Third Conference on European Historical Bibliographies

Ort
Den Haag
Veranstalter
Instituut voor Nederlandse Geschiedenis
Datum
03.12.2009 - 04.12.2009
Von
Stefan Wiederkehr, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Die dritte Konferenz des Projekts European Historical Bibliographies – Portal der europäischen Geschichtsbibliographien [1], die am 3. und 4. Dezember 2009 am Instituut voor Nederlandse Geschiedenis in Den Haag stattfand, stand ganz im Zeichen der Herausforderungen für historische Fachbibliographien im digitalen Zeitalter. Die zehn vertretenen Bibliographien aus acht Ländern setzten so den 2007 eingeschlagenen Weg in Richtung einer intensiveren internationalen Zusammenarbeit fort.

CHRISTOPH CORNELIßEN (Kiel) unterstrich in seinem Referat die tiefgreifenden Strukturveränderungen, die die Hochschulreformen der letzten Jahre in der akademischen Lehre und Forschung bewirkt haben. Als deren Resultat seien Forschende ebenso wie Lehrende und Studierende in noch höherem Maße als früher auf effiziente und zugleich verlässliche Rechercheinstrumente angewiesen. Gleichzeitig werde das finanzielle Korsett für Bibliotheken und Bibliographien immer enger. Eine konsequente Europäisierung durch Zusammenführung der existierenden Datenbanken und eine kooperative Verschlagwortung in englischer Sprache, so seine programmatische Forderung, könnten nicht nur Synergien schaffen, die zu Kostensenkungen beitragen. Sie würden auch die nationalstaatliche Perspektive der einzelnen Bibliographien aufbrechen und auf diese Weise der Geschichtswissenschaft, die sich europäisiert, ein noch stärker nutzerorientiertes Hilfsmittel zur Verfügung stellen.

PETER SALT (London) und RENATE PLICHTA (München) berichteten über neue Formen der Zusammenarbeit ihrer jeweiligen Vorhaben mit privatwirtschaftlichen Unternehmen. Die Historische Bibliographie hat für den Zeitraum von fünf Jahren ein Public-Private-Partnership-Modell gefunden. Dabei gewährleistet das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst eine Basisfinanzierung der Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik Deutschland (AHF), die die Datenbank redaktionell betreut. Im Gegenzug macht der Oldenbourg-Verlag die bislang kostenpflichtige Datenbank ab 2010 frei zugänglich und verbessert die Darstellung ihrer Inhalte. Die Royal Historical Society Bibliography of British and Irish History ging einen anderen Weg: Nach dem Wegfall der bisherigen Drittmittelfinanzierung wird die Datenbank ab 2010 zwar von den bisherigen Akteuren erstellt, aber unter dem neuen Namen Bibliography of British and Irish History nicht mehr im Open-Access, sondern vom belgischen Brepols-Verlag kostenpflichtig angeboten. Im Anschluss an diesen Beitrag entspann sich eine intensive Debatte darüber, ob und wie es technisch und juristisch möglich ist, kostenpflichtige und Open-Access-Datenbanken in einer Metasuche gleichzeitig durchsuchbar zu machen. Dies war insbesondere deshalb interessant, weil mit CHRIS VANDENBORRE (Turnhout) auch ein Brepols-Vertreter anwesend war und sowohl das professionelle Know-how als auch die kommerziellen Interessen eines privaten Anbieters in die Diskussion einbrachte.

KARIN VON WARTBURG (Bern) plädierte für die Erhöhung der Visibilität von Bibliographien durch noch stärkere Orientierung an den Nutzerbedürfnissen im digitalen Zeitalter und die Gewährleistung von Kooperationsfähigkeit durch konsequente Verwendung existierender Standards (Formate, Normdateien, Klassifikationen). Dabei stellte sie die positiven Erfahrungen der Bibliographie der Schweizer Geschichte im internationalen Normdatenprojekt VIAF (The Virtual International Authority File)[2] vor und präsentierte Metasuchmaschinen, deren Technologie sich für eine übergreifende Suche in den europäischen historischen Bibliographien eignen könnten. Die Bibliographie zur Geschichte der böhmischen Länder (Bibliografie dějin Českých zemí), so VÁCLAVA HORČÁKOVÁ und KRISTINA REXOVÁ (Prag), hat aus Sparzwängen heraus die gedruckte Ausgabe eingestellt und arbeitet eng mit der Nationalbibliothek und lokalen Bibliotheken in Tschechien sowie mit dem Herder-Institut in Marburg zusammen. Über dem Vorhaben schwebt das Damoklesschwert der drastischen Mittelkürzungen, die der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, die das Vorhaben trägt, angekündigt wurden. Daraus ergibt sich ganz konkret die Frage, wie die Langzeitarchivierung der Open-Access-Datenbank bei institutioneller Diskontinuität gewährleistet werden könnte. Die Bibliographie annuelle de l’Histoire de France hingegen war bis anhin nur in gedruckter Form zugänglich. Der von VIRGINIE DURAND, BRIGITTE KERIVEN und CLAUDE GHIATI (Paris) gemeinsam verfasste Vortrag zeigte die Strategie und den Zeitplan auf, gemäß denen die französische historische Bibliographie ab 2010 schrittweise – auch retrospektiv – im Open-Access publiziert werden wird. Besonderes Augenmerk legten die Vortragenden auf die Einbettung ihrer Pläne in den Kontext anderer französischer Aktivitäten im Bereich des elektronischen Publizierens.

Die Kommentare von GREGOR HORSTKEMPER (München) sowie SEBASTIAAN DERKS und RONALD SLUIJTER (Den Haag), die Projektpräsentationen von ROMAIN VAN EENOO (Gent), DANIEL SCHLÖGL (München) und FERENC VASBÁNYI (Budapest) sowie die lebhaften Diskussionen bekräftigten ebenfalls die These, dass eine engere Kooperation der Bibliographien untereinander und mit Dritten (Bibliotheken, kommerzielle Anbieter) in Zukunft ebenso nötig wie sinnvoll ist. Tiefgreifende technische Innovationen und die Verlinkungen zu Volltexten, die den Nutzerbedürfnissen entsprechen, sind im gegenwärtigen finanziellen und organisatorischen Rahmen der in Den Haag vertretenen Einzelbibliographien jedoch nicht umsetzbar. Als nächster konkreter Schritt wurde daher die Einrichtung einer Metasuche auf den frühestmöglichen Zeitpunkt beschlossen. Was die Bibliographien in künftige Partnerschaften einbringen können, um der Fachgemeinde und darüber hinaus hochwertige geschichtswissenschaftliche Information zur Verfügung zu stellen, ist ihre Kompetenz in den Bereichen qualitativer Selektion und fachspezifischer Erschließung von Ressourcen.

Die Vorträge der Tagung sind auf der Webpage der Europäischen Historischen Bibliographien einsehbar.[3]

Konferenzübersicht:

New participants and current affairs
Romain van Eenoo (Gent): Bibliografie van de geschiedenis van België
Daniel Schlögl (Munich): Bibliographie zur Zeitgeschichte
Ferenc Vasbányai (Budapest): Humanus
Chris VandenBorre (Turnhout): Brepols’ historical bibliographies

The national historical bibliography: An endangered species? – Session 1: Competitiveness and threats

Peter Salt (London): Connecting the Royal Historical Society Bibliography to other online resources

Christoph Cornelißen (Kiel): Challenges for historical bibliographies in our time

Karin von Wartburg (Berne) The Bibliographie der Schweizergeschichte (BSG) and other digital sources on Swiss History: What role for the future?

Gregor Horstkemper (Munich): Conclusion of session 1

The national historical bibliography: An endangered species? – Session 2: Choices and opportunities

Václava Horčáková & Kristina Rexová (Prague): Czech Historical Bibliography: Plans and perspectives

Virginie Durand, Brigitte Keriven & Claude Ghiati (Paris): Facing the growing historical production and remaining a reference source

Renate Plichta (Munich): PPP - Public Private Partnership: The Historische Bibliographie is going to try a changed concept of budgeting. Plans and perspectives

Sebastiaan Derks & Ronald Sluijter (The Hague): Conclusion of session 2: New concepts for new challenges? On the practices and prospects of historical bibliographies

Business meeting
Participants: Bibliografia historii polskiej, Bibliografie van de geschiedenis van België, Bibliographie annuelle de l’Histoire de France, Bibliographie der Schweizergeschichte, Bibliographie zur Zeitgeschichte, Bibliography of British and Irish History, Digitale Bibliografie Nederlandse Geschiedenis, Historische Bibliographie, Humanus, Jahresberichte für deutsche Geschichte

Anmerkungen:
[1] <http://www.histbib.eu/> (09.02.2010).
[2] <http://www.viaf.org/> (09.02.2010).
[3] <http://www.histbib.eu/Conferences/third-conference-on-european-historical-bibliographies> (09.02.2010).

Zitation
Tagungsbericht: Third Conference on European Historical Bibliographies, 03.12.2009 – 04.12.2009 Den Haag, in: H-Soz-Kult, 24.02.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3007>.