15. Tagung des Schwerter AK Katholizismusforschung (Dortmund, 23.-25.11.2001)

Ort
Dortmund
Veranstalter
Schwerter Arbeitskreis Katholizismusforschung
Datum
23.11.2001 - 25.11.2001
Von
Joachim Schmiedl

Zur 15. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung trafen sich vom 23. bis 25. November 2001 vierzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen (Zeit-)Geschichte, Kirchengeschichte, Sozial-, Politikwissenschaften und Ethnologie, die aus Deutschland, der Schweiz, Belgien, den Niederlanden, Frankreich und Großbritannien kamen. Unter der Leitung von Gisela Fleckenstein (Detmold) und Joachim Schmiedl (Vallendar) und in Kooperation mit der Katholischen Akademie Schwerte (Johannes Horstmann) fand die Tagung in der Kommende in Dortmund-Brackel statt.

Nicole Priesching (Tübingen) verfolgt in ihrem Dissertationsprojekt das Ziel, die Bedeutung der Tiroler Stigmatisierten Maria von Mörl für die Frömmigkeit des Katholizismus des 19. Jahrhunderts im Spannungsfeld von Eigenperspektive und Fremdwahrnehmung herauszuarbeiten. In ihrem Vortrag behandelte sie die Rolle des Beichtvaters im Gefüge der Trägergruppen einer religiösen Erneuerung. Bereits im Vormärz setzte in Südtirol eine massive ultramontane, antimodern eingestellte Bewegung ein, die sich um eine Reihe von ekstatischen Frauen sammelte. Das "Religiotop" eines katholischen Tirol wurde aus einem traditionellen Selbstverständnis gespeist und ließ sich in die päpstliche Linie nach 1848 gut einfügen.

Die nächsten beiden Vorträge setzten sich mit der Rolle katholischer Studierender auseinander. Christopher Dowe (Tübingen) fragte am Beispiel katholischer studentischer Organisationen nach einem katholischen Bildungsbürgertum in Wilhelminischer Zeit. Dazu betrachtete er in einem ersten Schritt Aspekte des kulturellen Wertekanons dieser sozialen Gruppe und verglich diese mit protestantisch geprägten Vorstellungen. In einem zweiten Schritt beschrieb er die Stellung der Untersuchungsgruppe in der universitären Lebenswelt und ihre außeruniversitären Verkehrkreise. Resümierend ordnete der Referent die katholischen Studenten einem katholischen Segment des Bildungsbürgertums zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg, so Christian Schmidtmann (Bochum) in seiner Rekonstruktion der Wertvorstellungen katholischer Studierender, ging es um die Formung neuer Leitbilder, um eine katholisch bestimmte ethische Lebensführung. In den Studentengemeinden wurden quasi theologische Ersatzkurse durchgeführt, die im Sinn der Katholischen Aktion auf die Befähigung zu einer Wiederverchristlichung der Gesellschaft zielten. Ihr entschiedener moralischer Rigorismus machte die Nachkriegsstudenten zu alles anderem als einer "skeptischen Generation" (Helmut Schelsky). In den 1960er Jahren sah sich eine solche Studierendengeneration mit Zweideutigkeiten und Unentschiedenheiten konfrontiert. Mit ihrem ethischen Rigorismus und der Ablehnung utilitaristischer Kompromisse konnten sie an den Wertehimmel eines entschiedenen gewissensgesteuerten und handlungsorientierten katholischen studentischen Denk- und Wahrnehmungshaushalts anknüpfen.

Ob Konvertitinnen zum Katholizismus im 19. Jahrhundert ein mögliches Thema für die Gender-Forschung seien, fragte Barbara Stambolis (Paderborn) an. Konversionen stellen sich als individuelle, vielschichtige Prozesse dar, die seit der Romantik von öffentlichen Polemiken begleitet gewesen sind. Dabei waren es gerade intellektuell gebildete Frauen aus bürgerlichen und adeligen Kreisen, die sich vom Katholizismus angezogen fühlten. Ihre "Herzensentscheidung" prägte die zunehmende Feminisierung des katholischen Glaubens. Bei aller Beeinflussung durch männliche Bezugspersonen ergaben sich jedoch immer wieder ungeahnte Handlungsspielräume. In der Forschung ist das Konvertitinnenthema nicht aufgearbeitet. Zu berücksichtigen sind Fragen wie etwa die nach Konversionswellen, nach den Gestaltungsmöglichkeiten, nach Konversionszentren, nach der Rolle der Frauenkongregationen und Vereine, nach der sozialen Schichtung der Konvertitinnen sowie Stellungnahmen aus der zeitgenössischen Frauenbewegung.

Die Jahre zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg in der mentalen Perspektive der englischen Katholiken nahm Ulrike Ehret (Freiburg/London) in den Blick. Sie präsentierte das politische Programm der Gruppe um den Schriftsteller, Historiker und Politiker Hilaire Belloc, zu der unter anderem der zum Katholizismus konvertierte Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton gehörte und deren Ideen in der katholischen Presse breit rezipiert wurden. Diese Gruppe vertrat die Idee eines autoritären korporativen Ständestaates. Sie war antiparlamentarisch und neigte einem rassistischen Antisemitismus zu. Die Faszination für den italienischen Faschismus und den spanischen Franquismus ging einher mit der Vorstellung einer jüdisch-bolschewistischen Verschwörung. Trotz des starken publizistischen Einflusses der Belloc-Chesterton-Gruppe fand sie in der breiten Mehrheit der Katholiken und im Episkopat keinen Widerhall.

Die Haltung des deutschen Katholizismus zu Polen zwischen 1830 und 1870 beleuchtete Stephan Scholz (Oldenburg). Im Unterschied zum allgemeinen, protestantisch-liberal geprägten Polenbild besaß der deutsche Katholizismus eine deutlich positivere Einstellung. Polen habe sich in der Geschichte als Vorposten der abendländischen Christenheit erwiesen. Die Teilung Polens wurde als Unrecht empfunden, aber auch als göttliches Strafgericht für die Hinwendung des polnischen Adels zur Aufklärung interpretiert. Die deutschen Katholiken plädierten für einen selbständigen polnischen Staat und setzten sich für die Rechte der polnischen Minderheit in Preußen ein. Doch wurde in den 1860er Jahren die Ambivalenz deutlich zwischen der Sympathie für die religiösen Formen des polnischen Unabhängigkeitsstrebens und der Kritik an dessen national-politischen Implikationen. In einem Überblick über die Geschichte der Deutschen im katholischen Klerus der Erzdiözesen Gnesen-Posen (1815-1918) wies Eligiusz Janus (Marburg/Lahn) auf die methodischen Vorteile hin, die sich bei der Aufdeckung der Lebensläufe von geistlichen Amtsträger ergeben. Sie helfen die Kompliziertheit der Prozesse zu verstehen, die mit der Entstehung der modernen Nationalstaaten einhergehen. Dies umso mehr, als im Falle der Erzdiözesen Gnesen-Posen die innerkirchlichen Auseinandersetzungen und Spannungen zwischen Staat und Kirche durch einen Nationalitätenkonflikt überlagert werden. Die Rahmenbedingungen für das Verhältnis der Katholiken beider Nationen bildeten der Konflikt zwischen dem preußischen Staat und den polnischen Eliten und die grundsätzlich negative Haltung des prononciert protestantischen Staates den Katholiken gegenüber. Die dadurch erzeugte Gleichsetzung von Polentum und Katholizismus, Deutschtum und Protestantismus brachte die deutschen Geistlichen und Laien in eine prekäre Lage, indem sie von ihren polnischen Glaubensgenossen auf Grund ihrer ethnischen Herkunft, und von dem preußisch-deutschen Staat auf Grund ihres Glaubens unter dem Verdacht der Illoyalität standen.

Als Beitrag zum Ende des katholischen Milieus verstanden sich die Ausführungen von Joachim Schmiedl (Vallendar). Ausgehend von einer thematischen und zeitgeschichtlichen Situierung des Essener Katholikentags (1968) fragte er nach der Bedeutung dieser Veranstaltung im Kontext der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dieser Prozess fand in der Reform der Liturgie, dem Ringen um die katechetische Vermittlung wissenschaftlicher theologischer Erkenntnisse, einer neuen Verhältnisbestimmung von Priestern und Laien, im Bereich der Ökumene und vor allem in den Auseinandersetzungen um Ehe, Familie und Sexualität statt. Seither stehen innerkirchliche Konfliktlinien einer grundsätzlichen Bejahung einer pluralen, jedoch säkularisierten Gesellschaftsform gegenüber. Damit ist eine zentrale Voraussetzung für die Möglichkeit eines Milieukatholizismus nicht mehr gegeben.

Die Beiträge der Generaldebatte "Katholische Kirche im demokratischen Staat" knüpften daran an. Friedrich Kronenberg (Bonn), langjähriger Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hob hervor, dass politisch engagierte katholische Christen seit dem 19. Jahrhundert unverzichtbare Beiträge zu einer lebendigen Demokratie leisten. Im Sinn des Subsidiaritätsprinzips übernehmen sie öffentliche Aufgaben und stärken damit die demokratische Basis der Gesellschaft. Dabei lebt der Staat von christlichen Werten und Haltungen als unabdingbaren Voraussetzungen. Das konkrete Engagement der Katholiken und der Kirche ist deshalb für das Verhältnis von Kirche und Demokratie bedeutender als kirchliche Lehrsätze. Trotz einiger Defizite in der Praxis erfüllt eine als Volk Gottes verfasste Kirche wichtige Aufgaben in der Gesellschaft, wobei das Verhältnis von gesellschaftlicher Präsenz und Betonung des christlichen Propriums jeweils zu bedenken ist. So versteht der heutige Laienkatholizismus in Deutschland sein Programm als kritische und solidarische christliche Zeitgenossenschaft. Die Zukunftsperspektiven bewegen sich nach Aussage Kronenbergs auf eine synodal strukturierte Kirche hin. Im zweiten Vortrag stellte Antonius Liedhegener (Jena) Thesen und empirische Befunde zur politischen Rolle des Katholizismus in der Bundesrepublik Deutschland nach 1960 zur Diskussion, die aus seinem laufenden Habilitationsprojekt hervorgegangen sind. Er referierte zunächst den Forschungsstand in verschiedenen Disziplinen. Insgesamt wurde in den zurückliegenden Jahren vor allem das Bild einer unaufhaltsamen und zunehmend diffuseren Pluralisierung von Kirche und Katholizismus gezeichnet und ein damit einhergehender, langanhaltender "Verfall" und "Machtverlust" (Th. Gauly) des Katholizismus in der Politik diagnostiziert. Liedhegener zeigte auf, dass sich dieses Bild durchaus mit einem derzeit unter Katholiken weitverbreiteten Selbstverständnis deckt. Vor diesem Hintergrund ging er ausgehend von einer am funktional-strukturellen Politikmodell orientierten Definition dessen, was ‚politischer Katholizismus' ist, der Frage nach, ob bisher nicht vielleicht wesentliche Aspekte eines historischen Gesamtbildes übersehen oder ausgeblendet worden seien. Unstrittig sei, dass in der jüngsten Vergangenheit die katholische Kirche in Deutschland in ihrer Meinungsvielfalt und Vielschichtigkeit bunter geworden sei als jemals zuvor. Die Frage sei aber, ob sich innerhalb dieser seit 1960 entstandenen Buntheit empirisch beispielsweise so etwas wie ein politisch aktiver Mehrheitskatholizismus ermitteln lasse und ob diesem gegenüber evtl. ‚rechten' wie ‚linken' innerkatholischen Alternativen eine besondere politische Gestaltungsfähigkeit, eine vergleichsweise höhere Einflussmöglichkeit im politischen Prozess offen gestanden hätte bzw. offen stehe. Anhand diverser empirischer Befunde seiner laufenden Untersuchung machte er im einzelnen auf eine ganze Reihe solcher bislang übersehener oder unterbewerteter Faktoren aufmerksam: Die Potenziale katholischer Organisationsstrukturen in der Bundesrepublik, den Umfang, die Konstanz und Struktur katholischer Eliten sowie die Verflechtungen von katholischen Organisationen und Personen mit den politischen Parteien und damit mit den politischen Entscheidungszentren des Landes. Im Fazit strich er heraus, dass gemessen allein an der äußeren Geschlossenheit und damit einer im historischen Maßstab ungewöhnlich großen politischen Durchsetzungsfähigkeit des im wesentlichen noch milieuförmig organisierten Katholizismus der 50er Jahre die nachfolgenden Jahrzehnte tatsächlich nur als eine Verfallsgeschichte erscheinen könnten, die Kirche und Katholizismus auch politisch in die Bedeutungslosigkeit geführt habe. Ließe man aber den von Freund wie Feind liebgewonnenen Phalanx-Gedanken der 50er Jahre hinter sich und bedenke, dass sich die katholische Kirche selbst im Zuge der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils auch in ihrer Haltung zu demokratischer Politik bewusst gewandelt habe und in der Bundesrepublik Deutschland die Verteilung von Macht und Einflusspotenzialen durch den anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung und den sehr schnellen sozialen Wandel vielfältiger und diffuser geworden sei, ändere sich das Bild. Der politische Katholizismus, insbesondere in seiner im Vortrag als ‚Mehrheitskatholizismus' bezeichneten Variante, sei eine eigenständige politische Größe im politischen Prozess der Bundesrepublik Deutschland geblieben. Katholiken und vor allem ihre Eliten sind nach Liedhegener eben nicht nur die "Entdecker" (G. Schmidtchen) und "Miterbauer" (K. Gotto) der Bundesrepublik, sondern bis heute auch deren Mitgestalter und lebhaftesten Unterstützer.

Aus Anlass der 15. Jahrestagung des Schwerter Arbeitskreises Katholizismusforschung wurde eine Publikation(1) präsentiert, die mehrere theoretische Beiträge zur Milieuforschung enthält. Sie stammen von Mitgliedern des Arbeitskreises und wurden zu einem großen Teil auf der Jahrestagung 1999 zur Diskussion gestellt.

Die nächste Jahrestagung des SAK findet vom 15.-17. November 2002 wieder in der Katholischen Akademie in Schwerte statt. Die Generaldebatte wird sich dabei mit dem Ultramontanismus des 19. Jahrhunderts beschäftigen.

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(1) Horstmann, Johannes / Liedhegener, Antonius (Hrsg.): Konfession, Milieu, Moderne. Konzeptionelle Positionen und Kontroversen zur Geschichte von Katholizismus und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert. Mit Beiträgen von Arbeitskreis für kirchliche Zeitgeschichte, Münster, Olaf Blaschke, Christoph Kösters / Antonius Liedhegener, Wilfried Loth, Wolfgang Tischner (= Veröffentlichungen der Katholischen Akademie Schwerte. Akademie- Vorträge. 47), Schwerte 2001, 166 S.

Kontakt

Dr. Gisela Fleckenstein
Im Langen Felde 2
32756 Detmold
Tel.: 0172-8541469
E-Mail: gfl@wtal.de

Prof. Dr. Joachim Schmiedl
Philosophisch-Theologische Hochschule
Postfach 1406
56174 Vallendar
Tel.: 0261-6402128
Fax: 0261-6402300
E-Mail: jschmiedl@pthv.de

Zitation
Tagungsbericht: 15. Tagung des Schwerter AK Katholizismusforschung (Dortmund, 23.-25.11.2001), 23.11.2001 – 25.11.2001 Dortmund, in: H-Soz-Kult, 22.01.2002, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3>.
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Veröffentlicht am
22.01.2002
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