Aus der Mitte der Landschaft - Landschaftswahrnehmungen in Selbstzeugnissen

Ort
St. Pölten
Veranstalter
Institut für Geschichte des ländlichen Raumes St. Pölten; Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien; Niederösterreichisches Landesarchiv St. Pölten
Datum
23.04.2010
Von
Brösicke Katrin, Graduiertenkolleg "Kulturkontakt und Wissenschaftsdiskurs", Universität Rostock

Die Thematik Landschaft und Landschaftswahrnehmung erfuhr in jüngster Zeit sowohl in Natur- und Geisteswissenschaften als auch in der Landschaftsplanung größere Aufmerksamkeit. Neue Begriffsbestimmungen ermöglichen es, den Blickwinkel zu ändern und neue Perspektiven einzunehmen, wodurch bisher nicht berücksichtigte Forschungsfelder erschlossen werden können.

Die Vielzahl unterschiedlicher Definitionen und Rezeptionen macht einen offenen Umgang mit dem Begriff Landschaft notwendig, um mit ihm interdisziplinär arbeiten und fachübergreifend Erkenntnisse gewinnen zu können. Im gegenwärtigen Diskurs stehen sich vor allem ein semiologischer, also stark an der Ästhetik orientierter Begriff in Bild und Textform sowie ein ontologisch geprägter Landschaftsbegriff, der von einem physisch vorhandenen, gestaltbaren Raum ausgeht, gegenüber.

Die am 23.04.2010 in der Niederösterreichischen Landesbibliothek St. Pölten veranstaltete Tagung beschäftigte sich explizit mit der Landschaftswahrnehmung in Selbstzeugnissen, wo eine derart klare Abgrenzung meist nicht gegeben ist. Wie Vorträge und Diskussion zeigten, sind hier beide Begriffsinhalte eher ineinander verwoben, was ihre Analyse umso vielschichtiger macht. Zu diesem Zweck waren Referenten aus den Disziplinen Volkskunde, Ethnologie, Soziologie, Geschichte und Dokumentation geladen. Weitere Teilnehmer kamen außerdem aus den Bereichen Landschaftsplanung, Geographie, Psychologie, Biologie und Umweltgeschichte, was die Vorträge und die jeweils anschließende Diskussion sehr lebendig gestaltete.

MANFRED SEIFERT (Dresden) setzte sich mit der Fragestellung nach der Bedeutung von Landschaft für beruflich mobile Personengruppen auseinander. Er konzentrierte sich dabei auf den Vergleich von drei Berichten von Handwerkern bzw. Industriearbeitern zwischen Ende des 18. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Entgegen seiner Annahme sei er nur auffallend selten auf die Beschreibung landschaftlicher Verhältnisse gestoßen. Diese wären meist nur im Fall von längerer, unfreiwilliger Bindung an einen Ort thematisiert worden, zum Beispiel bei Krankheit. Anhand der Untersuchung hat Seifert mit der Entwicklung eines Konzepts für interne und externe Landschaftsbezeichnungen begonnen. Das Konzept sei noch nicht abgeschlossen. Weiterführende Untersuchungen wären notwendig, um verallgemeinernde Aussagen treffen zu können.

EDITH AUER und GÜNTER MÜLLER (Wien) beschäftigten sich mit Selbstzeugnissen ländlicher Gruppen in Österreich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, deren Lebensläufe eine eher geringe Mobilität aufweisen. Sie stellten fest, dass, obwohl der Landschaft als physischem Raum gerade im Alltagsleben dieser Gruppe eine zentrale Bedeutung zukäme, er nur selten thematisiert worden wäre. Landschaft würde vielmehr als ein, den Handlungsraum darstellender, diskursiver Rahmen rezipiert, in dem man zum Beispiel zeitlich gebundene positive und negative Erfahrungen verorte. Durch Tradierung der Ereignisse wäre es jedoch möglich, den zeitlichen Rahmen aufzulösen, was langfristig zu eigenständiger Verortung sowie zur Konstruktion von individueller und kollektiver Identität in Zusammenhang mit Raumwahrnehmung führen könne.

Das von TOBIAS SCHWEIGER (Wien) präsentierte studentische Projekt stellte die Fotografie ins Zentrum der Betrachtung. Er zeigte, wie sich mittels Landschaftsaufnahmen in der Nachkriegszeit nationale Erinnerungsorte herausbildeten, die sich einer ganzen Generation einprägten. Bildbände und Postkarten hätten als Vorlagen gedient und Reiserouten von Touristen beeinflusst. Gleichzeitig wären sie Beleg für die eigene Anwesenheit vor Ort. Eine nachfolgende Diskussion beschäftigte sich mit der Tatsache, dass auf zahlreichen Fotografien immer wieder Personen in bestimmten Konstellationen abgebildet wurden, was sie für weiterführende, bspw. soziologische Analysen interessant machen könnte.

Im zweiten Panel präsentierte KRISTINA POPOVA (Blagoevgrad) die Ergebnisse von Interviews mit moslemischen Frauen aus 30 Bergdörfern im bulgarischen Teil des Rhodopen-Gebirges. Reiseerfahrungen, die diese Frauen außerhalb ihrer Dörfer machten, würden erstaunlicherweise kaum thematisiert. Schwerpunkt ihrer Erinnerungen wäre oftmals der Garten als Landschaft und Ort, der der eigenen Individualisierung diene. Er böte die Möglichkeit des Rückzugs von der Familie und der dörflichen Gemeinschaft. Solche Berichte würden innerhalb der Familie nur von den Frauen untereinander weitergegeben. Die Referentin wies daraufhin, dass es interessant wäre, ihre bisherigen Forschungsergebnisse mit den Landschaftswahrnehmungen christlicher Frauen aus derselben Region zu vergleichen.

Der Beschreibung des Kaukasus-Gebirges von DDR-Reisenden aus Sachsen widmete sich SÖNKE FRIEDREICH (Dresden). Er ging dabei besonders auf die kulturelle Prägung der Reisenden ein, die einen unbewussten Filter in der Wahrnehmung bilde. Als Vergleichsebene diene das Bekannte aus dem eigenen Land und die theoretische Vorstellung von der UdSSR, die oft in starkem Kontrast zu den realen Zuständen vor Ort stünde. Die Landschaftsbeschreibungen hätten somit oft die Funktion der Entzauberung des als weiterentwickelt dargestellten Bruderstaates.

Aus dem Verlauf der Reiserouten ergab sich eine Diskussion zur Thematik der Kartografie in der UdSSR, zum Beispiel darüber, dass bis 1989 nicht alle Straßen erfasst wären und absichtlich gefälschte Karten existierten, um Reisenden, die sich auf unerwünschten bzw. unerlaubten Routen bewegten, die Orientierung zu erschweren.

Im Zentrum des Vortrags von PETRA SCHNEIDER (Wien) stand die individuell empfundene landschaftliche Ästhetik im Gegensatz zum vorherrschenden Gestaltungsprinzip der Mono-Rationalität. Die Akzeptanz der räumlichen Gestaltung in der Postmoderne, die sich gerade bei der Kriegsgeneration in oft duldendem Hinnehmen der architektonischen Veränderungen äußere, ohne diese jedoch zu akzeptieren, sei zunehmend im Verschwinden begriffen. Dem gegenüber nehme eine sinnlich-emotionale Identifizierung mit dem umgebenden Raum zu, der ebenfalls ein Stück Identität widerspiegele. Nach Meinung der Referentin gelte es, in der heutigen Landschaftsplanung die rationalen Notwendigkeiten mit der individuell empfundenen Raumwahrnehmung in Einklang zu bringen, was das aktive Recht des Mitgestaltens der Umgebung einschließen müsse.

Die Abschlussdiskussion der Tagung zeigte nochmals, welch vielfältige Erkenntnisse die Untersuchung von Landschaft in Selbstzeugnissen zu Tage fördern kann. Die Teilnehmer waren sich einig, dass der interdisziplinäre Austausch unter den Wissenschaftlern und der offene Umgang der Fachdisziplinen untereinander von großer Wichtigkeit sind, um zu neuen Blickwinkeln und Ergebnissen zu gelangen. Besonders die interdisziplinäre Zusammensetzung der Referenten und Tagungsteilnehmer führte zu vielschichtigen Diskussionen und die ihrerseits zu Denkanstößen, die der weiteren Beschäftigung mit diesem Thema dienlich sein können.

Konferenzübersicht:

Panel 1: Ego-Perspektive. Landschaftsbezug in Texten und Bildern

Manfred Seifert (Technische Universität Dresden), Unterbürgerliche Existenz und Raumerfahrung. Zu topografischen Wahrnehmungsstrukturen und Diskursmustern von Handwerkern und Industriearbeitern bis Anfang des 20. Jahrhunderts

Edith Auer / Günter Müller (Universität Wien), Aus nah und fern. Blickwinkel auf Landschaft als Teil der Lebenswelt

Tobias Schweiger (Universität Wien), Zur Bedeutung und Ästhetik von Landschaft in österreichischer Privatfotografie

Panel 2: Wahrgenommene Landschaft - Forschungsbeispiele

Kristina Popova (Süd-West-Universität Blagoevgrad), Dorf und Berg in weiblichen Lebensgeschichten aus moslemischen Dörfern in Bulgarien

Sönke Friedreich (Technische Universität Dresden), Realsozialistische Binnenexotik. Die touristische Landschaftswahrnehmung in Selbstzeugnissen von DDR-Reisenden

Petra Schneider (Forum Wissenschaft und Umwelt, Wien), Raumerfahrungen nach dem Ende der Landschaftsutopie

Zitation
Tagungsbericht: Aus der Mitte der Landschaft - Landschaftswahrnehmungen in Selbstzeugnissen, 23.04.2010 St. Pölten, in: H-Soz-Kult, 14.06.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3153>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.06.2010
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