„Ein Exzess der Befreiung der Frau“? Terrorismus, Geschlecht und Gesellschaft in den 1970er-Jahren in transnationaler und interdisziplinärer Perspektive

Ort
Gießen
Veranstalter
Andreas Schneider, Justus-Liebig-Universität Gießen; Research Area 7 des International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC), Justus-Liebig-Universität Gießen; Irene Bandhauer-Schöffmann, Universität Wien / Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Datum
28.01.2010 - 29.01.2010
Von
Johannes Pause, Graduiertenkolleg "Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart", Universität Gießen

Auf die Frage, weshalb den Frauen innerhalb der Roten Armee Fraktion (RAF) eine derart zentrale Rolle zukomme, antwortete Fritz Teufel einmal mit dem lakonischen Satz: „Weil Frauen die besseren Menschen sind.“[1] Tatsächlich ist der hohe Anteil von Frauen an den terroristischen Gruppierungen der 1970er-Jahre in Deutschland auffällig; noch bemerkenswerter ist allerdings die Bedeutung, die diesem Sachverhalt seither in der öffentlichen Debatte zugemessen wurde. Das beständige Rätseln über die „Motive femininer Militanz“[2] offenbarte über diese selbst nämlich nur wenig, vieles jedoch über die gesellschaftlich etablierten Geschlechterrollen und -klischees, die in der Berichterstattung zum Tragen kamen. Vor allem in den Print-Medien wurden die Täterinnen wahlweise pathologisiert, als Mitläuferinnen der männlichen Terroristen marginalisiert oder als „Flinten-Weiber“ [3] erotisiert, wobei als verhängnisvoller Auslöser ihres abweichlerischen Verhaltens mit Vorliebe der Feminismus dingfest gemacht wurde. Von einer solchen Identifikation von Feminismus und Terrorismus wollte die RAF selbst allerdings nicht viel wissen: Der Terror sei für sie niemals eine „Frage Mann - Frau“ gewesen, betont etwa die ehemalige Terroristin Inge Viett bis heute.[4] Diese Schieflage lässt erkennen, dass die Terrorismus-Hysterie der 1970er-Jahre auch als Reaktion auf jene Erschütterung der Geschlechterrollen und -verhältnisse begriffen werden muss, die bereits im Verlauf der 1960er-Jahre begonnen hatte und nach Studentenrevolte, sexueller Befreiung und feministischer Bewegung schließlich nicht mehr zu ignorieren war.[5]

Angesichts der Virulenz geschlechterstereotyper Muster allein schon im deutschsprachigen Terrorismus-Diskurs der 1970er-Jahre mag es erstaunen, dass die Gender-Dimension in der neuerlich boomenden Terrorismusforschung bislang weitgehend ein Desiderat geblieben ist. Die Tagung „‚Ein Exzess zur Befreiung der Frau’? Terrorismus, Geschlecht und Gesellschaft in den 1970er-Jahren in transnationaler und interdisziplinärer Perspektive“, die am 28. und 29. Januar in der Justus-Liebig-Universität in Gießen stattfand und von Irene Bandhauer-Schöffmann (Wien/Klagenfurt) und Andreas Schneider (Gießen) sowie der Research Area 7 des Gießener International Graduate Centre for the Study of Culture (GCSC) veranstaltet wurde, suchte diese Lücke zu schließen und einen Dialog zwischen Terrorismus- und Geschlechterforschung anzustoßen. Dabei kamen unter anderem Vertreterinnen und Vertreter der Literatur- und Kulturwissenschaft, der Medienwissenschaft, der Geschichtswissenschaft sowie der German Studies und Gender Studies zu Wort. Die interdisziplinäre Ausrichtung der Tagung war dabei vor allem dem von ANDREAS SCHNEIDER (Gießen) einführend formulierten Anspruch geschuldet, die zeitgenössische Diskussion über die Motive und Ursachen speziell femininer Gewalt nicht einfach bloß zu reproduzieren, sondern vielmehr als Indikator eines fundamentalen gesellschaftlichen Wandels zu begreifen und zu analysieren. Dazu gehörte nach Schneider nicht nur, neben der Debatte um die weibliche Gewalt auch die Konstruktionen von Männlichkeit zu untersuchen[6], die innerhalb des Diskurses zum Tragen kamen, sondern darüber hinaus auch die Spezifika unterschiedlicher nationaler Geschlechterordnungen in den 1970er-Jahren zu vergleichen und Überschneidungen mit anderen Differenzkategorien wie race, class oder Ethnizität zur Sprache zu bringen. Neben den zeitgenössischen medialen Darstellungen des Terrors sollten filmische und literarische Verarbeitungen ebenso mit einbezogen werden wie das Selbstverständnis und die Selbstinszenierungen von Justiz, Polizei und Staat auf der einen sowie den Terroristen und Terroristinnen auf der anderen Seite.

Im ersten Panel, in dem das Verhältnis von Terrorismus und Geschlechter-Stereotypen in printmedialen Darstellungen im Fokus stand, lieferte zunächst CLARE BIELBY (Hull) anhand einer Analyse der Schmutz- und Reinheits-Semantik, mit der besonders die deutsche Regenbogenpresse über die Terroristinnen der RAF berichtete, einen Beleg für die Verschränkung von Geschlechter- und Terrorismusdiskurs. Bielby stellte den Begriff der „Nestbeschmutzerin“ in den Mittelpunkt, der in Zusammenhang mit einer Aktion Ulrike Meinhofs besonders prominente Anwendung fand. Dabei hatte die Journalistin noch vor ihrem Eintritt in die RAF die Wohnung ihres Mannes Klaus Rainer Röhl verwüsten und dessen Bett mit Exkrementen beschmutzen lassen. Ausgehend von der Beobachtung, dass Nationen sich selbst in der Regel durch weibliche Figuren repräsentieren und symbolisieren, legte Bielby anhand weiterer Beispiele und mit Bezug auf Julia Kristeva den übertragenen Sinn der Formulierung frei: Die gewalttätige Frau wird zum ‚Anderen’ der Nation, zum „abjekten“, ausgestoßenen Widerpart, gegen den sich die deutsche Nation und die ‚saubere’ deutsche Frau konstituieren.[7] Im Anschluss untersuchte EVA MARIA MODREY (Gießen) die verschiedenen Männlichkeitsentwürfe, die bei der Berichterstattung über das terroristische Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 in München zum Tragen kamen, wobei sie die unterschiedlich gelagerten Männlichkeitsbilder von Attentätern, Opfern und Staat bzw. Polizei verglich. Modrey zeigte, dass die palästinensischen Attentäter in der Presse einerseits zwar als kompromisslose starke Männer, andererseits aber auch als heimtückische und weichliche Feiglinge dargestellt wurden – eine Feminisierung, mit der bereits seit der Antike gängige Orient-Klischees unbedarft reproduziert wurden. Auf der anderen Seite wurden die Opfer in der Darstellung tendenziell ‚vermännlicht’, indem sie als furchtlos und heldenhaft dargestellt wurden. Dass diese positive Konnotation traditioneller Männlichkeits-Stereotype im Kern eine konservative Reaktion gegen die in den 1970er-Jahren an Popularität gewinnende Vorstellung des ‚neuen Mannes’ darstellte, machte Modrey insbesondere an der Berichterstattung über das Verhalten der Polizei deutlich, deren tendenziell unentschlossenes Vorgehen in der deutschen und ausländischen Presse stark kritisiert wurde.

Auf die langen Linien, in denen sich die Verschränkung von Terrorismus-Diskurs und Geschlechterstereotypen historisch entwickelt haben, machte SYLVIA SCHRAUT (München) aufmerksam. Verstanden als radikal gewalttätige Infragestellung der bestehenden Ordnung, die sich die mediale Öffentlichkeit als wesentliches Spielfeld suche, sei Terrorismus keineswegs eine Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Die Beurteilung weiblicher politischer Gewalt unterliege dabei seit dem 19. Jahrhundert den gleichen Vorurteilen: Frauen gälten als irrational sowie zu Überzeugungstaten und eigenständigem politischen Handeln unfähig. Aus diesem Grund bleibe den kämpfenden Frauen auch die Rolle des Helden grundsätzlich verwehrt; allein das Rollenklischee der christlichen Märtyrerin finde bis in die Berichterstattung der Gegenwart hinein auf Terroristinnen Anwendung.

In einer vergleichenden Analyse zur „bewaffneten Frau“ in medialen Darstellungen der RAF und des Weather Undergrounds bestätigte HANNO BALZ (Lüneburg) die Ergebnisse der anderen Referenten. Balz betonte insbesondere die Widersprüche des deutschen Pressediskurses, der zwischen tradierten Feindbildern, sexualisierender Darstellung, antifeministischen, psychologisierenden oder gar biologisierenden Deutungen und mythischer Überhöhung der Täterinnen oszillierte. Vergleichbare denunziatorische Abgrenzungsbemühungen fänden sich in der US-amerikanischen Presse der 1970er-Jahre nicht: Den Frauen des Weather Underground wurden tendenziell ähnliche Ziele, Motive und Fähigkeiten zugesprochen wie den männlichen Terroristen. In der anschließenden Diskussion des Panels wurde allerdings die Vergleichbarkeit von Weather Underground und RAF infrage gestellt.

Im ersten Beitrag der zweiten Sektion, die die filmischen Darstellungen von Terrorismus und Geschlecht in den Blick nahm, analysierte JAN HENSCHEN (Erfurt/Weimar/Jena), wie das Denken in Filmbildern sowohl die Geschichtsschreibung als auch die Filme dominiere, die sich mit Terrorismus auseinandersetzen. Henschen zeigte, dass die Vorstellung, filmische ‚Urszenen’ hätten zur Gründung von Terror-Organisationen beigetragen, insbesondere dort zu einem Topos des Terrorimus-Diskurses geworden ist, wo männliche Terroristen bzw. männliche Erinnerungen an die 1970er-Jahre im Vordergrund stehen. Die Trias Filmheld, Mann und Terrorist werde dabei in beliebiger Weise verkoppelt. Bereits in Godards La Chinoise (F 1967) definierten sich die männlichen Revolutionäre durch Posen und verharrten so im Feld des Symbolischen, während zum tatsächlichen Gewaltakt nur die Frau fähig sei. Fassbinders Episode aus dem Omnibusfilm Deutschland im Herbst (D 1978) interpretierte Henschen als direkte Auseinandersetzung mit einem terroristischen Männlichkeitsformat, das, verkörpert durch die Figur Rainer-Werner Fassbinder, die Stammheim-Paranoia im privaten Raum der eigenen Wohnung nachlebt. An Christopher Roths Baader (D 2002) schließlich machte Henschen deutlich, dass insbesondere die Ästhetik der französischen Nouvelle Vague Material für die männlich geprägte RAF-Erinnerungskultur und die mit ihr verbundenen Identitätsentwürfe liefert. TODD GOEHLE (Binghampton, NY) stellte im Anschluss die unterschiedlichen Reaktionen auf den Charles-Bronson-Film Death Wish (USA 1974, R: Michael Winner) in den USA und Deutschland in den Mittelpunkt. Die Vision maskuliner, naturwüchsiger Selbstjustiz, die mit der dekadenten städtischen Gesellschaft aufräumt, zeige sich in der Krisensituation, die dem Tod von Holger Meins folgte, als in verhängnisvoller Weise adaptierbar: Die Angst vor einer neuen Welle des Terrors sei in Selbstjustiz-Phantasmen abreagiert, der Film selbst in die losbrechende ‚law-and-order’-Diskussion einbezogen worden. Einen weiteren interkulturellen Vergleich unternahm TILL KNAUDT (Bochum) anhand des japanischen Films United Red Army (J 2007, R: Kôji Wakamatsu) und der deutschen Produktion Der Baader Meinhof Komplex (D 2008, R: Uli Edel), die beide als umfassende Aufarbeitungen der Geschichte der jeweils wichtigsten nationalen Terrororganisation vermarktet wurden. Im japanischen Film werde dabei der weibliche Körper zum Opfer der terroristischen Gewalt, die als sexualitäts- und frauenfeindlich charakterisiert werde. Wakamatsu zeige somit die Eskalation der Gewalt innerhalb der terroristischen Gruppierung als finalen moralischen Bankrott der japanischen Studentenrevolte. In der deutschen Produktion gehörten Terrorismus und sexuelle Revolution dagegen tendenziell zusammen, wobei letztere als das positive Erbe dieser Zeit besonders hervorgehoben werde.

Während die ersten beiden Sektionen in erster Linie die Repräsentationen von Geschlecht in medialen Verarbeitungen des Terrorismus in den Blick nahmen, fokussierte das dritte Panel auf den Zusammenhang von Terrorismusbekämpfung und Geschlechterordnung. GISELA DIEWALD-KERKMANN (Bielefeld) widmete sich zunächst dem bislang kaum erforschten Feld der Strafverfahren gegen Terroristinnen und suchte die Frage zu beantworten, inwiefern die Kategorie Geschlecht hierbei eine Rolle spielte. Der neue Typus von Kriminellen, mit dem sich die Gerichte nach der Gründung der RAF konfrontiert sahen – gebildete, zu einem großen Teil weibliche Überzeugungstäter aus guten Häusern –, machte es notwendig, in neuen forensischen Kategorien zu denken. Diewald-Kerkmann stellte die These auf, dass die Geschlechterdifferenz dabei anfangs sowohl für die Justiz als auch für die Presse und das BKA auf sehr unterschiedliche Weise eine Rolle spielte. So sei Frauen in den ersten Strafverfahren grundsätzlich unterstellt worden, nicht freiwillig, sondern als Opfer männlicher Verführung in die Illegalität geraten zu sein. In dem Maße aber, in dem sich die Überzeugung und der Wille zum Festhalten am Terrorismus bei den Terroristinnen als im Durchschnitt sogar stärker ausgeprägt erwiesen habe als bei den Männern in der RAF, sei die Kategorie ‚Geschlecht’ zumindest im juristischen Bereich in den Hintergrund gedrängt worden.

DOMINIQUE GRISARD (Basel) widmete sich daraufhin dem Terrorismus in der Schweiz, wobei sie den vorherrschenden rechtskonservativ geprägten, militärisch-männlichen Diskurs als heimliche Regierungstechnik entlarvte. Zwar blieb die Schweiz von terroristischen Anschlägen weitgehend verschont, durch die Entführungen zweier Swissair–Flugzeuge in den frühen 1970er-Jahren sah sich der Staat jedoch gleichwohl legitimiert, eine schärfere Gesetzgebung einzufordern. Der Diskurs zementierte dabei zum einen das Modell einer schutzbedürftigen schweizerischen Familie, dessen schwächste Mitglieder – die Frauen und Kinder – durch den männlichen Familienvorstand verteidigt werden müssten, zum anderen erzeugte sie das Bild einer durch den als ‚männlich’ konnotierten internationalen Terrorismus regelrecht ‚vergewaltigten’ schweizerischen Bevölkerung, wobei vor allem Frauen und junge Erwachsene als verführbar und politisch unreif ausgegrenzt wurden. Die starke Kooperation zwischen Bevölkerung und Parlament bzw. Polizei interpretierte Grisard als Aneignung und performativen Vollzug dieses Diskurses durch die Individuen, die sich dabei durch die Abgrenzung von den Terroristen als Bestandteil jener patriarchal geprägten Gesellschaft definierten.

Nicht Penetrationsfurcht, sondern Verführungsangst stand, wie IRENE BANDHAUER-SCHÖFFMANN (Wien/Klagenfurt) zeigte, im Zentrum der österreichischen Auseinandersetzung mit dem Terrorismus, der hier in erster Linie als bundesdeutscher Import verstanden wurde. Anhand der Entführung des Wiener Industriellen Walter Palmers wies Bandhauer-Schöffmann die Verknüpfung von nationalen Stereotypen mit Geschlechterkonstruktionen nach, wobei die deutschen Terroristinnen als Verführerinnen der männlichen österreichischen Tatbeteiligten gesehen wurden. Die österreichischen Täter wurden im öffentlichen Diskurs als unfähige und unreife Stümper dargestellt. Damit stand Österreich einmal mehr als Opfer-Nation da, während Deutschland als Land der kaltblütigen Macher dämonisiert wurde. Durch diese Externalisierung des Terrorismus und die Infantilisierung und Feminisierung der Angeklagten wurde jedoch verhindert, dass sich in Politik und Gesellschaft die in der BRD üblichen und von den Terroristen selbst provozierten militärischen Deutungsszenarien durchsetzen konnten. VOJIN SAŠA VUKADINOVIĆ (Berlin) untersuchte das hartnäckige Fortleben unterschiedlicher Spielarten des Antifeminismus, die den internationalen Terrorismus-Diskurs bis heute prägen. Der Linksterrorismus der 1970er-Jahre konnte dabei nach Vukadinović zwar nicht erfolgreich mit dem Feminismus gleichgesetzt oder erklärt werden; dennoch wurde immer wieder ein Zusammenhang zwischen beiden hergestellt, wenn es darum ging, die politische Glaubwürdigkeit des Feminismus in Zweifel zu ziehen. Diese Tendenz belegte Vukadinović mit dem Fall der ehemaligen Emma-Redakteurin Ingrid Strobl, die aus fadenscheinigen Gründen wegen Terrorismusverdacht inhaftiert wurde, während gleichzeitig etwa die offenkundig antisemitischen Ansätze der Terrororganisation „Revolutionäre Zellen“, mit der sie in Verbindung gebracht wurde, nicht strafrechtlich verfolgt wurden.

Dass die Dimension ‚Geschlecht’ auch bei der Selbst-Stilisierung der Terroristen eine zentrale Rolle spielte, war Thema des vierten Panels. ANNETTE VOWINCKEL (Potsdam) beschäftigte sich zunächst mit der Darstellung und Selbstdarstellung der Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP), die in den 1970er-Jahren die Entführung von Flugzeugen als terroristisches Mittel etablierte. Für die an diesen Taten beteiligten Frauen hielt insbesondere die deutsche Linke sehr unterschiedliche Narrative bereit: Während Leila Khaled, die an mehreren dieser Flugzeugentführungen beteiligt war, als Inbegriff des antipatriarchalen und antiimperialistischen Widerstands gefeiert wurde, wurde Souhaila Andrawes, die einzige Überlebende jenes Kommandos, das 1978 die Lufthansa-Maschine ‚Landshut’ entführte, als rücksichtslose Terroristin verurteilt. Anders als Khaled, die überzeugte Wiederholungstäterin, die bis heute als Ikone des palästinensischen Befreiungskampfes fungiert, ist die ‚brutale’ Andrawes, die sich später von ihren Taten distanzierte, daher heute fast vollkommen vergessen. Vowinckel zeigte auf diese Weise, dass bundesdeutsche Medien und Institutionen, insbesondere aber die außerparlamentarische Linke der 1970er-Jahre gerne bereit waren, einer revolutionsromantischen Verklärung ansonsten scharf verurteilter Gewalttaten anheim zu fallen, sofern Leben und Erscheinungsbild der Protagonistin dafür nur irgend geeignet erschienen. KATHARINA KARCHER (Warwick) thematisierte die unterschiedlichen Gender-Performanzen, die während der Befreiung Andreas Baaders am 14. Mai 1970 von den beteiligten Terroristinnen gezielt eingesetzt wurden. Unter Bezugnahme auf feministische Ansätze und die Theorie der Stadtguerilla zeigte Karcher, dass die Aneignung von weiblichen Geschlechterrollen und Moden eine Form gender-spezifischer Camouflage darstellte: Während die an der Tat beteiligten Männer wie klassische Kriminelle vermummt waren, setzten die Frauen – entgegen der Feststellung der Untersuchungskommission, die Mädchen seien kaum getarnt gewesen – ihre Weiblichkeit als Tarnung ein. Auch bei späteren Anschlägen dienten strategisch inszenierte Weiblichkeits-Stereotype als Türöffner für terroristische Aktionen. In einem stark diskutierten Beitrag untersuchte schließlich OLAF GÄTJE (Gießen) den vulgären, sexualisierenden Sprachgebrauch, der innerhalb der RAF Verwendung fand. Der Gebrauch von Vulgarismen sei dabei Bestandteil eines gesellschaftskritischen und linksintellektuellen Habitus gewesen, dem es aber nicht gelungen sei, die den sprachlichen Mitteln innewohnende misogyne Kraft zu entschärfen. Die pejorative Wirkung insbesondere des Begriffs „Fotze“ versuchte Gätje durch Verweise auf Umfragen auch empirisch zu belegen. In der anschließenden Diskussion wurde insbesondere das Fehlen eines begriffsgeschichtlichen Zugriffs kritisiert, der die Wucht des Ausdrucks hätte verständlich machen können.

Das fünfte Panel widmete sich literarischen Terrorismus-Verarbeitungen. WOLFRAM ETTE (Bielefeld/Chemnitz) analysierte Heiner Müllers 1977 verfasste, 1978 uraufgeführte Hamletmaschine, gemeinhin interpretiert als literarische Auseinandersetzung mit den linken Intellektuellen in den Ostblockstaaten oder mit der Möglichkeit linken Widerstands in den 1970er-Jahren überhaupt, als kritische Reflexion über den Terrorismus in Westdeutschland. Diese Kritik zeige sich dabei als mit der Frage nach den Geschlechterrollen verknüpft, wobei das Stück als eine Entlarvung männlicher Selbstzerstörungsphantasien zu lesen sei. Gegen seinen Protagonisten entwickelte Müller eine Utopie der Auflösung geschlechtlicher Identität, die allerdings nur in der Kunst zur Sichtbarkeit gelangen könne. Abschließend widmete sich KIRSTEN PRINZ (Gießen) zunächst Leander Scholz’ Roman Rosenfest, der das Verhältnis von Gudrun Ensslin und Andreas Baader als Liebesmärchen aus männlicher Perspektive reinszeniert und die historische Vorlage auf diese Weise gleichermaßen entpolitisiert und libidinös auflädt. Auch Nicole Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Ulrike Maria Stuart setzte ‚Gender’ ein, um etablierte Vorstellungen von Terrorismus zu unterlaufen. Während Scholz die historischen Ereignisse aber ins Private rückte, um letztlich eine altbekannte Geschichte männlicher Subjektwerdung neu zu erzählen und auf diese Weise Geschlechterstereotype zu reproduzieren, diene bei Stemann / Jelinek die Kategorie ‚Geschlecht’ der Zerstörung sowohl von RAF-Mythen als auch von den mit der RAF verbundenen Weiblichkeitsrepräsentationen.

Im Verlauf der Tagung zeigte sich, dass Geschlechterkonstruktionen im Terrorismus-Diskurs der 1970er-Jahre nicht nur dort eine Rolle spielten, wo sie explizit zum Thema gemacht wurden, sondern dass sie implizit auch die Vorstellungen von Staat, Sicherheit und Nation grundierten, die Arbeit von Polizei und Justiz beeinflussten und als beständiges Spielfeld der filmischen und literarischen Verarbeitungen der RAF fungierten. In breiten Teilen des öffentlichen Diskurses blieb dabei der Versuch einer Restauration patriarchal-hierarchischer Strukturen die Regel. Somit bestätigte sich im Wesentlichen die Leitthese der Tagung, vor allem in der deutschen Terrorismus-Hysterie sei die Angst vor einem bereits virulenten Wandel der Geschlechterrollen stets mitverhandelt worden. War diese Erkenntnis für sich genommen wenig überraschend, lag der Gewinn der Tagung in der Differenzierung der unterschiedlichen Kontexte und Formen, in denen die Kategorie ‚Geschlecht’ dabei wirksam wurde: Kennzeichneten sich die zeitgenössische printmediale Berichterstattung ebenso wie die offiziellen staatlichen Verlautbarungen zum Terrorismus vor allem durch den Versuch, traditionelle Modelle von Männlichkeit und Weiblichkeit gegen die Terroristen in Stellung zu bringen, zeigten die filmischen und literarischen Verarbeitungen auf der anderen Seite deutlich, dass auch die RAF selbst trotz ihrer vielen weiblichen Mitglieder ihre Faszinationskraft vor allem dadurch gewann, dass sie Material für oftmals wenig revolutionäre männliche und weibliche Identitätsentwürfe lieferte. Durch Vergleiche mit den Terrorismus-Diskursen in anderen Staaten und Kulturen, namentlich in Österreich und der Schweiz, in den USA und in Japan, wurden zudem die Spezifika der bundesdeutschen Terrorismus-Debatte sichtbar. In diesem Zusammenhang wäre eine stärkere Berücksichtigung diachroner Ansätze wünschenswert gewesen, durch die etwa die Veränderungen der Gender-Subtexte in der Auseinandersetzung mit der RAF in den 1980er- und 1990er-Jahren hätten in den Blick genommen werden können. Als besonders ergiebig für die zukünftige Erforschung des Zusammenhangs von Geschlechterrollen und Terrorismus könnte sich zudem eine noch umfangreichere Untersuchung der Gender-Performanzen erweisen, die terroristische Gruppierungen wie die RAF selbst entwickelten – wobei hier freilich der Versuchung zu widerstehen wäre, die Terroristen nachträglich zu jener Avantgarde zu erklären, die sie selbst zu sein beanspruchten.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Irene Bandhauer-Schöfmann (Wien/Klagenfurt), Andreas Schneider (Gießen), Frank Bösch (Gießen)

Einführung
Andreas Schneider (Gießen)

Panel 1: Terrorismus und die Ordnung der Geschlechter in printmedialen Darstellungen
Leitung: Christoph Hilgert (Gießen)

Clare Bielby (Hull): „Nestbeschmutzerinnen“? The Violent Women of the 1960s and 1970s West German Print Media

Eva Maria Modrey (Gießen): „Die Welt empört. Die Mörder feiern. Die Bundesrepublik gedemütigt.“ Mediale Konstruktion von Männlichkeit bei dem terroristischen Attentat in München 1972

Sylvia Schraut (München): „Weichei-Macho und Terroristen-Mutti“. Terroristenbilder, Deutungsversuche und Geschlechterstereotypen in der Presse in ihrer historischen Entwicklung

Hanno Balz (Lüneburg): Feindbilder von der „bewaffneten Frau“: Mediale Darstellungen von RAF und Weather Underground

Kommentar: Frank Bösch (Gießen)

Panel 2: Filmische Darstellungen von Terrorismus und Geschlecht
Moderation: Caroline Rothauge (Gießen)

Jan Henschen (Erfurt / Weimar / Jena): Der Terrorist, der Mann, der Kinoheld. Eine deutsch-französische Asynchronie über Vorbilder und Nachleben

Todd Goehle (Binghamton, NY): “What type of man sees red?” Death Wish, transnational publics, and gendered solutions for West German criminality and terror

Till Knaudt (Bochum): Emanzipation aus der Badewanne oder Eifersuchtsmord? Der japanische Film „Die Vereinigte Rote Armee“ im Vergleich mit dem „Baader-Meinhof-Komplex“

Kommentar: Hedwig Wagner (Gießen)

Panel 3: Terrorismusbekämpfung und Geschlechterordnung – Reaktionen des Staates
Moderation: Patricia Melzer (Philadelphia, PA)

Gisela Diewald-Kerkmann (Bielefeld): Herausforderung der bundesdeutschen Justiz: Terroristinnen vor Gericht

Dominique Grisard (Basel): Terrorismus als Regierungstechnik: Eine Geschlechteranalyse des Linksterrorismus in der Schweiz, 1970-1983

Irene Bandhauer-Schöfmann (Wien / Klagenfurt): Eine Verführung österreichischer Studenten durch „deutsche Terrordamen“? Terrorismusbekämpfung in Österreich

Vojin Saša Vukadinović (Berlin): Spätreflex und Indifferenz. Über das Fortleben und den Umgang mit antifeministischer Geschichte. Zwei Fallstudien

Kommentar: Dirk van Laak (Gießen)

Panel 4: Vergeschlechtlichte (Selbst-)Stilisierungen des Terrorismus
Moderation: Andreas Schneider (Gießen)

Katharina Karcher (Warwick): Femininity as camouflage – gendered performances during the liberation of Andreas Baader in May 1970

Annette Vowinckel (Potsdam): Leila Khaled und Souhaila Andrawes: Kulturelle Codierungen im Kontext der bundesdeutschen Palästinasolidarität

Olaf Gätje (Gießen): Vul(v)arismen: Zur Konventionalität und Iterativität vulgärer Bezeichnungen von 1968 bis heute

Kommentar: Hubertus Büschel (Gießen)

Panel 5: Das Geschlecht des Terrorismus in literarischen Verarbeitungen
Moderation: Norman Ächtler (Gießen)

Wolfram Ette (Bielefeld / Chemnitz): Hamlet-Ophelia. Ein deutscher Terrorist

Kirsten Prinz (Gießen): Literarische Erinnerungen an die RAF. Zum Verhältnis von Genderinszenierungen und Terrorismusdeutungen bei Elfriede Jelinek, Michael Wildenhain und Leander Scholz

Kommentar: Anja Schwarz (Konstanz/Gießen)

Anmerkungen:
[1] Zitiert nach: Marion Schreiber, Wir fühlten uns einfach stärker, SPIEGEL-Redakteurin Marion Schreiber über Frauen in der Terrorszene, in: Der Spiegel, Nr. 20, 11.05.1981, S.82 ff., hier S. 84.
[2] O.A., Frauen im Untergrund: ‚Etwas Irrationales‘, in: Der Spiegel, Nr. 33, 08.08.1977, S. 22-33, hier S. 22.
[3] Hartwig Hochstein, Frauen im Untergrund – emanzipiert bis zum Mord!, in: Expreß, 02.02.1977.
[4] Zitiert nach: Gisela Diewald-Kerkmann, Bewaffnete Frauen im Untergrund. Zum Anteil von Frauen in der RAF und der Bewegung 2. Juni, in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus, 2. Band, Hamburg 2006, S. 657-675, S. 674.
[5] Vgl. Ute Frevert, Umbruch der Geschlechterverhältnisse? Die 60er Jahre als politischer Experimentierraum, in: Axel Schildt / Detlef Siegfried / Karl Christian Lammers (Hrsg.): Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000, S. 642-660.
[6] Die wenigen Studien, die den Zusammenhang von Gender und Terrorismus zu erörtern suchen, legen den Fokus zumeist ausdrücklich auf die beteiligten Frauen. Vgl. Cindy D. Ness (Hrsg.), Female Terrorism and Militancy. Agency, Utility, and Organization, New York 2008. Zur Beteiligung von Frauen am italienischen Terrorismus vgl. Luisella de Caltado Neuberger / Tiziana Valentini, Women and Terrorism, New York 1996. Vgl. des weiteren Sarah Colvin, Ulrike Meinhof and West German Terrorism. Language, Violence, and Identity, Rochester, NY 2009, S.188 ff.
[7] Mit Bezug auf: Julia Kristeva, Pouvoirs de l'horreur. Essai sur l'abjection, Paris 1980.

Zitation
Tagungsbericht: „Ein Exzess der Befreiung der Frau“? Terrorismus, Geschlecht und Gesellschaft in den 1970er-Jahren in transnationaler und interdisziplinärer Perspektive, 28.01.2010 – 29.01.2010 Gießen, in: H-Soz-Kult, 11.05.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3092>.