Sozialistische Feindbilder. Zur Konstruktion des "Anderen" in osteuropäischen Ländern und in der DDR

Ort
Weimar
Veranstalter
PD Dr. Rainer Gries und Frau Dr. Silke Satjukow
Datum
03.09.2003 - 05.09.2003
Von
Michael Busch; Dan Oertel

Ausgehend von der in Krakau im Jahr 2001 stattgefundenen Tagung "Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR" sollte der dort begonnene internationale und interdisziplinäre Dialog fortgesetzt werden. Der Untersuchung des Narrativs der "sozialistischen Helden" sollte auf der Tagung in Weimar eine komplementäre Analyse der "sozialistischen Feindbilder" folgen. Infolgedessen war die Veranstaltung in folgende Abschnitte gegliedert: Feindbilder in der Sowjetunion, Äußere/Innere Feinde der DDR, Feindbilder in Kultur und Philosophie und Feindbilder in der Volksrepublik Polen.

Die Fragestellungen, auf welche die Tagung abzielte, strebten so nicht nur eine Analyse historischer Feindbilder an, sondern zielten ebenso auf eine terminologische Durchdringung. In dieser Richtung waren auch die Einführungen der Veranstalter, Silke Satjukow (Jena) und Rainer Gries (Jena, Wien), zu verstehen, welche sowohl einen theoretischen als auch einen inhaltlichen Zugang zum Thema boten und zusätzlich weitergehende Fragen aufwarfen.
Nach Frau Satjukow handelt es sich bei Feindbildern um negative hochemotionale und weitgehend veränderungsresistente Vorurteile, deren psychosoziale Vorraussetzungen die Bestimmung von Gruppen und Ethnien über Raum und Umwelt und der damit verbundenen Zuschreibung von positiven Werten für die Eigengruppe und dem dazugehörigen Territorium darstellten. Durch diese Wertbesetzung der Eigengruppe werden spezifische Identifikationsangebote von Gruppen an Individuen erreicht. In der Wirkung kann dies zur "psychosozialen Reinigung" des "Eigenterritoriums" von Individuen führen, welche diese projizierten Werte nicht übernehmen.

Auffällig bei Feindbildern ist das rein bipolare Schema der Zuschreibungen positiv und negativ. Dabei werden monolithische Feindbilder gezeichnet, was zu unterschiedlichen Beurteilungen von inhaltlich gleichen Handlungen der Eigengruppe und des vermeintlichen Feindes führen kann. Klärungsbedarf bestehe jedoch in der Herausstellung des Spezifischen an sozialistischen Feindbildern.
Rainer Gries (Jena) stellte daraufhin die dichotome Struktur des marxistisch-leninistischen Feind- und Selbstbildes heraus. Die Polarität der Feindbilder wirkte in sozialistischen Staaten auf allen Ebenen. Verbunden damit wurde ein polares Denk- und Fühlschema, das Welt-, Fremd- und Selbstverständnis der Vielen durchdringen sollte und demzufolge in einen ebenfalls polarisierenden Kommunikationsstil mündete. Offensichtlich konnten Feindbilder jedoch nicht direkt Einfluss auf das Verhalten ausüben. Es ist jedoch durch ihre Verbreitung möglich, im Bedarfsfall und im Zusammenspiel mit politisch mobilisierenden Faktoren auf sie zurückzugreifen.
Im Laufe der drei Tage verdeutlichten die Referenten die Wirkungsweise von Feindbildern anhand ihrer jeweiligen Forschungsbeiträge.

Grundsätzlich ist die Betrachtung von Feindbildern nur unter Beachtung ihrer strengen Dichotomie möglich. Der innewohnende Gegensatz des "entweder-oder" zeichnet eine Selbstbeschreibung, zu welcher ein negatives Gegenbild geschaffen wird.
So untersuchte Monika Gibas (Leipzig) in ihrem Vortrag einige Attribute, die der BRD durch die DDR-Propaganda zugeschrieben wurden. Das so dargestellte "imperialistische Deutschland" erschien als Kolonie der USA und die Wiedereinführung der Wehrpflicht wurde als Mobilisierung einer neuen "Wehrmacht" verstanden.
In einem weiteren Beitrag untersuchte Michael Stolle (Karlsruhe) die Wahrnehmung der zum "Inbegriff des faschistischen Imperialismus" hochstilisierten chilenischen Diktatur in der DDR. Durch Anknüpfen an den Begriff des "Faschismus" sollte auch das Feindbild "Chile" als Integrationsfaktor wirken. Parallel dazu existierte jedoch auch ein Freundbild Chiles. Dies rührte einerseits von der sozialistischen Vergangenheit Chiles her, andererseits galt Solidarität mit Chile und den unterdrückten Oppositionellen als eines der Leitmotive der Zeit.

Feindbilder erweisen sich als zweifach strukturiert. So können sie in ihrer kategorialen Einführung diffus und vage erscheinen, jedoch je nach Funktion in ihrer semantischen Auszeichnung mit sehr konkreten Zuschreibungen versehen werden. Dies wiesen in diesem Zusammenhang Alexander Heinert (Heidelberg) und Oxana Stuppo (Erfurt) in zwei weiteren Vorträgen nach. Am Feindbild des "Kulaken" und den propagierten Feinden der Kolchosen "Raffer, Mitesser, Parasiten und Saboteure" zeigten sie, dass es sich hierbei um ideologische Konstrukte handelte, welche sich vom bloßen propagandistischen Mittel zu juristischen Normen wandelten.
Dabei fiel besonders auf, dass dieselben Feindbilder je nach Kampagne oder Ziel inhaltlich mit sich ändernden Attributen und Vorgaben versehen wurden. Auch Christoph Classen (Potsdam) demonstrierte anhand der Zuschreibung des Faschismus eine ähnliche Gebrauchsweise. Diese Kategorie erwies sich auf viele unterschiedliche Betroffene anwendbar. Durch den nicht nur ideologischen, sondern auch den historischen Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit verlief das Argumentationsmuster entlang einer historischen Analogie. Durch die Zuweisung der Konstruktion auf die BRD sollte gesamtstrategisch eine kollektive Identität gestiftet werden, welche die politisch installierte Position sicherte.

Feindbilder sind Kommunikationsangebote, welche sowohl "von oben" wie "von unten" produziert und rezipiert werden. Sie gehören immer zu demjenigen, der sie kreiert. Somit existieren zahlreiche Feindbilder der gleichen Etikette, jedoch von unterschiedlicher Konstruktion.
Sie werden demnach "von oben" durch gesellschaftliche Eliten instrumentalisierend und selbstinszenierend zur Legitimation und Exklusion des jeweils Anderen verwendet. Durch die direkte Verknüpfung mit Herrschaft wird ihre Nutzung durch besondere organisatorische Infrastrukturen gestützt, ja ihre Konstruktion bedarf sogar der Existenz organisierter Macht und Machtprozesse. So arbeitete Thomas Haury (Freiburg) mit dem "US-Imperialismus" der BRD, den "Finanzhyänen" und dem "Spekulantentum" Bezeichnungen heraus, mit welchen sich die SED als Sprecher für das ganze deutsche Volk gegen die "Marionettenregierung" in Bonn wandte. Innenpolitische Gegner wurden als "antisowjetische und antisozialistische Dissidenten/Agenten" gebrandmarkt. Die propagierten Figuren dienten dementsprechend als Legitimationshilfe, welche die internationale Arbeiterklasse den Banken und dem Finanzkapital entgegenstellte. Diese Linie setzte sich, wie Jörg Uwe Fischer (Potsdam/Babelsberg) und Thomas Lindenberger (Potsdam) untersuchten, in der medialen Präsentation in Filmen des DDR-Fernsehens fort. Dabei wurde in dem Science-Fiction Film "Stunde des Skorpions" (DFF 1968) der Sozialismus als allgemein verbreitete Gesellschaftsform dargestellt, die jedoch stets von "Imperialisten" bedroht wurde. Durch diese Vorführung sollte den DDR-Bürgern Orientierung vermittelt und immer wieder die "menschenfeindlichen Züge des Kapitalismus" dargestellt werden.

Lindenberger hingegen beschäftigte sich in seinen Ausschnitten mit der Illustration des "westlich-dekadent gesteuerten Rowdytums". Westliche Tanzformen wurden in den ausgewählten Filmen indirekt mit Straftaten in Verbindung gesetzt. Er betonte jedoch auch, dass Jugendliche, an welche die Filme vorrangig gerichtet waren, aus den Filmen häufig den Inhalt zogen, den sie sehen wollten, nicht unbedingt den, der beabsichtigt war.

"Von unten" ist die Funktion von Feindbildern mehr operativer Natur. Sie ermöglichen Identifikation in speziellen Situationen, in welchen die eigene Zuordnung gefährdet erscheint. Feindbilder können daher zur Ökonomisierung von Alltagssituationen dienen. Sie sind jedoch von bloßen Stereotypen abzugrenzen. Stereotypen, welche ebenfalls der Orientierung des Individuums im Alltag dienen, zeigen ein Handlungsrepertoire auf. Feindbilder schließen dies jedoch von vornherein aus, indem sie eine existenzielle Bedrohung generieren. Thomas Ahbe (Leipzig) präsentierte mit dem "Kleinbürger" ein weiteres Feindbild, welches in der DDR von gesellschaftlichen Eliten wie von breiten Schichten mit einem Sammelsurium von verschiedenen Werten versehen wurde. Die Spezifik dieses Feindbildes lag in der Übertragung von Defekten der Eigengruppe auf den "Kleinbürger". "Der Kleinbürger" ist somit "immer der Andere." Feindbilder, so stellte der Referent fest, sind umso funktionaler je weniger sie auf konkreten Inhalt festgelegt sind.

Feindbilder können innerhalb einer Gesellschaft tradiert werden und prägen somit die Lebenswelt von Generationen, was als historische Komponente zu verstehen ist. Dies legte auch Ingo Loose (Berlin) in seinem Beitrag über die Kommunistische Partei Polens dar. Unter Benutzung des Feindbildes Zionismus wurden verstärkt jüdische Parteimitglieder ausgeschlossen. Dabei konnte in Polen an einen tradierten Antisemitismus angeknüpft werden. Dessen Aktivierung durch entsprechende Parolen fand in der Bevölkerung breiten Anklang, ohne dass jedoch die theoretischen Grundlagen des Antizionismus breiteren Schichten bekannt gewesen sein dürften. Der Partei wurde so ermöglicht, sich als propolnisch agierend darzustellen. Dennoch erwies sich dieses Feindbild nicht als dauerhaft tragfähig, da es sich durch neue, vorrangig ökonomische Probleme überlebte.

Dass Feindbilder bei gesellschaftlicher und politischer Umstrukturierung einen Beutungswandel durchleben können stellte Isabelle de Keghel (Bremen) in ihrem Beitrag über das Bild Nikolajs II. dar. Das vorrevolutionäre, "moralisch abgewirtschaftete" und "unterdrückerische" Russland wurde durch die historische Person Nikolaj II. als negatives Korrelat zum positiven Selbstbild der Sowjetunion stilisiert. Das Feindbild des Zaren erfuhr jedoch mit der Entwicklung der Sowjetunion unterschiedliche Darstellungsformen. Wurde in den Anfangsjahren die Erschießung noch als verherrlichenswertes Ereignis gefeiert, trat unter Stalin eine Tabuisierung der Erschießungsthematik ein. Das steigende öffentliche Interesse an der Familie der Romanows gegen Ende der Sowjetunion mündete schließlich in der Heiligsprechung der Zarenfamilie durch die russisch-orthodoxe Kirche im Jahr 2000. Die Untersuchung dieses Umwertungsprozesses zeigte, dass Feindbilder sich unter verschiedenen Vorraussetzungen durchaus zu "Freundbildern" wandeln können. Ähnliches demonstrierte Martin Sabrow (Potsdam) anhand der Wahrnehmung des westlichen Feindbildes in der wissenschaftlichen Elite der Geschichtswissenschaft der DDR. Der Feind wurde aus herrschaftslegitimatorischer Perspektive als Bedrohung und zugleich Stärkung wahrgenommen. Die "Integration durch Abgrenzung" zeigte sich für Sabrow besonders genau, wo das propagierte Feindbild sich in der Feindberührung zu bewähren hatte. So wandelte sich die Wahrnehmung des "heimisch imaginierten Gegners im Angesicht des draußen agierenden Gegners" im Laufe der historischen Entwicklung vom "vertrauten Feind" über den "objektiven Gegner" bis hin zum "kollegialen Konkurrenten".

Wie dargestellt erweisen sich Feindbilder in ihrer Funktionsweise anknüpfbar an die bipolare marxistisch-leninistische Weltauffassung. Integration und Exklusion wurden durch die grundsätzliche Dualität von "Sozialismus versus Kapitalismus", gut gegen böse, generiert. Alle möglichen Feindbilder, ob neu konstruiert oder tradiert, wurden in sozialistischen Gesellschaften diesem Antagonismus unterworfen. Sie erweisen sich jedoch einerseits dem gesellschaftlichen Wandel ausgesetzt und konnten andererseits durch die Nähe zum propagierten "Feind" ihre Wirkung nur in abgeschwächter Form entfalten.

Aufgrund der vielen wertvollen Referate, Berichte, Ergebnisse und Diskussionsforen dieser Tagung wird es deshalb mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zu einer Publizierung durch die Veranstalter kommen.

Zitation
Tagungsbericht: Sozialistische Feindbilder. Zur Konstruktion des "Anderen" in osteuropäischen Ländern und in der DDR, 03.09.2003 – 05.09.2003 Weimar, in: H-Soz-Kult, 08.10.2003, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-299>.