Prinz Albert - Ein Wettiner in Großbritannien / Prince Albert - A Wettin in Britain

Ort
Coburg
Veranstalter
Prinz-Albert-Gesellschaft
Datum
12.09.2003 - 13.09.2003
Von
Katharina Beiergrößlein

650 Jahre nach dem Anfall des Coburger Landes an die Dynastie der Wettiner nahm die Prinz-Albert-Gesellschaft ihre 22. Konferenz zum Anlass um mit renommierten Wissenschaftlern aus Großbritannien, Deutschland und den USA die Person und das Wirken des Prinzen Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819-1861) aus der Dynastie der Wettiner zu untersuchen. Ziel der Tagung, deren wissenschaftliche Verantwortung beim Präsidenten der Prinz-Albert- Gesellschaft, Prof. Dr. Franz Bosbach und dem Londoner Historiker und Albert-Spezialisten Dr. John Davis lag, war es anhand neuer Forschungsergebnisse die Kenntnisse über Alberts Leben auf eine neue Basis zu stellen. Auch sollte sein Wirken und sein unmittelbares Umfeld aus der Sicht der allgemeinen Geschichte betrachtet werden.

In Anschluss an die offizielle Begrüßung der Teilnehmer begann der amerikanische Albert-Biograph Stanley Weintraub (Pennsylvania) die Vortragsreihe mit einer Einführung in die Thematik. Weintraub argumentierte, dass Prinz Albert, der im Alter von zwanzig Jahren seine Heimatstadt Coburg verließ um seine Cousine Victoria von England zu heiraten, als der eigentliche Monarch Großbritanniens zu betrachten sei, auch wenn er diese Stellung dem Namen nach nicht inne hatte. Weintraub begründete diese Aussage damit, dass Albert, dem ursprünglich lediglich die Rolle des königlichen Ehemannes und des Vaters des Thronfolgers zugedacht war, erst zum engsten Vertrauten und Berater Victorias aufstieg und schließlich während der zahlreichen Schwangerschaften seiner Frau faktisch ihre Aufgaben übernehmen musste. Darüber hinaus gelang es Albert 1847 auch Kanzler der Universität Cambridge zu werden, die Weltausstellung von 1851 zu organisieren und als Förderer der Wissenschaften und Künste zu fungieren. Allerdings wurden von der britischen Öffentlichkeit, die ihm als "Ausländer" meist feindlich gegenüberstand, seine Leistungen zum Teil erst nach seinem frühen Tod 1861 anerkannt und gewürdigt.

In einer ersten Sektion wurde sodann die Jugend- und Studienzeit Alberts, also seine deutschen Jahre, betrachtet. Zuerst stellte Carl-Christian Dressel (Coburg) das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha hinsichtlich seiner politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verfassung vor. Dressel zog in seiner Beschreibung des 1735 begründeten Fürstentums Sachsen-Coburg-Saalfeld Parallelen zu William Makepeace Thackerays "Großherzogtum Pumpernickel", einem typischen deutschen nachrheinbündischen Kleinstaat mit ineffektiver Verwaltung, verarmtem Herzogshaus und nicht kodifizierter Verfassung. Auch die Bildung des Herzogtums Sachsen-Coburg-Gotha 1826, Reformversuche unter Herzog Franz Friedrich Anton und internationale Verflechtungen der Dynastie änderten an dem Zustand des Kleinstaates wenig. Erst in Folge der Regierungsübernahme Herzog Ernst II., eines liberalen Vertreters des Vormärz, gelang es die Modernisierung des "Pumpernickelstaates" Sachsen-Coburg-Gotha voranzutreiben.

Der bisher wenig erforschten dreisemestrigen Studienzeit Alberts und seines älteren Bruders Ernst in Bonn in den Jahren 1857 und 1858 widmete sich Franz Bosbach (Bayreuth). Er erläuterte, dass sich die bisherigen Kenntnisse über das Studium der beiden Prinzen vor allem auf Briefe, die sie beide verfassten, und auf die Memoiren Herzog Ernst II. stützen. Mit Hilfe von Akten aus den Staatsarchiven Coburg und Gotha sowie aus den Royal Archives in Windsor Castle sei es jetzt aber möglich, ein detaillierteres Bild von der Studienzeit der Prinzen zu zeichnen. Anders als bisher angenommen und in den Memoiren von Ernst dargestellt, handelte es sich nach Bosbach beim Studium der Herzogssöhne um eine staatspolitische Angelegenheit und sie wurde deshalb auch von der Regierung Sachsen-Coburg-Gothas geplant. Auch wurde es für beide Prinzen gleich konzipiert und als Bestandteil des traditionellen mehrteiligen adligen Bildungsganges angesehen. Es unterschied sich daher wenig vom Muster eines herkömmlichen adeligen Universitätsstudiums, welches sowohl wissenschaftliche als auch gesellschaftliche Bildung vorsah und nicht auf ein Fachstudium mit Abschluss ausgelegt war, sondern eine Art ‚Weltbildung' vermitteln sollte. Albert erhielt somit nicht die Ausbildung eines künftigen Ehemannes der englischen Königin, sondern die eines deutschen Prinzen, der früher oder später die Regierungsgeschäfte in einem Fürstentum übernehmen konnte.

Die anschließende zweite Sektion der Tagung widmete sich der Stellung Alberts zur britischen Politik, zur anglikanischen Kirche und zu den Wissenschaften. Karina Urbach (Bayreuth) zeigte in ihrem Vortrag über Albert und Lord Palmerston die Versuche auf, von Seiten der Regierung die Vorrechte der Monarchie zu beschneiden. Der Machtkampf zwischen Monarchie und Regierung konzentrierte sich im Falle von Prinz Albert und Lord Palmerston vor allem auf den Bereich der Außenpolitik. Während Albert auf Grund seiner Herkunft und Erziehung eher auf eine Zusammenarbeit mit den kontinentalen Mächten setzte, verfolgte der Minister eine unilaterale Vorgehensweise. Eine Entschärfung des Konflikts kam erst durch die teilweise Anpassung Alberts an die Politik Palmerstons zustande. Und nach dem Tod des Prinzgemahls verlor die Krone noch weiter an Einfluss auf die Außenpolitik Großbritanniens.

Ebenfalls mit dem Verhältnis Alberts zur Außenpolitik Großbritanniens befasste sich Miles Taylor (Southampton) in seinem Beitrag über Prinz Albert und das British Empire. Taylor zeigte darin auf, dass Alberts Kampf um Annerkennung nicht nur eine innenpolitische, sondern auch eine imperiale Dimension hatte. Als Beispiele für diese imperiale Dimension sind Alberts Engagement in der Antisklavereigesellschaft, deren Präsident er 1840 wurde, und seine Organisation der Weltausstellung von 1851, in der auch viele Erzeugnisse aus den britischen Kolonien ausgestellt wurden, zu sehen. Besonderes Interesse fand Albert allerdings an Indien. Mit seinen Versuchen die Beziehungen Großbritanniens mit den eingeborenen Fürsten in Indien zu beeinflussen, übertrug Albert - so Taylors Argument - seine eigenen Vorstellungen von der Rolle der deutschen Fürstentümer innerhalb des Deutschen Bundes auf die britische Herrschaft in Indien.

Die Stellung Alberts zur anglikanischen Kirche beschrieb John A.S. Abacasis-Phillips (Okayama) als schwierig, da die Bevölkerung auf Grund seiner lutherischen Erziehung in Coburg ein ausgeprägtes Misstrauen gegen Albert hegte. Allerdings gelang es ihm dennoch, zumindest indirekt durch Memoranden und durch die Beratung Königin Victorias, die als Supreme Governor ermächtigt war, Erzbischöfe und Bischöfe einzusetzen, die britische Kirchenpolitik der 1840er und 1850er Jahre zu beeinflussen.

David G.C. Allen (London) schließlich informierte über Alberts Rolle als Förderer der Künste und Wissenschaften. Diese entsprang nach seinen Erkenntnissen nicht nur Alberts persönlichem Interesse und ererbten Traditionen - geht doch die königliche Schirmherrschaft für die Kunst bis auf den Charles I. zurück -sondern ist auch als Teil seiner Versuche zu sehen, den Einfluss der Monarchie zu stärken.

Ebenfalls mit der kulturellen Dimension des Wirkens Alberts in Großbritannien befasste sich die dritte Sektion. Emma Winter (Cambridge) erläuterte Alberts Bedeutung als kultureller "Trendsetter" im viktorianischen England. Nachdem 1834 die Parlamentsgebäude niedergebrannt waren, wurde Anfang der 1840er Jahre ein Komitee eingesetzt, das Empfehlungen für einen Wiederaufbau der Gebäude machen sollte. Erstaunlicherweise gab dieses Gremium Anweisungen, die Innenräume der Gebäude mit Fresken, wie sie in München unter Ludwig I. entstanden waren, auszugestalten. Diese Empfehlungen können von daher als überraschend gelten, da England weder auf eine Tradition in der Freskomalerei zurückblicken konnte noch offensichtliche historische, politische, wirtschaftliche oder religiöse Verbindungen zum katholischen Bayern hatte. Auch wenn Prinz Albert Präsident der Royal Commission of Fine Arts war, welche für die innenarchitektonische Ausgestaltung der neuen Gebäude verantwortlich war, war es nicht in seinem Sinne - wie Emma Winter argumentierte - die deutsche Malerei in England zu verbreiten und zu fördern. Vielmehr wollte er - angeregt durch Wettbewerbe und Ausstellungen - eine britische Schule der Malerei entstehen lassen.

Teilweise bereits als Einführungen in die die Konferenz begleitende Ausstellung "Ton und Licht - Musik, Malerei und Photographie im Umkreis von Prinz Albert", waren die Beiträge über Felix Mendelssohn-Bartholdy von Peter Ward Jones (Oxford) und Ernst Becker von Eckhardt G. Franz (Darmstadt) zu sehen. Peter Ward Jones gab einen Überblick über den persönlichen Kontakt zwischen Prinz Albert und Felix Mendelssohn-Bartholdy, die sich 1842 kennen gelernt hatten. Mendelssohn-Bartholdy arrangierte zum Beispiel einige seiner "Lieder ohne Worte" als Klavierduette, damit Victoria und Albert gemeinsam musizieren konnten. Auch seine Anfrage um Erlaubnis, Königin Victoria seine Schottische Symphonie zu widmen, platzierte Mendelssohn-Bartholdy über Albert. Und nach dem Tod des Komponisten 1847 nutzten Victoria und Albert jede Gelegenheit, seine Musik weiterzuverbreiten.

Nicht mit Musik, sondern mit der noch jungen Technik der Fotographie befasste sich Dr. Ernst Becker, der Ende 1850 als persönlicher Bibliothekar und Sekretär Alberts und als Prinzenerzieher nach London ging, wo er Mitbegründer der Royal Photographic Society wurde. Als Quelle für das Wirken Beckers am englischen Königshof dienen dessen Briefe an seine Mutter in Darmstadt, deren Edition von Beckers Nachfahren Lotte Hoffmann-Kuhnt und der Hessischen Historischen Kommission vorbereitet wird. Eine Illustration seines Aufenthalts in England, aber auch Einblicke in das königliche Familienleben , bieten in Darmstadt und Windsor überlieferte Fotos.

Einen Einblick in die verfassungsrechtliche Stellung des Prinzgemahls gab Hans-Christof Kraus (Stuttgart) in der vierten Sektion der Tagung, die unter dem Titel "Albert in der Diskussion" abgehalten wurde. Albert wurde erst 1857 durch ein Patent seiner Gattin Victoria zum Prince Consort ernannt, womit ein faktischer Zustand nach sechzehn Jahren Ehe seine rechtliche Fixierung fand. Den Grund für diese späte Regelung von Alberts Status sah Kraus in der englischen Verfassungstradition, war doch in der ungeschriebenen englischen Verfassung kein Präzedenzfall für Alberts Stellung zu finden: Philipp II., der Mann Marys I. hielt sich nur selten im Königreich auf, Elizabeth I. war bekanntermaßen unverheiratet geblieben, William und Mary II. regierten zusammen und der Gemahl Annas hielt sich weitgehend aus der Politik heraus und verstarb sehr früh. Aber nicht nur zu seinen Lebzeiten, sondern auch in der Verfassungsdiskussion der 1860er Jahre fand Alberts Stellung als Prinzgemahl wenig Beachtung. Sowohl Eduard Fischel, der 1861 sein Buch "Die Verfassung Englands" publizierte, als auch Walter Bagehot in seinem 1867 entstandenen Buch "The English Constitution", zeigen zwar große Hochachtung für Albert, äußern sich bezüglich seiner verfassungsrechtlichen Stellung aber nur sehr zurückhaltend. Als Grund dafür, dass dem Prinzgemahl im 19. Jahrhundert nicht die Stellung zukam, die sich Albert erhofft hatte, sieht Kraus den zunehmenden Machtverlust der Krone.

In einem abschließenden Beitrag gab John Davis (London) schließlich noch einen historiographischen Überblick über die Behandlung Alberts durch die Historiker der vergangenen 150 Jahre. Hierbei verwies er insbesondere auf das verzerrte Bild, das auf Grund royalistischer Tendenzen zu Alberts Lebzeiten, aber auch später noch von ihm gezeichnet wurde. Im Mittelpunkt von Davis' Vortrag standen somit vor allem die Probleme und Hindernisse, die beim Versuch, ein wissenschaftlich fundiertes Bild von Albert zu vermitteln, entstehen. Aber auch mögliche neue oder noch ergänzungsbedürftige Forschungsbereiche im Umfeld der Person Alberts wurden aufgezeigt.

Zusammenfassend lässt sich noch bemerken, dass die 22. Tagung der Prinz-Albert-Gesellschaft einen vielseitigen und wissenschaftlich differenzierten Blick auf ein an Desideraten nach wie vor reiches Forschungsfeld bot. Es wurde deutlich, dass große Quellenbestände noch nicht bearbeitet sind und somit das vorhandene Material zur Person Alberts noch nicht ausgeschöpft ist. Darüber hinaus eröffnete die Tagung Perspektiven für ein künftiges Albertbild, jenseits von royalistischer Verklärung und zeitweilig vorherrschender Geringschätzung des englischen Königshauses und dessen Funktion in der britischen Gesellschaft und Politik.

Zitation
Tagungsbericht: Prinz Albert - Ein Wettiner in Großbritannien / Prince Albert - A Wettin in Britain, 12.09.2003 – 13.09.2003 Coburg, in: H-Soz-Kult, 29.09.2003, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-295>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.09.2003
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