The European Generation(s) of 1968

Ort
Göttingen
Veranstalter
Zeitgeschichtlicher Arbeitskreis Niedersachsen (ZAKN); DFG-Graduiertenkolleg „Generationengeschichte“, Georg-August-Universität Göttingen
Datum
27.11.2009 - 28.11.2009
Von
Lars Klein, Erasmus Mundus MA Programme Euroculture, Georg-August-Universität Göttingen

Als vor zwei Jahren auf die Ereignisse von 1968 zurückgeblickt wurde, war eine europäische, gar weltweite Dimension durchaus im Blick von Wissenschaftlern und Journalisten.[1] Gerade in der feuilletonistischen Auseinandersetzung mit dem Thema spielten dabei Erinnerungen an Ereignisse in Osteuropa eine große Rolle. Die Zentrierung auf Deutschland, Frankreich und die USA wurde aber dadurch so wenig aufgehoben wie ein stärker transnationaler Ansatz erkennbar gewesen wäre. Auch waren die Rückblicke bei aller Rede von einer „Generation der 68er“ selten theoretisch fundiert. Dabei ist eine generationelle Verortung keineswegs nur in Deutschland auszumachen und bietet sich ein Ansatz über den Generationenbegriff an, um die besonderen Erfahrungshorizonte auch in ihren grenzüberschreitenden Einflüssen sichtbar zu machen.

Mit dem Tagungsthema „The European Generation(s) of 1968“ zielte der Zeitgeschichtliche Arbeitskreis Niedersachsen (ZAKN) insofern auf erkennbare Lücken in der Historisierung von „1968“. Die Zusammenarbeit mit dem DFG-Graduiertenkolleg „Generationengeschichte“ versprach dabei eine auch theoretische Arbeit am Generationenbegriff. Anna von der Goltz (Oxford) hat die Tagung während ihrer Zeit als Visiting Fellow am Kolleg zusammen mit Bernd Weisbrod und Maik Tändler (beide Göttingen) konzipiert.

Die erste Sektion zielte auf „The Making of the ‚68ers‘ as an International Generation“. Das ist insofern naheliegend, als im mitveranstaltenden Graduiertenkolleg „Generation“ als eine herzustellende Kategorie begriffen wird, nicht als etwas Gegebenes. Diesen Konstruktcharakter hatte auch ROBERT GILDEA (Oxford) im Blick. Anhand von Auswertungen lebensgeschichtlicher Interviews ging es ihm um die „ex post“-Erschaffung einer „imagined past“. Er hat sowohl mit französischen Aktivisten gesprochen, deren Eltern während des Zweiten Weltkrieges im Widerstand waren, wie solchen, deren Eltern es nicht waren. Die dritte von ihm vorgestellte Gruppe waren Aktivisten jüdischen Hintergrunds, die aus der Immigration nach Frankreich zurückgekehrt waren. Bei allen Unterschieden war das Verhältnis zu „Protest“ und „Revolte“ zentral, wobei es in der generationellen Auseinandersetzung mit den Eltern stärker um eine konsequentere Weiterführung der Ideale ging als um eine ablehnende Haltung.

Gildea betonte für seine Untersuchungsgruppe die Bedeutung zeitgenössischer Konflikte wie des Algerien- und Vietnamkrieges. Letzteren nannte MARICA TOLOMELLI (Bologna) für die „1968er“ in Italien ebenfalls als prägendes Ereignis. Im Protest gegen diesen Krieg habe sich die Kohorte von einer soziologischen Generation zu einer politischen entwickelt. Auch für Italien betonte sie den Bezug zum antifaschistischen Widerstand als wichtigen Referenzpunkt der 68er. Ausgangspunkt von Tolomellis Studie war dabei jedoch nicht zuerst die Beziehung dieser Generation zu den Eltern und deren Vergangenheit, sondern vielmehr die Rolle der Schule in der Identitätsbildung von Jugendlichen. In der freien Zeit in der Schule wie außerhalb entwickelten Jugendliche Ideen und imaginierten eine Zukunft, die sich von der Situation mit den Eltern abhob. „Generation“ sei hier das „principal criterium for belonging“.

RICCARDO BAVAJ (St. Andrews) schaute sich Generationenverhältnisse in deutschen Universitäten um 1968 an und fragte nach dem Verhältnis deutscher Professoren und Studierenden. Warum, so seine Ausgangsfrage, hätte etwa Kurt Sontheimer von „der Jugend“ und „Aktivisten“ gesprochen anstatt von „Studenten“. Schließlich wecke der Begriff „Jugend“ andere Assoziationen als jener des „Studenten“. Bavaj verwies mit Blick auf einige konservativere Professoren auf einen ausgemachten Erfahrungsbruch gegenüber einer „Jugend, der der ‚innere Kompass’“ fehle. BERND WEISBROD (Göttingen) betonte in der anschließenden Diskussion die Bedeutung des „intellektuellen Stils“, der mitunter wichtiger gewesen sei als ein Generationszusammenhang.

Auch DOMINIK GEPPERT (Bonn) hielt die Generationsrede für die von ihm untersuchte „Gruppe 47“ für weniger bedeutsam. Die Rede von einem „generationellen Konflikt“ sei nicht geeignet, um Entstehung wie Auflösung dieser Gruppe zu erklären. Mit Hilfe der Kategorie „Generation“, so Geppert, seien weder die literarischen noch politischen Friktionen zu erklären. Die Beschäftigung mit der „Dritten Welt“, den USA und dem Marxismus hält Geppert mit Blick auf die „Gruppe 47“ für sehr viel wichtiger als den Umgang mit dem Nationalsozialismus, der nicht im Mittelpunkt gestanden habe. Diese Sektion zu „An Intellectual Generation: The Generation of Intellectuals“ machte die von AXEL SCHILDT (Hamburg) abschließend konstatierte intensivierte Verbindung zwischen Generationengeschichte und „intellectual history“ und weiter der Kulturgeschichte deutlich. Wer nur Flugblätter analysiere, so Schildt, habe von 1968 nichts verstanden.

Das trifft auch auf die Beschäftigung mit den von Anna von der Goltz untersuchten „68ern“ und „Gegen-68ern“ zu. Von der Goltz stellte Ergebnisse ihrer Untersuchungen der Gruppe um die späteren CDU-Politiker Eberhard Diepgen oder Peter Radunski vor. Deren Kollektivierung als „Gegen-68er“ hat demnach schon in der Zeit, nicht erst rückblickend begonnen. Während diese der Linken Übertreibung vorwarf, habe sie sich in der „invention of tradition“ gleichwohl martialischer, kriegsähnlicher Rhetorik bedient. Im Sinne Karl Mannheims sah sie eine gegenläufige Polarisierung zweier eng verzahnter Gruppen eines Generationszusammenhangs.

Der eigentlich breiter angelegte Teil zu Generationen in Osteuropa war wegen einiger Absagen leider geschrumpft. JAMES MARK (Exeter) untersuchte in dieser Sektion die „Erfindung eines ungarischen 1968“, das angesichts der starken Betonung der Ereignisse von 1956 und 1989 auch in der Forschung eine bislang untergeordnete Rolle spielte. Mark erläuterte die verschiedenen Sichtweisen in den Bewertungen von 1968 als von außen kommende Bedrohung durch liberale Werte einerseits und als Teil einer europäischen kulturellen Revolte andererseits. Im Kulturellen, mehr noch als im Politischen, verortete Mark denn auch die Bedeutung von 1968 in Ungarn. Er sprach von der „imagined solidarity“ einer transnationalen Generation. Anders als Mark machte HOLGER NEHRING (Sheffield) die Bedeutung von „Generation“ als politisches Argument stark. Insbesondere anhand der Länder Deutschland, Italien und Frankreich machte er ein generationenübergreifendes Verständnis europäischer Geschichte aus, das so für Osteuropa nicht zutreffe. Er sprach von einem „Westopia“, in dem Jugend die Klasse als „driving force“ sozialen Wandels ersetzt habe.

Die Bedeutung des Prager Frühlings als „letztem Versuch einer Reform“ stellte LUTZ NIETHAMMER (Jena) in der abschließenden besonders heraus. Er habe in der Tschechoslowakei keinen Resonanzraum für 1968 gelassen habe. Für Gesellschaften sowjetischer Prägung beobachtete Niethammer eine Entschleunigung, bei der ein Rückbezug auf die jeweils letzte Revolution eine Abfolge schneller Generationen verhindert habe.

KNUD ANDRESEN (Hamburg) war schließlich der einzige, der in seinem Vortrag explizit nicht das akademische Milieu behandelte, sondern die „Lehrlingsbewegung“, wie sie rückblickend genannt worden sei. Eine Generationenbildung machte er nicht aus, dafür aber Versuche, Hierarchien in den Firmen aufzubrechen und deren Strukturen zu demokratisieren. Da die meisten Lehrlinge nach ihrer Ausbildung den Betrieb gewechselt hätten und es außer einer großen Demonstration keine wichtigen Ereignisse gegeben habe, zeichne sich diese Bewegung durch gemeinsame Erfahrungen auf lokaler Ebene aus. Auch der fehlende öffentliche Diskurs sorge laut Andresen dafür, dass jemand wie Kurt Beck, der durch die Jugendbewegung der Gewerkschaften um 1968 politisiert worden sei, sich dennoch nicht als 68er begreife. Generation, so INGE MARSZOLEK (Bremen) in der Diskussion, habe eben auch mit Exklusion zu tun. Defizite in der Erforschung der Arbeiterbewegung hierzulande hält sie für einen Grund dafür, dass auch Entwicklungen in der Arbeiterschaft romanischer Länder um 1968 in Deutschland kaum wahrgenommen werden.

In der Abschlussdiskussion bilanzierte DIRK SCHUMANN (Göttingen), in den Beiträgen der Tagung seien transnationale Referenzpunkte gesetzt worden, es fehle aber ein genauerer Blick auf transnationale kulturelle Praktiken. In der Tat ging die Absicht, thematisch gegliedert je zwei länderspezifische Beiträge nebeneinander zu stellen, um spätestens in der Diskussion transnationale Bezüge herzustellen, nicht auf. Zwar wurde eine solche Bezugnahme dort auch eingefordert, war letztlich aber nur selten erkennbar.

So war ein Resultat dieser Tagung, dass es zu den „Generationen der 1968er“ weiterhin dort Forschungsbedarf gibt, wo länderspezifische Untersuchungen nicht schlicht nebeneinander gestellt werden, sondern „1968“ in seinen transnationalen Zusammenhängen analysiert wird.[2] Weiterhin ist deutlich geworden, wie sehr sich ein neuer Blick auf ein 1968 auch jenseits akademischer Milieus lohnt. Konzeptionell fiel auch auf dieser Tagung auf, dass eine Generationentheorie Karl Mannheims weiterhin wirkungsvoll und durchaus erhellend ist und in ihren Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. Dennoch verspricht insbesondere eine in den Diskussionen angedeutete Herangehensweise über Begriffe wie „Emotionen“ und „Stil“ auch in der Generationenforschung neue Impulse.

Konferenzübersicht:

Bernd Weisbrod/Anna von der Goltz: Begrüßung und Einführung

Section 1: The Making of the ‘68ers’ as an International Generation
Moderation: Dirk Schumann (Göttingen)

Robert Gildea (Oxford): Historians, Activists and the Generation of '68 in France
Marica Tolomelli (Bologna): ‘Il Sessantoto’: Building the Italian ‘68er’ Generation

Section 2: An Intellectual Generation: The Generation of Intellectuals
Moderation: Axel Schildt (Hamburg)

Dominik Geppert (Bonn): A Clash of Generations? ‘1968’ and the Dissolution of Group 47
Riccardo Bavaj (St Andrews): Young, Old and In-Between. Liberal Scholars and ‘Generation Building’ in the Wake of West Germany’s Student Revolt

Section 3: The New Generations of Post-communism?
Moderation: Lutz Niethammer (Jena)

James Mark (Exeter): Lost revolution – Lost Generation? The Case of Hungary.
Holger Nehring (Sheffield): Generational Narratives and '1968' in Western Europe

Section 4: A Generation of Moral Outrage: The Local and the Global Perspective
Moderation: Inge Marszolek (Bremen)

Knud Andresen (Hamburg): Generation-conflict or Class-conflict? The “Lehrlingsbewegung” in West-Germany 1968-1972
Anna von der Goltz (Oxford): The ‘other 68ers’ in West Germany: Political Polarization and Conservative Mobilization.

Section 5: Final Panel Discussion
Moderation: Bernd Weisbrod

Dirk Schumann, Axel Schildt, Lutz Niethammer, Inge Marszolek

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Norbert Frei, 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, München 2008; Mark Kurlansky, 1968. The Year that Rocked the World, New York 2003.
[2] Wie etwa im jüngst erschienen Buch: Martin Klimke, The other alliance. Student protest in West Germany and the United States in the global sixties, Princeton 2009.

Zitation
Tagungsbericht: The European Generation(s) of 1968, 27.11.2009 – 28.11.2009 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 30.03.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3055>.