Populärkultur. Audiovisuelle Massenmedien und Avantgarde in der Weimarer Moderne

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Institut für Theater-, Film und Medienwissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main
Datum
06.11.2009 - 08.11.2009
Von
Jessica Nitsche, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Populärkultur und Frankfurt? Kulturindustrie und Adorno? Assoziiert man mit der Frankfurter Universität die Frankfurter Schule und mit ihr Adorno, so gerinnt der Begriff der Populärkultur zur Kulturindustrie und mit ihr zu Sätzen wie „Vergnügtsein heißt Einverstandensein“. Diese Position erscheint aus heutiger Perspektive wenig zeitgemäß und in Anbetracht der Vielfältigkeit und Divergenz populärkultureller Phänomene wenig differenziert. Seit Längerem sehen sich die Geisteswissenschaften nicht mehr nur als Sachwalter des ‚Höhenkamms‘ der großen Werke, sondern haben sich gegenüber den ‚Niederungen‘ der Alltagskultur geöffnet. Aber ist die Metaphorik des Hohen und Niedrigen, des Substantiellen und des Trivialen angemessen? Haben sich nicht die Bereiche der Kunst und der Unterhaltung, der massenhaften Attraktionen, des Starkults und der populären Genres miteinander verschmolzen, ohne dass dies sogleich auf die Adornosche Formel der Kulturindustrie, die alles gleichmacht und stereotypisiert, zu bringen wäre?

Unter diesen Fragestellungen warf das Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft einen neuen Blick zurück auf Theater, Film und Medien und richtete vom 06. bis zum 08. November 2009 die Tagung „Populärkultur. Audiovisuelle Massenmedien und Avantgarde in der Weimarer Moderne“ aus (Konzeption: Harald Hillgärtner, Thomas Küpper, Burkhardt Lindner, Nadine Werner).

„Populärkultur enthält das Versprechen des Neuen. Eines Neuen, das sich in einem Massenerfolg manifestiert, sich wie ein Virus emotional verbreitet und eine neue Atmosphäre verbreitet“ – so BURKHARDT LINDNER (Frankfurt am Main), der in seinem Eröffnungsvortrag eine erste Bestimmung jenes Phänomens vorzulegen versuchte, das sich hinter dem mittlerweile konturlos gewordenen Begriff ‚Populärkultur‘ verbergen könnte. Ziel der Tagung sei es, der Frage danach, was Populärkultur sein (und nicht sein) könnte, mit Hilfe einer historischen Rückvergewisserung, die ohne Ideologien auskommt, auf den Grund zu gehen. Die Weimarer Republik wurde zum virulenten Feld erklärt: Das Aufbrechen des ästhetischen Monopols des Bildungsbürgertums, die Forderung der Massen nach Emanzipation und Partizipation, die Aufnahme von Alltagsphänomenen in die Kunstproduktion, neue Unterhaltungsgenres (Sport, Krimi, Revue, Kabarett, Lunaparks), der Einbruch neuer technischer Medien und mechanischer Apparate in das Alltagsleben – all dies seien Aspekte, die dazu berechtigen, von einem ‚System der Populärkultur‘ zu sprechen, das sich in der Weimarer Republik herausgebildet und etabliert habe.

Was dieses ‚System’ implizieren könnte, erörterte KASPAR MAASE (Tübingen) anhand einer Skizzierung der verschiedenen artistic cultures. Er legte dar, wie das Populäre in der hochpolitisierten Weimarer Republik zum Projektions- und Auseinandersetzungsfeld werden konnte, indem um Grundfragen der kulturellen Liberalität und der Alltagsmoral gestritten wurde. Im Anschluss an diese systematische Einführung ging es darum, die Populärkultur der Weimarer Zeit anhand konkreter Beispiele aus ganz verschiedenen Bereichen zu beleuchten. Die für diese Zeit heute ‚populären‘ Autoren wie Walter Benjamin und Siegfried Kracauer traten dabei eher in den Hintergrund. Zwar sind sie aus den vielfältigen Diskussionen nicht wegzudenken, die Beiträge widmeten sich jedoch zu einem großen Teil den weniger berücksichtigten Protagonisten des Populären. So präsentierte KARL PRÜMM (Marburg) Frank Warschauer als Chronist und Kritiker der neuen Medien, als scharfen Beobachter der populären Künste, als Avantgardist der Rundfunk- und der Schallplattenkritik und damit als einen so neuen wie auch in der Weimarer Zeit singulären Typus des Schriftstellers und Publizisten.

Mit dem für die Weimarer Zeit so neuen wie bedeutenden Medium des Rundfunks beschäftigten sich die Beiträge von WOLFGANG HAGEN (Berlin) und SABINE BREITSAMETER (Darmstadt/Berlin). Das Radio sei für Innovationen prädestiniert gewesen, so Breitsameter. Sie betonte das Bedürfnis der Radiomacher, eine Kunst speziell für diese Apparatur zu schaffen und präsentierte drei signifikante Beispiele für radiospezifische Gestaltungsformen aus dem Jahr 1924 (Richard Hughes Hörspiels „A Comedy of Danger“, Kurt Weills Vision einer ‚absoluten Radiokunst‘ und Hans Fleschs Hörspiel „Zauberei auf dem Sender“). Zwei Vorträge widmeten sich dem Film der Weimarer Zeit. MARTINA ROEPKE (Utrecht) richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Arbeit der Amateurfilmer. Während die Amateure aus Debatten um den gegenwärtigen Mediengebrauch nicht mehr wegzudenken sind, wird den Amateuren der Weimarer Zeit bislang auffallend wenig Beachtung geschenkt. Mit Blick auf die vielfältige Handbuchliteratur der 1920er- und frühen 1930er-Jahre legte Roepke dar, wie sich das Amateurfilmen in dieser Zeit zu einer populären Frei-zeitbeschäftigung entwickelte. Abschließend zeigte sie Schnittstellen zwischen Amateur- und Avantgardefilm auf, die Lázló Moholy-Nagy dazu veranlassen, von einer ‚Hoffnung der Rettung der Filmkunst durch die Amateure‘ zu sprechen.

Den Wechselwirkungen zwischen Populärkultur und Avantgarde näherte sich MICHAEL WEDEL (Potsdam) aus anderer Richtung. Am Beispiel des (international) populären Genres der Tonfilmoperette (konkret: „Die Drei von der Tankstelle“, 1930) beschrieb er Durchdringungsbewegungen zwischen avantgardistischer Formgebung und populärer Film- und Unterhaltungskultur, wodurch er die Grenzen zwischen Populärkultur und Avantgarde durchlässig werden ließ. Ein ‚Begleitmedium‘ der populären Filmproduktionen der Weimarer Zeit stellte der Vortrag von TIMM STARL (Wien) vor. Am Beispiel des „Illustrierten Film-Kuriers“, einem in großen Auflagen verbreiteten Programmheft, das seit den 1920er-Jahren an den Kinokassen angeboten wurde, zeigte er Formen und Strategien der Popularisierung des Films auf.

BERND STIEGLER (Konstanz) hingegen setzte sich mit den Wechselwirkungen von Ästhetik und Technik sowohl in Film als auch Fotografie auseinander. Montage als industrieller Fertigungsprozess impliziere Funktionalität und Zweckrationalität, Montage als ästhetisches Mittel hingegen ein Ausstellen von Dysfunktionalität und Fragmenthaftigkeit. Genau diese traditionelle Gegenüberstellung ließ Stiegler nicht gelten und stellte ihr eine andere Geschichte der Montage gegenüber. Insbesondere am Beispiel der Fotografin Germaine Krull, die sowohl als Werbefotografin arbeitete als auch eine wichtige Protagonistin der Avantgardefotografie darstellt, wurde deutlich, wie eng Populärkultur und Avantgarde (hier in persona) miteinander verbunden sind und sich gegenseitig durchdringen.

Ebenso wie der Film wurde auch die Fotografie innerhalb der Tagung aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. So stellte DETLEV SCHÖTTKER die bislang unterschätzte Bedeutung der Fotografie für die Schriften Ernst Jüngers heraus. Er zeigte dies an einigen bisher wenig berücksichtigten Publikationen des Autors, die zwischen 1928 und 1933 erschienen: großformatige Bildbände, deren Herausgeber Jünger war oder für die er Einleitungen schrieb (beispielsweise „Der gefährliche Augenblick“ von Ferdinand Bucholtz (1931) oder „Die veränderte Welt“ von Eduard Schultz (1933)). Diese Publikationen, mit denen Jüngers Interesse für Fotographie, Fotobücher und andere Massenmedien eingesetzt habe, hätten ihn weniger zu medientheoretischen Überlegungen angeregt, sondern laut Schöttker einen Wandel innerhalb seiner Schreibweise verursacht, die dieser als eine „fotoästhetisch orientierte Form literarischer Chronistik“ vorstellte.

Im Zentrum des Vortrags von ECKHARDT KÖHN standen jene massenhaft produzierten Foto-Bildbände, die sich als ‚Deutschland-Buch‘ bezeichnen lassen und durch die ‚Dokumentation‘ deutscher Landschaften, Bau- und Kulturdenkmäler in der sogenannten ‚Zwischenkriegszeit‘ identitätsstiftend wirkten oder wirken sollten. Köhn zeigte auf, wie sich die Entwicklung des populären Foto-Bildbandes von deutschtümelnder Beschaulichkeit zu einem expliziten Mittel im politischen Kampf vollzogen.

In dem Beitrag von SOPHIA EBERT ging es darum, jene Autoren in den Blick zu nehmen, die mit ihren Boulevardkomödien die Theaterspielpläne in der Weimarer Republik dominierten (beispielsweise Hans Bachwitz, Otto Ernst Hesse und Bruno Frank). Ebert thematisierte damit einen zentralen Aspekt der Populärkultur, der für die Avantgarde ein Tabu war: bewegende Themen der Zeit in unterhaltsamer und allgemein verständlicher Form einem breiten Publikum (oft moralisierend) zu präsentieren. Sie regte damit zur Diskussion darüber an, ob die Boulevardkomödien lediglich als affirmativ und systemstabilisierend oder als Experimentierfeld, als „moralische Versuchsanstalt“ aufzufassen seien.

Neben den ‚populären‘ Bereichen Film, Fotografie, Rundfunk und Theater widmete sich die Tagung auch solchen Phänomenen, die in der Weimarer Zeit populär waren, doch heute vergessen scheinen. HIRAM KÜMPER brachte ein solches in Vergessenheit geratenes Bildmedium ins Spiel: Sammelbilder, die mit Zigarettenpackungen zusammen verkauft wurden. Diskutiert wurde unter anderem die Frage, was diese massenhaft verbreiteten Bilder über das kollektive Bildgedächtnis der ‚Generation Weimar‘ verraten.

Das Thema Populärkultur fordert dazu auf, Theater-, Film- und Medien der Weimarer Zeit neu zu überdenken und bestehende Grenzen innerhalb der Theorie aufzubrechen. Dabei kann es weder darum gehen, die Populärkultur zur Hochkultur zu stilisieren, noch darum, sie als primitiven Populismus zu verabschieden, noch darum, sie auf kommerziell gesteuerte Prozesse zu reduzieren. Adornos Klassifizierung der traditionellen Kultur als Ideologie und einer industrialisierten Kultur als Schwindel kann nicht mehr hinreichen, vielmehr muss über neue Kategorien nachgedacht werden, die quer zu den geläufigen stehen. Dazu gehört auch, die Bedeutung und Funktionalität von Begriffen wie ‚Bürgerlichkeit‘ und ‚bürgerliche Ideologie‘, die für die Avantgarde noch als eindeutige Feindbilder funktionierten, einer kritischen Betrachtung und Aktualisierung zu unterziehen. Die Tagung zeigte anhand zahlreicher und in der Forschung wenig berücksichtigter Phänomene wie auch theoretischer Positionen vielfältige Ansatzpunkte für eine solche Neubefragung, Kritik und Aktualisierung auf.

Konferenzübersicht:

Burkhardt Lindner (Frankfurt am Main), Eröffnungsvortrag: „Mehr guten Sport“ (Brecht)

Kaspar Maase (Tübingen): Umstrittene Grenzen. Zu einigen Schwierigkeiten bei der Bestimmung des Populären in der Weimarer Kultur

Martina Roepke (Utrecht): Immer wieder Menschen am Sonntag oder: Die Erziehung der Filmamateure in der Weimarer Republik

Karl Prümm (Marburg): Frank Warschauer – Hinweise auf einen vergessenen Theoretiker der Populärkultur

Detlev Schöttker (Berlin): Nationalistische Propaganda und Gegenwartsdiagnose. Ernst Jüngers medienästhetische Texte

Bernd Stiegler (Konstanz): Montagen montieren. Industrie und Populärkultur

Wolfgang Hagen (Berlin): ’Kulturinstrument Radio’ – Zur Genealogie einer medialen Katastrophe der Weimarer Republik

Sabine Breitsameter (Darmstadt/Berlin): 1924: Radiokunst - drei Grundpositionen

Eckhardt Köhn (Frankfurt a.M.): Populäre Fotobücher

Timm Starl (Wien): Filmprogramm und Starporträt. Fotomontage und Bildpostkarte in der Filmreklame der Zwischenkriegszeit

Sophia Ebert (Hamburg): Theater als moralische Versuchsanstalt: Die Boulevardkomödien der Weimarer Republik

Hiram Kümper (Bielefeld): Nichts als blauer Dunst? Zigarettensammelbilder und das kollektive Bildgedächtnis der ‚Generation Weimar’

Michael Wedel (Potsdam): Tanz der Form. Die Tonfilmoperette als populäre Avantgarde-Bewegung

Zitation
Tagungsbericht: Populärkultur. Audiovisuelle Massenmedien und Avantgarde in der Weimarer Moderne, 06.11.2009 – 08.11.2009 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 10.12.2009, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2916>.
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Veröffentlicht am
10.12.2009
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