Wissenstransfer und Migration. Europa im 19. und 20. Jh.

Ort
Berlin
Veranstalter
Zentrum für Vergleichende Geschichte Europas
Datum
24.08.2003 - 31.08.2003
Von
Martin Aust, Berlin

Der Sommerkurs 2003 des Zentrums für Vergleichende Geschichte Europas (ZVGE) hatte sich das Ziel gesetzt, zwei ausgeprägte Forschungsrichtungen miteinander ins Gespräch zu bringen - Wissenstransfer [1] und Migration.[2] Gefragt werden sollte nach einer Schnittmenge und dem Wechselverhältnis der beiden Prozesse. Zur Diskussion dieser Fragen kamen vom 24. bis zum 31. August 2003 26 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus sieben europäischen Ländern - Ukraine, Polen, Bulgarien, Ungarn, Deutschland, Italien und Großbritannien - zusammen. Sie diskutierten nicht nur die zahlreichen Vorträgen auswärtiger Wissenschaftler/innen, sondern stellten auch eigene Projekte vor, um für die weitere wissenschaftliche Arbeit an den jeweiligen Forschungsvorhaben Anregungen zu erhalten.

In seiner Einführung in das Thema des Sommerkurses setzte Jürgen Kocka (Berlin) das Thema der Veranstaltung - Wissenstransfer und Migration - zunächst in Beziehung zur Methodik des Vergleichs, um dann vor allem auf die Vielschichtigkeit des Wissensbegriffes einzugehen. Wissen läßt sich in allgemein verfügbare Orientierung (kulturelles Wissen) sowie begründete und überprüfbare Kenntnisse (Fach- und Wissenschaftswissen) gliedern. Die einschlägige Typologie Max Schelers differenziert zwischen Herrschaftswissen, Bildungswissen, Leistungs- und Arbeitswissen sowie Heils- und Erlösungswissen. Jürgen Kocka schloß seine Einführung mit sechs Thesen: (1) Europas Kohärenz war immer auch eine des Wissens; Wissen stellte aber keine Außengrenze Europas dar (2) Europa durchlief in seiner Geschichte unterschiedliche Positionen im Sender-Empfänger-Verhältnis von Wissen. Während es im Mittelalter ein Empfänger gewesen war, spielte es in der Neuzeit eine bedeutende Rolle als Sender von Wissen (3) Den Wissenstransfer innerhalb Europas haben West-Ost-Prozesse dominiert (4) Für den Wissenstransfer spielte die Migration eine wichtige Rolle in älteren Geschichtsepochen, in der Neuzeit nahm sie aufgrund der Entfaltung moderner Medien ab (5) Wissenstransfer war und ist eine der Stärken Europas, welche die Vielfalt des Kontinents begründeten (6) Migrationen transferieren nicht allein Wissen, sie transformieren es.

In der anschließenden Diskussion wurden Beispiele für Prozesse des europäischen Wissenstransfers von Ost nach West gebracht. Im Vormärz rezipierten liberale Deutsche die polnische Losung "Für eure und für unsere Freiheit"; die Avantgarde-Kunst ist ohne die russischen und ostmitteleuropäischen Beiträge undenkbar. Wissen wanderte mithin nicht allein von West nach Ost, sondern ebenso in die umgekehrte Richtung. Die These von der abnehmenden Bedeutung der Migration für Prozesse des Wissenstransfers ist bezweifelt worden, da die modernen Medien nicht nur schneller Wissen transferieren, sondern auch eine Unübersichtlichkeit produzieren, die allein in unmittelbarer sozialer Vermittlung eingehegt werden kann, mithin auch durch Migration. Ferner wurde darauf hingewiesen, daß Machtverhältnisse entscheidend die Verbreitung von Wissen bestimmen.

Im Anschluß daran hielt Johannes Paulmann (Bremen) einen Grundsatzvortrag über Vergleich und Transfer. Während der Vergleich eine Methode darstellt, handelt es sich beim Transfer um einen historischen Vorgang, der definiert werden kann als "gezielte Übertragung von Menschen, Gütern und Wissen von einem System in ein anderes System." Die Transferforschung ist darum bemüht, die Komplexität historischer Vorgänge nicht zu reduzieren. Sie versteht den Transfer als Austausch nicht von Kultur, sondern zwischen Kulturen. Es geht ihr um Vorgänge der Akkulturation im Zeitverlauf. Die interkulturelle Transferforschung siedelt ihre Untersuchungen nicht auf der Makro-Ebene an, sondern konkretisiert Teilbereiche und Einzelpersonen. Sie untersucht vor allem den Wahrnehmungsvorgang des Transfers, nicht vorrangig seine Ergebnisse. Paulmann betonte, daß er Vergleich und Transfer nicht als forschungsstrategische Alternativen begreift, sondern als Zugänge zur Geschichte, die sich ergänzen und miteinander verschränkt werden sollten. Bezogen auf die Projekte der Kursteilnehmer führte Paulmann aus, daß Transferforschung vor allem in biographischen Kontexten plausibel angewandt werden kann.

Den Montagnachmittag gestalteten zwei Referate, die gegensätzliche Positionen zum Verhältnis von Wissenstransfer und Migration bezogen. Jochen Oltmer (Osnabrück) zog Verbindungen zwischen beiden Prozessen auf drei Ebenen. (1) Die transatlantische Auswanderung aus Europa im 19. Jahrhundert stellte er als eine Kettenwanderung dar. Für den Zeitraum von 1820 bis 1914 sind ca. 100 Millionen Auswandererbriefe überliefert, welche die Daheimgebliebenen im Ausgangsland der Migration über die Wanderung und vor allem das Zielland unterrichten. Im Zuge von Migration entsteht somit ein umfassendes Wissen über Zielräume und -gesellschaften, das in die alte Heimat transferiert wird und dort eine Entscheidungshilfe in Auswanderungsfragen leistet. (2) Zweitens ging Oltmer auf Expertenwanderungen ein, die einen integralen Bestandteil der europäischen Wirtschaftsgeschichte bilden. Weder die Geschichte des Hüttenwesens noch die der Industrialisierung kommt ohne den Verweis auf wandernde Fachkräfte aus, die technologisches Wissen vermitteln. (3) Zum Schluß ging Oltmer auf Fälle ein, in denen die ökonomischen Nachfragebedingungen des Zielortes von Migration Nischen offenbaren, die Wandernde ausfüllen. Die Migranten transferieren dabei nicht Wissen aus ihrer Ausgangsgesellschaft in die Zielgesellschaft, sondern stellen sich auf die vorgefundenen Bedingungen am Zielort ein. Migration generiert in diesem Fall also neues Wissen. Als Beispiele nannte Oltmer das irische Fish-and-Chips-Gewerbe, das sich in italienischer Hand befindet, und die Ziegler, die in der Neuzeit vorrangig aus dem Raum Detmold stammten.

Die Gegenposition bezog Rainer Elkar (München) in seinem Referat über die Wanderung von Handwerkergesellen in der Frühen Neuzeit und im 19. Jahrhundert. In der Walz sieht Elkar keinen Prozeß, welcher der Transferierung von Wissen im Sinne von technologischen Fachkenntnissen diente. Die Gesellen hätten häufig frei genommen und in Ortschaften pausiert, in denen sich nichts lernen ließe. Ihre Aufzeichnungen deuten auf die Akkumulierung von Lebenserfahrung und kulturellem Wissen, nicht jedoch von fachlichem Know How hin. Diese These ist in der Diskussion heftig angezweifelt worden. Zum einen - so die Diskutanten - wird handwerkliches Können durch Anschauung und Nachahmung übertragen; es schlägt sich nicht in schriftlichen Quellen nieder. Zum anderen wurde gefragt, ob nicht auch kulturelles Wissen unabdingbar für die Anwendung von Fachwissen sei, so daß den Wanderungen der Handwerkergesellen letztlich doch ein Transferprozeß von Wissen bescheinigt werden müßte.

Den zweiten Tag des Sommerkurses eröffnete Daniel Schönpflug (Berlin) mit einem Vortrag über Wissenstransfer und Migration nach der Französischen Revolution. Schönpflug stellte deutsche Revolutionsanhänger in Frankreich und vornehmlich adelige französische Emigranten in Kurtrier, Preußen und England als migrierende Akteure des Wissenstransfers vor. Das übertragene Wissensgut bestand vornehmlich aus politischen Kenntnissen über das Revolutionsgeschehen sowie über politische Institutionen und Verfahren. Die Diskussion politischer Fragen schuf einen europäischen Gesamtzusammenhang, in dem sich gegenüber der Französischen Revolution zwei Lager bildeten - auch durch Migration.

In der Nachmittagssektion des Dienstags prüfte Gabriele Lingelbach (Trier) den Topos des deutschen Bildungsexports in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Beispiel der amerikanischen Universitäten auf seinen tatsächlichen Gehalt. Die Grundannahme des Exports deutscher Bildungsinstitutionen ins Ausland steht allein schon deswegen auf schwachen Füßen, weil die deutschen Einrichtungen selber in einem permanenten Wandel begriffen waren. Wenngleich sich zwischen den deutschen und amerikanischen Hochschulen gewisse Ähnlichkeiten feststellen lassen, variierten die jeweiligen Ausprägungen doch im Einzelnen stark. Ausschlaggebend für die Falsifizierung der These vom Modellcharakter der deutschen Hochschulen für die amerikanischen Universitäten ist jedoch der Umstand, daß sich in den USA nicht die Übernahme einer ganzen Institution, sondern lediglich selektive Rezeptionen feststellen lassen. Auch Peter Drewek (Mannheim) kam in seinem Vortrag über die "Internationale Rezeption und Internationalisierungsprozesse in den Erziehungswissenschaften im deutsch-amerikanischen Vergleich 1870-1930" zu dem Ergebnis, daß die amerikanische Erziehungswissenschaft nur Teilelemente aus Deutschland aufnahm. Umgekehrt rezipierte jedoch die deutsche Erziehungswissenschaft das amerikanische Modell; die Mehrheit der Erziehungswissenschaftler lehnte einen Transfer jedoch ab.

Am Mittwochvormittag exemplifizierte Katalin Gönczi (Frankfurt am Main) den Wissenstransfer durch Migration anhand einer Rechtsvermittlung von Deutschland nach Ungarn. Ungarische Jurastudenten, die an deutschen Hochschulen in Göttingen, Leipzig und Berlin studiert hatten, transferierten im 19. Jahrhundert Rechtskenntnisse in ihr Heimatland. Dort gingen sie in die ungarischen Rechtskodifikationen ein.

Die Nachmittagssektion eröffnete Effi Böhlke (Berlin) mit einem Vortrag über russische Intellektuelle in der Emigration. Anhand der Beispiele Herzens, Bakunins, Lenins, Kropotkins und Berdjaevs konnte Böhlke interessante Beobachtungen referieren. Schon vor ihrer Emigration waren diese Intellektuellen in eine West-Ost-Kommunikation eingebunden, so daß sie unabhängig von ihrem Aufenthaltsort in einem europäischen Gesprächszusammenhang standen. Nichtsdestoweniger eröffnete die Emigration den russischen Intellektuellen einen anderen Blick auf Rußland und eine neue Selbstwahrnehmung, so daß Migration neues Wissen generierte. Gerade im Falle Lenins überwog die Phase der Emigration in zeitlicher Hinsicht die kurzen Aufenthalte in Rußland erheblich. Böhlke sieht darin einen wesentlichen Faktor für die Entfremdung Lenins von Rußland, woraus erst die Überzeugung vom Projekt der Moderne unter den Bolschewiki entstehen konnte. Methodisch betonte sie, wie Vergleich und Transfer auf eine Verschränkung angewiesen sind, da diese beiden Prozesse bereits bei den Zeitgenossen, die sie untersucht, miteinander verflochten waren.

In seinem Vortrag über Osteuropäische Emigranten in Paris 1880-1940 beschäftigte sich Michael Esch (Berlin) nicht mit der Frage, welches Wissen durch Migration von einem Kontext in einen anderen transferiert wird. Vielmehr zielte sein Referat darauf, Identität, kulturelles Kapital und Alltagsleben in der Migration zu profilieren. Anhand der Polizeiakten ausgewählter Viertel der französischen Hauptstadt trug Esch seine These von der Integration der Emigranten in bestimmte Milieus vor. Es folgte eine stark kontroverse Diskussion, inwieweit die Quellengattung der Polizeiakten für diese Fragestellung benutzbar sei.

Der Donnerstag war reserviert für die Diskussion der Forschungsprojekte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Arbeitsgruppen. In drei Gruppen geteilt - (1) Bildung und Forschung, (2) Transformation und (3) Identitäten und Alteritäten - fanden anregende Präsentationen und Gespräche statt. Auf ihre Ergebnisse wird bei der Abschlußdiskussion eingegangen.

Den Freitag eröffnete Karin Schönwälder (Berlin) mit ihrem Vortrag über Migration in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Im ersten Teil ihres Referates beschrieb sie die Zunahme von Wanderungen unterschiedlicher Typen in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts. Gegenwärtig führt vor allem die Globalisierung zu einer Zunahme von Mobilität. Darüber darf jedoch nicht übersehen werden, daß im späten 20. Jahrhundert lediglich 3 Prozent der Weltbevölkerung migrierten. Im zweiten Teil ihres Vortrages erläuterte Schönwälder vier Beispiele in bezug zur Fragestellung nach Wissenstransfer im Kontext von Migration.(1) Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden in den westlichen Lagern von displaced persons u.a. politische Diskussionen über ethnische Grenzen hinweg statt, in deren Kontext ukrainische Lagerinsassen die Idee eines ukrainischen Nationalstaates fortentwickelten. (2) In den 1960er und 1970er Jahren konzipierten bundesrepublikanische Ministerien die Migration italienischer Arbeiter in die Bundesrepublik Deutschland als Erziehungsinstrument. Vermittelt werden sollte eine antikommunistische Einstellung und deutsches Arbeitsethos. Inwieweit diese Ziele sich realisieren ließen, muß völlig offen bleiben. (3) Eine Studie über türkische Emigranten und Remigranten in den 1960er Jahren ergab, daß weder die türkische Industrie relevante Fertigkeiten durch Abwanderung verlor noch die Remigranten ausgewiesene fachliche Fertigkeiten retransferierten. Diagnostizieren läßt sich demgegenüber ein Wissenstransfer auf politisch-gesellschaftlicher und kultureller Ebene. Remigrierte Frauen akzeptierten nicht mehr die traditionalen Geschlechterrollen und die Mitgliederzahlen der türkischen Gewerkschaften stiegen. (4) Eine aktuelle britische Studie konstatiert für die vergangenen zwei Jahre eine Zunahme der Mobilität hochqualifizierter Kräfte. Das Verhältnis von brain drain und brain gain muß aber offen bleiben. Zusammenfassend kam Schönwälder zum Schluß, daß der Aspekt Wissenstransfer nicht im Mittelpunkt der Migrationsforschung steht, er jedoch in der aktuellen Migrationspolitik zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Anschließend trug Arnd Bauerkämper (Berlin) über Wissenstransfer als Aneignung vor. Er exemplifizierte dies anhand der Vermittlung von Kenntnissen über die amerikanische Demokratie durch Remigranten in Westdeutschland nach 1945. Bauerkämper hält die Begriffe und Konzepte der "Westernisierung" und "Amerikanisierung" Westdeutschlands für revisionsbedürftig. Die Biographien remigrierter Politikwissenschaftler und Historiker deuten vielmehr auf einen reziproken Prozeß der Wissensaneignung hin. In seinem Vortrag beschränkte Bauerkämper sich auf die Beispiele Ernst Fraenkels und Hans Rothfels'. Beiden sind gewisse Rezeptionen Amerikas gemeinsam, z.B. der emphatische Bezug zur Rechtsstaatlichkeit. Beide blieben aber auch auf ihre Weise ihrem Ausgangsmilieu aus der Zeit vor der Migration treu - Fraenkel dem liberalen, Rothfels dem konservativen. Während Rothfels eher indirekt Amerika-Kenntnisse vermittelte, nahm Fraenkel dies bewußt als Aufgabe wahr, der er u.a in öffentlichen Vorträgen nachkam.

Den Freitag schloß Burghard Ciesla (Berlin) mit einem Vortrag über "Intellektuelle Reparationen" ab. Bei diesem "Raub von Wissen" handelt es sich um eine Form der Reparationen nach dem Zweiten Weltkrieg, die bislang kaum Beachtung gefunden hat. Die Ausdeutung des Begriffes ist unklar; sie hat auch bislang keinen Eingang in das Völkerrecht gefunden. Tatsache bleibt, daß nach dem Zweiten Weltkrieg ca. 6.000 bis 7.000 Naturwissenschaftler und Techniker aus Deutschland von den Alliierten abgezogen wurden - ca. 1.000 bis 1.500 von den USA, ca. 3.000 von der Sowjetunion. 1948 war dieser Prozeß im wesentlichen abgeschlossen.

Den letzten Vortrag des Sommerkurses hielt am 30. August Hans-Liudger Dienel (Berlin). Er sprach über den Technologietransfer zwischen der Bundesrepublik Deutschland, der DDR und Ungarn von 1945 bis 2000. Im Zentrum seines Vortrags stand der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW). Alle RGW-Staaten unterhielten bilaterale Technologie-Transfers mit westlichen Gesellschaften, verschwiegen diese aber auf den multilateralen Treffen, welche die technologische Entwicklung in der Mitgliedsstaaten der Organisation koordinieren sollten. Dienel stellte den Technologie-Transfer als einen Prozeß dar, der politisch gewünscht und geregelt wurde, ohne auf Migrationen angewiesen zu sein.

Den Sommerkurs beschloß am Samstagnachmittag eine dreistündige Podiumsdiskussion, die Holm Sundhaussen (Berlin) moderierte. Neben ihm waren Etienne François (Paris/Berlin), Thomas Müller (Berlin), Michael Esch (Berlin) und Burghard Ciesla (Berlin) auf dem Podium vertreten. Zunächst hatten als Podiumsbeiträger aber Sprecherinnen und ein Sprecher aus den drei Arbeitsgruppen vom Donnerstag das Wort. Für die Gruppe "Bildung und Forschung" berichtete Annett Heinl (Dresden), daß der Zusammenhang von Wissentransfer und Migration im Bereich Bildung und Forschung auf eine ausgesprochene Elitengeschichte hinauslief. Weiterführender Diskussionsbedarf bestand in dieser Gruppe vor allem hinsichtlich der Sprache als Faktor und Kontext des Wissenstransfers. Christiane Hellermann (Berlin) stellte für die Gruppe "Identitäten und Alteritäten" fest, daß ihre Projekte vor allem das Alltagswissen sowie Selbst- und Fremdwahrnehmungen von Migranten thematisierten. In diesem Kontext könne man einen Kultur-, jedoch keinen Wissenstransfer beobachten. Die Gruppe kam zum Ergebnis, ihre Projekte auch ohne den Begriff des Wissentransfers realisieren zu können. Die Sprachfrage stellte sich aber auch dieser Gruppe sehr ausgeprägt dar. Jan Musekamp (Frankfurt/Oder) stellte für die Gruppe "Transformation" fest, daß die dort diskutierten Projekte kaum einander ergänzten, sondern vor allem die Vielzahl von Migrationstypen abbildeten, vor allem Arbeitsmigration, Kettenmigration, Exil und Zwangsmigration. Diese Migrationstypen alle auf den Begriff des Wissenstransfers zu beziehen sei hochproblematisch.

François stellte heraus, daß Wissenstransfer und Migration nicht auf das 19. und 20. Jahrhundert beschränkt waren, sondern in der europäischen Geschichte seit dem Mittelalter verfolgt werden können. Da Migrationen ohne Wissenstransfer und umgekehrt häufig sind, bedarf es einer genauen Kennzeichnung des Kontextes, in dem sich beide Prozesse überschneiden. Paulmanns diesbezüglichen Verweis aus der einführenden Sitzung vom Montag auf die Mikrohistorie bestätigte François mit seinem instruktiven Beispielfall für Wissenstransfer durch Migration - der Genese der Märchen der Brüder Grimm, die nicht nur Wissen im Rahmen von Wanderungen sammelten, sondern dabei auch Wissen aufsogen, das französische Emigranten in die deutschen Territorien transferiert hatten.

Ciesla betonte in seiner Stellungnahme nochmals die Bedeutung von Sprache und Integration als Kontexte, die im hohen Maß den Transfer von Wissen in der Migration beeinflussen. Esch sprach in seinem Kommentar davon, daß es sich um eine äußerst kleine Schnittmenge der Prozesse Wissenstransfer und Migration handle. Der Begriff des Wissenstransfers ist aus seiner Sicht kein wissenschaftlich-analytischer, sondern ein ideologischer, der aus der Meistererzählung eines sich friedlich untereinander rezipierenden und integrierenden Europas stammt. Müller betonte, daß allen Überlegungen zu Wissenstransfer und Migration genaue Definitionen des Wissens vorangehen müßten. Zudem hob er darauf ab, daß Wissenstransfer auf anderen Ebenen stattfinden kann, als von den Akteuren intendiert.

Die sich anschließende Diskussion faßte noch einmal die Probleme zusammen, welche die Fragestellung nach Wissenstransfer und Migration aufwirft. Wiewohl die Schnittmenge zwischen den beiden titelgebenden Phänomenen sehr gering ist, lassen sich Wissen und Migration in eine Vielzahl von Untertypen differenzieren, die zu einer extremen Unübersichtlichkeit des Forschungsfeldes führen. Ferner ist die Frage problematisch, wie sich Wissen und sein Transfer überhaupt empirisch fassen lassen. Quellenprobleme waren mehrmals Gegenstand der Diskussion im Sommerkurs. Ein Großteil der Migrationsforschung, die sich mit Fragen von Identität und Integration befaßt, kann ohne den Begriff des Wissenstransfers arbeiten. Insofern führte die Diskussion noch einmal die kritischen Punkte vor Augen.

Für den Begriff Wissenstransfer nahmen aber auch einige Rednerinnen und Redner - u. a. Böhlke, Francois und Bauerkämper - das Wort. Ihr Tenor war, die Vorzüge des Transferbegriffes herauszustellen. Der Transferbegriff kontextualisiert, er ist akteursorientiert, er berücksichtigt Medien und stellt Wissen als ein wandelbares Phänomen dar. Zudem eröffnet er neue, produktive Fragestellungen. Nicht zuletzt verbindet er ansonsten getrennte Forschungsfelder. Insofern kann dem Sommerkurs attestiert werden, die Schnittstelle zwischen den Forschungsfeldern Migration und Wissen kritisch ausgelotet zu haben. Zu den Erträgen der Veranstaltung gehören nicht allein Einblicke in das wechselhafte Verhältnis von Wissenstransfer und Migration, sondern auch die Erkenntnis, daß das Thema Sprache es verdient hätte, in einem eigenen Sommerkurs behandelt zu werden - vielleicht demnächst im ZVGE.

Gefördert von der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

Anmerkungen:
[1] Siehe dazu Carsten Kretschmann, Hg., Wissenspopularisierung. Konzepte der Wissensverbreitung im Wandel, Berlin 2003 (Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel Band 4) sowie Helga Nowotny, Re-Thinking Science. From Reliable Knowledge to Socially Robust Knowledge, in: Wolf Lepenies, Hg., Entangled Histories and Negotiated Universals. Centers and Peripheries in a Changing World, Frankfurt am Main 2003, S. 14-31.
[2] Siehe dazu Saskia Sassen, Migranten, Siedler, Flüchtlinge. Von der Massenauswanderung zur Festung Europa, Frankfurt am Main 1996. Klaus J. Bade, Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2000.

Zitation
Tagungsbericht: Wissenstransfer und Migration. Europa im 19. und 20. Jh., 24.08.2003 – 31.08.2003 Berlin, in: H-Soz-Kult, 24.09.2003, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-293>.
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Veröffentlicht am
24.09.2003
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