Labeling Self and Other in historical Contacts between religious groups

Ort
Bochum
Veranstalter
Hans Martin Krämer / Jenny Oesterle / Ulrike Vordermark, Ruhr-Universität Bochum
Datum
08.01.2010 - 09.01.2010
Von
Anna Katharina Angermann, Transcultural Studies, Universität Heidelberg

Was ist das Eigene? Was das Fremde? Wie lassen sich diese Begriffe und die hinter ihnen stehenden Konzepte im Kontext interreligiöser Kontakte definieren? Die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden in historischer Perspektive auszuloten - das stand im Zentrum des Workshops „Labeling Self and Other in historical Contacts between religious groups“ in Bochum. Die Tagung verfolgte einen breit angelegten, komparativen Ansatz. Die Gemeinsamkeit der dargestellten Fälle lag darin, dass das Christentum entweder als Agens oder als Patiens der Veränderung im interreligiösen Kontakt beteiligt war.

Im Mittelpunkt der angestrebten Untersuchung standen sechs Leitfragen. Zum einen ging es darum, wie religiöse Gruppen andere religiöse Gruppen in Kontaktsituationen sehen und wie sie sie jeweils konzeptuell erfassen. Zum anderen wurde analysiert, welcher semantischen Felder sich diese „Label“ bedienen und wie sie sich auf die Konzeptualisierung des Eigenen beziehen. Die Teilnehmer setzten sich darüber hinaus damit auseinander, ob gegensätzliche Begriffe oder Antonyme (zum Beispiel „Häresie“) Anwendung finden und welche Arten von Kontakt zwischen religiösen Gruppen zu Veränderungen des konzeptuellen Verständnisses des Eigenen und des Fremden führen. Gegenstand der Untersuchung war schließlich auch, ob konzeptuelle Veränderungen infolge religiöser Kontakte gesellschaftliche und/oder politische Folgen nach sich ziehen und ob andere Konzepte aus dem semantischen Feld des Religiösen existieren, die verwendet werden, um die Beziehung zwischen dem Eigenen und dem Fremden im Kontext religiöser Kontakte zu verdeutlichen.

Den Anfang machte THOMAS KAUFMANN (Göttingen). Er verwies auf die empfundene und tatsächliche Bedrohung Europas als verbleibender Heimstätte des Christentums durch den Islam in Verkörperung der osmanischen Herrschaft im 15. und 16. Jahrhundert. Kaufmann untersuchte die Reformation, die er als am tiefsten gehenden Bruch in der Geschichte des lateinischen Christentums begriff, im Zusammenhang mit der externen Bedrohung durch die Türken. Er vertrat dabei die These, die Luthersche Reformation habe nur mit Hilfe der Türkischen Bedrohung überleben können. Der äußere Druck durch Suleiman auf das Habsburgische Reich habe Karl V. und Ferdinand dazu gezwungen, Kompromisse mit den protestantischen Fürsten einzugehen. Das wiederum habe das politische Überleben der Reformtheologie gesichert. In diesem Sinne lautete die provokante Schlussfrage: „Without Turks no reformation?“. Während der lebhaften Diskussion wurde einerseits die Quellenauswahl Kaufmanns kritisiert, die lediglich die Meinung der theologischen Elite wiedergebe, andererseits wurde mit Hinweis auf die Kreuzzugszeit die Behauptung in Frage gestellt, dass die Bedrohung zum genannten Zeitraum besonders stark empfunden worden sei.

DANIEL KÖNIG (Paris) präsentierte eine nach Art der jeweiligen Beziehung geordnete Darstellung von Begegnungen zwischen Christentum und Islam, die die Verschiedenartigkeit interreligiöser Kontakte demonstrierte. Anhand zahlreicher Beispiele aus islamischen Quellen des 7. bis 15. Jahrhunderts beleuchtete König die Wahrnehmung des Christentums und stellte eine Reihe von Beziehungsmodellen vor, die das Verhältnis von Christen und Moslems beschreiben. Bewusst verzichtete König in diesem Zusammenhang mit Hinweis auf die existente Forschung auf eine Untersuchung der Dhimma (je nach Perspektive ein Schutz- oder Unterdrückungssystem für Minderheiten im islamischen Raum). König dekonstruierte nicht nur existente Modelle, wie zum Beispiel die von Bernard Lewis aufgegriffene traditionelle juristische Unterscheidung zwischen „Haus des Islam“ und „Haus des Krieges“. Sein Verdienst bestand vielmehr darin, zu verdeutlichen, dass „die“ Wahrnehmung des Christentums nicht existierte. Er postulierte stattdessen eine „multiplicity of perceptions“. Sein Vortrag wies also nach, dass Christentum und Islam nicht als klar getrennte Blöcke verstanden werden können, sondern dass die Vielfalt christlich-muslimischer Kontakte eine differenzierte Untersuchung erfordert. GÖRGE HASSELHOFF (Bochum) präsentierte am Beispiel der Schriften des Mönches Ramon Martí eine mögliche Wahrnehmung von Christen, Juden und Moslems. Zunächst befasste sich Hasselhoff mit Martís Biographie. Er soll im 13. Jahrhundert gelebt haben. Sonst ist wenig über sein Leben bekannt; es ist nicht vollständig geklärt, ob der Mönch in einer ursprünglich christlichen oder in einer zum Christentum konvertierten Familie aufwuchs. Er soll mit den zeitgenössischen theologischen Strömungen vertraut gewesen sein. Danach ging Hasselhoff auf Martís Texte ein. Grundsätzlich habe sich Martí dafür eingesetzt, Juden und Moslems zum Christentum zu bekehren. Juden müssten sich demnach einer Neuorientierung unterwerfen, Moslems von ihrem falschen Propheten abkommen. Martí habe die Bibel auf nahezu abstruse Weise beweisen wollen, indem er argumentierte, da der Koran nicht korrumpiert sei, im Koran aber auf Talmud und Bibel Bezug genommen werde, könne auch die Bibel nicht falsch sein. SEVKET KÜCÜKHÜSEYIN (Bamberg) vervollständigte schließlich die Quellenbeispiele aus dem Mittelmeerraum mit einer Darstellung der Koexistenz verschiedener religiöser und ethnischer Gruppen Anatolien nach den Schriften eines Derwisches im mittelalterlichen Anatolien.

Neben dem Mittelmeerraum befasste sich der Workshop auch mit dem Ost- und Südasien als Begegnungsraum zwischen Christentum und einheimischen Religionen. YAN-PEI KUO (Leiden) untersuchte die zweite Welle christlicher Missionstätigkeiten in China im 19. Jahrhundert und verglich sie mit den vorhergehenden jesuitischen Missionsbemühungen. Sie befasste sich dabei mit den Entsprechungen des Begriffes „Religion“ in China, der aus dem Japanischen entnommen wurde und dem vor dem 20. Jahrhundert keine Entsprechung in der chinesischen Sprache zugeordnet werden könne. Ihr wichtigster methodischer Beitrag bestand darin, den Sinn von Begriffsforschung/-geschichte zu hinterfragen. Die entscheidenden Fragen lauteten, inwiefern die Forschung davon profitiert, die Geschichte eines Begriffes zu hinterfragen und ob sich mittels dieses Ansatzes tatsächlich die dahinter stehenden Konzepte besser verstehen lassen. In ihrem Vortrag wies Kuo auch nach, dass Begrifflichkeiten für die Wahrnehmung einer „neuen“ Religion innerhalb eines gewachsenen Kulturraums von Bedeutung sind. Mit Hinweis auf Weber kam in der anschließenden Diskussion zur Sprache, ob die von Kuo beschriebenen Differenzen zwischen den beiden dargestellten Missionen auf die grundsätzlichen Unterschiede zwischen Protestantismus und Katholizismus zurückzuführen seien.

HANS MARTIN KRÄMER (Bochum) untersuchte die buddhistische Wahrnehmung des Christentums im frühen modernen Japan. Dazu befasste er sich mit verschiedenen Begriffen, die im Laufe des 15. bis 18. Jahrhundert in Japan zur Bezeichnung von Christen verwendet wurden. Anhand von Diagrammen veranschaulichte Krämer die semantischen Felder, die von den verschiedenen Begriffen besetzt wurden. ANTJE FLÜCHTER (Heidelberg) befasste sich mit der Wahrnehmung indischer Religionen in frühmodernen deutschen Texten. Sie grenzte verschiedene Begriffe wie „Religion“ und „Sekte“ gegeneinander ab und erklärte ihren jeweiligen Gebrauch. Sie ging auch darauf ein, wie Religion dazu genutzt wurde, das Gefühl von Überlegenheit der deutschsprachigen Autoren gegenüber den Einheimischen in Indien zu rechtfertigen, aber auch als Konzept, das den Europäern half, die ethnische Vielfalt Indiens zu fassen und organisieren.

Der Erkenntnisse des Workshops führten zu einer erhöhten Sensibilität für religiöse Begrifflichkeiten, die in ihrem jeweiligen kulturellen und zeitlichen Zusammenhang verstanden werden müssen. Die Schwierigkeit besteht also auch darin, unseren zeitgenössischen Religionsbegriff in vergangene Epochen und außereuropäische Kulturräume zu transportieren. Trotz der expliziten Ausrichtung auf die Untersuchung konzeptueller Aspekte, verharrte der Workshop nicht im Abstrakten, sondern untersuchte die konkrete Beschaffenheit interreligiöser Kontakte. Der Workshop leistete somit einen wichtigen Beitrag zur Begriffsgeschichte, zur Wahrnehmungsgeschichte, zur Fremdheitsforschung und zur interkulturellen Vergleichbarkeit von Religionsbegriffen.

Konferenzübersicht:

Thomas Kaufmann (Göttingen): The Perception of Islam in the Late Middle Ages and the Age of Reformation

Görge Hasselhoff (Bochum): Christians, Jews and Muslims as Seen by Ramon Martí

Antje Flüchter (Heidelberg): “Religions, Sects and Heresy” – religions on the Indian Subcontinent in Early Modern German Texts

Hans Martin Krämer (Bochum): “The Christian Sect” as Seen by Early Modern Japanese Buddhists

Ya-pei Kuo (Leiden): Missionary Enterprise and the Conception of Religion in
Late-Nineteenth-Century China

Daniel König (Paris): Different Contexts – Different Perspectives. A tour d’horizon of Muslim Perceptions of Latin Christianity

Sevket Kücükhüseyin (Bamberg): When the Beard is Wiser than its Bearer. The perception of Christianity and the Role of Christians according to the Writings of a Mawlawi Dervish from Medieval Anatolia

Zitation
Tagungsbericht: Labeling Self and Other in historical Contacts between religious groups, 08.01.2010 – 09.01.2010 Bochum, in: H-Soz-Kult, 06.03.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3020>.