35 Jahre nach Reinhart Koselleck: Asymmetrische Gegenbegriffe in Politik, Sprache und Gesellschaft

Ort
Konstanz
Veranstalter
Universität Konstanz
Datum
04.06.2010
Von
Thorn R. Kray, Universität Konstanz

Reinhart Koselleck, der schon im Titel der Konferenz erwähnt wird, darf wohl als einer der einflussreichsten Mitglieder seiner Zunft im ausgehenden 20. Jahrhundert gewertet werden, der weit über die Grenzen seiner Heimatdisziplin bekannt ist und rezipiert wird. Die Konferenz mit ihrem Interesse an Anwendungsmöglichkeiten, Vertiefungen aber auch der Kritik an theoretischen Arbeiten Kosellecks stand daher im Zeichen eines interdisziplinären Dialogs. Die „asymmetrischen Gegenbegriffe“[1], wie sie von Koselleck im Rahmen seiner historisch-politischen Semantik entwickelt wurden, rückten ins Zentrum der Überlegungen der Angehörigen verschiedener sozialwissenschaftlicher Fachrichtungen wie Soziologie, Geschichte, Politologie und Linguistik. Gefunden werden sollten sowohl Schnittstellen jener unterschiedlichen Richtungen ebenso wie es Ziel war, einen fruchtbaren Kontrast zwischen den Ansätzen herauszuarbeiten und dadurch miteinander in ein spannungsreiches Gespräch zu bringen.

Die von BERNHARD GIESEN (Konstanz) gesprochenen Eröffnungsworte waren geprägt durch die persönliche Erfahrung mit dem Menschen Reinhart Koselleck. Giesen verband das Anekdotische mit sachlichen Umrissen des Projekts der Begriffsgeschichte, dem sich Koselleck stets verpflichtet gefühlt hatte. So entwarf er den Teilnehmern rekonstruierend die Grundlinien dieses transdisziplinären und immer noch aktuellen Denkens und seiner ideengeschichtlichen Wurzeln und vielen Einflüsse auf verschiedene akademische Schulen. Nicht trotz, sondern wegen der persönlichen Note von Bernhard Giesens Anmerkungen konnte den Teilnehmern ein lebendiges Bild von Kosellecks Wirkungen, Prägungen und seinen jeweiligen Arbeitsumfeldern vermittelt werden.

Mit dieser Ausgangsbasis begrüßten KAY JUNGE (Konstanz) und KIRILL POSTOUTENKO (Konstanz), als verantwortliche Organisatoren der Konferenz, die Teilnehmer und bildeten mit ihrer Einführung den Rahmen der Veranstaltung insgesamt. Im Mittelpunkt ihrer Ausführungen standen verschiedene Typen von Asymmetrien, welche sowohl einen funktionalen-simultanen Charakter (System/Umwelt) als auch einen sukzessiven (Gleichgewicht/Ungleichgewicht) annehmen könne. Neben dieser Unterscheidung wurde von ihnen andiskutiert, wie sich solche Typen in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen auswirken in dem Sinne, dass beispielsweise im politischen Bereich Asymmetrien verteilt werden, wie diese mini- und maximiert sein können. Beide verliehen dem Wunsch Ausdruck, eine möglichst hohe Vielfalt an ganz unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema zu erreichen.

PHILIP MANOW (Heidelberg) untersuchte in seinem Beitrag „‘We are the Barbarians‘ – Thomas Hobbes, the American savage and the debate about British antiquity” die Wirkung und Überlagerung von zwei asymmetrischen Konzepten in und anhand eines Ausschnitts der politischen Ideengeschichte Europas. Bei Thomas Hobbes werde nach Eindämmung des Krieges aller gegen alle durch den Leviathan dessen Aggression externalisiert; solche Auslagerung führe zur aggressiven Konkurrenz auf internationaler Ebene, was Koselleck mit dem Gefälle eines asymmetrischen Begriffspaares (‚wir vs. ihr‘ / ‚us vs. them‘) verbunden sah. Dieses Paar, so Manow weiter, münde in der Schmittschen Freund/Feind-Unterscheidung und stabilisiere so die Autogenese der sich gegenüberliegenden Staaten. Mit der Entdeckung Amerikas werde neben dieses Begriffspaar aber ein zweites gestellt: Nach den ersten Berichten der exotischen Bewohner werden den Zivilisierten die Wilden entgegengesetzt. Sei mit letzterem eine andere Geschichtlichkeit aufgerufen, die die zivilisierten Staaten hinter sich hätten, entstehe ein Antagonismus zweier antithetischer Duale, der sich in der Gefährdung eigener Vergangenheitskonstruktionen äußere. Seien die Ureinwohner eine Vorstufe der eigenen Zivilisation, könne man im Sinne einer Degeneration dahinter auch wieder (in den naturzuständigen Bürgerkrieg) zurückfallen und „werden, wie wir einst waren“. Diese Figur sah Manow allegorisch verkörpert in den Frontbildern von Hobbes De Cive aus dem Jahre 1642, die sich in starker Weise auf die Visualisierungen Theodor de Brys von Thomas Harriots Reisetagebüchern von 1585 beziehen und aus diesen hergeleitet sind. Mit einer solchen Beobachtung wird ein innovativer Sprung in die Bildinterpretation getan, die asymmetrische Konzepte in visuellen Darstellungen repräsentiert sieht und so der Diskussion eine neue Facette hinzufügt.

KAY JUNGE (Konstanz) spürte in seinem Vortrag „‘Opposition to Government‘: Institutional prerequisites of legitimacy“ dem nach, wie innerhalb eines modernen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaftssystems im Bereich des Politischen Asymmetrien legitimiert und diese wiederum ausbalanciert werden. Im Rückgriff auf die eingangs von Postoutenko skizzierte Taxonomie von möglichen Operationsweisen von asymmetrischen Konstellationen, rückte er den Gedanken von im Wettbewerb stehenden Parteien insofern in den Vordergrund, als dort der Aspekt einer Generierung von Equilibria von zentraler Bedeutung sei. Um diese Mechanismen herauszuarbeiten, suchte Junge spieltheoretische Ansätze in ein Model zu gießen, mit denen sich beschreiben lässt, wie Asymmetrien zwar konstitutiv wirken, aber langfristig doch in Symmetrien umschlagen und so ihre Legitimität erhalten. Als ein Problem stellte sich in der hier besonders kontrovers geführten Debatte heraus, dass das interne Funktionieren von Parteien und deren Regularien schwer transparent gemacht werden kann. Dies gelte es besonders zu berücksichtigen, da diese Institutionen selbst ein Interesse an ihrem Status als blackbox hätten und so der Konzeptualisierung Intern/Extern-Beziehung speziellere Aufmerksamkeit zukommen müsse, wenn die Multidimensionalität der politischen (Un)Gleichgewichte betrachtet werden solle.

M. LYNNE MURPHY und ROBERTA PIAZZA (beide Sussex) beschäftigten sich aus linguistischer Perspektive mit den asymmetrischen Gegenbegriffen und suchten Überschneidungen im Feld der modernen Semantik- und Diskursanalyse. In ihrem Vortrag, welchem ein Papier mit dem Arbeitstitel „Linguistic semantics and historical semantics: reflections on (un)common grounds“ zugrunde lag, wurde zunächst die Frage erörtert, wie die Polysemie von Begriffen, wie sie Koselleck sah, mit den Annahmen über die generelle Ambiguität ebenfalls von Worten mit zusammenhängt; auf diesem Wege zeigten sie am Beispiel von „Europa“, wie die Verbindung von ideengeschichtlicher und linguistischer Semantik aussehen könnte. Ihr wesentliches Augenmerk aber galt dem Nexus von oppositioneller Asymmetrie, sprachlicher Identitätsbildung von sozialen Gruppen und zu Entfremdung und Marginalisierung führenden diskursiven Grenzziehungen. Besonders in letzterem sahen Murphy und Piazza das gemeinsame Interesse von Diskursanalyse, linguistischer und Begriffsgeschichte. Zu den Ergebnissen ihrer Überlegungen zählte mithin die Kritik an dem von Koselleck vorgeschlagenen Konzept von „Begriff“, ist dieses ihrer Meinung noch zu wenig angepasst an die quasi mikrologischen Bedingungen des alltäglichen Sprachgebrauchs. Auf der anderen Seite hielten sie es auch angesichts der neueren Entwicklungen in linguistischer Semantik und kritischer Diskursanalyse für durchaus geraten und geboten, den identitätsbasierten (asymmetrischen) Begriff(skonstellation)en besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

JAN MARCO SAWILLA (Konstanz), der als einziger Teilnehmer in derselben Disziplin wie Koselleck beheimatet ist, rekonstruierte in seinem Beitrag „Categorial Asymmetry. ‚Bürgertum‘ vs. ‚Masses‘ in German Social History“ nochmals die asymmetrischen Gegenbegriffe als theoretisches Konzept. Daneben skizzierte den Gebrauch des Duals Bürgertum/Masse im 19. Jahrhundert, welcher in der analytischen Sprache der Sozialwissenschaften der 1970er-Jahre vor allem von Jürgen Habermas in dessen Frühwerk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ wieder aufgegriffen wurde, um die Entwicklung beziehungsweise den Verfall der öffentlich-politischen Sphäre hervorzuheben. Sawillas Analyse zum einen der empirischen Untersuchungen Kosellecks zum Begriff der ‚Geschichte‘ und der ‚Revolution‘, und zum anderen der theoretischen Überlegungen zum Konzept der „Gegenbegriffe“ hatte einen kritischen Impetus; er zeigte den Sonderfall des deutschen Kontextes auf, dessen Verallgemeinerung nur sehr bedingt zulässig sei, wenn die Entwicklung von „Geschichte“ und „Revolution“ zu Kollektivsingularen beschrieben werden solle. Er wies außerdem auf die zu großen Teilen unsystematische Verwendung des Begriffs der „Gegenbegriffe“ hin, durch den das Projekt der Begriffsgeschichte allgemein destabilisiert würde. Masse und Bürgertum seien aus verschiedenen Gründen Gegenbegriffe – sie markierten nicht nur die „us vs. them“-Differenz, sondern seien auch auf analytisch verschiedenen Ebenen angesiedelt (es gibt keine ‚Klasse‘ oder ‚Schicht‘ der Masse), was bei Habermas dazu beitrage, dass sie als Pole gegenübergestellt würden. Letztlich würde damit, so die Schlussfolgerung, aber eine Unterscheidung aufgemacht, die dazu beitrüge, sich selbst unter der Hand als Vertreter der ‚offiziellen Kultur‘ auszuweisen und somit die andere Seite als depraviert darzustellen. Sein Fazit fiel für die Theorieseite von Kosellecks Arbeiten skeptisch aus: Auf dieser Ebene sei die Begriffsgeschichte zu grobkörnig und theoretisch unterreflektiert, um nicht von der Diskursanalyse ersetzt zu werden.

JUHA VUORI (Turku) warf in seinem politologisch orientierten Referat „Three Takes on the Counter-Revolutionary – Studying Asymmetrical Political Concepts in the People’s Republic of China” einen genaueren Blick auf drei im chinesischen Kontext zur Rechtfertigung von Gewalt in Anschlag gebrachten sprachlichen Instrumente mit asymmetrischem Charakter. Vuori bearbeitete zunächst die Freund/Feind-Unterscheidung, wie sie von Carl Schmitt verwendet wurde, um dann im nächsten Schritt auf das „dämonologische Paradigma“ hinzuweisen, welches im innenpolitischen Rahmen Chinas eine Rolle spiele. Darauf folgte zum Schluss – aber systematisch umso zentraler positioniert – die Betrachtung der politischen Funktion von Sicherheitsargumenten.

Die Freund/Feind-Dichotomie befindet sich laut Vuori in der Staatsideologie Chinas an zentraler Stelle. Vor allem das China unter Mao habe ausgefeilte Praktiken besessen, um nicht nur nach Feinden zu suchen, sondern tendenziell auch sprachlich das gesamte politische Leben qua dieser Dichotomie zu dominieren. Die chinesische „Dämonologie“ weise auf eine quasi-religiöse Sprache hin, die politische Gegner als „Ox-Monster“, „böse Geister“ etc. brandmarke und es so erlaube, noch aggressiver mit den „Conter-Revolutionären“ umzugehen. Zum Schluss stellte Vuori das Kernstück seiner Überlegungen vor, die Theorie des Sicherheitsdiskurses; hierbei ging es primär um einen speziellen Typ von durch asymmetrische Argumentationsprinzipien bestimmtem Vokabular, das es, so seine These, ermögliche, interne Feinde zu identifizieren. Das Vokabular der Sicherheit ließe diese so ausgemachte Bedrohung (und damit auch: der Sicherheit und Integrität des Staates) extreme Gewaltanwendung legitim erscheinen. Die Untersuchung von asymmetrischen Gegenbegriffen mache demnach die Mechanismen deutlich, wie Gewalt gerechtfertigt werde und ließe damit deren ganz praktische Wirkmacht und damit theoretische Relevanz klar hervortreten.

KIRILL POSTOUTENKO (Konstanz) entfaltete in seinem Papier „From Asymmetries to concepts: Asymmetrical concepts, democary and totalitarianism in the first part oh the 20th century“ eine ganze Reihe von begrifflichen Differenzierungen des Asymmetriegedankens. Fluchtpunkt war dabei eine Analyse der politischen Sprache in Propagandareden Hitlers, Stalins und Roosevelts, in denen die Nutzung der zuvor erarbeiteten kategorialen Vertiefungen ihre empirische Anwendung fand. Postoutenko führte für seine Betrachtung der Reden nun zwei Unterscheidungen ein, die für sein Interesse leitende Funktion hatten: Zunächst wurde die Distinktion von primären und sekundären Asymmetrien beschrieben, derzufolge eine Asymmetrie dann primär ist, wenn sie sich auf die Relation des menschlichen Wesens/Sprechers (‚ich‘/‘hier‘/‘jetzt‘) im Gegensatz zu seiner Umwelt bezieht; sekundäre Asymmetrien dagegen bezeichneten den primären Zugang des Sprechers zu seinen eigenen Wünschen, Präferenzen und Befindlichkeiten. Noch etwas elaborierter wurde die Bestimmung von Asymmetrien als einerseits agonistisch und andererseits antagonistisch vorgestellt. Generell beschreibt die erste eine asymmetrische Kommunikationskonstellation, in der Raum für Verhandlungen und Interpretation bleibt. Unterteilt wurde dabei wird nochmals in starke (Emphase des Sprechers mit meist normativem Anspruch an den/die Empfänger) und schwache (Asymmetrie ist durch konsensuale Semantik kaum noch erkennbar). Antagonistisch seien Asymmetrien genau dann, wenn eine Reinterpretation des Empfängers/Hörers der Mitteilung systematisch ausgeschlossen würde. Auch hier seien starke antagonistische Asymmetrien, die die Diskursbeteiligung des Gegenübers kategorisch ausschließen (‚Unmenschen haben kein Rederecht‘), von schwachen antagonistischen Asymmetrien getrennt, bei denen die Position des Empfängers geschwächt ist und er die Rolle eines passiven Beobachters zugewiesen bekommt. Die Anwendung dieses Analyserasters führte zu dem vorläufigen Ergebnis einer Dominanz von schwachen antagonistischen und starken agonistischen Asymmetrien in den Reden der jeweiligen Personen, ungeachtet der Tatsache, ob sie sich in einem totalitären oder nicht-totalitären Kontext aufhalten.

Die abschließende Diskussion was weniger fokussiert auf einzelne Aspekte der vorgestellten Ansätze, Themen und Arbeitsgebiete, sondern versuchte vielmehr nochmals den gemeinsamen Nenner der Referenten und ihrer Disziplinen hervorzukehren. In den Blick kam dabei die Frage der Ablösung des Semantikbegriffes von der Kernkategorie der analytischen Philosophie, der Bedeutungstheorie, und damit seine Transferierung in einen mehr sozialwissenschaftlich operationalisierbaren Rahmen – dies, so wurde angemerkt, sei eine wesentliche Leistung Kosellecks, selbst wenn damit erst eine Arbeitsbasis für weitere Forschungen geschaffen sei. Aus dem linguistischen Lager wurde das Schlagwort der Ambiguität im Sinne der Frage in den Raum geworfen, welchen Grad an Stabilität Identitätskonstruktionen sozialer Gruppen haben können und inwiefern Begriffe Kampfplätze von verschiedenen Akteuren sind, soweit es Anerkennungsverhältnisse dieser zwischen- und zueinander geht.

Konsens bestand unter den Teilnehmern darüber, dass Kosellecks Beiträge in und zu jeder der Disziplinen, auch bei aller Kritik, die an seinen Ideen und deren Ausarbeitung (dort) betrieben werden müsse, wichtige Anstöße und innovationsbefördernde Impulse darstellen würden.

Konferenzübersicht:

Bernhard Giesen (Konstanz)
Eröffnungsworte

Kay Junge (Konstanz),
Kirill Postoutenko (Smolny Institut / Konstanz)
Asymmetrical concepts: an emergency introduction

Philip Manow (Heidelberg)
'Us vs. him' - sacrificial kingship and the origins of democracy in Hobbes's Leviathan

Kay Junge (Konstanz)
„Opposition to Government“: institutional prerequisites of legitimacy

Lynn Myrphy, Roberta Piazza (Sussex)
Historical semantics and linguistic semantics: identity and asymmetry from a linguistic perspective

Jan Sawilla (Konstanz)
Categorial asymmetry „Bürgertum" vs. „Masses" in German social history

Juha Vuori (Turku)
Three takes on counter-revolution:
Studying asymmetrical political concepts in the People's Republic of China.

Kirill Postoutenko (Smolny Institut / Konstanz)
Asymmetrical concepts, democracy and totalitarianism in the first part of the 20th century

Schlussdiskussion

Anmerkung:
[1] Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1989.

Zitation
Tagungsbericht: 35 Jahre nach Reinhart Koselleck: Asymmetrische Gegenbegriffe in Politik, Sprache und Gesellschaft, 04.06.2010 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 12.07.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3187>.