Der ‚Neue Mensch’ im italienischen Faschismus. Planung und Umsetzung eines totalitären Gesellschaftskonzepts 1922-1943

Ort
Rom
Veranstalter
Deutsches Historisches Institut Rom
Datum
14.04.2010 - 15.04.2010
Von
Jana Wolf, Zeitgeschichte, Technische Universität Dresden

„Wir werden den neuen Italiener schaffen, einen Italiener, der nicht mehr dem gestrigen ähnelt.“[1] Mit diesen Worten beschrieb Benito Mussolini sein ehrgeiziges Projekt der Transformation des italienischen Volkes, welches seine Gewohnheiten, seinen Charakter und sogar sein physisches Erscheinungsbild verändern und zu risikobereiten und kämpferischen Menschen umerzogen werden sollte. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Tagung, in der dreißig Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Italien, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, USA und Australien referierten, widmete sich unter dem Rubrum „Der ‚Neue Mensch’ im italienischen Faschismus. Planung und Umsetzung eines totalitären Gesellschaftskonzepts 1922-1943“ diesem Thema.

Ziel dieser Tagung sollte es einerseits sein, so PATRICK BERNHARD (Berlin) einführend, die zentrale Rolle der wissenschaftlichen Experten bei der Konzeptionalisierung der „anthropologischen Revolution“, deren Netzwerke sowie das Verhältnis der Wissenschaftler zum faschistischen Regime zu beleuchten. Zum anderen galt es auszuloten, inwieweit die faschistische „Menschenformung“ tatsächlich realisiert wurde und wie intensiv der Wissenstransfer zwischen faschistischen und nationalsozialistischen Institutionen war. Darüber hinaus stellte sich auch die Frage nach dem Umgang mit denjenigen Personen, die sich nicht in das Ideal des „neuen Menschen“ einfügten. Debattiert wurde zudem, ob im Faschismus neben der Idee eines „neuen Mannes“ auch die einer „neuen Frau“ lanciert wurde.

„Raum“ und faschistische Raumplanung bildeten das Thema der ersten Sektion. Eine Vielzahl italienischer Wissenschaftler vertrat in den 1920er- und 1930er-Jahren die Ansicht, durch veränderte Wohn- und Lebensbedingungen korrigierend auf die physische und mentale Konstitution der Menschen einwirken zu können. ROBERTA PERGHER (Michigan) zeigte die gezielte ethno-kulturelle Segregation der alteingesessenen Bevölkerung von den neuen italienischen Kolonisten, die zuvor einer eigenen biologischen Selektion unterworfen worden waren, exemplarisch an der Errichtung neuer Siedlungen und Stadtviertel in Libyen und Südtirol auf. Mit der Ansiedlung von Italienern aus dem italienischen „Kernland“ begann die rücksichtslose Verdrängung und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung, bei der etwa sechzig Prozent der libyschen Bewohner in Nordafrika einen gewaltsamen Tod fanden. Trotz der immensen Anstrengungen des Regimes, in den neu geschaffenen Zentren eine „faschistische Gesellschaft“ zu formieren, seien die Resultate jedoch weit hinter den gesteckten Erwartungen zurückgeblieben.

Das wohl ambitionierteste und propagandistisch bedeutendste faschistische Siedlungsprogramm, den Agro Pontino vor den Toren Roms, nahm MIA FULLER (Berkeley) in den Blick. Sie verwies ebenfalls auf die Vertreibung der hier vormals lebenden Bevölkerung zugunsten der Neusiedler. Zu diesen gehörten nicht nur Kriegsveteranen, sondern in wachsendem Maß auch sozial „Unerwünschte“. Die innere Kolonisation diente damit auch als Mittel zur Abschiebung.

Anschließend widmete sich PATRICK BERNHARD (Berlin) en detail dem fruchtbaren wissenschaftlichen Austausch deutscher und italienischer Agrar- und Siedlungsexperten, die das Ziel der Schaffung eines neuen gesunden Bauerntums teilten. Bernhard wies in seinem transfergeschichtlichen Beitrag die wechselseitige Beeinflussung der Agrarexperten beider Länder anhand der Adaption von Mobilisierungsstrategien (battaglia del grano/Erzeugungsschlacht) sowie der Ausarbeitung vergleichbarer Gesetze (Reichserbhofgesetz) nach und konnte überzeugend darlegen, dass sich der „Generalplan Ost“ auch an den faschistischen Kolonialkonzepten in Afrika orientierte.

Dass das Ausgreifen in den kolonialen Raum bei weitem nicht von allen Italienern geteilt wurde, machte NICOLA TRANFAGLIA (Turin) in seinem Vortrag klar. Der Großunternehmer Alberto Pirelli, der als herausragender Exponent der Wirtschaftselite im Zentrum der Betrachtung stand, sah zwar in Mussolini den großen Modernisierer Italiens; aus außenpolitischen Gründen votierte er jedoch letztlich gegen dessen expansionistische Außenpolitik.

VITTORIO VIDOTTO (Rom) rekurrierte in seinem Kommentar zunächst auf das Problem, dass der deutsche „Raum“-Begriff im Italienischen keine exakte Entsprechung finde, wodurch komparative Ansätze erschwert würden. Allerdings unterstrich er die Notwendigkeit, künftig verstärkt vergleichende und transfergeschichtliche Arbeiten zu Nationalsozialismus und Faschismus in Angriff zu nehmen. Das bekräftigte auch ARMIN NOLZEN (Warburg), der aus der Perspektive des NS-Spezialisten seinen Kommentar sprach. Eine denkbare Herangehensweise sah er in der Analyse der Wechselwirkung zwischen der Konstruktion von neuen Räumen einerseits und den daraus resultierenden Alltagspraktiken der darin lebenden Menschen andererseits.

In der zweiten Sektion standen die Themen „Rasse“ (razza/stirpe), Geschlechterkonstruktionen sowie der Umgang mit „Unerwünschten“ im Zentrum der Betrachtung. Die idealisierte Frau im Faschismus, so PERRY WILLSON (Dundee), hatte ihre Pflicht für das Vaterland zu erfüllen, indem sie eine große Kinderschar gebar und feministischen Tendenzen widerstand. Am Beispiel der mitgliedsstärksten faschistischen Frauenorganisation, den Bäuerinnen der „Massaie Rurali“, skizzierte sie deren modern anmutende fachlich-landwirtschaftliche Ausbildung, die Hand in Hand mit der politischen Indoktrination und Mobilisierung ging, und wies auch auf Probleme der Finanzierung sowie die regional differenzieren Angebote dieser Institution hin. Wilson bilanzierte, dass die weibliche Landbevölkerung im Gegensatz zu wenigen bürgerlichen Frauen ihren Status kaum habe verbessern können.

Die Haltung italienischer Wissenschaftler zum Regime im Umfeld des Abessinienkriegs von 1935/36 untersuchte ROBERTO MAIOCCHI (Mailand). Er betonte dabei, dass sich die Wissenschaftler mit immer radikaleren Kolonialprojekten zu übertrumpfen suchten. Abessinien war für vom Faschismus überzeugte, aber auch für opportunistische Wissenschaftler eine ideale Projektionsfläche ihrer Phantasien eines autarken Großitaliens. Selbst Kritiker des Regimes beteiligten sich an Erkundungstrupps in das eroberte Land, jedoch blieb ein Großteil der Visionen aufgrund mangelnder Daten und Kenntnisse unverwirklicht.

In seinem Vortrag über die faschistische Konstruktion von Maskulinität setzte sich LORENZO BENADUSI (Bergamo) kritisch mit den bisherigen Studien von Emilio Gentile, George L. Mosse oder Barbara Spackman auseinander und beanstandete unter anderem die einseitige Darstellung eines hypervirilen Männerbildes sowie die weitverbreitete These, der „neue Mensch“ sei in den Schlachten des Ersten Weltkrieges geboren worden. Er suchte diese idealisierte Vorstellung mittels Tagebucheinträgen und Briefen von Soldaten zu widerlegen und verwies dabei auf die empfundene Bedrohung der Männlichkeit bei vielen Verwundeten. Zudem konstatierte er eine besondere Aufmerksamkeit des Regimes gegenüber Personengruppen, die durch ihr „nonkonformes Verhalten“ auffielen und so die „anthropologische Revolution“ behinderten, etwa Homosexuelle, Arbeitslose, Bettler, Geisteskranke, Vagabunden oder Zeugen Jehovas. Diese wurden dann Opfer von Ausgrenzungsprozessen – ein Aspekt, der leider im Vortrag nur kurz gestreift werden konnte.

BRUNELLO MANTELLI (Turin) verwies in seinem Kommentar auf das Verhältnis von Faschismus und Moderne, dem zufolge sich die Faschisten moderner Strukturen und Instrumente bei der Schaffung der faschistischen Frau bedienten, um jedoch traditionelle Werte zu vermitteln. Außerdem müsse die Vorstellung, sämtliche Frauen seien zur Fortpflanzung animiert worden, im Hinblick auf Slawinnen, Zigeunerinnen und später Jüdinnen eingeschränkt werden. Deren ‚Reproduktion‘ sei gerade nicht erwünscht gewesen. Schließlich stellte Mantelli die Frage nach dem spezifisch Faschistischen der Autarkiewirtschaft vor dem Hintergrund des Jahres 1929 und forderte zu detaillierteren Untersuchungen zum Verhältnis von Wissenschaft und Regime auf. FRANK BAJOHR (Hamburg) beleuchtete in seinem Kommentar die bisherige Erforschung von Geschlechterkonstruktionen sowie exkludierende Maßnahmen des NS-Regimes, die zur Reinhaltung der „Volksgemeinschaft“, verstanden als mögliches Pendant zum „neuen Menschen“, realisiert wurden.

Wissenschaftler, die sich in den Dienst des Regimes stellten, sowie die von ihnen entwickelten Instrumentarien zur Schaffung des „neuen Italieners“ wurden in der dritten Sektion thematisiert. Die pronatalistische Bevölkerungspolitik des faschistischen Regimes beleuchtete SANDRINE BERTAUX (Istanbul) anhand des 1926 geschaffenen Statistischen Zentralamtes (ISTAT). Dessen erster Präsident war bis 1932 Corrado Gini, international anerkannter Demograph und Statistiker. Gini stand dem selektorischen Trend der meisten Eugeniker kritisch gegenüber, die entgegen seiner Überzeugung vor allem höhere Klassen zur Fortpflanzung animieren wollten. Die permanente Konfrontation der italienischen Gesellschaft mit alarmierenden Geburtenstatistiken als Mittel volkspädagogischer Aufklärung habe keine Erfolge gezeitigt und Mussolinis Hoffnungen auf Steigerung der Geburtenraten blieben letztlich unerfüllt. Etwas vage blieb die ambivalente Haltung Ginis zum faschistischen Regime.

Mit Eugenio Morelli, dem „Duce der Tuberkolose“ und Nicola Pende, Mitunterzeichner des „Rassenmanifests“ von 1938, untersuchte CLAUDIA MANTOVANI (Perugia) in ihrem ambitionierten Vortrag zwei exemplarische Vertreter des Ärztestandes und deren Allianz mit der faschistischen Politik. Ihr Ziel, primär über gesundheitspräventive Maßnahmen einen „gesunden Volkskörper“ zu schaffen, hätten die Mediziner in völliger Übereinstimmung mit dem faschistischen Regime verfolgt. Pendes „Biotypologie“ wurde etwa an Schulen und in Jugendorganisationen erprobt, um körperliche und geistige Anormalitäten frühzeitig erkennen und entsprechend korrigierend eingreifen zu können. Wie Mantovani erläuterte, habe das allerdings durchaus einem internationalen Trend der Zeit entsprochen. Entsprechend begeistert zeigten sich etwa britische Delegationen für faschistische Gesundheitsprojekte.

Die Genese des 1925 gegründeten italienischen Mütterhilfswerks (ONMI) beleuchtete MICHELA MINESSO (Mailand). Dabei skizzierte sie zunächst die Entwicklung der staatlichen Kinderfürsorge des liberalen Staates und zeigte, dass die Schaffung einer solchen Institution bereits vor dem faschistischen Machtantritt geplant war und zudem im gesamteuropäischen Kontext expandierender staatlicher Fürsorgeleistungen zu sehen ist. Mit der Reorganisation der ONMI Mitte der dreißiger Jahre seien zwar die staatlichen Eingriffe und Gesundheitskontrollen immer weiter intensiviert, jedoch nicht das avisierte Ziel einer Absenkung der hohen Säuglingssterblichkeit erreicht worden. Offen blieb, wer die prägenden Akteure der ONMI sowie die vorrangigen Leistungsempfänger waren.

Die beiden folgenden Vorträge von MARIUCCIA SALVATI (Bologna) und VANESSA ROGHI (Rom) beschäftigten sich mit der Propagandamaschinerie des faschistischen Regimes. Salvati rückte dabei Camillo Pellizzi in den Vordergrund, der zunächst in London lehrte und ab 1940 das Faschistische Kulturinstitut (INCF) leitete, durch das die Intellektuellen in Italien in die propagandistische Kriegsvorbereitung eingebunden werden sollten. Der von Salvati skizzierte Entscheidungsprozess zur Mitwirkung Pellizzis im Faschistischen Kulturinstitut verdeutlichte, dass die erst in groben Konturen bekannte Mitwirkung von Intellektuellen an der faschistischen Propaganda weiterer Forschung bedarf. Roghi resümierte nach dem Vergleich deutscher und italienischer Propagandafilme, dass das staatlich-italienische Filminstitut LUCE keine explizit antijüdischen Dokumentarfilme produziert habe. Dies führte Roghi auf die Schwierigkeiten der Filmschaffenden zurück, tatsächlich „Angehörige einer reinen italischen Rasse“ zu finden.

CARL IPSEN (Bloomington) fragte in seinem Kommentar nach der ideologischen Substanz des „neuen Menschen“ und zeigte sich unter Verweis auf vergleichbare Konzepte in der Sowjetunion und Rumänien überrascht über deren Fehlen im Nationalsozialismus. Darüber hinaus forderte er zu einer stärkeren Fokussierung der Interdependenzen zwischen Regime und Experten auf. ALEXANDER NÜTZENADEL (Berlin) kommentierte die Beiträge aus deutscher Sicht und unterstrich den in der Forschung vollzogenen Perspektivwechsel vom ideologischen Selbstverständnis der Wissenschaftler hin zur tatsächlichen Praxis der Wissenschaft. Er kritisierte den häufig verwandten Begriff der „Modernisierung“ als zu oberflächlich und empfahl, die Makrokonzepte der „Wissensgesellschaft“ (Margit Szöllösi-Janze) und der „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ (Lutz Raphael) zur Erklärung der zunehmenden Bedeutung von Experten und Planung fruchtbar zu machen. Auch er forderte abschließend, die transnationale Verflechtung von Wissenschaftlern stärker zu beleuchten.

Die problematische Frage nach der tatsächlichen Eindringtiefe faschistischer Maßnahmen in Schule, Universität, Sport und Freizeit durchzog die vierte Sektion. FULVIO DE GIORGI (Modena) untersuchte das Spannungsverhältnis von katholischer Kirche und faschistischem Regime, welches er mit dem sehr zugespitzten und schon allein vor dem Hintergrund der bisherigen Totalitarismusdebatten nicht unproblematischen Begriff eines „doppelten Totalitarismus“ charakterisierte. De Giorgi betonte die vielfachen Interessenidentitäten dieser beiden „Totalitarismen“, etwa in der Sozialistenverfolgung oder dem Spanischen Bürgerkrieg, und unterstrich deren vielmehr symbiotisches als konkurrierendes Verhältnis.

LUCA LA ROVERE (Perugia) kritisierte die noch immer weit verbreitete Annahme, die Erziehung der Jugend im Sinne des Faschismus sei grandios gescheitert. Dazu verwies er auf aktuelle Studien, die das Bild einer nur oberflächlich faschisierten Schule revidieren. Auch lenkte er den Blick auf die außerschulische Dimension der jugendlichen Erfahrungswelt. So wurden Millionen Jugendlichen auch in ihrer Freizeit in den Jugendorganisationen faschistische Werte mittels einer breiten Palette an Aktivitäten durchaus erfolgreich vermittelt.
Auf die Vereinnahmung des Sports durch das Regime und die mannigfachen Versuche, die Bevölkerung in sportliche Aktivitäten zu involvieren, machte PATRIZIA DOGLIANI (Bologna) aufmerksam. Drei Funktionen von Sport ließen sich aus ihrem Beitrag herauspräparieren: Sportliche Betätigung sollte erstens den Gesundheitszustand des italienischen Volkes verbessern und es zweitens mittels Sportarten, die den Gemeinschaftssinn förderten, auf einen bevorstehenden Krieg vorbereiten. Drittens seien die sportlichen Erfolge während der Olympiaden und Fußballweltmeisterschaften als Überlegenheit des Faschismus gedeutet und propagandistisch genutzt worden.

LORETO DI NUCCI (Perugia) ging der Frage nach, wem innerhalb des Regimes die Federführung bei der Schaffung des „neuen Menschen“ zukommen sollte. Offiziell war die Partei hierfür verantwortlich. Zugleich bestanden jedoch Kompetenzüberschneidungen mit staatlichen Stellen, die zu dauernden Konflikten führten. Das Ergebnis war, dass schließlich Staat und Partei diese Aufgabe verfolgten. Di Nucci unterstrich abschließend die Mobilisierungserfolge des Regimes, indem er auf die im Vergleich zu 1915 deutlich höhere Zahl von Kriegsfreiwilligenzahlen beim Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg sowie auf die große Begeisterung junger Frauen und Männer für den 1943 gegründeten faschistischen Nachfolgestaat, die Repubblica Sociale Italiana, aufmerksam machte.

Auf eine bisher fehlende Definition des Terminus „neuer Mensch“ verwies PAUL CORNER (Siena) in seinem Kommentar und fragte nach den Ursachen der Anziehungskraft dieses Konzepts. Er sprach in diesem Zusammenhang von einer „doppelten Realität“: Die vorherrschenden schlechten Lebensbedingungen seien für die Bevölkerung leichter mit der Aussicht auf eine verheißungsvolle Zukunft zu ertragen gewesen wären. Allerdings habe die Vision vom „neuen Menschen“ in der Gesellschaft zur zweiten Hälfte der dreißiger Jahre aufgrund der sich ausweitenden Versorgungsprobleme Risse bekommen. Zusammenfassend äußerte er sich kritisch gegenüber der These von Di Nucci und La Rovere, wonach das faschistische Regime beträchtliche Mobilisierungserfolge erzielt habe. Dass der Begriff „neuer Mensch“ bereits in anderen europäischen Staaten des 19. und 20. Jahrhunderts häufige Verwendung fand, unterstrich RÜDIGER HACHTMANN (Potsdam) in seinem Kommentar und machte deutlich, dass diese Utopie durch Zwang oder Anreiz, durch die Oktroyierung von Verhaltensnormen und Sozialhygiene realisiert werden sollte. Die Termini „neuer Mensch“ - wie übrigens auch „Volksgemeinschaft“ im NS-Staat - waren in ihrer Bedeutung unscharf und konturenarm, blieben so allerdings auch anschluss- wie anpassungsfähig. Letztlich suggerierten sie Harmonie, obwohl sie Hierarchie bedeuteten.

Ihren Abschluss fand die Veranstaltung mit einer Podiumsdiskussion zur Frage der Sozialutopie in Faschismus und Nationalsozialismus. Drei vorrangige Impulse ließen sich aus dieser wie aus den vorangegangenen Diskussionen und Kommentaren für die künftige Forschung ausmachen: Erstens wurde mehrmals die fruchtbringende Frage nach Transferprozessen zwischen den Regimen hervorgehoben. Weniger der konfrontative Vergleich als vielmehr die wechselseitigen politischen Lernprozesse und gegenseitigen Beeinflussungen von Experten sollten in Zukunft stärker von der Forschung in den Blick genommen werden, um strukturelle Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Faschismus und Nationalsozialismus besser verstehen zu können. Daran schloss sich die zweite Forderung an, noch stärker als bisher die Interdependenzen zwischen Regime und Experten zu analysieren sowie eine prosopographische Untersuchung der Wissenschaftler in der faschistischen Zeit vorzunehmen. Drittens wurde angeregt, die Bedeutung, Nutzung und Periodisierung des Konzepts „neuer Mensch“ genauer herauszuarbeiten. Ähnlich wie derzeit intensiv in der Forschung zum nationalsozialistischen Konzept der „Volksgemeinschaft“ müsse dieser vage, situative, manipulative und ambivalente Begriff untersucht sowie dessen Verwendung und inhaltliche Bestimmung aus dem jeweiligen politischen Kontext heraus untersucht werden. Es gilt nun, diese Anregungen in konkrete Forschungsvorhaben zu gießen und das bei der Tagung aufgezeigte breite Spektrum von Annäherungsmöglichkeiten an das faschistische Konzept „neuer Mensch“ noch intensiver und methodisch stringenter zu untersuchen.

Konferenzübersicht:

Saluto di benvenuto: MICHAEL MATHEUS (Rom)
Introduzione: PATRICK BERNHARD (Berlin) / LUTZ KLINKHAMMER (Rom)

Sektion 1: “Lo spazio” e la sua progettazione. La formazione di un concetto politico
Leitung: LUTZ KLINKHAMMER (Rom)

ROBERTA PERGHER (Michigan): Conquistare nuovo “spazio vitale”: Il programma coloniale fascista e la visione imperiale

MIA FULLER (Berkeley): La trasformazione dello spazio: Bonifica, Nuove città e urbanistica

PATRICK BERNHARD (Berlin): Creare contadini “sani”: Giuseppe Tassinari, Konrad Meyer e la politica agraria e di insediamento nell’alleanza dell’asse fascista

NICOLA TRANFAGLIA (Turin): Il caso di Alberto Pirelli: Tecnici e imprenditori nell’Italia fascista

Kommentatoren: VITTORIO VIDOTTO (Rom) und ARMIN NOLZEN (Warburg)

Sektion 2: “Razza” e corpo. Tutelare la “stirpe” e reprimere gli “indesiderabili”
Leitung: MARTIN BAUMEISTER (München)

PERRY WILLSON (Dundee): “Formare” la donna nel fascismo: I Fasci Femminili, le Massaie Rurali e la S.O.L.D.

ROBERTO MAIOCCHI (Mailand): Gli scienziati italiani e la guerra d’Etiopia

LORENZO BENADUSI (Bergamo): La mascolinità fascista e la selezione dell’Uomo Nuovo

Kommentatoren: BRUNELLO MANTELLI (Turin) und FRANK BAJOHR (Hamburg)

Sektion 3: L’operato degli esperti e dei tecnocrati: I think tank del fascismo
Leitung: WOLFGANG SCHIEDER (Köln)

SANDRINE BERTAUX (Marmara): Stato totalitario o demografia totalitaria? Corrado Gini, la statistica, la teoria della popolazione e la creazione del regime fascista

CLAUDIA MANTOVANI (Perugia): Bonifica umana e prevenzione. Due proposte di “medicina politica” durante il regime

MICHELA MINESSO (Mailand): Tutelare la stirpe fin dall’inizio. L’Opera Nazionale Maternità ed Infanzia come strumento di politica di popolazione

MARIUCCIA SALVATI (Bologna): Teoria e uso della propaganda verso il fronte interno, 1938-1943. Il caso Pellizzi

VANESSA ROGHI (Rom): Gli esperti della propaganda cinematografica

Kommentatoren: CARL IPSEN (Bloomington) und ALEXANDER NÜTZENADEL (Berlin)

Sektion 4: Sull’incivisità della penetrazione fascista nella società italiana
Leitung: PATRICK BERNHARD (Berlin)

FULVIO DE GIORGI (Modena): Il cattolicesimo italiano: un concorrente totalitario?

LUCA LA ROVERE (Perugia): La fascistizzazione della gioventù. Scuole, università e la Gioventù Italiana del Littorio

PATRIZIA DOGLIANI (Bologna): L’educazione fisica e la formazione dell’Uomo Nuovo

LORETO DI NUCCI (Perugia): La dialettica Stato-partito nella costruzione dell’uomo nuovo

Kommentatoren: PAUL CORNER (Siena) und RÜDIGER HACHTMANN (Potsdam)

Podiumsgespräch: L’utopia sociale fascista. Un confronto tra fascismo e nazismo
Leitung: LUTZ KLINKHAMMER (Rom)
RICHARD BESSEL (York)
RICHARD BOSWORTH (Reading)
GUSTAVO CORNI (Trient)
PATRIZIA DOGLIANI (Bologna)
PETER LONGERICH (London)
WOLFGANG SCHIEDER (Köln)

Anmerkung:
[1] Benito Mussolini, Al popolo di Reggio Emilia, 30. Oktober 1926, in: Edoardo Susmel / Duilio Susmel (Hrsg.), Opera Omnia di Benito Mussolini, Bd. XXII, 3. Aufl., Florenz 1972, S. 246.

Zitation
Tagungsbericht: Der ‚Neue Mensch’ im italienischen Faschismus. Planung und Umsetzung eines totalitären Gesellschaftskonzepts 1922-1943, 14.04.2010 – 15.04.2010 Rom, in: H-Soz-Kult, 22.06.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3161>.