100 Jahre Pfadfinden in Deutschland

Ort
Witzenhausen
Veranstalter
Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein
Datum
23.10.2009 - 25.10.2009
Von
Susanne Rappe-Weber, Archiv der deutschen Jugendbewegung, Burg Ludwigstein

Vor hundert Jahren entstanden die ersten Pfadfindergruppen in Deutschland. Von ihren Wurzeln im Militär des Kaiserreiches bis zur modernen Interpretation des weltweit rezipierten jugendpädagogischen Entwurfs, der auf den britischen Kolonialoffizier Robert Baden-Powell zurückgeht, spiegeln die Jugendbünde der Pfadfinder die gesellschaftspolitischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts wider und wirken auf diese zurück. Dabei erzeugte in Deutschland das Spannungsfeld von internationaler Ausrichtung einerseits und nationalgeschichtlicher Jugendkultur im Sinne der Jugendbewegung andererseits eine besondere Vielgestaltigkeit der Pfadfinderbünde. Gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren diese jugendkulturellen Neuerungen Mittelpunkt einer Debatte um die Rolle der Generationen in den Konfliktfeldern der jeweiligen Gegenwart. Während einerseits der 'Mythos Jugend' Vorstellungen von Aufbruch und Neubeginn transportierte, gerieten gleichzeitig junge Menschen, insbesondere junge Männer, zunehmend in den Fokus staatlich-gesellschaftlichen Zugriffs. Die Beschäftigung und Erziehung männlicher Schulabgänger vor dem regulären Eintritt ins Militär, die auf die Ausbildung reifer Staatsbürger zielte, geriet immer mehr zu einem allgemeinen Anliegen, das Kirchen, Parteien und eine zunehmende Zahl an Vereinen aufgriffen. In Verbindung damit entfaltete sich schon im Kaiserreich eine staatlich gelenkte Jugendpflege, die später zur Jugendwohlfahrt weiterentwickelt wurde. In diesem Umfeld und doch unabhängig davon entdeckten gleichzeitig junge Menschen aller Schichten, Religionen und beiderlei Geschlechts je für sich die eigenständige Lebensphase 'Jugend' und machten sie sich durch die Gründung geselliger Vereinigungen und die Ausbildung spezifischer – gegen die Erwachsenenwelt abgegrenzter – soziokultureller Praktiken zueigen. Bis 1933 entstand so in Deutschland eine breite Jugendbewegung, zu der die Wandervögel ebenso wie die Bündische Jugend, die Arbeiterjugend und eben auch die Pfadfinder zu rechnen sind. Diese Vielfalt wurde 1933 verboten, entstand nach 1945 in den westlichen Besatzungszonen beziehungsweise der Bundesrepublik Deutschland aber neu. Erst mit der Kulturrevolution von 1968 wurden die Traditionen vom Anfang des Jahrhunderts systematisch hinterfragt, so dass sich die verbliebenen Pfadfinder- und Wandervogelbünde neu ausrichten mussten. Diese Entwicklung anhand thematischer Schwerpunkte innerhalb der Pfadfindergeschichte in Deutschland kritisch zu untersuchen, war das Anliegen einer Tagung des Archivs der deutschen Jugendbewegung auf Burg Ludwigstein, vorbereitet von Johann P. Moyzes (Varel) und Stephan Schrölkamp (Berlin).

Zunächst erörterte ULRICH HERRMANN (Tübingen) das jugendkulturelle Umfeld, in dem vor dem Ersten Weltkrieg binnen weniger Jahren sowohl der Wandervogel wie die Pfadfinderei 'erfunden' wurden. Unter Berufung auf zeitgenössische Beobachter wie Siegfried Bernfeld zeigte er die Gegensätzlichkeit zwischen der sozialromantischen, auf Selbsterziehung zielenden Jugendkultur der Wandervögel, einerseits und der programmatischen Charaktererziehung mit quasimilitärischen Methoden bei den Pfadfindern andererseits auf. Allerdings beteiligten sich selbstverständlich auch die national eingestellten Wandervögel am Jungdeutschlandbund, dem die Vorbereitung der Jugend auf den bevorstehenden Weltkrieg oblag.

Ganz zu Beginn sahen sich die Pfadfindergruppen und der deutsche Übersetzer des Pfadfinderbuches, der in den Kolonialkriegen eingesetzte Militärarzt Alexander Lion, zudem einer äußerst kritischen öffentlichen Wahrnehmung ausgesetzt. Das legte STEPHAN SCHRÖLKAMP anhand der Berliner Presse dar, die die jüdische Herkunft Lions und die Adaption einer englischen, also quasi aus Feindesland stammenden, Vorlage wiederholt aufs Korn nahmen. In der Phase vor dem ersten Weltkrieg sei die später deutlich pazifistische Ausrichtung der Pfadfinder noch keineswegs angelegt. Besonders in Deutschland fehlten im Kaiserreich alle bürgerschaftlich-demokratischen Voraussetzungen, die eine zivilere Umsetzung des britischen "Scouting for Boys" ermöglicht hätten.

So blieb es, wie CHRISTOPH SCHUBERT-WELLER (Bodman) ausführte, bei einer Spielart der ausgeprägten Gesinnungserziehung, die auf Disziplin, Gehorsam und Gemeinschaft fuße und vorrangig der Jugend als einem grundsätzlich 'gefährdeten' Alter entgegenwirken sollte.
Angesichts der staatsnahen Ausrichtung zeichnete sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ein erheblicher Erneuerungsbedarf ab, der die deutschen Pfadfindergruppen in ihrer Praxis und Ideologie weg vom Weltpfadfindertum und hin zur bürgerlichen Jugendbewegung führte, deutlich sichtbar etwa in der Annahme eines förmlichen Gelöbnisses, das sich an die Meißner-Formel von 1913, einem idealistischen Generationenbekenntnis zu einer wahrhaften und authentischen Lebensweise, anlehnte.

JÜRGEN REULECKE (Essen) und CHRISTOPH LAUE (Herford) widmeten sich diesen Entwicklungen in der Weimarer Republik, die letztlich zu einer starken Verbreitung völkischer Anschauungen führten. Das galt namentlich etwa für die Mädchenpfadfinder dieser Epoche. Konkret hielten "bündische Praktiken" wie Fahrt und Lager sowie musisch-kulturelle Betätigungen Eingang in den Pfadfinderalltag.

Für viele Pfadfinderführer war es nach dem nationalsozialistischen Verbot der freien Jugendgruppen 1933 nur ein kleiner Schritt in verantwortungsvolle Positionen in Jungvolk und Hitlerjugend, wie SVEN REIß (Fahrenkrug) anhand zahlreicher Lebensläufe nachwies. Nur Einzelne widerstanden der Verführung durch den NS-Staat - was nicht überraschen könne, aber gerade wegen der Leugnung dieser Verstrickungen in der Nachkriegszeit bis heute auch in Pfadfinderbünden einige Brisanz entfalte.

ARNO KLÖNNE (Paderborn) steuerte eindrucksvolle Beispiele für illegale Tätigkeiten und individuell hochriskante Verweigerungen von Angehörigen der Bündischen Jugend gegen den nationalsozialistischen Allmachtsanspruch bei. Insgesamt sei dieses Themenfeld längst nicht erschöpfend erforscht, wie die bisher auf Einzelfällen gründenden Beobachtungen gezeigt haben.

Dies gilt umso mehr für die Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg, zu denen noch keine umfassenden Darstellungen vorliegen. Begünstigt durch das Interesse der westlichen Besatzungsmächte an einer Umerziehung der Jugend zur Demokratie, erhielten viele Pfadfindergruppen frühzeitig Gründungslizenzen.

Das Ideal einer einheitlichen, im Weltbund und den Jugendringen zentral vertretenen Pfadfinderschaft blieb angesichts vieler regionaler und ideologischer Zersplitterungen unerreicht, wie die Referate der Zeitzeugen JOHANN P. MOYZES, KLAUS KÖRBER (Bremen) und WOLF-RAINER DIX (Hamburg) zeigten. Insbesondere der 'Bund Deutscher Pfadfinder' versuchte, die soziokulturellen Veränderungen der 1960er-Jahre mit einer veränderten pädagogischen Programmatik aufzunehmen, musste aber eine organisatorische Schwächung durch zahlreiche Abspaltungen, die sich entweder deutlich modernistischer oder aber traditioneller ausrichteten, hinnehmen.

Allein der zahlenmäßig kleine Bund der Mädchenpfadfinder überstand mit seiner deutlich internationalen Ausrichtung organisatorisch einheitlich alle Zeitläufe seit 1945 und trat 1971 geschlossen in den gemeinsamen "Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder" ein, so CHRISTINA HUNGER (Groß-Bieberau).

Die gesellschaftspolitische und organisationsgeschichtliche Perspektive auf das Pfadfindertum wurde in zwei Beiträgen durch den individuellen Blick ergänzt. KIRA NIEROBISCH (Mainz) stellte ihr Forschungsprojekt über die Identitätsbildungsprozesse in den Biographien jetzt erwachsener Pfadfinderinnen vor, die sie mit einem erziehungswissenschaftlichen Ansatz anhand ausführlicher Interviews rekonstruiert.

Mit psychologischen Begriffen erläuterte HARTMUT RADEBOLD (Kassel) unter Rückgriff auf seinen eigenen Lebenslauf, welche Chancen die Zugehörigkeit zu einer Pfadfindergruppe gerade männlichen Angehörigen der Kriegskindergeneration eröffnete, die – zwischen 1930 und 1945 geboren – vielfach vaterlos oder vaterfern aufwuchs, der mithin männliche Vorbilder und Orientierungen oft fehlten. In den Jungengruppen mit ihren älteren Führern ergaben sich Möglichkeiten zur Auseinandersetzung mit (der eigenen) Männlichkeit, die in den vielen Familien ohne Vater schmerzlich vermisst worden seien.

Auch mit ihren Angeboten zur Gesundheitserziehung griffen die Pfadfinder ein in der Gesellschaft bestehendes Defizit auf, so JOHANNES WINTER (Speyer).

Abschließend rief HANS ULRICH THAMER (Münster), unterstützt von ECKART CONZE (Marburg) dazu auf, nach den jeweils epochenspezifischen Interpretationen von Baden-Powell und Lion zu fragen und so die Wandlungsfähigkeit der Bewegung zu verdeutlichen. Immerhin fasziniere das auf Gemeinschaft, Naturbezogenheit und Selbsterziehung angelegte Programm der Pfadfinder bis heute, wenn es sich auch in einem ausgesprochenen Zwiespalt zwischen den eigenen Traditionen, Ritualen und Idealen einerseits und den gegenwärtigen Anforderungen des Jugendalltags zwischen Massenmedien, Bildungsstreits, Zukunftsängsten und Identitätsbildungsprozessen andererseits immer neu erfinden müsse.

Ergänzend zu den Vorträgen wurden im Rahmen der Tagung historische Pfadfinderfilme (RÜDIGER JAHN, Bobenheim) und eine umfassende thematische Ausstellung gezeigt. Letztere ist noch bis September 2010 in den Räumen des Archivs zu besichtigen.

Konferenzübersicht

Sektion I. Jugendpflege und Jugendbewegung vor 1914

Ulrich Herrmann (Tübingen):
Wandervogel und Pfadfinder Distanz und Nähe jugendbewegter und jugendpflegerischer Programme und Praxen vor dem Ersten Weltkrieg

Stephan Schrölkamp (Berlin):
Jugendsport in Feld und Wald Zur Wahrnehmung der Pfadfindergründung in der Presse des Kaiserreichs

Christoph Schubert-Weller (Bodman):
Scouting als vormilitärische Erziehung. Vom Bayerischen Wehrkraftverein zu den Pfadfindern

Sektion II. Pfadfinder in der Weimarer Republik

Jürgen Reulecke (Essen):
„Hie Wandervogel – Hie Pfadfinder“ - Von der Meißnerformel zum Prunner Gelöbnis

Christoph Laue (Herford):
Zur Tradition und Politik in der Jugendbewegung.
Der Weg zum Bund der Wandervögel und Pfadfinder

Sektion III. Pfadfinder in der NS-Zeit

Sven Reiss (Fahrenkrug):
Pfadfinder... und dann? Zum Verhältnis früherer Pfadfinderführer zum „Dritten Reich“

Arno Klönne (Paderborn):
Opposition und Widerstand aus Pfadfinderkreisen (1933ff.)

Sektion IV. Orientierungen nach dem Zweiten Weltkrieg

Johann P. Moyzes (Varel):
Pfadfinder - Avantgarde oder Nachhut der Gesellschaft? Zum Wandel des pädagogischen Selbstverständnisses (1949-75) im BDP

Klaus Körber (Bremen):
Der BDP als Vorläufer der 68er?

Wolf-Rainer Dix (Hamburg):
Der DPV als Hort der Tradition?

Sektion V. Pfadfinden für Mädchen – Pfadfinderinnen

Christina Hunger (Groß-Bieberau):
Dreimal Neuanfang, dreimal Neuausrichtung-
Konzeptionen eines Pfadfinderinnenbundes für Deutschland

Kira Nierobisch (Mainz):
Pfadfinderinnen heute. Identitätsbildungsprozesse in der Biographie bündischer Frauen

Sektion VI. Pfadfinden als Lebensform in ihrer Bedeutung für den Lebenslauf

Hartmut Radebold (Kassel):
Zur Bedeutung der Pfadfinderei für die weitere Entwicklung im Lebenslauf

Johannes Winter (Speyer):
„Auf dem Weg zu Gesundheit und Glück“. Bedeutung der (pfadfinderischen) Gesundheitserziehung 100 Jahre später

Podiumsdiskussion:
Hans-Ulrich Thamer, Münster; Eckart Conze, Marburg und Andere

Zitation
Tagungsbericht: 100 Jahre Pfadfinden in Deutschland, 23.10.2009 – 25.10.2009 Witzenhausen, in: H-Soz-Kult, 17.03.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3033>.