Objektgeschichte als ‚Menschenwissenschaft'. Dinge – Materialität – Kultur

Ort
Berlin
Veranstalter
Wolfgang Ruppert, Arbeitsstelle für kulturgeschichtliche Studien der Universität der Künste Berlin
Datum
30.10.2009 - 31.10.2009
Von
Stefanie Johnen, Berlin

Am 30. und 31. Oktober 2009 fand an der Universität der Künste Berlin die Arbeitstagung „Objektgeschichte als ‚Menschenwissenschaft'. Dinge – Materialität – Kultur“ statt. Veranstaltet wurde sie von Wolfgang Ruppert, Arbeitsstelle für kulturgeschichtliche Studien der Universität der Künste Berlin. Sie steht in der Folge von zwei vorausgegangenen Tagungen, „Der Eigensinn der Dinge“ im November 2007 und „Dinge – Kultur – Geschichte“ im Mai 2009.[1] Während das Ziel der ersten beiden Veranstaltungen darin bestand, kulturgeschichtliche und kulturwissenschaftliche Arbeitsansätze zu den Dingen zu versammeln, war die dritte Tagung nun spezifischer dem Forschungsansatz der Objektgeschichte gewidmet. Es wurden laufende und abgeschlossene Arbeitsprojekte aus unterschiedlichen historischen Disziplinen vorgestellt, um die empirischen Erträge und die methodischen Probleme des Ansatzes der Objektgeschichte im jeweiligen Feld reflektieren zu können.

Eröffnet wurde die Tagung von WOLFGANG RUPPERT mit einer programmatischen Einordnung: „Objektgeschichte als empirische Kulturgeschichte“. Sein Denkansatz war darauf ausgerichtet, die Dinge als Formen der materiellen Kultur in den damit verbundenen lebensweltlichen Kontexten zu lesen.[2] Dieses Verhältnis könne in drei Schichten untersucht werden, die es in einen systematisierenden Zugriff einzubeziehen gelte: Erstens die Produktion bzw. den Entstehungszusammenhang der Objekte, zweitens die Aneignung und den alltagsgeschichtlichen Umgang der Menschen mit ihren Dingen, drittens die Historizität der Dinge, ihr zeitlicher Ort in der Geschichte der Zivilisation. In seinem Verständnis von Kultur seien diese drei Ebenen empirisch im Wechselbezug von immaterieller und materieller Kultur zu erfassen. Dieser innere Zusammenhang sei unauflöslich, denn in den Entwurf und die Herstellung der materiellen Objekte würden die immateriellen Ideen, Vorstellungen und intendierten Gebrauchsweisen eingeschrieben. Dinge seien damit in ihrer Materialität zwangsläufig immer auch Teilebenen von gesellschaftlich strukturierten Zusammenhängen, ja sie repräsentierten häufig die „feinen Unterschiede“ (Bourdieu) und die damit verbundenen kulturellen Muster. Während die immaterielle Kultur den Objekten Bedeutungen zuordne, besitze die materielle Kultur zugleich Formungskraft für deren Handhabung. Damit seien einerseits die Vorstellungen der Menschen, ihre Begriffe, Praktiken, kulturellen Muster und Symbole und andererseits die Objekte – als Teil der materiellen Kultur – im Prozess der Zivilisation zu rekonstruieren. Dementsprechend könne der Historiker die materielle Kultur als gleichberechtigte Quelle lesen. Dies entspräche dem Sinn eines Satzes von Johann Gustav Droysen, Quelle sei „alles und jedes, was die Spur von Menschengeist und Menschenhand an sich trägt“.

Ruppert fragte nach der Art und Zeitdauer der Einbettung der Objekte in einen Lebenszusammenhang. Aus den abstrakten Tendenzen in der kulturellen Moderne ergäben sich zudem Objektfamilien. So seien etwa mit der Steigerung der Mobilität Objekte wie Eisenbahn, Fahrrad, Auto und Flugzeug entworfen, hergestellt und weiterentwickelt worden. In Verbindung mit der zivilisationsgeschichtlichen Tendenz der Zeitverdichtung und Beschleunigung wurden Zeitmesser wie Uhren in unterschiedlichen Techniken entwickelt.[3] Eine systematisierende Objektgeschichte der Alltagswelt untersuche immer beides, den konkreten Einzelfall und die kulturellen und sozialen Kontextbezüge in den abstrakteren, zivilisationsgeschichtlichen Tendenzen.

In einem ersten Tagungsblock wurden Forschungsarbeiten zur Objektgeschichte mit unterschiedlichen Gegenstandsfeldern, Fragestellungen und Arbeitskonzepten vorgestellt. Die Archäologin SABINE PATZKE beschäftigte sich mit der Entwicklungsgeschichte der etruskischen Ceramica sovraddipinta und bettete diese in grundsätzliche Überlegungen zu den Möglichkeiten und Grenzen der Objektgeschichte in der klassischen Archäologie ein. Sie grenzte sich von der älteren, dominanten Tradition der kunstgeschichtlich orientierten Betrachtung in der Archäologie ab und verlagerte ihr Erkenntnisinteresse auf die Produktion antiker Alltagsobjekte. Weil ihr eigenes Gegenstandsfeld nicht als Kunst gegolten hatte, deswegen als minder bedeutsam betrachtet und nicht bearbeitet worden war, stellte Patzke hier grundsätzlich die Frage nach der Öffnung ihrer Disziplin für die Forschungsperspektive der Objektgeschichte. Welche Informationen sind am archäologischen Artefakt zu gewinnen, obgleich weitere Überlieferungen zu den handelnden Akteuren und zur Objektnutzung kaum vorliegen?

Das Untersuchungsfeld von ANNA-MARIA GOETZ waren reproduzierte Grabplastiken als Objekte der bürgerlichen Erinnerungskultur auf Friedhöfen um 1900. Sie konzentrierte sich bei ihren Fragen an die Objekte auf die Motive der weiblichen Skulpturen, auf deren Repräsentations- bzw. Symbolcharakter und verwies auf die vielfältigen Bezüge im kulturellen Kontext ihrer spezifischen Konfiguration. Die Aussagegehalte seien sowohl in ihrem Charakter als schichtspezifische, bürgerliche Kultur als auch als zivilisationsgeschichtliche Phänomene zu erschließen. Diese reproduzierten Grabplastiken wurden von Wirtschaftsunternehmen wie WMF als serielles Produkt unter Vermeidung von Doppelungen auf einem Friedhof angeboten. Sie sollten das Merkmal eines Unikats, das für Kunstwerke galt, zumindest nicht öffentlich konterkarieren. Goetz arbeitete die notwendige, interdisziplinäre Verbindung von Kultur-, Kunst-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte zur Analyse der Objekte ihres Gegenstandsfeldes heraus.

MATTHIAS WAGNER widmete sich, vor dem Hintergrund der volkskundlichen Sachkulturforschung, der Geschichte von Möbeln aus dem Thüringer Wald, den „Schnetter Truhen“.[4] Diese galten zwischen dem 18. und dem ausgehenden 19. Jahrhundert als Dienstbotentruhen, die in Nachbarregionen wie Hessen exportiert wurden. Dabei war ein Bedeutungswandel vom reinen Gebrauchsobjekt hin zum Souvenir im 20. Jahrhundert nachzuvollziehen. Ihre folkloristische Besetzung als Volkskunstartikel stützte sich auf die Bemalung mit ländlichen Blumenmotiven und führte im Nationalsozialismus zur Deutung als „ursprünglich“ im Kontext der „Rückbesinnung“ auf Volkskunst.

Daran schloss ein weiterer Teil zur Bedeutung der Objektgeschichte in der musealen Arbeit an. ANDREAS LUDWIG und KATJA BÖHME referierten über die Möglichkeiten und Grenzen bei der Sammlung von Objekten der Alltagskultur in der DDR. Ludwig zeigte, dass erst die kontextbezogenen Fragen an die Objekte deren Gehalte in Ausstellungen sichtbar werden ließen. Objekt- und Gesellschaftsgeschichte seien darin eng miteinander verbunden. Böhme stellte anhand eines Projektes zu Dingen aus Plastik fest, dass sich die museale Praxis im Unterschied zur Wissenschaft häufig zuerst – und im Schwerpunkt – auf die erste Erfassung und Erschließung der Objekte beschränken müsse.

In der abschließenden Diskussion des ersten Tages wurde resümiert, dass ein Bedarf an wissenschaftlicher Objektgeschichte bestehe, nicht zuletzt an vertiefenden Detailstudien, die die Objekte sowohl in ihren kulturellen Kontexten als auch in den längerfristigen Entwicklungszusammenhängen bearbeiten.

Der zweite Veranstaltungstag begann mit weiteren wissenschaftstheoretischen Einordnungen der Objektgeschichte. Wolfgang Ruppert konzentrierte sich in seinen Überlegungen zur „Objektgeschichte als ‚Menschenwissenschaft'“ vor allem auf die Geschichte dieses Begriffs. Er begann mit einer Skizze zum Denk- und Arbeitsansatz von Norbert Elias in den 1920er- und 1930er-Jahren. Dessen Bedeutung bestehe darin, das Erkenntnisinteresse auf das Wechselverhältnis von Individuum, Gesellschaft und Kultur/Zivilisation gelenkt zu haben. Elias‘ Auseinandersetzung mit dem Kultur- und Zivilisationsbegriff war darauf gerichtet, den Zusammenhang der Handlungsketten, in denen Menschen standen, und der geistig-mentalen Standards, die in einer Zeitphase der gesellschaftlichen Konfiguration galten, zu dechiffrieren. In seine Analyse habe er hierzu auch die empirischen, materiellen Artefakte als Quellen einbezogen.[5] Damit stand er in Distanz zu jener „Vergeistigung“ (Nipperdey) der historischen Disziplinen in Deutschland, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die materielle Welt aus der wissenschaftlichen Analyse abgespalten hatte. Elias habe mit seinem Denkansatz die geschichtswissenschaftlichen und philosophisch-soziologischen Denk- und Begriffsverengungen somit erneut geöffnet. Sein Verständnis der ‚Menschenwissenschaft' entwickelte sich aus einem Bedarf, über die Grenzen der Einzelwissenschaften hinweg die Zusammenhänge in Kultur und Gesellschaft einer Zeitkonfiguration interdisziplinär bearbeiten zu können. Ruppert plädierte dafür, diesen Ansatz von Elias als Ausgangspunkt für die Gegenwart aufzunehmen. Erforderlich sei es, den Faktor Zeit in die Denkansätze zur notwendigen ökologischen Erneuerung unserer Objektwelten einzubringen.

Unter dem Titel „Das artifizielle Tier – Objektwelten als Handlungsbedingungen“ setzte sich KARL-SIEGBERT REHBERG mit den Positionen der philosophischen Anthropologie, vor allem mit Helmuth Plessner, Arnold Gehlen und Max Scheler, auseinander. In einer wissenschaftstheoretischen Herleitung der Debatten der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts befragte Rehberg ihre Ansätze und Erkenntnisinteressen auf die Fragestellungen der Objektgeschichte als ‚Menschenwissenschaft' hin. Zunächst stellte er fest, dass die Einsicht in die Artifizialität der Menschen zentral für die philosophische Anthropologie gewesen sei: Der Mensch sei von Natur aus künstlich (Plessner, Gehlen), er sei als „animal symbolicum“ (Cassirer, Scheler) und als plastisches bzw. sprachbegabtes Wesen (Gehlen) definiert. In ihrem Zeitkontext seien derartige Ansätze innovativ gewesen, weil die Fragestellungen von einem Dialog mit der Biologie angeregt waren, sie jedoch – zwar ausgehend von der Biologie – kulturalistisch argumentiert hätten. Aber inwiefern fand darin eine Auseinandersetzung mit den Objekten statt? Zunächst stellte Rehberg fest, dass diese auch in der philosophisch-anthropologischen Theoriebildung nicht direkt zum Gegenstand gemacht worden seien. Allerdings erkannte er bei allen Theoretikern zwei wichtige Aspekte eines Objektbezugs: Erstens gingen sie von einem symbiotischen Ding-Mensch-Verhältnis aus. Zweitens nahmen sie deren projektive Besetzung mit Gefühlen an. Im Sinne einer Verständigung zwischen Menschen über die Dinge ebenso wie in der Selbstvergewisserung der Individuen sah Karl-Siegbert Rehberg ihre Objekthaftigkeit als einen durchaus zentralen Aspekt bei allen Autoren gegeben. Rehberg resümierte, es gebe eine gedankliche Durchdringung des Objektes durch die historischen Anthropologen, die sehr viele Schichten der Dinge sichtbar machen kann.

Im ersten empirischen Teil dieses Tages wurden zwei abgeschlossene Dissertationsprojekte präsentiert, die ganz dezidiert mit dem konzeptionellen Ansatz der Objektgeschichte arbeiteten. STEFAN GAUSZ stellte die ersten Geräte zur Reproduktion von Schall bis etwa 1940 als seinen Untersuchungsgegenstand dar – Sprechmaschine, Phonograph und Grammophon.[6] Er arbeitete hierbei mit dem von Ruppert entwickelten Konzept der industriellen Massenkultur. In dieser Perspektive zeichnete er die Entwicklungsgeschichte der „Phonoobjekte“, deren Gestaltungs- und Funktionsmerkmale, ihre Gebrauchskontexte in den bürgerlichen Lebensstilen, sowie die damit entstandene Industrie nach. Gauß richtete sein Erkenntnisinteresse darauf, die normativen Leitbilder und Symboliken zu erfassen, die in die Objekte eingeschrieben waren. Hierzu rekonstruierte er die mit der Entwicklung der materiellen Kultur einhergehenden Diskurse um zeitgenössische Wahrnehmungsweisen von der technischen Reproduktion von Musik und setzte sie in Beziehung zu den neu entwickelten, kulturellen Praktiken. Aus dieser Analyse ergab sich ein den Phonoobjekten eigener Doppelcharakter zwischen Tonspender (Mechanik und Wiederkehr des Schalls) und der Repräsentation von Inhalten aus dem kulturell-menschlichen Leben (Musik als reproduzierter, symbolischer Gehalt). Gauß bestimmte das Hören als einen kulturell geformten Vorgang und zeigte in den längerfristigen Entwicklungstendenzen eine Habitualisierung des Hörerlebnisses, die in einer unmittelbaren Beziehung zu den materiellen Gestaltungsformen der Geräte stand.

Die Japanologin und Historikerin COSIMA WAGNER untersuchte ‚soziale' Roboter in Japan.[7] Die Objektgeschichte dieser für den Alltag konzipierten Dinge thematisierte Wagner im Kontext einer kulturellen Mythenbildung. Aus dem technologischen Aufstieg Japans seit den 1950er-Jahren speise sich ein nationales Identitätskonzept, das sich seit der Jahrtausendwende noch verstärkte und erweiterte. Die ‚sozialen' Roboter stellten hierin ein populärkulturelles Phänomen von hoher gesellschaftlicher Akzeptanz dar: Wagner identifizierte die Roboter als Kulturobjekte, die mit technischen Qualitäten ausgestattet und zugleich mit sozialer und kultureller Symbolik aufgeladen wurden. Die Technik trug zum kulturellen Zusammenhang der modernen, japanischen Gesellschaft entscheidend bei.

Bei den Untersuchungsansätzen zu diesen Objektgeschichten von Cosima Wagner und Stefan Gauß wurden bei der zivilisationsgeschichtlichen Einordnung jeweils unterschiedliche Akzente gesetzt. Gauß beschrieb die Perspektiven der Medien- und Technikgeschichte als unzureichend. Er bezog sich stattdessen auf die empirische Kulturgeschichte, um die multiperspektivischen Fragestellungen erfassen zu können, die sich in seinem Objekt durchdringen. Wagner konzentrierte sich stärker auf die soziokulturelle Interpretation der Entwicklungsgeschichte der Roboter unter Einbezug der Perspektiven der beteiligten Akteure. Ihre geringe Betonung des realen Umgangs mit den Objekten begründete sich daraus, dass die Roboter zum Zeitpunkt ihrer Studie – mit Ausnahme in der therapeutischen Arbeit – noch keine Alltagsobjekte waren.

Die hierauf folgenden beiden Beiträge, ebenfalls zur Erforschung von Technik- und Medienobjekten, waren demgegenüber durch eine technik- und nutzergeschichtliche Perspektive gekennzeichnet. In ihrem Verständnis von ‚Nutzerbildern' ging HEIKE WEBER von der Annahme aus, dass die Produkte durch die hinter ihnen stehenden Bilder geprägt seien. Sie verdeutlichte dies in einem quellenbezogenen Zugang an der Auseinandersetzung mit Werbeanzeigen zu Kofferradio, Walkman und Handy zwischen 1950 und 2000.[8] Diese ‚Nutzerbilder' wurden durch Werbung und Marketing eingeführt: es handelte sich um Leitbilder für die Aneignung durch die Nutzer. Weber vollzog die Geschichte der Objekte nach, die damit kommunizierten Eigenschaften und Gebrauchsweisen.

Etwas enger konzentrierte MONIKA RÖTHER ihre Untersuchung zum Wandel von Phonogeräten und Musikkonsum in den 1960er-Jahren auf das Ziel der Erfassung von Apparat-Nutzer-Konstellationen und deren spezifischen, sozialen Rezeptionsrahmen. Sie ging von der Vorstellung aus, dass ein Wechselbezug zwischen den sich diversifizierenden Geräten und deren Zielgruppen eine Pluralisierung von Lebensstilen repräsentiere. In der steigenden Objektvielfalt vermutete sie eine Abnahme der sozialen Klassenbindung und der damit verbundenen gesellschaftlichen Unterschiede im Verlauf des kulturellen Wandels. Beide Ansätze warfen die Frage nach der Differenz zwischen der im empirischen Material angelegten, kommunikativen Intention von Konsumentenlenkung und einer quellenkritischen Einordnung der tatsächlichen Aussagekraft für die historische Realität auf.

Die beiden abschließenden Vorträge beschäftigten sich mit zwei einander diametral gegenüberstehenden Formen von materieller Kultur: von Architekturen, die in ihren jeweils spezifischen, kulturellen und weltanschaulichen Bezugsräumen gelesen werden müssen. Eine noch essayistische Annäherung an die Ränder des globalen Wirtschaftssystems präsentierte STEFAN BECKER, indem er in die „Architektur aus Objekten“ in den Favelas von Rio de Janeiro einführte. Er veranschaulichte das Sammeln und Einpassen von Büchsen, Kisten, Blechen, Brettern, Türen und ähnlichem „Abfall“ als einen Prozess der Hervorbringung selbstverfertigter Behausungen. Die Bewohner brachten es damit zu höchst unterschiedlichen Raumgebilden. Aus dem Bauen dieser Akteure erwachse eine dynamische und prozessuale, „kollektive Architektur“, ohne Plan und ohne Struktur. Becker deutete diese Bauten und Wege im Sinne ‚fragmentarischer Historiographien' (Karl Schlögel).

Eine völlig andere, normative Besetzung der materiellen Kultur beschrieb SYLVIA NECKER an der Arbeitsweise des Architekturbüros Gutschow zwischen den 1930er- und 1950er-Jahren. Als Quelle dienten ihr Objektstudien, Karteien zur Typenbildung für „gute“ Formen und Kartographien, in denen systematisierte Bau- und Stadtplanungsarbeiten vorwiegend in den 1940er-Jahren ihren Niederschlag fanden. Am Büro Gutschow konnte die epochenspezifische Expertenkultur, in einer autoritär beherrschten Zeit, mit ihrem normativen Leit- und Menschenbild als „Ordnungsmodell“ für das Verhältnis der Menschen zu ihrer räumlichen und dinglichen Umgebung, sichtbar gemacht werden.

Während der Tagung und auch in der Schlussdiskussion wurde das Problem eines quellenkritischen Umgangs mit dem Material bei Feldstudien aufgeworfen. So zeichnete sich in den einzelnen Forschungsarbeiten die durchaus häufige Schwierigkeit ab, einen Zugang zu tragfähigen Aussagen über die realgeschichtlichen Umgangsweisen mit den Objekten zu bekommen. Die vorhandenen Überlieferungen sagen viel mehr über die Intentionen des Gebrauchs aus, als über die tatsächlichen Praktiken. Ruppert plädierte dafür, die unterschiedlichen Quellentypen im Arbeitsprozess ergänzend zueinander zu lesen, um damit das zentrale Beziehungsverhältnis der Menschen zu ihren Dingen in seiner kulturgeschichtlichen Kontextualität zu dechiffrieren.

Die Tagung war von einer produktiven Diskussion geprägt. Die Analyse der materiellen Objektivationen eröffnete immer wieder den Zugang zu den tieferliegenden Menschenbildern und kulturellen Wertvorstellungen. Es kommt auch beim Gegenstandsfeld der materiellen Kultur auf die Fragestellungen und das kritische Reflexionsvermögen der Forschenden an. Angesichts der Bestätigung des Arbeitsansatzes, „Objektgeschichte als ‚Menschenwissenschaft'“ zu betreiben, kündigte der Veranstalter die nächste Tagung für Frühjahr 2010 an.

Konferenzübersicht:

Wolfgang Ruppert (Universität der Künste Berlin): Objektgeschichte als empirische Kulturgeschichte

Sabine Patzke (Deutsches Archäologisches Institut Rom): Objektgeschichte in der Archäologie – Möglichkeiten und Grenzen am Beispiel der etruskischen Ceramica sovraddipinta

Anna-Maria Goetz (Universität Hamburg): Reproduzierte Grabplastiken als Objekte der bürgerlichen Erinnerungskultur auf Friedhöfen um 1900

Matthias Wagner (Würzburg): Möbel aus Schnett. Produktion – Gebrauch – Folklorisierung

Andreas Ludwig und Katja Böhme (Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR Eisenhüttenstadt): Projekte zur Objektgeschichte

Wolfgang Ruppert (Universität der Künste Berlin): Objektgeschichte als ‚Menschenwissenschaft'

Karl-Siegbert Rehberg (Technische Universität Dresden): Das artifizielle Tier – Objektwelten als Handlungsbedingung

Stefan Gauß (Universität der Künste Berlin): Phonograph, Grammophon und die ‚ewige Wiederkunft' des Schalls. Objektgeschichte als Zugriff auf die Geschichte der Phonoobjekte

Cosima Wagner (Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt): ‚Soziale' Roboter als Gegenstand einer Japan-bezogenen Objektgeschichte

Heike Weber (Technische Universität Berlin): Dinge und ihre ‚Nutzerbilder'. Portable Mediengeräte 1950 – 2000

Monika Röther (Rheinisch-Westfälisch Technische Hochschule Aachen): Phonogeräte als Medien der Abgrenzung von Lebensstilen in den sechziger Jahren

Stefan Becker (Justus-Liebig-Universität Gießen): Architektur aus Objekten. Von fragmentarischen Bauwerken in labyrinthischen Dingwelten

Sylvia Necker (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg): Das Büro Gutschow – Der Mensch als Maß aller Dinge und Städte

Anmerkungen:
[1] Vgl. Tagungsbericht Dinge - Kultur - Geschichte. 23.11.2007-24.11.2007, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 13.03.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2041>; Tagungsbericht _Der Eigensinn der Dinge. 08.05.2009-09.05.2009, Berlin, in: H-Soz-u-Kult, 11.06.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=2652> (15.12.2009).
[2] Zum Ansatz der Objektgeschichte vgl. Wolfgang Ruppert, Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, in: ders. (Hrsg.), Fahrrad, Auto, Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, Frankfurt am Main 1993, S. 14-36, insbesondere S. 17-23; ders., Plädoyer für den Begriff der industriellen Massenkultur, in: Hannes Siegrist / Hartmut Kaelble / Jürgen Kocka (Hrsg.), Europäische Konsumgeschichte. Zur Gesellschafts- und Kulturgeschichte des Konsums (18.-20. Jahrhundert), Frankfurt am Main 1997, S. 563-582.
[3] Vgl. Wolfgang Ruppert, Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge, in: ders. (Hrsg.), Fahrrad, S. 23-32.
[4] Matthias Wagner, Möbel aus Schnett. Produktion - Gebrauch – Folklorisierung, Dissertation, Universität Würzburg, Philosophische Fakultät II, 2006.
[5] Vgl. Norbert Elias, Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie, Frankfurt am Main 2002 (1969); ders., Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Erster und Zweiter Band, Frankfurt am Main 1997 (1939).
[6] Stefan Gauß, Nadel, Rille, Trichter. Kulturgeschichte des Phonographen und des Grammophons in Deutschland (1900-1940), Köln 2009.
[7] Cosima Wagner, Robotopia Nipponica. Recherchen zur Akzeptanz von Robotern in Japan (in Vorbereitung).
[8] Heike Weber, Das Versprechen mobiler Freiheit. Zur Kultur- und Technikgeschichte von Kofferradio, Walkman und Handy, Bielefeld 2008.

Zitation
Tagungsbericht: Objektgeschichte als ‚Menschenwissenschaft'. Dinge – Materialität – Kultur, 30.10.2009 – 31.10.2009 Berlin, in: H-Soz-Kult, 07.01.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-2935>.