WendeJahr 1959? Eine deutsch-italienische ZiF-AG zu Kontinuitäten und Brüchen in der deutschsprachigen Literatur der 50er Jahre

Ort
Bielefeld
Veranstalter
Matthias N. Lorenz, Universität Bielefeld; Maurizio Pirro, Università degli Studi di Bari
Datum
22.02.2010 - 24.02.2010
Von
Matthias N. Lorenz, Universität Bielefeld

Das Jahr 1959 gilt in den gängigen Literaturgeschichten als Zäsur: Mit den drei Romanen „Die Blechtrommel“ von Günter Grass, „Mutmaßungen über Jakob“ von Uwe Johnson und „Billard um halbzehn“ von Heinrich Böll habe die Bundesrepublik das „Klassenziel der Weltkultur“ (Hans Magnus Enzensberger) erreicht. Die Nachkriegszeit mit ihrer Dominanz der kurzen Form und existenzialistischer Schreibweisen sei mit dem „Romanjahr 1959“ überwunden und der Stand der Vorkriegsmoderne auch ästhetisch wieder eingeholt worden. Zudem berührten die Werke der genannten Autoren, die unberührt von der NS-Kulturpolitik blieben, erstmals den Nationalsozialismus nicht als überzeitliches Verhängnis oder als das exklusive Verbrechen einiger Weniger, sondern verorteten den Faschismus innerhalb des gesamten Täterkollektivs, und zwar über lange Zeiträume hinweg deutlich vor und auch nach jenen zwölf Jahren Diktatur zwischen 1933 und 1945. Die deutsch-italienische ZiF-AG hatte sich vorgenommen, die herrschenden Klischees, die über die 1950er-Jahre im Umlauf sind und die aus germanistischer Perspektive im „WendeJahr 1959“ kulminieren, zum Anlass für eine kritische Reflexion nicht nur der Kultur der späten 1950er-Jahre zu nehmen, sondern auch der Berechtigung historischer Epochenkonstruktionen und Schwellenpostulate insgesamt. Dabei sollte sich über die Interdisziplinarität der Arbeitsgemeinschaft hinaus deren bilaterale Konzeption als überaus hilfreich erweisen, um nicht nur einer disziplinären, sondern auch einer bloß nationalen Selbstbespiegelung entgegen zu wirken.

Die erste Sektion mit dem Titel „Moderne Zeiten?“ fragte nach weiteren Bruchstellen und Transformationen am Ende der 1950er-Jahre. Der Historiker ALEXANDER GALLUS (Rostock) steckte den politikgeschichtlichen Rahmen ab, indem er eine Periodisierung der bundesrepublikanischen Geschichte auf den Feldern Außen- und Deutschlandpolitik, Sozial- und Wirtschaftspolitik sowie gesellschaftspolitische Kultur und Intellektuellendiskurs vorschlug. Die Republik sei am Ende des Jahrzehnts nicht mehr allein geprägt von einer alternativlosen Westbindung, sondern habe nun auch im europäischen Kontext zunehmend an Bedeutung gewonnen. Das so genannte Wirtschaftswunder bewirkte eine Transformation hin zu einer Konsumgesellschaft mit stark steigenden Einkommen und Renten, deren Begleiterscheinung in der zeitgenössischen Wahrnehmung auch eine unpolitische Jugend gewesen sei. Doch auch bei den Älteren sei die Folge des Wohlstands ein sinkender Risikowille hinsichtlich der Wiedervereinigung Deutschlands. Der Bielefelder Historiker DANIEL SIEMENS dagegen zweifelte sowohl einen unpolitischen Charakter jener Zeit als auch die generelle Nützlichkeit und Haltbarkeit von politikgeschichtlichen Zäsuren-Setzungen an. In seinem Referat befragte er das gegenwärtige Bild der 1950er-Jahre in der deutschen Geschichtswissenschaft und verwies auf die Zeitgebundenheit historischer Forschung. Die tonangebenden deutschen Historiker entstammten einer Generation, die die 1950er-Jahre selbst noch erlebt und ihre Tätigkeit stets als politisch verstanden habe. Erst die „Wende“ von 1989/90 habe es ihnen ermöglicht, ein nahezu ungebrochenes Bild einer „Erfolgsgeschichte“ der Bundesrepublik zu zeichnen. Während neueste Forschungen ihr Augenmerk auf übernationale Prozesse richteten, dominierten den akademischen Buchmarkt weiterhin Überblicksdarstellungen, die dem Master-Narrativ des deutschen „Sonderwegs“ und seiner Überwindung in der Bundesrepublik folgten. Kontrovers diskutiert wurde im Anschluss, ob prominente Schriftsteller wie Böll oder Grass das wirkmächtige Bild von den unpolitischen 1950er-Jahren mit konfiguriert hätten, weil ihre politische Sozialisation im Nationalsozialismus stattgefunden habe, der viel faszinierendere Manifestationen des Politischen anzubieten gehabt habe als das demokratische Klein-Klein der frühen Bundesrepublik. FABIAN LAMPART beendete die Sektion mit einem Vortrag über Konzeptionen der Moderne in der deutschsprachigen Lyrik zwischen 1945 und 1960. Vor dem Hintergrund von Sprachskepsis und Kulturpessimismus in den Nachkriegsjahren zeichnete Lampart den Transfer der Modernediskussion ins literarische Feld anhand von Hans Sedlmayr und Hans Egon Holthusen nach und verglich anschließend Poetiken moderner Lyrik in den 1950er-Jahren am Beispiel von Gottfried Benn, Günter Eich und Walter Höllerer, deren Lyrik-Konzeptionen ein verändertes Verständnis von Moderne in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre einläuteten.

Die zweite Tagungssektion kreiste um verschiedene gesellschaftliche und kulturelle Kontexte, die sich schlaglichtartig im Jahr 1959 manifestierten: Die „Neue Antisemitismuswelle“, das Godesberger Programm der SPD und die Kriegsfilm-Welle. Der Verfassungsrechtler ANDREA DE PETRIS (Rom) legte dar, wie die Sozialdemokratie durch die Preisgabe des Marxismus, ihrer Forderung nach Sozialisierung der Industrie und ihres Konfrontationskurses zu den Kirchen versuchte, die Mitte der Gesellschaft zu erobern. Zusammen mit der Wahl Willy Brandts zum Regierenden Bürgermeister der „Frontstadt“ Berlin 1958 und dem Mauer-bau 1961 – ein Thema, bei dem der Sozialdemokratie mehr Kompetenz als der regierenden CDU zugetraut wurde –, bewirkte das Godesberger Programm eine Neuausrichtung der SPD als Volkspartei. Die Anpassung an den konservativeren Zeitgeist verdeutlicht, dass sich am Ende des Jahrzehnts der Möglichkeitsraum für politische Alternativentwürfe verengt hat. Gleichwohl wird die SPD im Adenauerstaat für Schriftsteller „Die Alternative“ (so heißt ein pro-sozialdemokratischer Band Martin Walsers von 1961; im gleichen Jahr beginnt Grass’ SPD-Engagement). Die Antisemitismusforscherin JULIANE WETZEL (Berlin) erinnerte an die judenfeindliche Schmierwelle, die – ausgehend von der Schändung der Kölner Synagoge am Heiligabend 1959 – Hunderte von Nachahmungstaten im In- und Ausland nach sich zog. Während sich Schriftsteller kaum mit dem Thema befassten, hatte das Wiederaufbrechen des Judenhasses breite pädagogische Bemühungen zur Folge, die nachwachsende Generation über den Nationalsozialismus aufzuklären. Diskutiert wurde angesichts der weitgehenden Kommu-nikationslatenz des Antisemitismus in der westdeutschen Öffentlichkeit, inwieweit hier von „Lernschritten“, die jeweils von Krisen ausgelöst und dann erfolgreich demokratisch bear-beitet würden, gesprochen werden könne. Der Kulturwissenschaftler TORBEN FISCHER (Lüneburg) untersuchte anhand der beiden 1959 präsentierten Kriegsfilme „Hunde wollt ihr ewig leben“ und „Die Brücke“, ob letzterer als Endpunkt und Neubeginn der langen Reihe von 50er-Jahre-Kriegsfilmen angesehen werden könne, wie in der Forschung häufig behauptet wird. Fischer konnte zeigen, dass die exkulpativen Strategien des Genres auch im angeblich „ersten wirklichen Antikriegsfilm“ „Die Brücke“ fortleben. Doch erste Brüche in den Erinnerungsbildern zu Krieg und Schuld, die sich 1959 bereits abzeichnen, weisen auf die eigentliche Inszenierung eines Neuaufbruchs im bundesdeutschen Kino voraus: die Ausrufung des Neuen Deutschen Films im Jahr 1962, die, wenn auch fünfzehn Jahre zeitversetzt, analog zur Selbstinszenierung der „Jungen Generation“ in der Gruppe 47 verlief.

In der dritten Sektion stand eine Evaluation des „Romanjahrs“ an. Ist die These, mit den Werken von Grass, Johnson und Böll beginne ästhetisch wie moralisch etwas Neues, noch haltbar? ANSELM WEYER (Köln) fragte nach der Zeitgebundenheit der „Blechtrommel“. Im Streit um abstrakte und gegenständliche Kunst habe Grass die konservative Seite gewählt, wovon auch die intertextuellen Bezüge zu Kunst, Musik und Literatur im Roman zeugten, die keineswegs auf der Höhe der Zeit gewesen seien. Auch die eigenen literarischen Verfahren erwiesen sich in ihrer Anlehnung an den Schelmenroman, an Vorbilder wie Grimmelshausen, Sterne und Döblin eher als traditionell denn modern. Hinsichtlich der selbstkritischen Ver-arbeitung der NS-Zeit, so ergaben die Diskussionen auch im Abgleich mit anderen Werken immer wieder, kann „Die Blechtrommel“ jedoch tatsächlich als Markstein innerhalb der Literatur des Täterkollektivs gelten. Als ästhetisch richtungsweisender Roman war unter den Teilnehmern lediglich Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ unumstritten, für den VIVIANA CHILESE (Ferrara) eine neue Sichtweise anbot. Die zeitgenössische, begeisterte Kritik angesichts der Modernität des Erzählverfahrens habe nahezu gänzlich ausgeblendet, dass der Roman eine hochreflektierte Antwort auf die politischen und kulturellen Diskussionen in der DDR war (unter anderem IV. Schriftstellerkongress, IV. und V. Parteitag der SED, Bitterfelder Konferenz). Somit erweist sich die politische Indienstnahme der „Mutmaßungen“ als „Roman der beiden Deutschland“ als Fehllektüre: Einer der für die Epochenkonstruktion des westdeutschen „Romanjahrs 1959“ konstitutiven Romane ist eigentlich ein genuiner, wenn auch dissidenter DDR-Roman. Bölls „Billard um halbzehn“, den ALICE MAZUREK (Limerick) vorstellte, konnte angesichts der Qualitäten von Johnsons und Grass’ Romanen, aber auch anderer um 1960 erschienener Erzählwerke wie Martin Walsers „Halbzeit“ oder Arno Schmidts „Kaff“ nicht bestehen. Auch die politische Dimension des Werks wurde kontrovers beurteilt: ob nicht der biblische Rekurs auf „Büffel“ (Täter) und „Lämmer“ (Opfer) eher ein Vermeidungsdiskurs sei, der verschleiere, was zu benennen wäre. Ein Zug der literarischen Moderne ist die Reflektion ihrer eigenen Verfahren und Bedingungen. Zumindest die Romane von Grass und Johnson eröffnen eine solche Perspektive, spielen doch beide Autoren mit den an sie herangetragenen Konventionen: Während Johnson Vorgaben und Begrifflichkeiten der DDR-Literaturpolitik (wie die nicht unironische Konzeption Jakobs als „Held der Arbeit“) reflektiert, delegiert Grass an seinen Erzähler eine Erörterung, was ein Roman angesichts der damals konstatierten „Romankrise“ zu leisten habe (nur um diese Ansprüche dann zu unterlaufen). Beide Texte nehmen das normative Korsett nicht ernst und erweisen sich gerade in dessen Überwindung als selbstreflexiv.

Eine vierte Sektion widmete sich den Wechselwirkungen zwischen westdeutscher und fremdsprachiger Literatur. Angesichts des bilateralen Zuschnitts der ZiF-AG stand Italien als Rezeptionsort wie als Inspiration deutscher Literatur im Mittelpunkt. MICHELE SISTO (Trient) zeichnete den Import deutschsprachiger Gegenwartsliteratur in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren nach. Während 1959 Frisch und Dürrenmatt ins Italienische übersetzt wurden, erwies sich 1962 als das Jahr der jungen deutschen Literatur, unter anderem in einer Anthologie und mit Walsers „Ehen in Philippsburg“, der „Blechtrommel“ und den „Mutmaßungen über Jakob“. Die am Ende der 1950er-Jahre so erfolgreich eingespielten Mechanismen der Gruppe 47 zur Akkumulation kulturellen Kapitals machten jenseits der Alpen so großen Eindruck, dass die Vertreter der Neoavanguardia das Modell studierten und anschließend als Gruppo 63 zu etablieren versuchten. Anhand des Dante-Diskurses im Werk Hans Erich Nossacks wies der Beitrag MAURIZIO PIRROS (Bari), der nicht gehalten werden konnte und den Teilnehmer/innen ausgeteilt wurde, einen Kulturimport in umgekehrter Richtung nach. CHARIS GOER (Bielefeld) untersuchte die frühe Rezeption der amerikanischen Beat-Lyrik in Westdeutschland, die die Perspektive der deutschen Lyrik ab 1959 vorsichtig zu öffnen vermochte (beginnend mit Allen Ginsberg: „Das Geheul und andere Gedichte“ und Walter Höllerers „Junge amerikanische Lyrik“, beide von 1959). Die Positionen der in Deutschland zehn Jahre später einsetzenden Debatte um Popliteratur (z.B. Rolf Dieter Brinkmann) wurde schon 1959 in der Debatte über den Beat präformiert.

In Sektion sechs diente die Literatur der DDR als Kontrastfolie für das westdeutsche literarische Feld. NICOLE COLIN (Amsterdam) räumte mit dem verbreiteten Klischee auf, Brechts Werk sei als Aushängeschild des DDR-Staats im Westen einem Brecht-Boykott zum Opfer gefallen. Vielmehr sei gerade das Gegenteil der Fall gewesen: Brechts Schaffen sei in der DDR weitgehend totgeschwiegen worden, wovon ex negativo auch diverse Anpassungs-versuche des Berliner Ensembles und Umarbeitungen seiner Stücke zeugten. So konnte „Das Verhör des Lukullus“ etwa in seiner ursprünglichen Form nur in der Bundesrepublik aufgeführt werden. Generell sei Brecht an westdeutschen Bühnen sehr präsent gewesen, vor allem in den 1960er-Jahren – trotz „Brentano-Affäre“ und Mauerbau. TIZIANA URBANO (Palermo) vertiefte den deutsch-deutschen Literaturkonflikt am Beispiel des Nachkriegs-kabaretts in Berlin. Die Programme der Ostberliner „Zwiebel“ und der Westberliner „Stachelschweine“ ließen sich als Seismograph des Kalten Krieges lesen. Ein anderes Instrument zur Beleuchtung der 1950er-Jahre bot DANIELA NELVA (Turin) an, indem sie die Autobiografien von DDR-Schriftstellern auf ihre Darstellung des Jahrzehnts untersuchte. So wie die Setzung von Epochenschwellen erweist sich auch die Autobiografie als Konstrukt, das bestimmten Interessen gehorcht. Vor allem am Beispiel Heiner Müllers („Krieg ohne Schlacht“, 1992) wurde der Zwiespalt zwischen Anpassung und Widerstand deutlich, der auf einen grundlegenden Unterschied zwischen den Literaturbedingungen in West und Ost verweist, der auch in den Kategorien von Kanon und Zensur zu fassen ist: Bestimmte in der Bundesrepublik der Markt den Kanon der durchsetzungsfähigen Literatur, so regulierte in der DDR die zentralistische Kulturpolitik durch Zensur, was überhaupt und wie erscheinen konnte. Dass das Jahr 1959 mit der Ausrufung des „Bitterfelder Weges“ auch in der DDR eine staatlich gesetzte Zäsur sein sollte, wäre Inhalt des Referates von MARTINA OELKE (Dortmund) gewesen, das leider nicht gehalten werden konnte, aber wie Maurizio Pirros Beitrag auch Aufnahme in die geplante Tagungsdokumentation finden wird.

Schriftstellerische Inszenierungsstrategien standen in der letzten Sektion auf dem Programm. Mit Günter Grass sowie zwei vermeintlichen „Außenseitern“ des Literaturbetriebs, Paul Celan und Arno Schmidt, standen drei ganz unterschiedlichen Akteure und ihre non-konformistischen Selbstinszenierungen zur Debatte, deren Texte noch einmal auf den Charak-ter des Neuen in den kulturellen und politischen Diskursen um 1959 befragt wurden. Während Celan in der Gruppe 47 „durchfiel“, war Schmidt keiner ihrer zahlreichen Einladungen gefolgt. JENS BIRKMEYER (Münster) zeigte anhand von Paul Celans 1959 erschienenem Band „Sprachgitter“, wie das Gesprächsgesuch eines jüdischen Überlebenden in der Tätergesellschaft keine Resonanz fand. Das Missverstehen und Fehldeuten von Celans Lyrik sei ein Indikator für das beredte Beschweigen insgesamt in den 50er Jahren. OLIVER MÜLLER (Bielefeld) untersuchte mit „Kaff auch Mare Crisium“ (1960) einen Roman, der seinerzeit ebensowenig wie Celans Sprachgitter zum Buchmessen-Event taugte. Müller hinterfragte in seinem Vortrag, inwiefern „Kaff“ tatsächlich einen Wendepunkt in Schmidts Oeuvre darstellt. Eine unerwartete Verbindung ergab sich zwischen den so unterschiedlichen Textbeispielen Celans und Schmidts, indem an ihnen deutlich wurde, wie wenig die Landser-Generation, der Schmidt wie auch nahezu alle Mitglieder der Gruppe 47 angehörte, fähig war, erfahrenes Leid und auch das Leid anderer als Leid gelten zu lassen und zu betrauern. Diskurse von der Vergewaltigung deutscher Frauen bis hin zur Fertigung von Stiefeln aus Menschenhaut und Euthanasie werden bei Schmidt lediglich als groteske Details präsentiert. Vor diesem Hintergrund, für den Schmidt noch als vergleichsweise unverdächtiger Zeuge gelten darf (immerhin hat er nie so massive Schuldabweisungsversuche wie etwa Gruppe 47-Gründungsmitglied Alfred Andersch publiziert), erweist sich erst die große Ausweg- und Hoffnungslosigkeit des Celan’schen Projektes, einer verstockten Öffentlichkeit ein sprachliches Kollisionsangebot zu machen. Wo Celans Gedichte ihre Optik durch eine „Träne“ offenlegen, verweigern die nichtjüdischen Autoren jede Empathie – um den Preis einer „Unfähigkeit zu trauern“ (Alexander und Margarete Mitscherlich) auch in Bezug auf sich selbst. Tagungsleiter MATTHIAS N. LORENZ (Bielefeld) untersuchte am Ende der Arbeitsgemeinschaft den zweiten Teil der „Danziger Trilogie“, die Novelle „Katz und Maus“ von 1961, aus der Perspektive von Grass’ autobiografischer Erzählung „Beim Häuten der Zwiebel“ von 2006, die durch sein „Geständnis“, als Siebzehnjähriger Soldat der Waffen-SS gewesen zu sein, einen Skandal ausgelöst hatte. Lorenz konnte durch ein „close reading“ der frühen Novelle zeigen, dass der Autor schon früh Rechenschaft über sein diesbezügliches Schuldempfinden abgelegt hatte und augenscheinlich das literarisch couvrierte „Geständnis“ notwendige Voraussetzung für ihn war, die Rolle als „Erzrepräsentant einer deutschen Schulderinnerung“ (Karl Heinz Bohrer), das ihm 1959 unmittelbar mit dem Erfolg der „Blechtrommel“ zugefallen war, ausüben zu können.

Abgesehen von den beiden gesundheitsbedingten Ausfällen zeichnete sich die Arbeits-gemeinschaft durch eine ungewöhnlich gute „Tagungsmoral“, eine sehr angenehme, kollegiale Atmosphäre und hohe Diskussionsbereitschaft aus, die sich auch am zweiten und am dritten Tagungstag in zusätzlich angesetzten, offenen Diskussionsrunden dokumentierte. Deutlich wurde, dass das Jahr 1959 eine zeitgenössische, unhaltbare Konstruktion sowie literarhistorisch verwendet eine behelfsmäßige Simplifizierung darstellt, die der Vielgestaltig-keit der gesellschaftlichen Diskurse der 1950er-Jahre nicht gerecht wird. Vielmehr stehen vom letzten Drittel des Jahrzehnts bis zum ersten Drittel der 1960er-Jahre zahlreiche Diskurse nebeneinander, die noch einmal an besonderer Dynamik gewinnen. Dabei zeichnen sich weitreichende Transformationsprozesse auf vielen Feldern ab, die erst im Verlauf der späten 1960er-Jahre als bestimmend erkennbar werden.

Konferenzübersicht:

Sektion I: Moderne Zeiten? Bruchstellen, Transformationen und Kontinuitäten um das Jahr 1959

Alexander Gallus, Rostock:
Die späten fünfziger Jahre als Zäsur. Überlegungen zur Periodisierung der bundesdeutschen Geschichte

Daniel Siemens, Bielefeld:
Von der „bleiernen Nachkriegszeit“ zur „Modernisierung im Wiederaufbau“? Das gegenwärtige Bild der frühen Bundesrepublik in der Geschichtswissenschaft

Fabian Lampart, Freiburg:
Vom „Verlust der Mitte“ zum „Museum der modernen Poesie“. Konzeptionen der Moderne in der deutschsprachigen Lyrik zwischen 1945 und 1960

Sektion II: 1959 in verschiedenen gesellschaftspolitischen Kontexten

Andrea de Petris, Rom:
1959, Bad Godesberg: Die Wende der Deutschen Sozialdemokratie

Juliane Wetzel, Berlin:
1959 als „Rückfall“? Die Neue Antisemitismuswelle

Torben Fischer, Lüneburg:
1959 im Film: Kriegsfilmwelle und Erinnerungsbilder

Sektion III: Beweisaufnahme: Evaluation des „Romanjahrs“

Anselm Weyer, Köln:
Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ (1959)

Viviana Chilese, Ferrara:
„… quer über die Gleise“. Zu Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ (1959)

Alice Mazurek, Limerick:
Heinrich Bölls „Billard um halb zehn“ (1959) – Von Lämmern und Büffeln

Sektion IV: Aneignungsverhältnisse: Wechselwirkungen zwischen der westdeutschen Literatur und dem Ausland

Michele Sisto, Trient:
Die Rezeption der deutschen Literatur im Wendejahr 1959 in Italien

Maurizio Pirro, Bari:
Dante bei Hans Erich Nossack

Charis Goer, Bielefeld:
Neues aus dem Westen – Frühe Rezeption und erste Übersetzungen der Beat Generation in Westdeutschland

Sektion V: Das andere Deutschland: Kontrastfolie DDR

Martina Ölke, Dortmund:
1959 - „Wendejahr Ost“? Der Bitterfelder Weg und die Literatur der DDR

Nicole Colin, Amsterdam/Paris:
Der doppelte Brecht – Ost-West-Figurationen einer verhinderten Rezeption

Tiziana Urbano, Palermo:
Nachkriegskabarett in Berlin. Wissen und Macht im Hinblick auf die Performance

Daniela Nelva, Turin:
Die 50er Jahre in Autobiographien von DDR-Schriftstellern

Sektion VI: Inszenierungsstrategien: Akteure des literarischen Feldes

Jens Birkmeyer, Münster:
Paul Celan – Schnitt 59

Oliver Müller, Bielefeld:
Zivilisationsdebakel. Zu Arno Schmidts Roman „Kaff auch Mare Crisium“

Matthias N. Lorenz, Bielefeld:
Literarische Spuren von Günter Grass’ Waffen-SS-Mitgliedschaft

Zitation
Tagungsbericht: WendeJahr 1959? Eine deutsch-italienische ZiF-AG zu Kontinuitäten und Brüchen in der deutschsprachigen Literatur der 50er Jahre, 22.02.2010 – 24.02.2010 Bielefeld, in: H-Soz-Kult, 08.04.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3069>.
Redaktion
Veröffentlicht am
08.04.2010
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