Gott und Tod. Tod und Sterben in der höfischen Kultur des Mittelalters.

Ort
Bayreuth
Veranstalter
Lehrstuhl für Ältere deutsche Philologie, Universität Bayreuth
Datum
16.10.2009 - 18.10.2009
Von
Sonja Feldmann / Ralf Schlechtweg-Jahn / Susanne Knaeble, Universität Bayreuth

Die interdisziplinäre Tagung ist aus einer langjährigen Beschäftigung des Bayreuther Lehrstuhls für Ältere Deutsche Philologie mit laientheologischen Aspekten der höfischen Literatur hervorgegangen, wobei im Rahmen der Tagung nur ein spezifischer Aspekt, eben „Gott und Tod - Tod und Sterben in der höfischen Kultur“, ins Zentrum gestellt wurde. Die interdisziplinäre Orientierung der Tagung stellte auch den Versuch dar, anhand eines klar eingegrenzten Themas über die spezifischen literaturwissenschaftlichen Fragestellungen hinaus die laientheologischen Aspekte höfischer Kultur mit anderen Disziplinen zu vernetzen. Das Teilnehmerfeld umfasste Vertreter der Germanistik, Geschichts- und Kunstwissenschaft, Religionswissenschaft, Theologie, Philosophie und Soziologie und zeichnete sich insbesondere auch durch studentische Teilnahme aus.

Der Eröffnungsvortrag von ARNOLD ZINGERLE (Bayreuth) setzte sich kritisch mit den bekannten Überlegungen des französischen Historikers Philippe Ariès auseinander, wobei Zingerle dessen These vom 'Anderen' des mittelalterlichen Umgangs mit dem Tod in Frage stellte. Vor allem aus einer postmodernen Sicht erscheine die eigentliche Moderne mittlerweile als ein circa 150-jähriger Sonderfall, während dem der Tod privatisiert und bürokratisiert sowie aus der priesterlichen in die medizinische Praxis verlagert worden sei. In der Gegenwart hingegen erscheine der Tod aufgrund seiner vielfachen medialen Inszenierungen wieder von einer vergleichbaren öffentlichen Präsenz wie im Mittelalter zu sein, wenn auch in einer umfassenderen Vielfalt. In der anschließenden Diskussion wurde zudem darauf hingewiesen, dass bereits im 15. Jahrhundert die Einsamkeit beim Sterben in den Spitälern beklagt wurde, was Ariès‘ These von der Alterität des Mittelalters doppelt in Frage stelle. Ähnlich kritische Auseinandersetzungen mit Ariès, dessen Überlegungen in der Mediävistik offenbar nach wie vor von enormer Wirkung sind, ergaben sich dann auch im Anschluss an einige weitere Vorträge.

GERHARD WOLF (Bayreuth) zeigte am Beispiel der ‚Zimmerschen Chronik‘ einen recht widersprüchlichen Umgang mit dem Tod in der mittelalterlichen Chronistik. Zum einen würden literarische Muster der artes moriendi zur Beschreibung des Sterbens verwendet, die aber zum anderen von Versuchen unterlaufen würden, mit Gott oder auch mit Gespenstern über mehr Lebenszeit zu verhandeln. Zudem würden Darstellungen des Todes von den spezifischen Darstellungsinteressen des Chronisten bestimmt. In der Zimmerschen Chronik führe dies zu einer Differenz zwischen öffentlicher und privater Memoria, die sich, als eine Form der privaten Abrechnung mit einem Toten, auch als schwarze Laientheologie bezeichnen ließe. In der Diskussion wurde vor allem der Begriff der Laientheologie diskutiert, die sich gerade im späten Mittelalter als etwas begreifen lässt, das sich an Problematiken abarbeitet, welche die Theologie durchaus selbst eröffnete. Im Prozess ihrer Selbstrationalisierung ließ sie diese Problematiken aber zunehmend unbesetzt. Durch den gemeinsamen Gottesbezug erscheint der Begriff der Theologie aber auch für die Laientheologie geeignet, wobei Kirchentheologie generell zu rationaler Schließung tendiert, Laientheologie hingegen pragmatisch und unsystematisch auf Probleme einer Kultur beziehungsweise des religiösen Systems reagieren kann.

ARIANE BAUER (Osnabrück) vertrat die These, dass die Verbindung von Beichtvätern und ihren Schützlingen in beiderseitigem Nutzen über den Tod hinaus bestehen bleibe. Der Tod sei dann nicht nur ein Ende, sondern zugleich ein Neubeginn, denn für die vorgestellten Visionärinnen und Mystikerinnen liege in nachträglicher Verehrung und Heiligsprechung die Aussicht auf das ewige Himmelreich, wobei zugleich auch der Name des für die Heiligsprechung kämpfenden Beichtvaters unsterblich werde, von dessen Worten und Texten wesentlich der Erfolg eines Heiligsprechungsprozesses abhänge. Zugleich stellten solche Heiligsprechungen aber immer auch Verfahren der Vereinnahmung und zumeist auch Domestizierung von Laienfrömmigkeit dar, denn an den Berichten ließen sich durchaus Konflikte zwischen Beichtvätern, Schützlingen, Familien und Gesellschaft ablesen, die in der späteren Kanonisierung mehr oder weniger untergingen.

NORBERT OTT (München/Bayreuth) sprach vor allem über Sichtbarkeit und Nichtsichtbarkeit von Ikonographien des Todes im Mittelalter, die sich in einem Spannungsfeld von Öffentlichkeit und Privatheit beschreiben lassen. Exemplarisch wurden die Darstellungen von Todeswahrnehmungen anhand christlicher Kathedralkunst, Buchillustration und Wandmalerei vorgestellt. Dabei könnten in einer bildorientierten Kultur wie der des Mittelalters narrativ-textuelle und bildhafte Elemente nicht voneinander getrennt gedacht werden. Durchaus nach Einzelfall differenziert zu betrachten sei dann die Frage, inwiefern bei christlich-ikonographischen Darstellungskonventionen von nur formeller oder auch tatsächlicher funktionaler Übertragung in die Literatur des Mittelalters gesprochen werden könne.

SUSANNE KNAEBLE (Bayreuth) vertrat anhand der ‚Sigunefigur‘ in Wolframs 'Parzival' die These, dass religiöse Verweise in erster Linie auf der bildhaften Ebene des Textes erfolgten, wobei das Heilskonzept der Sigune dezidiert auf der Figurenebene selbst angesiedelt sei. Religion werde auf diese Weise zum beobachteten und beobachtbaren Objekt, da sich der Text jeder weiteren Ausführung über den Erfolg dieses Heilskonzeptes enthalte. Wolfram-typisch liege mit Sigunes Lebens- beziehungsweise Minnekonzept ein Heilskonzept vor, das durch die Sakralisierung des höfischen Minnepaares als laientheologisch-höfischer Gottesentwurf zu verstehen sei und das sich von einer kirchlich-theologischen Konzeption deutlich abgrenze. Gottesbeziehungen im Parzival seien nicht systematisch auf ein einziges Gottesbild ausgerichtet, sondern würden nur als multiperspektivische Konzeptionen Gottes lesbar.

ESTHER WIPFLER (München) führte unterschiedliche Verfahren der bildlichen Darstellung von Lebenden und Toten vor, denen allen eine vergleichbare Ikonographie zugrunde liege. Ausgehend von der Ineinssetzung von Tod und Teufel in der Gegenüberstellung zu Christus führe diese Entwicklung über die Gegenüberstellung von lebenden und toten Menschen in verschiedenen Stadien der Verwesung bis hin zum allein agierenden Tod in Anlehnung an die Apokalypse. Im romanischen Sprachraum sei der Tod dabei sogar als Frau denkbar.

Auch HUBERTUS FISCHER (Hannover) stellte eine zentrale These Philippe Ariès' in Frage, derzufolge man erst ab dem 18. Jahrhundert den Tod als gezähmten Tod, eigenen Tod und Tod des anderen unterscheiden könne. Im intertextuellen Bezug zwischen Wolframs Parzival und Willehalm entfaltete Fischer dagegen zwei kontrastierende Modelle des Todes eines christlich Helden unter Heiden, anhand derer sich zeigen lasse, dass die Modelle Aries' sich in Ansätzen schon in der höfischen Literatur um 1200 als Beschreibungsmodelle verwenden lassen. Dieser kontrastive Vergleich sei dabei auch intertextuell über den Bezug zur Figur des heidnischen Herrschers Baruc vorgegeben. Über die Problematik des richtigen Umgangs mit den Toten im Willehalm scheine dabei die Möglichkeit eines neuen Umgangs zwischen Heiden und Christen auf: Willehalms Verhalten, die Behandlung der Toten entsprechend ihren eigenen Bräuchen und die Bestattung in eigener Erde diene der Memoria und eröffne wenigstens die Möglichkeit, eine neue Gemeinschaft der Lebenden mit den Toten zu begründen.

CLAUDIA LAUER (Gießen) beschäftigte sich zunächst mit der Bewertung von Alpharts Beweggründen, der sich gegen jeden Rat mit seiner Position durchsetze, was in der Forschung bislang zumeist als Superbia bezeichnet wurde, die seinen Tod dann gleichsam theologisch rechtfertige. Dagegen lasse sich sein Handeln aber als sehr rational und in dieser Rationalität auch als voller Gottvertrauen und damit Vertrauen in eine funktionierende Weltordnung beschreiben. Der Held scheitere dann aber an einer neuen, in erster Linie von Angst besetzten Welt, in der die alten Regeln des Miteinander nicht mehr umstandslos gelten würden. In Alpharts Tod erweise sich das Gottesbild des Helden als sehr figurenspezifisch, was es der fiktionalen Welt des Heldenliedes ermögliche, das Vertrauen in gesicherte Gottesbilder generell in die Krise zu führen.

VIOLA WITTMANN (Bayreuth) gelang es, dem bekannten Dilemma der Figur Rüdigers aus dem ‚Nibelungenlied‘, der beiden verfeindeten Parteien durch triuwe-Bindungen verpflichtet ist, unter laientheologischem Blickwinkel neue Gesichtspunkte abzugewinnen. Durch eine im Text konsistent durchgehaltene Anrufung Gottes, die sich nicht in Formelhaftigkeit erschöpft, werde eine Anbindung des triuwe-Paradoxons an die transzendente Instanz Gottes möglich, was dann die Möglichkeit einer neuen triuwe-Gemeinschaft von in der Immanenz verfeindeten Figuren eröffne. Damit werde allerdings ein Entdifferenzierungsprozess in Gang gesetzt, der die Grenzen zwischen Freund und Feind aufzulösen drohe. Die erneute Differenzierung durch die Identifikation Kriemhilts mit dem Teufel wirke diesem Prozess aber entgegen. Laientheologie spiele im Nibelungenlied somit nicht nur eine größere Rolle als bislang gedacht, sondern sie sei dabei auch zugleich in ihrem Funktionieren wie in ihrer Problematik und Krisenhaftigkeit beobachtbar.

ARTUR GEIGER (Bamberg) interpretierte die ‚Klage‘ aus spezifisch katholisch-theologischem Blickwinkel, aus dem heraus sich der Text als eine spezifisch christliche Bewältigungsstrategie der Problematik des Nibelungenlieds beschreiben lasse. Die Sündenverfallenheit der Nibelungen (superbia und avaritia) führe zwingend zum Untergang der Nibelungen, der physische Tod erscheine als logische Folge der bereits vollzogenen Handlungen in der Sünde. Konsequenz dieser Lesart könne sein, dass sich in der Klage ein Rationalisierungsprozess seitens der Kirche zur Einbindung der sich im Nibelungenlied entfaltenden Laientheologie niederschlage.

RALF SCHLECHTWEG-JAHN (Bayreuth) ging von den bekannten das ‚Rolandslied‘ strukturierenden Dichotomien wie christlich/heidnisch, Sieg/Niederlage sowie Leben/Tod aus, die aber bei näherer Betrachtung durch dritte Räume unterlaufen würden. Der Begriff des dritten Raumes ist Überlegungen Homi Bhabhas entlehnt und eröffne Möglichkeiten, Paradoxien und Widersprüche von dichotomischen Ordnungsstrukturen auf vielfache Weise zu verhandeln. Für das Rolandslied wesentlich sei hierbei die Eröffnung eines Raumes der Angst, der die scheinbar so festgefügten dichotomen Strukturen in Frage stelle und das feste Vertrauen in den Märtyrertod und auf das Himmelreich letztlich sogar zu zerstören drohe. Das Rolandslied stelle sich in dieser Perspektive doch um einiges multiperspektivischer dar, als es bislang im Allgemeinen wahrgenommen würde.

NADINE HUFNAGEL (Bayreuth) entwickelte anhand der Figur des Helmbrechts die These, dass Möglichkeiten der Störung der Ordnung dem Text von vornherein inhärent seien und die geltende Ordnung letztlich nur mit Gewalt aufrecht zu erhalten sei. Während die Interaktion der übrigen Figuren von der Problematik verschiedener ‚Ordo’-Konzeptionen her bestimmt sei, blieben vor allem die langen, einem Bauern unangemessenen Haare Helmbrechts ein Störfaktor, der in keinen der Ordnungsentwürfe des Textes wirklich integriert werden könne. In der Todesszene Helmbrechts würden dann scheinbar die Unklarheiten der Erzählung beseitigt, bei genauerem Hinsehen jedoch gerade die Aporie einer eindeutigen und dauerhaft stabilen göttliche Ständeordnung vorgeführt.

SONJA FELDMANN (Bayreuth) nahm unter dem Gesichtspunkt der Anschlussfähigkeit des Todes heidnischer Herrscher an ein christlich-dynastisches Denksystem einen Vergleich der Grabmäler des Pallas und der Camilla im ‚Eneasroman‘ vor. Die Integration der heidnischen Herrscher finde dabei nicht über das Konzept der Blutsverwandtschaft, sondern über genealogisch gedachte Herrschaftskonzeptionen statt. Die Selbstbezüglichkeit und Dysfunktionalität der Camilla für die höfische Gesellschaft mache jedoch eine Integration undenkbar. Herrschaftskonzepte erwiesen sich dabei als die wesentlichen Auswahlkriterien für die Funktionalisierung der Heiden innerhalb eines laientheologischen Kontextes. Der Text arbeite in diesem Zusammenhang an einer doppelten Problematik, nämlich der genealogischen Verlängerung christlicher Herrschaft in die Antike, was Legitimität verschaffe, und gleichzeitig an einer gleichsam rückwirkenden Integration von Teilen der antiken Welt in die christliche.

MATTHIAS JOHANNES BAUER (Osnabrück) gab zunächst einen Überblick über die komplexe Überlieferungslage der Prosakaiserchronik. Für die anschließende Interpretation erwies sich der Herrschertod als konstitutiv für das Erzählen in der Prosakaiserchronik, denn das Sterben als narratives Muster organisiere den Text. Der Tod der Herrscher sei dabei immer im Zusammenhang mit christlicher Lebensführung zu sehen und werde manchmal auch ausdrücklich damit konnotiert. Christliche Lebensführung werde zum entscheidenden Kriterium über ‚gutes‘ und ‚schlechtes‘ Sterben.

ULRICH BERNER (Bayreuth) wies zunächst die Fortdauer von Elementen spezifisch heidnischer Riten wie des Dionysoskultes von der Spätantike bis ins Mittelalter nach. Deren Einfluss werde im Mittelalter keineswegs umstandslos abgelehnt, sondern kontrovers diskutiert. In Anlehnung an Harvey Whitehouse ließen sich dabei auch für das Mittelalter zwei Arten von Religiosität unterscheiden, die sich als doktrinaler und imaginaler Modus beschreiben ließen. Von einem einheitlich-christlichen Mittelalter könne auch aus diesem Grund nicht die Rede sein, wobei die beiden Modi außerdem eine produktive Wechselwirkung von kreativer und normativer Theologie ermöglichten, was das gegenwärtige Bild von mittelalterlicher Christlichkeit noch vervielfältige.

WOLFGANG SCHOBERTH (Erlangen-Nürnberg) ging dem Verhältnis von liturgischer Praxis und theologischer Lehre nach. Die Praxis habe aus systematischer Perspektive Vorrang vor der Lehre, das religiöse Bedürfnis müsse theologisch reflektierend eingefangen werden. Eines dieser Bedürfnisse sei der Umgang mit dem Tod, der jedoch in der normativen Theologie zu kurz komme, da die Bibel eine tiefere Reflexion darüber weitgehend ausspare. Daraus ergebe sich, dass es keine einheitliche christlich-theologische Lehre vom Tod gebe, so dass diese auch im Mittelalter den Bedürfnissen der praktizierten Religiosität folgte. Nicht nur Laientheologie, sondern auch die Theologie erscheine somit grundsätzlich als funktional orientiert an den Bedürfnissen ihrer Bezugsgesellschaft.

RUDOLF SCHÜSSLER (Bayreuth) betrachtete die Folgen des Schismas, aufgrund dessen religiöse Wahrheit von den weltlichen und geistlichen Entscheidungsträgern nicht mehr einsehbar oder verfügbar gewesen sei. Jean Gerson setze hier mit einer Reflexion zur moralischen Sicherheit an, deren Anliegen es sei, den Laien von Angst zu entlasten und ihm Handlungsfähigkeit zurückzugeben. Es finde so eine Auslagerung des Problems, dass das Seelenheil bei selbständigen Entscheidungen auf jeden Fall auf dem Spiel stehe, an eine Gruppe von Experten statt. Dadurch werde die Angst für den Laien gebannt, und gleichzeitig würden theologische Experten als Mittler zwischen Gläubigen und Gott in einer Zeit, in welcher diese Funktion tendenziell in die Krise geraten ist, restituiert.

SILVAN WAGNER (Bayreuth) beschrieb eine in den Mären sich entfaltende Laientheologie, die Sterben als Eintritt in höfisches Heil begreifbar mache, das eben nicht nur als transzendentes Heil gedacht werden könne, sondern bereits im Hier und Jetzt zum höfischen Heil führe. Dafür arbeite das religiöse System eng mit dem Kunstsystem zusammen, weil Erzähler und Gott reales und inszeniertes Sterben zur Veränderung von Figuren und Welt zum ‚höfischen Besseren‘ nutzen könnten.

JOACHIM KÜGLER (Bamberg) argumentierte, dass die Todesdeutung bei Paulus und sein Männlichkeitskonzept als wechselseitig aufeinander bezogen beschrieben werden können. Aus kultureller Perspektive werde über die Todesart die soziale Stellung des Verurteilten zur Anschauung und im Fall der Kreuzigung auch ganz konkret zur Ansicht gebracht. Der Tod am Kreuz sei dabei innerhalb der jüdischen Vorstellung elementar mit Schande verbunden. Hier gelte, dass ‚Wer am Kreuz stirbt, ein Verfluchter Gottes ist‘, weshalb ein gekreuzigter Messias außerhalb dieser Vorstellungswelt liege. Der gekreuzigte Leib Jesu lasse sich deshalb auch in antiker Logik mit einer weiblichen Sklavin vergleichen, weil diese den diametralen Gegensatz zum ehrenhaften, vollkommenen Mann bilde.

CORINA ROOS (Bayreuth) versuchte zu zeigen, dass Minne und Ehebruch im ‚Tristan‘ und ‚Prosalancelot‘ solange unproblematisch blieben, wie der Herrschaftskörper von König und Königin unbeeinträchtigt bleibe. Werde dieser aber durch den Ehebruch oder seine Folgen gestört, müsse der Text Umgangsmöglichkeiten mit der Störung finden. Im Tristan werde das latente Problem auf die Transzendenz ausgelagert, um den Hof wieder handlungsfähig zu machen - im Prosalancelot hingegen werde es von Gott wieder an die Immanenz zurückverwiesen. Zur Lösung des für den Hof unlösbaren Problems werde im Prosalancelot deshalb die Institution der Kirche als Auslagerungsinstanz genutzt.
INGRID BENNEWITZ (Bamberg) führte in ihrem Vortrag verschiedene Möglichkeiten des Umgangs mit Alter und Tod in der höfischen Literatur vor. So entstünden im Zusammenhang mit dynastischen und genealogischen Problemen in Romanen und Chroniken ganz andere Formen des Umgangs mit Tod und Alter als beispielsweise im Minnesang. Vor allem Neithart hantiere dann virtuos mit dem Rollenentwurf der alten Mutter. Ein besonderer Stellenwert, im Übrigen auch außerhalb der Literatur, käme dem Witwenstand zu. Im intertextuellen Zusammenhang seien es dann vor allem familiale Rollen, die das Alter definieren.

In der Abschlussdiskussion herrschte Einigkeit, dass eine Fortführung der Arbeit vor allem in Hinsicht auf das Konzept der Laientheologie vielversprechend erscheint und, dass es sich sowohl für das Tagungsthema wie auch im interdisziplinären Zusammenhang als ausgesprochen produktiv erwiesen hat. Auch der spezifische laientheologische Umgang mit Tod und Sterben ist noch nicht ansatzweise erschöpft. Über eine weitere, daran anschließende Tagung wird deshalb nachgedacht.

Konferenzübersicht:

ARNOLD ZINGERLE (Bayreuth) Die Sozialität des Sterbens. Kultursoziologische Aspekte

Historiographisches

GERHARD WOLF (Bayreuth): Tod und Transzendenz in autobiographischen und chronikalischen Schriften der Frühen Neuzeit

ARIANE BAUER (Osnabrück): Wo der Tod nicht scheidet - Beichtväter und ihre Schützlinge im 12.-14. Jahrhundert

Bilder des Todes

NORBERT H. OTT (München/Bayreuth): Zur Ikonographie des Todes

SUSANNE KNAEBLE (Bayreuth): Die heilige Geliebte eines Toten – Überlegungen zur Sigune-Figur in Wolframs Parzival

ESTHER WIPFLER (München): 'Mors in specie hominis …' Zu den Paradigmenwechseln in der Ikonographie des Todes vom Missale zum ‚Andachtsbild’

Heldentod

HUBERTUS FISCHER (Hannover): Tod unter Heiden. Gahmuret und Vivianz

CLAUDIA LAUER (Gießen): 'Warum nur?' Alpharts früher Tod

VIOLA WITTMANN (Bayreuth): Gottes Werk und Teufels Beitrag. Mechanismen der Konstruktion höfischer Identität zwischen individuellem Sterben und kollektivem Leben im Nibelungenlied

ARTUR GEIGER (Bamberg): 'dô huop sich sunder niuwez klagen‘ – Von Heldentod und rechter Klage. Christliche Bewältigungsmuster von Tod und Trauer in der Nibelungenklage

Inszenierung von Glauben, Sterben und Tod im christlich/heidnischen Kontext

NADINE HUFNAGEL (Bayreuth): 'fride, sît Helmbreht ist an der wide'. Die Inszenierung des Todes Helmbrechts als Akt der Restitution von 'ordo'?

SONJA FELDMANN (Bayreuth): Heiden als Vorfahren christlicher Herrscher im Eneasroman

RALF SCHLECHTWEG-JAHN (Osnabrück): Todesangst und Gottvertrauen im Rolandslied des Pfaffen Konrad

Kultus: Die andere Seite von Politik und Kirche

MATTHIAS JOHANNES BAUER (Osnabrück): 'er nam ain guot end: er versiecht.' Sterbende Herrscher und die Konnotationen ihrer Tode in der Prosakaiserchronik

ULRICH BERNER (Bayreuth): Theologische Deutungen der Osternachtsliturgie im Mittelalter

(Laien-)theologische Denkmuster

RUDOLF SCHÜSSLER (Bayreuth): Tod um 1400. Jean Gerson und die Angst im Abendland

SILVAN WAGNER (Bayreuth): Sterben als Eintritt in höfisches Heil: Gott und der Tod in Mären des 13. Jahrhunderts (Herzmaere, Der nackte Kaiser, Die eingemauerte Frau)

CORINA ROOS (Bayreuth): Was Gott zusammengeführt hat, soll der Mensch nicht trennen. Ehebruch aus Liebe und die gesellschaftliche Konsequenzen im Tristan und Prosalancelot

INGRID BENNEWITZ (Bamberg): Im Angesicht des Todes: Alternde Frauen und Männer in der deutschen Literatur des Mittelalters

JOACHIM KÜGLER (Bamberg): Wenn der Messias stirbt… Todesdeutungen bei Paulus und die Auswirkungen auf sein Männlichkeitskonzept

WOLFGANG SCHOBERTH (Erlangen-Nürnberg): 'Mitten im Leben ...' Systematisch-theologische Bemerkungen zur Wahrnehmung des Todes im Mittelalter

Zitation
Tagungsbericht: Gott und Tod. Tod und Sterben in der höfischen Kultur des Mittelalters., 16.10.2009 – 18.10.2009 Bayreuth, in: H-Soz-Kult, 09.03.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3046>.