Public History – Public Humanities

Ort
Freiburg
Veranstalter
DFG-Forschergruppe 875 „Historische Lebenswelten in populären Wissenskulturen der Gegenwart"
Datum
12.02.2010
Von
Doris Lechner, DFG-Forschergruppe 875 „Historische Lebenswelten in populären Wissenskulturen der Gegenwart", Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Während sich Public History und Public Science in der deutschen Forschungslandschaft allmählich etablieren, steht eine stärkere Auseinandersetzung mit und eine Institutionalisierung von ‚öffentlicher Geisteswissenschaft’ noch aus – trotz der Gründung der Initiative „Wissenschaft im Dialog“ (WiD) im Mai 1999 zur Etablierung des „Prozess[es] des Public Understanding of Science and Humanities (PUSH)“.[1] Das Symposium „Public History – Public Humanities“ der DFG-Forschergruppe „Historische Lebenswelten in populären Wissenskulturen der Gegenwart“ beschäftigte sich mit diesen neuen Themenfeldern, wobei folgende Fragen im Zentrum der Diskussion stehen sollten: Welche geisteswissenschaftlichen Wissensbestände werden wie, von wem, in welchen Medien und Genres, über welche Institutionen populär, für eine oder in einer breiteren Öffentlichkeit aufbereitet? Was bedeuten populäre Konstruktion und Aneignung für die transportierten Inhalte? Wo sind Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten zwischen Natur- und Geisteswissenschaften hinsichtlich des Public Understanding of Science? Zeigen sich neue Anwendungsbereiche geisteswissenschaftlicher Wissensproduktion? Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und den jeweiligen Geisteswissenschaften im Kontext der verschiedenen Institutionen und Medien?

Mit Beiträgen aus Geschichtswissenschaft, Ethnologie, Musikwissenschaft und Wissenschaftsforschung erweiterte das Symposium den Blick von Public History hin auf andere geisteswissenschaftliche Disziplinen. Dabei wurden in den Vorträgen sowohl eine notwendige Institutionalisierung öffentlicher Geisteswissenschaften und eine Integration des öffentlichen Wissenstransfers in die Forschertätigkeit thematisiert als auch Formen öffentlicher Wissensvermittlung durch wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Akteure vorgestellt und analysiert.

Bereits seit den 1980er-Jahren ist Public History in den USA durch zahlreiche Studiengänge etabliert, so IRMGARD ZÜNDORF (Referentin für Hochschulkooperation und Wissenstransfer am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF)). In Deutschland befindet sich eine akademische Einbindung von Public History noch im Aufbau. In ihrer Vorstellung des Masterstudiengangs Public History, der 2008 von der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem ZZF konzipiert wurde[2], zeigte Zündorf, dass der Aktionsraum im Spannungsfeld zwischen Fachspezialisten und Laienhistorikern recht unterschiedlich verstanden werden kann: Eine weiter gefasste Definition sieht Public History als „history for the public, about the public, and by the public“[3]; enger gefasst versteht der Studiengang darunter den Arbeitsbereich von Public Historians, die sich geschichtswissenschaftlicher, geschichtsdidaktischer und interdisziplinärer Methoden bedienen, um Themen, die auf ein breites Interesse der Öffentlichkeit treffen, interessant vermitteln zu können. Daher stellt sich für Zündorf die Frage, wie weit eine notwendige Komplexitätsreduktion gehen darf, um der historisch nicht vorgebildeten Öffentlichkeit Geschichtsprojekte interessant zu vermitteln, ohne dabei die Geschichtswissenschaft aus den Augen zu verlieren: „Wo fängt ‚Public’ an und wo hört ‚History’ auf?“

Auch MICHAELA FENSKE (Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Georg-August-Universität Göttingen) beschäftigte sich mit der Grenze zwischen Fachdisziplin und öffentlichem Diskurs bzw. dem „Aktionsraum zwischen öffentlichen und wissenschaftlichen Akteuren“ in ihrem Beitrag zu Wissenstransfer zwischen ethnologischer Forschung und Öffentlichkeit am Beispiel volkskundlicher Enzyklopädien im 20. Jahrhundert. Die Reaktionen von außerwissenschaftlichen Rezipienten auf das enzyklopädisch vermittelte Wissen können durchaus fruchtbar für weitere wissenschaftliche Forschungsansätze sein. Daher soll Wissenstransfer nicht als Kontrolle über das vermittelte Wissen verstanden werden, sondern als ein gemeinsamer, offener Prozess der Wissenskommunikation und -aushandlung von Akteuren aus verschiedenen Feldern. Um die Barrieren zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit abzubauen, sprach sich Fenske dezidiert für eine Erforschung dieses Aktionsraumes aus. Wünschenswert sei eine stärkere Professionalisierung in der gesellschaftlichen Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse, ebenso wie eine Analyse ihrer Wirkung und Präsentationsformen. So dürfe Forschungsförderung nicht mit der Fertigstellung akademischer Wissensformate enden, sondern müsse gleichzeitig die Weitergabe und Präsentation von akademisch produziertem Wissen in Kooperation mit außerwissenschaftlichen Gruppen umfassen.

Mit ihrer Aufgabe, Wissensbestände für ein breites Publikum aufzubereiten, stehen Museen direkt im Aktionsraum zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. ANNA SCHMID (Direktorin des Museum der Kulturen Basel (MKB)), widmete sich der praktischen, musealen Umsetzung von Wissensvermittlung außerhalb akademischer Wissensformate, indem sie die Grundüberlegungen für die Neukonzeption des MKB in Abgrenzung zur traditionellen Konzeption ethnologischer Museen vorstellte. In Rückgriff auf George E. Marcus und Michael M.J. Fischers Idee der Anthropologie als Kulturkritik[4] soll in der Neukonzeption des MKB eine Abkehr von der häufig anzutreffenden Stereotypisierung fremder Kulturen durch Verfremdung in der Darstellung dazu dienen, über die ‚Anderen‘ zu reflektieren, diese als Subjekte sichtbar zu machen und so Verallgemeinerungen aufzubrechen. Das MKB verstehe sich nicht lediglich als Wissensspeicher, sondern ziele bei Besuchern auf einen Erkenntnisgewinn durch die Verbindung von ästhetischem Erleben mit Wissen.

Ähnlich konstatierte HENDRIKJE MAUTNER (Juniorprofessorin für Musikvermittlung, Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart) auch für die Vermittlung musikwissenschaftlichen und -geschichtlichen Wissens eine notwendige „Anschlussfähigkeit an bestehende kollektive Sinnhorizonte“ des Publikums für die „Akzeptanz populärer Darstellungen“. Anhand von zwei filmischen Umsetzungen zum Mozartjahr 2006 – Kurt Palms Dokumentarfilm Der Wadenmesser: Das wilde Leben des Wolfgang Mozart (Fischer Film 2005) und der Zeichentrickserie Little Amadeus: Die Abenteuer des jungen Mozart (ARD/ZDF 2006) – analysierte sie, wie Wissen über Biografie und Werk des Komponisten populär vermittelt werden kann. Während Der Wadenmesser an vertraute Wissensbestände, Deutungsmuster und Sinnhorizonte der Mozartforschung anknüpft, um diese verfremdend und ironisch zu durchkreuzen und so neue Perspektiven zu eröffnen, vermittelt Little Amadeus (auch durch die Wahl bekannt anmutender Comicfiguren) über die Identifikationsfähigkeit der jungen Zuschauer mit dem Abenteuerhelden Mozart eine positive Einstellung gegenüber klassischer Musik. Die Biografie des Komponisten dient hier lediglich als Hintergrund für die Abenteuer, nicht als konsekutiv erzählte Historie.

Anschlussfähigkeit und Identitätsstiftung führte auch MARIANNE SOMMER (SNF-Förderungsprofessorin für Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsforschung, Universität Zürich) als wichtige Kriterien für die öffentliche Wissensvermittlung an. Am Beispiel des Feldes Genetische Geschichte und einer Analyse von deren kommerzieller Form, des genetischen Ahnentests, schlug ihr Vortrag die Brücke zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Das öffentliche Interesse an der „Genetisierung von Geschichte“ zeugt von der Instrumentalisierung „diasporischer Gefühle der Zerstreuung und Fragmentierung“, da die kommerziellen Anbieter des Ahnentests die Einordnung in einen gesamtmenschlichen Stammbaum und das Füllen von Leerstellen in der Familiengeschichte versprechen.[5] Hierin ist die „für angewandte Geschichte typische Verstrickung von akademischer Wissenschaft, kommerzialisierter Geschichte und öffentlicher Verbreitung und Teilnahme“ zu beobachten. Damit machte Sommer in ihrem Vortrag deutlich, dass öffentliche Wissensvermittlung auch innerhalb einer ‚Identitätsindustrie‘ operiert, wobei sowohl Anschlussfähigkeit als auch Kommerz wichtige Motive für die Popularisierung darstellen.

Die Abschlussdiskussion griff die wichtigsten Punkte und Fragen der Beiträge und Zwischendiskussionen auf. So zeichnete sich insgesamt ein Desiderat nach einer interdisziplinären Verknüpfung in einem künftigen Feld Public Humanities ab, um gemeinsame Strategien und Grundprinzipien zur Erforschung des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu entwickeln. Dabei ist zu bedenken, ob Public Humanities auch die Erforschung öffentlicher naturwissenschaftlicher Vermittlung mit einschließen sollte oder ob innerhalb dieses interdisziplinären Forschungsbereiches zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften unterschieden werden muss. Das Plenum wünschte sich, dass die Fachwissenschaft die Perspektivität im Spannungsfeld zwischen Laien- und Fachexperten zulässt; denn hier gehe es weniger um den oft befürchteten Verlust des Expertenstatus als vielmehr darum, den eigenen Exklusivitätsanspruch zu Gunsten einer vermutlich fruchtbaren Kooperation von wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Akteuren aufzugeben.

Konferenzübersicht:

Irmgard Zündorf (Potsdam): Public History in Berlin – Eine deutsche Übersetzung amerikanischer Ideen?

Anna Schmid (Basel): Das ethnologische Museum: Wissensbestände, Perspektiven und die Kraft der Objekte.

Michaela Fenske (Göttingen): Volkskunde goes public. Aspekte des volkskundlichen Wissenstransfers.

Marianne Sommer (Zürich): Gen und phylogenetisches Gedächtnis: Individuelle und kollektive genetische Geschichten im Netzwerk von Naturwissenschaft, Identitätspolitik und Markt.

Hendrikje Mautner (Stuttgart): Biographisches Wissen im Film. Zwei Filme aus dem Umkreis des Mozart-Jahres 2006.

Anmerkungen:
[1] Dialog Wissenschaft – Gesellschaft, in: Bundesministerium für Bildung und Forschung, <http://www.bmbf.de/de/1758.php> (30.03.2010); siehe auch das PUSH-Memorandum, in: Wissenschaft im Dialog, <http://www.wissenschaft-im-dialog.de/wir-ueber-uns/gruendung-und-geschichte/memorandum.html> (30.03.2010).
[2] Hintergründe, Organisation und Struktur des Masterstudiengangs können auf der Internetseite der Freien Universität Berlin eingesehen werden, <http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/phm> (30.03.2010); siehe auch Irmgard Zündorf, Zeitgeschichte und Public History, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.2.2010, <http://docupedia.de/docupedia/index.php?title=Public_History&oldid=687318731> (30.03.2010).
[3] Charles C. Cole Jr., Public History: What Difference Has It Made?, in: The Public Historian 16.4 (1994), S. 9-35, hier S. 11.
[4] Georg E. Marcus / Michael M.J. Fischer, Anthropology as Cultural Critique: An Experimental Moment in the Human Sciences, 2. Aufl. Chicago 1999 (1. Aufl. 1986).
[5] Siehe Welcome to International Biosciences, in: International Biosciences, <http://www.ibdna.com> (30.03.2010): „DNA ancestry services [are] designed to provide indisputable answers to emotional questions“.

Zitation
Tagungsbericht: Public History – Public Humanities, 12.02.2010 Freiburg, in: H-Soz-Kult, 09.04.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3063>.