Aufgeklärt oder Abgeklärt? Athanasius Kircher und die Systematik des jesuitischen Wissens

Ort
Jena
Veranstalter
Forschungszentrum Laboratorium Aufklärung, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Datum
04.02.2010 - 05.02.2010
Von
Johannes Thumfart, Philosophiegeschichte, Freie Universität Berlin/ Philosophisches Institut

Seit dem 01.08.2009 fördert die Gerda Henkel Stiftung die Edition der kommentierten Reprintausgabe der Hauptwerke des Jesuitischen Universalgelehrten Athanasius Kirchers (1602-1680), die im Laufe der nächsten Jahre beim Georg W. Olms Verlag erscheinen soll. Kircher gilt als Schlüsselfigur der Orientalistik und Ägyptologie der frühen Neuzeit, hat sich aber eben so mit Kosmologie und Kombinatorik befasst. Auf dem Workshop trafen sich die Herausgeber Olaf Breidbach, Anne Eusterschulte und Wilhelm Schmidt-Biggemann mit anderen Wissenschaftlern, um das Kirchersche Modell der Universalwissenschaft zu diskutieren.

Herr SCHMIDT-BIGGEMANN äußerte sich in seinem einleitenden Vortrag des Workshops zu den drei Punkten Biographie, Kombinatorik und Ägyptologie bei Athanasius Kircher. Zunächst sei Kirchers unübliche Kombination mathematischer, orientalistischer, naturwissenschaftlicher und theologischer Interessen herauszustellen. Diese Kombination zeige sich in den wichtigsten Werken Kirchers, die Schmidt-Biggemann im Folgenden kurz erläuterte. Auch Kirchers Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Themen wie dem Magnetismus, der Lichttheorie oder der Geologie habe stets einen ideellen Aspekt. Kirchers universales Interessenspektrum sei wiederum eng mit der Methodik Kirchers verknüpft. Kircher gehe davon aus, dass schlechthin alle Dinge im Rahmen einer Universalwissenschaft erfasst werden könnten. Grundlage dieser Universalwissenschaft sei eine schöpfungstheologische Annahme. Bevor Gott die Welt geschaffen habe, habe er das Wort, die Ideen in der Primordialwelt geschaffen und diese Worte in der adamitischen Sprache an Adam weitergegeben, glaube Kircher. Kirchers Universalwissenschaft beschäftige sich mit der Rekonstruktion dieser urtümlichen Sprache, die der biblischen Narrative nach im Sündenfall verschollen gegangen sei. Gerade in diesem Zusammenhang sei die Ägyptologie für Kircher eine Schlüsselwissenschaft. Seiner Entzifferung der Hieroglyphen sei es an der Wiederherstellung des ursprünglich universalsprachlichen Zusammenhanges gelegen. Jedoch müsse bemerkt werden, dass Kirchers Interpretation der Hieroglyphen nicht nur falsch sei, sondern auch auf gefälschten Quellen wie etwa der Mensa Isiaca oder dem Corpus Hermeticum aufbaue.

Frau EUSTERSCHULTE erläuterte das Itinerarium exstaticum Kirchers. Sie stellte vor allem die Bedeutung des Werkes als wissenschaftlich-fiktionale Mischform heraus. Das Itinerarium exstaticum erzähle die Geschichte von Theodidactus, der von dem Engel Cosmiel durch das Sonnensystem und darüber hinaus geführt werde. Im Verlauf dieser Reise würden die Planeten und ihr Verhältnis zueinander in großer Anschaulichkeit beschrieben werden. Während der Engel Cosmiel die führende Figur in der Reise zu den Planeten sei, übernehme Theodidactus das Szepter in den äußeren, metaphysischen Sphären des Kosmos. Diese Verbindung zwischen literarischer und naturwissenschaftlicher Form sei zwar revolutionierend, aber zur Zeit Kirchers nicht neu. John Wilkins, Johannes Kepler und Francis Godwin hätten ganz ähnliche Formate entworfen. Zu betonen sei auch, dass die prächtigen Illustrationen, für die das Itinerarium Exstaticum berühmt sei, erst in der durch Kirchers Mitarbeiter Gaspar Schott erfolgten Zweitauflage des Buches zu dem Band hinzugetreten seien. Interessant sei auch die Rolle der Ordenszensur, was die Unterschiede zwischen der Erst- und Zweitauflage des Werkes betreffe. Es sei beanstandet worden, dass Kircher zu streng mit Aristoteles und Thomas ins Gericht gehe, dass er selbst die Bibel fehlerhaft zitiere, und dass er die Einheit des Kosmos in einem Cusanischen Sinne dem freien Willen Gottes überordne. Bisweilen fänden sich im Itinerarium sogar Verstöße gegen die jesuitische ordinatio. Nach der Publikation des Buches hätten sich auch Gelehrte aus ganz Europa kritisch gegenüber dem Werk geäußert, ja sogar gemeint, es verursache eine regelrechte nausea. Andererseits habe gerade diese Kritik im Verbund mit der großen Popularität des Buches dazu beigetragen, dass die Publikation des zweiten Teiles des Buches zur Wahrung des Ansehens der Jesuiten unabdingbar geworden sei. Inhaltlich habe sich Kircher in dem Buch um eine Vermittlung zwischen Tychonischen und Kopernikanischen Gedanken bemüht und den eigenen Standpunkt nicht klar erläutert. Trotz all der im Buch vollzogenen Fiktionalisierung und metaphysischen Spekulation sei offenkundig, dass sich das Werk mit den durch die Erfindung des Teleskops entstandenen empirischen Fakten auseinandersetze. So nehme Kircher etwa Mond und Sonne schon in aller Detailgenauigkeit als von Texturen unterschiedlichster Art überzogene Himmelskörper wahr. Eben so lehne Kircher einen festen und undurchdringlichen Weltraum ab und betone, dass alle Himmelskörper Veränderung oblägen, wodurch er die klassische Trennung zwischen veränderlicher sublunarer und unveränderlicher supralunarer Welt aufhebe.

Herr BREIDBACH ging es vor allem um eine Einordnung Kirchers in die Geschichte der Automation. Kircher habe in seiner ars magna sciendi zwar die wesentlichen Grundzüge der lullistischen Universalsprache übernommen. Der lullistischen ars combinatoria habe Kircher aber einen weitergehenden Aspekt verliehen. Kircher sei nicht nur wie Lull mit der Herausarbeitung der elementaren syntaktischen Bestandteile von Sprache beschäftigt gewesen, sondern vor allem mit dem semantischen Problem der sinnhaften Zuordnung und Kombination dieser Elemente. In seiner seriellen Kombinatorik habe Kircher den Raum der möglichen Daten abgebildet. Nur kurz nachdem Kircher seine diesbezüglichen Studien betrieben habe, sei tatsächlich der automatische Webstuhl entwickelt worden, der auf Lochkartensystemen und damit auf serieller Kombinatorik basiere. Da Kirchers Idee der Universalsprache Bedingung seiner seriellen Kombinatorik sei, sei die schöpfungstheologische Idee am Grund von Kirchers Universalsprachenmodell, die adamitische Sprache, auch Voraussetzung für die moderne Kombinatorik. Diese wiederum bilde die Grundlage der modernen Automation.

Herr VAN GELDEREN begann seine Ausführungen zur Stellung Amerikas und seiner Urbewohner in der Universalgeschichte mit dem Verweis auf ein juristisches Problem der frühen Neuzeit. Gerade in kolonialen Zusammenhängen sei es lange Zeit üblich gewesen, den Amerindianern jegliche Eigenschaft als Rechtssubjekte abzusprechen. Recht sei ausschließlich weißen Kaukasiern vorbehalten gewesen. Besonders im Zuge der conquista Meso- und Südamerikas durch Kastilien sei diese Rechtsauffassung zur praktischen Anwendung gekommen, aber auch schon seit Beginn des 16. Jahrhunderts eben so kritisch hinterfragt worden. Besonders bekannt sei die im Kastilien des 16. Jahrhunderts entbrannte Debatte über den Rechtsstatus der amerikanischen Ureinwohner, die duda indiana. Heftig diskutiert worden sei im Zusammenhang mit der Frage nach der Rechtsstellung der amerikanischen Urbevölkerung die Frage nach deren Herkunft, setze doch für die damalige christlich geprägte Anthropologie die Annahme der Begabung der amerikanischen Urbevölkerung mit spezifisch menschlichen Rechten die Abkunft der Indianer von Noah voraus, da von eben diesem nach der biblischen Narrative alle Menschen abstammten. Francisco de Vitoria habe im Zuge dieser Debatte entscheidende Antworten geliefert, die später von José d’Acosta, Hugo Grotius und Georg Hornius ausgearbeitet worden seien. Grotius habe die These vertreten, die Amerindianer stammten von den Norwegern ab, Hornius habe die These vertreten, dass die Urväter der Amerindianer Skythen gewesen seien.

Herr RÖSSLER stellte vier Thesen zum Musaeum Kircherianum auf: Erstens besitze Kirchers Museum mehr Merkmale einer fürstlichen Kunst- und Wunderkammer als zeitgenössische spezialisierte Sammlungen. Es beruhe weniger auf systematischen Kriterien als vielmehr auf den Erfordernissen und Effekten von Gaben und Tausch, durch welche das Museum entstanden sei. Demnach sei das Ziel von Kirchers Museum oft auch die Repräsentation des Wissens für den Fürsten und die Repräsentation des Fürsten als eines Besitzers von sapientia. Zweitens sei diese politische Funktionalität des Wissens gerade in der Allgegenwart des Habsburgischen Doppeladlers ersichtlich. Die imperiale Ikonographie ziele hier auf eine Steigerung der Reputation des Wissens, das Wissen steigere wiederum das kaiserliche Ansehen. Drittens ersetze die Lokalisierung eines Versuches für Kircher in einer Installation im Museum vielfach das Kriterium der Reproduzierbarkeit. Nach dieser Logik legitimiere die pompöse Darstellung auch phantastische Versuche, die keinesfalls reproduzierbar seien. Viertens folge die Wissensproduktion bei Kircher einer Dialektik von Revelation und Arkanisierung. Kircher behaupte oft, er dürfe nicht verraten, was er wisse, und gefalle sich darin, Illusionen eben so zu erzeugen wie dann später aufzudecken. Auch sei das Museum so konzipiert, dass immer zu wenig Zeit bleibe, um alles zu sehen. Dabei handele es sich möglicherweise um eine Strategie. Bei all diesen Thesen handele es sich aber um Einzelbeobachtungen, die nicht umstandslos auf die Gesamtheit des Kircherschen Oeuvres übertragen werden könnten.

Frau BOENKE stellte den Aufbau des Oedipus Aegyptiacus dar. Zunächst erläuterte sie einige Parallelen zwischen der Innenarchitektur des Doms von Siena und Kirchers Oedipus Aegyptiacus. Wie auf dem Mosaikboden des Doms von Siena spiele die Figur des Hermes Trismegistus eine zentrale Rolle im Oedipus Aegyptiacus. Hermes gelte als der Begründer einer Buchstabenschrift nach den Gestalten von Pflanzen und Lebewesen, die zu entziffern sich Kircher anstelle. Kirchers Projekt der Entzifferung der Hieroglyphen könne nur aus dem Mythos des Hermes heraus verstanden werden. Des Weiteren nannte Frau Boenke drei Grundmotive des Oedipus. Die Hieroglypheninterpretation sei das wichtigste Motiv des Oedipus. Die anderen beiden Motive seien der Versuch einer Weltgeschichtsschreibung und die Schilderung der Struktur und des Verfalls von Kulturen. Problematisch sei, dass sich Kircher bei seinen Untersuchungen auf zweifelhafte Quellen, wie etwa die Mensa Isiaca und die Schriften des Abenephius stütze. Die Echtheit letzterer Quelle sei schon von Kirchers Kollege Peiresc bezweifelt worden. Trotz dieser Schwächen trage Kirchers Oedipus Spuren einer vergleichenden Religionsgeschichte. Dies trete etwa in der Art und Weise zu Tage wie Kircher das Weiterleben der ägyptischen Idolatrie in der griechischen untersuche.

Insgesamt vermochten die verschiedenen Beiträge des Workshops einen Überblick über das Werk Athanasius Kirchers zu geben, der dessen intellektueller Vielfalt und Tiefe gerecht wurde. Zu keinem Zeitpunkt wirkte der weite thematische Bogen überspannt, welcher immerhin von der Kabbala und der Ägyptologie über die Robotik und die Astronomie bis hin zur Museologie reichte. Nicht zuletzt war der unübersehbare rote Faden, der durch die thematische Vielfalt der Beiträge hindurchführte, eine anschauliche Illustration von Kirchers Idee der Universalwissenschaft.

Da das fast ausschließlich auf Latein vorliegende Werk Kirchers noch kaum bearbeitet ist und selten kritisch rezipiert wurde, haben alle Beitragenden in vielen Punkten ihrer Vorträge wissenschaftliches Neuland betreten. Die Bedeutung Kirchers für die Geschichtsschreibung so verschiedener Wissenschaften wie der Astronomie, Museologie und Altorientalistik wird sicher zunehmen, wie dies schon heute das weltweite verstärkte Interesse an Kirchers Arbeiten beweist. Das Editionsprojekt des Kircherschen Gesamtwerks, in dessen Rahmen der Workshop stattfand, wird bei der Erschließung der Arbeiten Kirchers von großem Wert sein.

Konferenzübersicht:

Wilhelm Schmidt-Biggemann: „Wissensorganisation und Wissensbewertung bei Athanasius Kircher“

Anne Eusterschulte: „Inhaltswissen und Strukturwissen – Itinerarium Exstaticum

Olaf Breidbach: „Strukturwissen und Inhaltswissen – Ars magna sciendi

Martin Van Gelderen: „Arca Noe und die Neue Welt (Grotius, Hornius) – Zu den Anfängen der Universalwissenschaft“

Hole Rössler: „Interferenzen von Musaeum und Buch. Zum Verhältnis von Präsentation und Repräsentation von Wissen bei Athanasius Kircher“

Michaela Boenke: „Zur Konzeption des Oedipus Aegyptiacus“

Zitation
Tagungsbericht: Aufgeklärt oder Abgeklärt? Athanasius Kircher und die Systematik des jesuitischen Wissens, 04.02.2010 – 05.02.2010 Jena, in: H-Soz-Kult, 23.04.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3081>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.04.2010