Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart

Ort
Maynooth
Veranstalter
Florian Krobb, Department of German, National University of Ireland, Maynooth; Franziska Schößler, Institut für Germanistik, Universität Trier
Datum
08.04.2010 - 10.04.2010
Von
Paula Giersch, Sonderforschungsbereich 600 "Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Neuzeit", Universität Trier

Auf der Tagung „Exklusion, Inklusion, Repräsentation: Galizien im Diskurs“, welche die Universität Maynooth in Kooperation mit dem SFB 600 der Universität Trier veranstaltete, traf vom 8. bis zum 10. April 2010 in Maynooth eine interdisziplinäre und internationale Forschergruppe zusammen, die sich mit dem hybriden Raum Galiziens beschäftigte. Der Fokus lag dabei auf Ein- und Ausschlüssen sowie Selbst- und Fremdrepräsentationen, die aus diskurs- und performanztheoretischen, literaturwissenschaftlichen und historischen Perspektiven beschrieben wurden. FRANZISKA SCHÖßLER (Trier) wies in ihrer Einleitung auf den Ausgangspunkt der Tagung, das theoretisch-methodische Instrumentarium des SFB 600, hin, das mit dem Luhmann’schen Begriffspaar der Inklusion und Exklusion die dynamischen Strategien der Ausgrenzung (hier insbesondere der jüdischen Bevölkerung) greifbar machen könne. Anschaulich würden diese Strategien sowohl in topographischer, moralischer und ökonomischer Hinsicht, als auch in den Repräsentationen literarischer wie nicht-literarischer Texte. Im Mittelpunkt standen hierbei insbesondere paradoxale und prekäre Formen der Repräsentation.

Mehrere Vorträge knüpften an diese Stichpunkte an. So erinnerte NICOLAS BERG (Leipzig) an das von ihm monographisch verhandelte Motiv des „Luftmenschen“[1], das in antisemitischen, kollektivpsychologischen Diskursen inventarisiert worden sei. Besonders wirkungsmächtig sei dies in Werner Sombarts 1911 erschienener Abhandlung „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ geschehen, einem Kompendium der geläufigen diffamatorischen Definitionen jüdischer Produktionsformen. Dort habe Sombart viel direkter und unreflektierter als von der Forschung bislang angenommen, Marx’ Ideen aus „Die Judenfrage“ aufgegriffen, aber auch von Bildern literarischen und nicht-literarischen Ursprungs gezehrt. Berg stellte in diesem Zusammenhang eine Verbindung zu den einleitenden Vorträgen von MARIA KLAÑKA (Krakau) und RITCHIE ROBERTSON (Oxford) her. Während Kłańska den nur in polnischer Sprache erschienenen Band von Stanisław Szczepanowski, „Das Elend Galiziens in Ziffern“[2] präsentierte, demonstrierte Robertson den Zusammenhang von expositorischen Texten (Reiseberichten) und Stereotypenbildungen. Die vielfach Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen und im ganzen 19. Jahrhundert kursierenden Reiseberichte verwissenschaftlichten ethnische Grenzziehungen, arbeiteten jedoch gleichzeitig mit narrativen Verfahren der Kontrastbildung. Dies habe zu einem festen Figurenpersonal geführt, wie dem stumpfsinnigen, abergläubischen, gefühlsbetonten ruthenischen Bauern, dem oberflächlichen, Widerwillen erregenden Juden und dem unmäßigen, trinksüchtigen, aber auch eleganten polnischen Adligen. Demgegenüber arbeite Szczepanowskis Werk verstärkt mit Statistiken, bediene sich jedoch zugespitzter Thesen und Feststellungen, um die ökonomische Misere Galiziens zu verdeutlichen. Einen Ausweg sah der sich gegen die antisemitischen Ausbrüche seiner Zeit wehrende Autor laut Kłańska im „Edlen“ des polnischen Nationalcharakters, dem sich die Juden assimilatorisch unterzuordnen hätten.

Mehrfach klang während der Tagung die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen postkolonialen Ansätzen und den auch in literarischen Texten auftauchenden Zuschreibungen an. An dieser Schnittstelle bewegt sich zum Beispiel die Phantasie des „wilden Ostens“, wobei Außen- und Innensicht gerade im 19. Jahrhundert nicht klar voneinander zu trennen sind: Das von Robertson aufgezeigte Verfahren, pejorative Zuschreibungen gerade durch ihre Unterminierung zu bestätigen, findet sich bei vielen galizischen Autoren, die als „aufgeklärte Ostjuden“ gemeinhin die Authentizität des eigenen Schreibens betonen. Dies ist insbesondere bei einem Autor wie Karl Emil Franzos der Fall, der in mehreren Vorträgen zur Sprache kam. So hielt PAULA GIERSCH (Trier) im Rahmen einer diskursanalytischen Betrachtung fest, dass das Spannungsverhältnis zwischen Differenzierung (von stereotypen Repräsentationen) und ihrer Re-Etablierung im Kontext seines Anschlussbemühens an diskursive Vorgaben der Zeit reflektiert werden müsse: Der Wille, gehört zu werden, führe zunächst zu Affirmationen, ehe in einem zweiten Schritt die Vorurteile des westdeutschen, bürgerlichen Lesepublikums unterwandert würden. Diese Bewegung lässt sich exemplarisch an dem in der Erzählsammlung „Die Juden von Barnow“ prominenten Motiv der interreligiösen Heirat nachvollziehen.

Die Authentifizierungsstrategien Franzos’ beurteilte ANNA-DOROTHEA LUDEWIG (Potsdam) im Vergleich zu dem nicht-jüdischen Autor Leopold von Sacher-Masoch jedoch kritisch: Letzterer habe durch seine teilnehmende, manchmal auch empathische Beobachterperspektive eine oftmals differenziertere Figurengestaltung geschaffen, als dies Franzos in seinen autobiographischen Schriften und programmatischen Vorworten für sich beansprucht habe. Die auffällige „Nicht-Beziehung“ der beiden Autoren, die sich in zwei Briefen und einem Angriff Sacher-Masochs auf die persönliche schriftstellerische Legitimation Franzos’ erschöpfe, zeige die Okkupation des literarischen Raumes Galizien. Um diesen sei in den 1870er/1880er-Jahren aufgrund seiner Beliebtheit bei einem bürgerlich-„westlichen“, jüdischen wie christlichen Leserkreis und der daraus resultierenden Lukrativität – eine regelrechte „Schlacht“ entbrannt. Auf motivischer Ebene wies IULIA-KARIN PATRUT (Trier) im Gegenzug eine Gemeinsamkeit beider Autoren nach, die sich in der pervertierenden Verbuchstäblichung des Ostens zeige. An nicht inkludierbaren, die herrschende Ordnung irritierenden Identitäten wie „Zigeunern“ oder Vampiren zeigten sich in Sacher-Masochs „Nur die Toten kehren nicht wieder“ und Karl Emil Franzos’ „Die Hexe“ effeminierende Figurationen „falscher Männlichkeit“, welche aus den westlichen, männlich konnotierten Epistemen ausgeschlossen werden. Aus postkolonialer Perspektive erweise sich hier die „Exklusionsmacht Osteuropa“, welche die geläufigen Strategien der Exotisierung, Effeminierung und Sexualisierung übernehme. Dass über die Abwehr des Anderen die Selbstversicherung des Eigenen erfolgt, zeigt sich noch über ein halbes Jahrhundert später bei Victor Klemperer. In dessen autobiographischen Aufzeichnungen sah ARVI SEPP (Antwerpen) eine tiefgründige Identitätsunsicherheit und die Angst vor Selbstverlust. Für die Assimilierten wie Klemperer verkörperten die Ostjuden eine „Unterart des Juden“ (Sander L. Gilman), ein Bild all dessen, wovon Westjuden sich distanzieren wollten – hieraus resultiert Klemperers Ablehnung des orthodoxen Judentums.

Die bei Patrut anklingende Bedeutung der imaginären Grenzziehung zwischen Ost und West sowie ihre notwendige Problematisierung bildete eine weitere Kernfrage der Tagung. Mit Blick auf den zionistischen Roman stellte MARK H. GELBER (Beer Sheva) das Konzept des peripheren Raumes Galiziens infrage: Die Sicht des Wiener Zionismus unterschied sich hier stark von den Positionen, die Autoren und Autorinnen innerhalb des „peripheren Raumes“ Galizien entwickelten, denn diesen schien die akkulturierende Perspektive als nicht erstrebenswert zur Aufrechterhaltung des jüdischen Lebens. Dies zeige sich im Roman „Im Lande der Noth“ der galizischen Zionistin Rosa Pomeranz, in welchem die ostgalizische Stadt, also die „Peripherie“, zum Zentrum werde. Umgekehrt sei in Theodor Herzls Roman „Altneuland“ (1902) Palästina das Zentrum der Welt. Auch in GABRIELE VON GLASENAPPS Vortrag (Frankfurt), der einen Paradigmenwechsel innerhalb der galizischen Literatur verfolgte, schien die Überwindung klarer Grenzziehungen auf: Während Leo Herzberg-Fränkel in den 1850er Jahren noch die Vorstellung des abgespaltenen Anderen in seiner Schilderung Galiziens bedient habe, stünden die Erzählungen Nathan Samuelys eine Generation später am Anfang einer literarischen Entwicklung, die in den kommenden Jahrzehnten aus dem strukturell Fremden des galizischen, polnischen und russischen Judentums etwas zunehmend Vertrautes machen sollte. ALEXANDRA STROHMAIER (Graz) wies vor dem Hintergrund eines performanztheoretischen Zugangs und mit Blick auf autobiographische Konstruktionen von Galiziens nach, dass naturalistische Konzeptionen von Heimat und kultureller Identität dekonstruiert würden. Auch ihre Ausführungen verdeutlichten, dass Galizien keine homogene Entität bildet, im Gegenteil: In den beiden Autobiographien von Alexander Granach und Ella Schapira erscheine Galizien, so Strohmaier, als inkongruenter, durch Brüche und Ambiguitäten geprägter Raum.

Ähnliche Brüche wiesen HANS-JÜRGEN SCHRADER (Genf) und PRIMUS HEINZ KUCHER (Klagenfurt) in den Werken von Mascha Kaléko und H.W. Katz nach. Schrader sah in Kalékos Poesie den Ausdruck tiefer Zerrissenheit, Resultat einer lebenslangen Exilerfahrung, im Verlauf derer die Sehnsucht nach Dazugehörigkeit als Illusion erkannt und reflektiert worden sei. Auch H.W. Katz’ Biographie erfuhr durch die nationalsozialistische Machtergreifung eine lebens- und werkprägende Zäsur; in seinem Hauptwerk „Die Fischmanns“ beschreibe er, so Kucher, die Schtetl-Welt als einen einerseits selbstverständlich-affirmierenden, andererseits Ausschlüsse produzierenden Lebens- und Kulturraum. Mit dem Nachfolgeband „Schloßgasse 21“ und dem neuen Blick auf die Akkulturationsbestrebungen osteuropäischer Juden in einer deutschen Kleinstadt nach 1918 trete neben den Erzähler ein Ensemble von kommentierenden Stimmen. Diese repräsentierten ein differenziertes Spektrum scheiternder Inklusionsstrategien und damit die Perspektive einer kollektiven Entwurzelungserfahrung. Schließlich, so ELAINE MARTIN (Maynooth), zeige sich auch im Werk Rose Ausländers die Erfahrung einer unwiederbringlich verlorenen Heimat. Ihre Gedichte seien die Dokumente einer gewalttätigen Exklusion, hervorgerufen durch die epochale Zäsur des Holocaust, der ein nostalgischer, verklärender Blick als Ausdruck einer imaginierten Re-Inklusion entgegengesetzt werde. Dabei würden die Titel ihrer Gedichte zwar dazu verleiten, diese als Zustandsbeschreibung der Bukowina zu lesen; tatsächlich dominiere hier aber eine idealisierte Traumwelt als erkennbares Konstrukt, welches sich der Dialektik von Vergangenheit und Gegenwart bewusst sei.

Einen dritten Diskussionspunkt neben der imagologischen Tradition und der Hybridität bzw. Uneindeutigkeit bildeten die national besetzten Modernisierungsdiskurse, die den galizischen Raum auf spezifische Art beeinflussten. Einerseits versperrte der dominante Gegensatz von Ost- und Westjudentum den Anschluss an die nationalen Diskurse und ermöglichte die Exklusion aus Sicht der national konfigurierten Mehrheitsgesellschaft. Andererseits stand das Kronland aufgrund seiner imperialen Inklusion in den habsburgischen Herrschaftsverband quer zu eindeutigen Zuschreibungen. So zeigte ANNETTE WERBERGER (Tübingen) anhand von Konversionserzählungen in Ostmitteleuropa auf, dass die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen Galiziens immer religiös und national orientiert gewesen seien. Am Beispiel von Soma Morgensterns Romantrilogie „Funken am Abgrund“ wies Werberger nach, dass das Motiv der Konversion Anfang des 20. Jahrhunderts im Wesentlichen die Figuration einer Selbstdefinition war. Konversionen seien parallel zur christlichen Gesellschaft über Konzepte wie Individualität, Modernität und Fortschritt, nicht jedoch über Nationalität verhandelt worden. Auch bei Gregor von Rezzori, so führte MONA KÖRTE (Berlin) aus, offenbarten sich in den kolportierten Herkunftsgeschichten der „Denkwürdigkeiten eines Antisemiten“ die gescheiterte Identifikation über Völkerstereotypen und die misslingende Vereindeutigung durch Zuschreibungen. Daher sei zu hinterfragen, ob sich in Rezzoris angeblich prekärer „Bukowina-Optik“, wie sie in der Forschung vielfach konstatiert worden sei, nicht eher das Eingeständnis eigener Machtunsicherheit zeige, als die souveräne, rekolonialisierende Inszenierung eines literarischen Raums.

In seinem abschließenden, viele Ergebnisse und Überlegungen der Tagung zusammenfassenden und neu gewichtenden Vortrag legte HANS-JOACHIM HAHN (Leipzig/Berlin) sein Augenmerk auf die Diskursivierung Galiziens bis in die jüngste Vergangenheit. Die Vorstellung eines einheitlichen „Mythos Galizien“ könne kaum aus der Galizienliteratur (z.B. Joseph Rohrer, Karl Emil Franzos, Alfred Döblin, Joseph Roth, Moses Rosenkranz, Jaroslaw Hrytsak) abgeleitet werden; gemeinsam sei den Texten hingegen „Europa“ als Bezugs- und Orientierungsgröße, das je nach Blickrichtung, historischen Umständen, Gedächtniskonstellationen und Machtverhältnissen mehr mit den topischen Eigenschaften des „Ostens“ oder des „Westens“ assoziiert werde. Es bleibe als ein politisch unabgeschlossenes Projekt ein wandelbarer Topos. In der Galizienliteratur erscheine Galizien daher sowohl als tertium comparationis zur Befestigung der untergegangenen Provinz auf unterschiedlichen mental maps und zur Verhandlung eigener Zugehörigkeiten, als auch als deren Infragestellung im Sinne einer „Figur des Dritten“.

Konferenzübersicht:

Einführung
Florian Krobb (Maynooth), Franziska Schößler (Trier)

Ritchie Robertson (Oxford): Die Völker Galiziens in Reiseberichten und Statistiken des späten 18. Jahrhunderts

Maria Klanska (Krakow): Facetten des Galizischen Elends. Stanislaw Szczepanowski: Das Elend Galiziens in den Ziffern

Iulia Katrin Patrut (Trier): Künstlerische Verortungen. (Post-)Koloniale Poetiken L. v. Sacher-Masochs und K. E. Franzos'

Anna Dorothea Ludewig (Potsdam): Fiktionale Authentizität und poetischer Realismus: Die literarische Annexion Galiziens am Beispiel der Ghettogeschichten von Karl Emil Franzos und Leopold von Sacher-Masoch

Paula Giersch (Trier): Arrangierte Familien: Das Motiv der Heirat in Karl Emil Franzos’ „Die Juden von Barnow“

Gabriele von Glasenapp (Frankfurt): Das Andere, das Fremde und das Eigene. Die Inszenierung jüdischer Identitäten in den Werken von Leo Herzberg-Fränkel und Nathan Samuely

Nicolas Berg (Leipzig): ‚Ost-' und ‚Westjuden' als ökonomische Chiffren: Galizien in der Völker­psychologie des frühen 20. Jahrhunderts

Mark H. Gelber (Beer Sheva): Der zionistische Roman in Galizien (zwischen Inklusion und Exklusion)

Alexandra Strohmaier (Graz): Performative Inszenierungen Galiziens: Zu den Lebenserzählungen Alexander Granachs und Ella Schapiras

Annette Werberger (Tübingen): Kulturelle und religiöse Konversion als Wissenstransfer und Prozeß der Ex- und Inklusion

Mona Körte (Berlin): Der imaginäre Raum im Werk Gregor von Rezzoris

Hans-Jürgen Schrader (Genf): „einst ein schönes Vaterland“: Mascha Kalékos Poesie von Exil zu Exil

Arvi Sepp (Antwerpen): Die Darstellung des galizischen Ostjudentums in Victor Klemperers auto­biographischen Aufzeichnungen

Primus Heinz Kucher (Klagenfurth): Leben und Sterben im Sthetl - Zu H.W. Katz' Entwurzelungs-Autobiograpie Die Fischmanns/Schlossgasse 21

Elaine Martin (Maynooth): Czernowitz in der Lyrik von Rose Ausländer

Hans-Joachim Hahn (Leipzig / Berlin): „Europa“ als tertium comparationis: Galizien diskursiv

Anmerkungen:
[1] Nicolas Berg, Luftmenschen. Zur Geschichte einer Metapher, Göttingen 2008.
[2] In der Sekundärliteratur findet man diesen Titel auch häufig mit „Das Elend Galiziens in Zahlen“ übersetzt.

Zitation
Tagungsbericht: Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart, 08.04.2010 – 10.04.2010 Maynooth, in: H-Soz-Kult, 24.06.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3158>.