZELLER (University of Maryland) „Landschaften in Windschutzscheiben-Perspektive: Autobahnen, Parkways, Alpenstraßen“ zielte auf die Wahrnehmung der Landschaft im 20. Jahrhundert aus der Straßenperspektive. Anhand von Beispielen aus Deutschland und den USA wurde dargelegt, wie Landschaft auf dem Reißbrett des Ingenieurs entstand, um sie dem Auge des Autofahrers im Sinne einer Entschleunigung effektvoll zu präsentieren. Dies vollziehe sich jeweils in Abhängigkeit des politischen Systems und des historisch gewachsenen Umgangs mit Natur, Landschaft und Straßen.

Eine vergleichbare Perspektive nahm die Landschaftshistorikerin ANNEMARIE BUCHER (Zürich) ein. In ihrem Vortrag „Der mobilisierte Blick und Stadtlandschaften in Bewegung: Zur Wahrnehmung und Darstellung von Landschaft als Prozess“ beschrieb sie eine zweifache „Mobilisierung“ von Landschaft, die zu neuen Wahrnehmungsmustern führe. Zum ersten sei die physisch-materielle Landschaft selbst dynamisch geworden, zum zweiten erschließe sich diese aus der dynamischen Perspektive einer mobilen Gesellschaft. Anhand von Forschungsprojekten, in denen etwa ganz unterschiedliche Fotos derselben Landschaft Testpersonen zur Beurteilung vorgelegt wurden, stellte Bucher Möglichkeiten neuer visueller Repräsentationen und Vermittlungsformen dynamisierter Landschaft vor.

In der letzten Sektion wurde schließlich das Tagungsthema in der „Flusslandschaft Elbe“ verortet, der man sich aus verschiedenen Perspektiven näherte. Der Wasserbauingenieur EBERHARD LATTERMANN (Dresden) sprach über „Flusslandschaft und Wasserbau – Widerspruch im Einklang“ und zeigte am Beispiel der vergangenen Elbe- und Mulde-Hochwasser das Konfliktpotenzial von wasserbautechnischen Eingriffen in Landschaften, die im Allgemeinen als Synonym für Zerstörung und Vernichtung gesehen würden. Der Wasserbau sei gegenwärtig kaum in der Lage, Einklang mit der Flusslandschaft zu vermitteln.

Der Volkskundler ANDREAS MARTIN (Dresden) drückte mit dem Wortspiel „Flussschaft“ bzw. „Flusslandschaft“ aus, dass sich der Wasserlauf als eigener Lebensraum präsentiere. Dies gelte etwa für die Flussschifffahrt, die sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Verkehrs- und Wirtschaftssektor entwickelte. Für die Berufsgruppe der Binnenschiffer realisierte sich ein sehr spezieller Blick auf „Landschaft“, reduziert auf den Flussraum als Lebens- und Arbeitswelt, während das „Land“ als bloßer Streifen zwischen Ufer und Horizont mit Gefahrenpotenzial für die Schifffahrt wahrgenommen wurde.

Die Landespflegerin MONIKA SOMMER (Koblenz) stellte in ihrem Vortrag „Die Farben der Ökologie: Zu einer leitbildgestützten Konstruktion von Landschaft“ die Erfassung und Bewertung von Landschaft aus gewässerökologischer Sicht bei der Bundesanstalt für Gewässerkunde vor. Sie beschrieb deren Methode der Datenerhebung, die zur Bewertung von Gewässerstrukturen der Bundeswasserstraßen genutzt wird. Dabei werden spezifische, lineargrafische Landschaftsbilder durch Darstellung der Ergebnisse in speziellen Farbcodes generiert. Der Vortrag bot Anlass zu Kritik hinsichtlich der Zeitgemäßheit solch eines extrem selektiven wissenschaftlichen Umgangs mit Landschaft, der andere wesentliche Aspekte ausklammere.

Die am ersten Tagungstag begonnene übergeordnete Theoriesektion schloss mit einem Vortrag der Landschaftsarchitektin STEFANIE KREBS (Brüssel/Hannover) ab. Sie widmete sich unter dem Titel „Visitieren Sie!“ möglichen „Wegen integrativer Landschaftsforschung“. Krebs analysierte Vorstellungen von Landschaft, etwa als Szenerie, Repräsentationsraum, politische Arena oder gelebter Raum und forderte – unter Rückgriff auf den französischen Kulturtheoretiker Michel Serres – Landschaft „quer zu denken“. Methodisch wurde das „Visitieren“ im Serreschen Sinn vorgeschlagen: Gehen und Sehen als Instrumente der Erkenntnis. Dieses Konzept veranschaulichte Krebs an zwei Beispielen gestalteter Peripherie: der Münchner Allianz-Arena und einem mobilen Projekt des Theaterkollektivs Rimini Protokoll, das die Peripherie zur durchfahrenen Bühne werden lasse.

Das Resümee der Tagung vollzog sich zweifach: Zunächst wurde unter Moderation der Kunsthistorikerin SUSAN MÜLLER-WUSTERWITZ (Hamburg) eine Textcollage präsentiert, die in einem Querschnitt unterschiedliche Positionen zum Landschaftsbegriff versammelte. Anschließend zog Ludwig Fischer (Hamburg) ein kritisches Resümee der Tagung. Er wies darauf hin, dass die insgesamt 21 Vorträge aus 12 Disziplinen kein homogenes Bild der Landschaftstheorie zuließen, sondern im Gegenteil eine große Vielfalt an Theorien, Themen und Methoden boten. Fischer plädierte nochmals dafür, den klassischen Landschaftsbegriff nicht gänzlich zu verwerfen, sondern ihn vielmehr in seinem sozialutopischen Potenzial wahrzunehmen.

In den Vorträgen und lebhaften Diskussionen wurde deutlich, dass es großen Bedarf an interdisziplinärem Austausch gibt, der aber, trotz kontinuierlicher Bekundungen, noch immer zu selten praktiziert wird. So konnte man die Tagung „Landschaft quer denken“ als ein „Labor“ verstehen, in dem man trotz unterschiedlicher Sprach- und Begriffskulturen und damit verbundener Verständnisschwierigkeiten voneinander profitieren konnte. Die Tagung war ein Plädoyer für eine intensivere Zusammenarbeit über die Grenzen der Disziplinen hinweg. Der Tagungsband wird 2010 erscheinen.

Konferenzübersicht:

Einführungsvortrag Ludwig Fischer (Hamburg): Landschaft – überall und nirgends

Sektion I : Theorie der Landschaft: Zwischen Bild und Prozess
Moderation: Thomas Sieverts

Lucia Grosse-Bächle: Landschaft: Labor, Streitobjekt, unendliche Weite
Manfred Seifert (Dresden): Ethnologisch-kulturwissenschaftliche Zugänge auf Raum und Landschaft

Abendvortrag Rolf Lindner (Berlin): Die Stadtlandschaft als Geschmackslandschaft

Sektion II: Künstlerische Produktion und Rezeption von Landschaft
Moderation: Rainer Guldin

Miriam Volmert (Hamburg): Erinnerungslandschaften in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts
Nina Gerlach (Heidelberg): Politische Subtexte in cineastischen Gartenräumen
Stephan Kohl (Würzburg): Moralische Implikationen ästhetisch konstruierter Landschaften: Nordengland vs. Südengland

Sektion III: Modellierte Landschaften
Moderation: Brigitte Franzen

Sönke Friedreich (Dresden): Landschaft als Museum? Die Dresdner Welterbelandschaft
Justin Winkler (Basel):
Rainer Guldin (Lugano): Klanglandschaft – Zeitlandschaft: Paradigma für eine naturalisierende Konstruktion der Rezeption von Landschaft?

Sektion IV: Zwischenräume – Räume ohne Bilder?
Moderation: Annemarie Bucher

Thomas Sieverts (Darmstadt): Zwischenstadt – als Landschaft gelesen und gestaltet
Jürgen Hasse (Frankfurt/Main): Parkhäuser – Schwarze Löcher in der Stadtlandschaft
Norbert Fischer (Hamburg): Patchwork-Landschaften in Post-Suburbia

Sektion V: Mobilitäts-Landschaften
Moderation: Martin Prominski

Guido Fackler (Würzburg): Kanal-Landschaften: Von Technotopen der Beschleunigung zu Biotopen der Entschleunigung
Thomas Zeller (University of Maryland): Landschaften in Windschutzscheiben-Perspektive: Autobahnen, Parkways, Alpenstrassen
Annemarie Bucher (Zürich): Der mobilisierte Blick und Stadtlandschaften in Bewegung: Zur Wahrnehmung und Darstellung von Landschaft als Prozess

Sektion VI: Flusslandschaft Elbe
Moderation: Norbert Fischer

Eberhard Lattermann (Dresden): Flusslandschaft und Wasserbau – Widerspruch im Einklang
Andreas Martin (Dresden): Flusslandschaft als Lebensraum
Monika Sommer (Koblenz): Die Farben der Ökologie: Zu einer leitbildgestützten Konstruktion von Landschaft

Sektion I (Fortsetzung): Theorie der Landschaft: Zwischen Bild und Prozess
Moderation: Martin Döring

Stefanie Krebs (Brüssel): „Visitieren Sie!“ Wege integrativer Landschaftsforschung
Susan Müller-Wusterwitz (Hamburg): Positionen zum Landschaftsbegriff
Ludwig Fischer (Hamburg): Resümée

Zitation
Tagungsbericht: Landschaft quer Denken. Theorien – Bilder – Formationen, 17.09.2009 – 19.09.2009 Dresden, in: H-Soz-Kult, 05.12.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2883>.