Spoliés ! Aryanisation économique et spoliation des juifs dans l’Europe nazie (1933-1945)

Ort
Grenoble
Veranstalter
Stadt Grenoble; Fondation pour la mémoire de la Shoah; Centre de recherche en histoire et histoire de l’art – Italie, Pays Alpins (CRHIPA), Université Grenoble II; Centre national de la recherche scientifique (IRICE), Paris; Centre national de la recherche scientifique (CRHQ), Caen; Lehrstuhl für deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, Humboldt-Universität zu Berlin; Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg
Datum
01.06.2010 - 03.06.2010
Von
Bjoern Weigel, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Die Stadt Grenoble hat eine internationale Tagung zum Thema „Arisierungen in der Wirtschaft und die Beraubung der Juden im Europa der NS-Zeit“ ausgerichtet. Dass diese Tagung gleichzeitig die erste internationale Veranstaltung zu diesem Thema war, belegte deutlich den Willen der Organisatoren, sich in dieser Region Frankreichs nicht nur um die eigene Geschichte zu bemühen, sondern sie in einen gesamteuropäischen Kontext einzubetten. Die Konferenz bildete gleichzeitig das Rahmenprogramm zu der am Vortag eröffneten Ausstellung zu den „Arisierungen“ im Département Isère. Diese Ausstellung wiederum ging auf die Arbeit einer 1997 vom Grenobler Stadtrat eingesetzten Historikerkommission zurück, welche die Enteignung der Juden im Département Isère untersuchte. Die Ergebnisse der Kommission flossen nicht nur in die Ausstellung und zahlreiche Konferenz-Beiträge ein, sondern wurden kürzlich von Tal Bruttmann in seinem Buch „’Aryanisation’ économique et spoliations en Isère (1940-1944)“ (Grenoble: Presses universitaires 2010) veröffentlicht.

Die hervorragend organisierte Konferenz wurde durch ein wissenschaftliches Komitee vorbereitet, dem Hauptorganisator Tal Bruttmann (Stadt Grenoble), Frank Bajohr (Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg), Laurent Joly (CRHQ, Caen), Christoph Kreutzmüller (Humboldt-Universität zu Berlin), Marie-Anne Matard-Bonucci (CRHIPA, Grenoble) und Annette Wieviorka (IRICE, Paris) angehörten.

Nach der Eröffnung der Konferenz durch Hélène Viallet (Direktorin der Archives départementales de l’Isère) und einer Einführung von ANNETTE WIEVIORKA (Paris), die von der Frage nach der Sprache des „Dritten Reiches“ und ihrer Übertragbarkeit in andere Sprachen geleitet war, wobei sie auch dezidiert auf die Arbeit der Mission Mattéoli einging, begann der erste der insgesamt sechs Themenblöcke.

Von Metabtrachtungen und Analysen zu möglichen Herangehensweisen an das Thema war der Vortrag von DAN MICHMAN (Jerusalem) geprägt: Er benutzte den Begriff der „Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der Juden“[1] um die Rolle dieser Politik als Teil des NS-Vernichtungsprogramms zu betonen. Derselben Begrifflichkeiten bediente sich auch BENNO NIETZEL (Köln), der neben konzeptuellen Bemerkungen über den Forschungsstand zur NS-Enteignungspolitik hervorhob, dass deren zentrales Ziel nicht jüdisches Eigentum, sondern jüdische Menschen gewesen seien.

Der Vortrag von MARC OLIVIER BARUCH (Paris) beinhaltete im Kern den Vorschlag, die NS-„Arisierungspolitik“ mit den Begrifflichkeiten der Evaluation öffentlicher Politik zu analysieren. Eine linguistisch-semantische Diskussion der Begriffe „Arisierung“ und „Entjudung“ stand im Zentrum des Vortrags von JOHANN CHAPOUTOT (Grenoble): Er unterschied die „Entjudung“ als Gesamtprozess von der „Arisierung“ als Transfer im Einzelnen, wobei er dezidiert auf die Verwendung beider Begriffe in der wissenschaftlichen Literatur einging. ROBERT JAN VAN PELT (Waterloo, Kanada) steuerte kulturphilosophische Betrachtungen zum Verhältnis von persönlichem Eigentum und dem Selbstempfinden des Menschen bei: In Anlehnung an Locke, der Privatbesitz als Erweiterung des Selbst betrachtete, sah Van Pelt in der NS-Arisierungspolitik die Zerstörung der Personen vor ihrer physischen Vernichtung. DIRK RUPNOW (Innsbruck) erweiterte den Blick auf die vom NS-Regime angestrebte „Arisierung der Erinnerung“: Das Ziel, Europa „judenfrei“ zu machen, sei mit dieser – auch sprachlich geregelten – Erinnerung an die Fehlstelle einhergegangen, z.B. durch die Ansammlung „jüdischer Objekte“ während der Vernichtung ihrer Subjekte.

Mit der Rolle der Verwaltungen als Täter beschäftigte sich zunächst der Vortrag von AXEL DRECOLL (München): Er konzentrierte sich auf die Rolle der Finanzbehörden bei der Judenverfolgung, die er im Kern der Arisierungspolitik verortete. PHILIPPE VERHEYDE (Paris) wartete mit Metabetrachtungen über die französischen Verwaltungen auf. Er konstatierte, dass gewöhnliche Menschen sich sehr schnell dazu bereitgefunden hätten, bei außergewöhnlichen Vorgängen mitzumachen: Eine nicht durch das NS- oder Vichy-Regime veränderte, sondern weitgehend gleich gebliebene Administration hätte bestehende Gesetze in einem antisemitischen Sinn angewandt. Ganz ähnlich argumentierte TAL BRUTTMANN (Grenoble), der sich der Frage nach der sozialen Praxis der wirtschaftlichen „Arisierung“ in Vichy-Frankreich widmete: Sein Hauptaugenmerk richtete er auf die Feststellung, dass die „Arisierungen“ längst in Gang gesetzt waren, bevor es überhaupt Gesetze dafür gab. Sie waren somit Teil einer administrativen Praxis vor der normativen Gesetzgebung. FRANK BAJOHR (Hamburg) beschrieb die „Arisierungen“ ebenfalls als soziale Praxis und alltägliches (administratives) Geschäft. Er erweiterte seinen Vortrag um Betrachtungen zum Verlust des kulturellen Kapitals, das neben dem wirtschaftlichen Kapital zwar enteignet, im Gegensatz zu diesem aber weder bemessen noch restituiert werden könne.

ALEXANDRE DOULUT (Paris) verfolgte die Spur „arisierten“ Eigentums der aus Frankreich deportierten Juden. Er betonte, dass ihnen alles irgend verwertbare Eigentum geraubt wurde, während es sehr stark von den lokalen Autoritäten abhing, wer davon profitierte. ERNESTO DE CRISTOFARO (Catania) ging in seinem Vortrag detailliert auf die antisemitische Legislation im faschistischen Italien ein und betonte die Diskrepanz zwischen Theorie und juristischer Praxis während der „Arisierungen“.

Dass die Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz der Juden in den einzelnen Ländern sehr heterogen ablief und zum Teil selbst lokal erhebliche Unterschiede im Ausmaß und in der Durchführung bestanden, zeigten die zahlreichen Beiträge, die sich mit den Ländern Europas beschäftigten: BRIGITTE BAILER-GALANDA (Wien) gab einen Überblick über die „Arisierungen“ in Österreich, wobei sie besonders die Rolle des NSDAP-Gauwirtschaftsberaters Walter Rafelsberger betonte. CHRISTOPH KREUTZMÜLLER (Berlin) stellte einen analytischen Rahmen für die Vernichtung jüdischer Gewerbetätigkeit in den Niederlanden vor. Im Kontext der von den NS-Besatzern geplanten wirtschaftlichen Penetration der Niederlande wies er auf die hohe Stellung der Niederländer innerhalb der NS-Rassenhierarchie hin. Diese habe einerseits bewirkt, dass die deutschen Besatzungsinstanzen besonders radikal gegen Juden vorgingen, gleichzeitig aber die „Beute“ auch mit den nicht-jüdischen Niederländern teilen mussten.

LAURENCE SCHRAM (Malines) zeigte, wie die „Arisierungen“ in Belgien zum politischen und wirtschaftlichen Reinfall für die nationalsozialistischen Besatzer wurden, da lokale belgische Autoritäten sich oftmals nicht zur Kollaboration mit den Deutschen bereitgefunden und ihnen Hindernisse in den Weg gelegt hätten. VIRGINIE SANSICO (Caen) sprach darüber, wie Gesetze Menschen zu Ungesetzlichen erklären, wobei sie – am Beispiel Frankreichs – den Widerstand der Juden selbst thematisierte. LAURENT JOLY (Caen) betrachtete die vom französischen „Generalkommissariat für Judenfragen“ eingesetzten „kommissarischen Verwalter“ jüdischen Eigentums als deren „bewaffnete(n) Arm“. Er betonte sowohl die Konkurrenz zwischen deutschen und französischen Stellen um den Besitz jüdischen Eigentums, als auch deren Einigkeit im Ziel der „Arisierungs“-Politik.

ROBERT PARZER (Berlin) zeichnete die Entwicklung der Freien Stadt Danzig nach, in der die „Arisierungen“ unter den Augen des Völkerbundes stattfanden. JAN GRABOWSKI (Ottawa) analysierte in seinem Vortrag über die „Arisierungen“ im Generalgouvernement Polen das schwierige Thema polnischer Kollaboration mit den deutschen Besatzern: Angehörige der polnischen Verwaltung wurden durch ihre Teilnahme an der Beraubung polnischer Juden selbst zu Akteuren der Besatzungsherrschaft und somit zu Kollaborateuren. Über Polen trug auch INGO LOOSE (Berlin) vor. Er analysierte, wie sich aus der polnischen Tradition des Antisemitismus ein weit verbreiteter Glaube an die Richtigkeit der „Arisierungen“ etablierte, der zur Einforderung einer Teilhabe führte, bevor die Polen selbst auch Opfer der NS-Wirtschaftspolitik wurden.

CATHERINE HOREL (Paris) analysierte in ihrem Beitrag die „Arisierungen“ in Ungarn und in der Slowakei, wobei sie die weitreichenden Intentionen der Behörden mit den faktischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung kontrastierte. ANTON WEISS-WENDT (Oslo) trug vor, wie man in Estland nach 1945 bestrebt war, enteignete jüdische Besitztümer zu behalten, die man gar nicht rechtmäßig erworben hatte. Dabei setzte er den Akzent auch darauf, dass die Juden Estlands vor 1939 weder sehr zahlreich waren, noch überhaupt über Eigentum von signifikantem wirtschaftlichen Wert verfügten. ALEXANDER KORB (Berlin) trug über Kroatien vor, wobei er sich auf die Okkupation konzentrierte.

Für die „Arisierungen“ in Italien konstatierte ILARIA PAVAN (Pisa), dass diese bis 1943 ein rein italienisches Projekt ohne maßgebliche deutsche Beteiligung gewesen seien. Sie strich vor allem heraus, wie weitreichend diese schon gewesen waren, bevor die deutschen Besatzer 1943 die „Arisierungen“ fortführten. ELISABETH WEBER (Berlin) konnte im Falle Rumäniens darauf verweisen, dass die „Romanisierungen“ Teil eines rein rumänischen Nationalisierungsprogramms waren, dass vor allem Juden, aber auch alle anderen der zahlreichen Minderheiten bedrohte. Sie verwies zudem auf die starke Tradition des Antisemitismus in Rumänien, deren Weiterwirken auch nach 1989 jede Diskussion um die Restitution „romanisierten“ Eigentums verhinderte. Für Norwegen, das ähnlich wie die Niederlande keinerlei Tradition des politischen Antisemitismus aufwies, richtete BJARTE BRULAND (Oslo) seinen Fokus auf die Plötzlichkeit der „Arisierungen“: Die norwegischen Kollaborateure unter Vidkun Quisling wollten schneller sein als die deutschen Okkupanten und setzten eilig eine „Arisierungs-Gesetzgebung“ ins Werk, von der sie allerdings nur wenig profitieren konnten.

Die Ergebnisse der zweieinhalb Konferenztage wurden schließlich in einer Abschlussdiskussion zusammengefasst. Als wesentlich für die weiterführende Forschung wurde genannt, die beteiligten Juden als aktiv handelnde Personen und Unternehmer zu begreifen, statt ausschließlich als passive Opfer. Des weiteren kam die Einbindung kulturgeschichtlicher Sichtweisen in den Prozess der Vernichtung jüdischer Gewerbetätigkeit zur Sprache. Die Konferenz zeigte deutlich, in welchem Maße die Vernichtung jüdischer Gewerbetätigkeit mehr als nur wirtschaftlich schwächend auf ihre Opfer wirkte. Sie war vielmehr eine der wichtigsten Etappen zur dauerhaften Schädigung von Personen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung: Hélène Viallet
Einführung: Annette Wieviorka (IRICE, Paris)

L’ « aryanisation », une politique nazie

Dan Michman (Bar-Ilan-Universität und Yad Vashem): Die wirtschaftliche Verfolgung der Juden, 1933-1945. Ihre wechselnde Rolle in den Zielen der antisemitischen Politik NS-Deutschlands

Benno Nietzel (Universität zu Köln): Die Vernichtung jüdischer Gewerbetätigkeit in Deutschland, 1933-1941

Brigitte Bailer-Galanda (Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien): Enteignungen ohne Vorbild. „Arisierung“ in Österreich

Christoph Kreutzmüller (Humboldt-Universität zu Berlin): „Arisierung“ in einem „arischen“ Land. Die Niederlande

L’administration, acteur central de la politique d’ « aryanisation »

Marc Olivier Baruch (AHMOC-EHESS, Paris): „Wo ist das Problem? Wir haben ganz einfach unsere Arbeit gemacht.“

Axel Drecoll (Institut für Zeitgeschichte, München): Die Finanzbehörden und die Verfolgung der Juden in Bayern

Robert Parzer (Humboldt-Universität zu Berlin): Arisierungspolitik in Danzig

Ernesto de Cristofaro (Università degli Studi di Catania): Die Beraubung der Juden Italiens. Theorien und juristische Praxis

Laurence Schram (Musée Juif de la Déportation et de la Résistance/Kazerne Dossin, Malines): Die „Entjudung“ der belgischen Wirtschaft. Eine Stufe der „Endlösung“

Philippe Verheyde (IDHE, Université Paris VIII): Die gewöhnlichen Verwaltungen Vichy-Frankreichs und die „wirtschaftliche Arisierung“

Sociétés et acteurs sociaux

Frank Bajohr (Forschungsstelle für Zeitgeschichte, Hamburg): „Arisierung“ als sozialer Prozess. Akteure, Vermittler, Profiteure

Virginie Sansico (CRHQ, Caen): Sozialer Gewalt gegen Juden und ihr Eigentum Platz bieten, antisemitische Gesetzgebung ansetzen. Justiz und Polizei in Vichy-Frankreich

Jan Grabowski (University of Ottawa): „Arisierung“ jüdischen Eigentums im Generalgouvernement, 1939-1945

Johann Chapoutot (Université Grenoble II): „Arisierung“. Der Sinn eines Wortes der NS-Sprache

Catherine Horel (IRICE, Paris): Der Arisierungsprozess in Ungarn und der Slowakei, 1938-1942. Ungleiche Intentionen und Umsetzungen

Laurent Joly (CRHQ, Caen): Die „kommissarischen Verwalter“, der bewaffnete Arm des Generalkommissariats für Judenfragen (CGQJ)

De l’ « aryanisation » à la « solution finale »

Robert Jan van Pelt (University of Waterloo): „Arisierung“, der Völkermord an den Juden und das zweite Traktat von Locke: eine Reflexion

Ingo Loose (Humboldt-Universität zu Berlin): „Learning by doing“ in NS-Deutschland? Von der „Arisierung“ zur massiven Plünderung im besetzten Polen

Anton Weiss-Wendt (Senter for studier av Holocaust og livssynsminoriteter, Oslo): Behalten, was einem nicht rechtmäßig gehört: Die Konfiskation jüdischen Eigentums in Estland

Alexandre Doulut (Université Paris VII): „Arisierung“ des Eigentums aus Frankreich deportierter Juden

Alexander Korb (Humboldt-Universität zu Berlin): Utopie und Gewalt. „Nationalisierung“ in Kroatien 1941-45

Dirk Rupnow (Universität Innsbruck): „Arisierung der Erinnerung“: Eine andere Sicht auf die Beraubung der europäischen Juden

L’ « aryanisation », politique nationale dans l’Europe nazie

Ilaria Pavan (Scuola Normale Superiore di Pisa): Der vernachlässigte Raub: Der Fall Italien 1938-1945

Elisabeth Weber (Humboldt-Universität zu Berlin): Die „Romanisierung“ jüdischen Eigentums 1940-1944

Tal Bruttmann (Stadt Grenoble): Vichy und die Umsetzung der „Arisierung“ 1940/41

Bjarte Bruland (Jødisk museum i Oslo): Die Liquidation jüdischen Eigentums in Norwegen

Abschlussdiskussion
Frank Bajohr, Tal Bruttmann, Laurent Joly, Christoph Kreutzmüller, Marie-Anne Matard-Bonucci

[1] Eingeführt wurde dieser Begriff von Ludolf Herbst / Christoph Kreutzmüller / Ingo Loose / Thomas Weihe , Einleitung, in: Ludolf Herbst /Thomas Weihe (Hrsg.), Die Commerzbank und die Juden 1933-1945, München 2004, S. 9-19.

Zitation
Tagungsbericht: Spoliés ! Aryanisation économique et spoliation des juifs dans l’Europe nazie (1933-1945), 01.06.2010 – 03.06.2010 Grenoble, in: H-Soz-Kult, 09.07.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3184>.