Mehr als Koggen und Kaufleute. Die Hansehistoriographie und ihre Berührungspunkte mit aktuellen Projekten der Spätmittelalterforschung

Ort
Halle an der Saale
Veranstalter
Angela Huang, Kopenagen; Cordelia Heß, Stockholm; Christina Link, Hamburg; Ulla Reiß, Frankfurt
Datum
23.05.2010 - 24.05.2010
Von
Ulla Reiß, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main

Der 2010 erstmals veranstaltete Nachwuchsworkshop zur Hansegeschichte widmete sich dem Problem der Edition. Promovierende und Studierende waren eingeladen, sich mit den Implikationen der Nutzung von Editionen auseinanderzusetzen, etwa eventuelle Einschränkungen der Erkenntnismöglichkeiten der eigenen Arbeit zu diskutieren.

Neben dieser inhaltlichen Ausrichtung verfolgte der Workshop drei Ziele: Erstens sollten der hansischen Geschichtsforschung neue Impulse gegeben werden, indem junge Forscher und Forscherinnen zusammenkamen, deren Arbeitsvorhaben sich zeitlich oder geographisch im hansischen Raum bewegen, die Hanse aber nicht als zentrales Thema behandeln. Zweitens sollten die neueren Entwicklungen und Umbrüche in der Hansehistoriographie, die mit einer Infragestellung althergebrachter Meinungen einhergehen, einer Gruppe präsentiert werden, die sich nur am Rande mit der Hansegeschichte beschäftigt, um einer Tradierung überkommener Forschungsmeinungen entgegen zu wirken. Drittens galt der Workshop als methodisches Experiment. Findet das Zusammentreffen von Doktoranden und Studierenden überwiegend noch in seiner klassischen Form der reinen Präsentation von Forschungsvorhaben und der Diskussion vorliegender Ergebnisse statt, sollte hier in der Form des Workshops den Teilnehmern die Möglichkeit gegeben werden, miteinander an einem Thema zu arbeiten. Die gemeinsame Arbeit erfolgte in zwei Sektionen, die sich mit der Edition der Hanserezesse auseinandersetzten und zahlreiche Forschungsfragen und –desiderate aufwarfen.

CARSTEN JAHNKE (Kopenhagen) führte mit einem Impulsreferat zu den Umbrüchen der hansischen Geschichtsforschung ins Thema ein. Dazu warf er zehn Grundfragen auf, mit denen sich die Hansehistoriographie beschäftigen solle. Darunter fanden sich zahlreiche Infragestellungen lieb gewonnener, aber nie aus den Quellen belegter Ansichten, wie zum Beispiel der Wichtigkeit des Seetransports sowie der See- und Großstädte. Dagegen regte Jahnke an, dem Landtransport, den Binnen- und Kleinstädten verstärkte Beachtung zukommen zu lassen. Zudem sei eine konsequente Internationalisierung der Hanseforschung vonnöten, da die aktuellen Forschungsdiskussionen kaum Ländergrenzen überwänden. Außerdem besitze die Frage hohe Relevanz, inwiefern die Edition des Hansischen Urkundenbuchs und der Hanserezesse die Forschung prägten. Mit dieser Frage beschäftigten sich die Workshop-Teilnehmer anschließend in zwei Sektionen.

Die erste Sektion wandte sich dabei der Quelle Rezess selbst zu und der Frage der Rechtskraft der darin enthaltenen Normen. Der Struktur der Hanse als Interessengemeinschaft einzelner Städte entsprach es, dass die vom Hansetag verabschiedeten Rechtssetzungen zunächst in die rechtlichen Bestimmungen der einzelnen Hansestadt Aufnahme finden mussten, bevor sie dort Gültigkeit erlangten. Dies ist der Forschung seit längerem bekannt; nichtsdestotrotz verleitet die Protokollform der Rezesse sehr dazu, die hanseweite Geltung der Beschlüsse vorauszusetzen. Ziel der Arbeit in dieser Sektion war es, mit den Teilnehmern diese Eigenheit hansischer Beschlussfassung zu problematisieren und sich gemeinsam der Frage zu nähern, wie die hansischen Beschlüsse und die Städtegemeinschaft insgesamt auf der Ebene der Stadt dargestellt und wahrgenommen wurden.

Die Hamburgischen Burspraken in Edition von Jürgen Bolland dienten hierbei als Vergleichsquelle zu den Hanserezessen. Als Stichprobe hinsichtlich der hansischen Beschlüsse wurden die hansischen Regelungen zum Gästerecht bzw. die stadteigenen Ver- und Gebote zu dieser Frage ausgewählt. Dabei wurde deutlich, dass die gesamthansische Perspektive, die Hansekaufleute den Nicht-Hansekaufleuten gegenüberstellt, in den Burspraken keinerlei Widerhall findet. Die Stadt interessierte sich lediglich für die Unterscheidung zwischen Einwohnern bzw. Bürgern der Stadt und Gästen, also Nicht-Einwohnern. Dieser Befund warf die in der Forschung nach wie vor ungeklärte Frage wieder auf, welchen Status ein Hansekaufmann in einer fremden Hansestadt besaß und ob die Hansezugehörigkeit nicht vielleicht doch nur im Ausland von Bedeutung war. Eine zweite Feststellung betraf die Tatsache, dass die hansischen Beschlüsse sich nicht oder nur in abgeänderter Form in den Burspraken finden; in einem Fall stehen die städtischen Bestimmungen den hansischen sogar diametral entgegen.

Neben dem Vergleich der Bestimmungen wurde auch die Frage gestellt, wie der Begriff „Hanse“ in den Burspraken und Hanserezessen überhaupt Verwendung fand. Für die Burspraken musste konstatiert werden, dass die Städtegemeinschaft selbst so gut wie nicht benannt wurde. Aus der Arbeit an beiden Quellen wurde das Desiderat formuliert, eine semantische Untersuchung des Begriffs „Hanse“ vorzunehmen, der in vielfachen Bedeutungsschattierungen entgegentritt, die alle weiter differenziert werden müssen: von der „Fahrtgemeinschaft“ über die „Kontorsgemeinschaft“ hin zur Gesamtinstitution „Hanse“.

Aufgrund der Kürze der Zeit konnten diese Fragen lediglich aufgeworfen und andiskutiert werden. Jedoch wurden sowohl hinsichtlich des städtischen Gästerechts, der Gültigkeit von Bestimmungen auf Hansestadtebene, der Bedeutungsvielfalt des Hansebegriffs wie auch hinsichtlich der „Sichtbarkeit“ der Hanse in der einzelnen Stadt für den einzelnen Bürger Fragen diskutiert und aufgeworfen, die echte Forschungsdesiderate darstellen.

Die zweite Sektion beschäftigte sich mit der Suggestivkraft der Edition der Hanserezesse anhand der Stücke, die für die Jahre 1256-1300, 1356-58 und 1418 ediert worden sind. Kompilation und Benennung traten als die beiden Hauptprobleme der Edition hervor: Die Auswahl und Zusammenstellung der Stücke verfährt nach thematischen Kriterien, da der Editor Karl Koppmann die politische Geschichte der Hanse illustrieren wollte. Dieser Ansatz verlegt, so wurde betont, die interpretatorische Arbeit bereits vor die Erstellung der Edition. Die Auswahl der abgedruckten Quellen, die Wiedergabe als Volltext oder Regest, die Einführung mithilfe einer langen oder kurzen Einleitung können dazu beitragen, bestimmte Aspekte in den Vordergrund zu stellen und dem Nutzer ein bestimmtes Bild von der Hanse zu suggerieren. Die Frage, ob es die Hanse als Konzeption eines größeren Ganzen, gerade im 13./14. Jahrhundert, überhaupt gegeben hat, lässt sich anhand der Edition noch aufwerfen, nicht aber fundiert beantworten. Die Wortverwendung Koppmanns gewährt einen weiteren Einblick in die Vorannahmen, die seine Editionsarbeit prägten. Etwa erzeugt die Zusammenstellung diversester Stücke unter den Überschriften „Vorakten“, „Beschlüsse“ und „Nachträgliche Verhandlungen“ den Eindruck eines geordneten Ablaufs selbst bei Versammlungen, von denen noch nicht einmal einwandfrei nachgewiesen werden kann, dass sie tatsächlich stattfanden. Bezeichnungen wie „Vertreter“ einer Städtegruppe oder „Verhansung“, die nicht in den Quellen selbst zu finden sind, aber in den einleitenden Bemerkungen des Editors verwendet werden, konstruieren die Hanse als ein Ganzes, dessen Existenz eigentlich erst zu beweisen wäre.

Die Nutzer der Edition der Hanserezesse sollten sich demnach darauf beschränken, zu speziellen Fragestellungen einzelne Stücke heranzuziehen, da die Verwendung der gesamten Kompilation hauptsächlich dazu führt, das Hansebild Koppmanns nachzuvollziehen. Desgleichen erschienen ein sensiblerer Umgang mit der Quellensprache und eine stärkere Reflexion bei der Verwendung analytischer Begriffe wünschenswert. Insgesamt scheint eine genaue Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Wert der Edition wünschenswert, um zu vermeiden, dass neue Ansätze und Fragestellungen der Hanseforschung aufgrund der prädisponierten Quellenbasis wenig neue Ergebnisse hervorbringen.

Eingeleitet wurde der Workshop mit kurzen Präsentationen der einzelnen Dissertationsprojekte:

CHRISTINA LINK (Hamburg) beschäftigt sich in ihrer Arbeit über preußischen Getreidehandel hauptsächlich mit der zahlenmäßigen Erfassbarkeit dieses Handels, wobei insbesondere Problematiken zur Bestimmung und Vergleichbarkeit von Preisen zu lösen sind. ANGELA HUANG (Kopenhagen) stellt mithilfe einer Untersuchung über die hansische Wolltuchproduktion die These in Frage, die Hanse habe wenig eigene Produktion hervorgebracht. ANNA ORLOWSKA (Kiel) zeigt in einer Edition des Geschäftsbuchs des Danziger Kaufmanns Johann Pisz, den wir in Zukunft aufgrund ihrer Erkenntnisse wohl eher Pyre nennen sollten, dass die Techniken doppelter Buchführung auch im Ostseeraum nicht gänzlich unbekannt waren. YUTA KIKUCHI (Greifswald) spürt den Handelsbeziehungen Hamburgs mit dem Ostseeraum nach, die auch in der Frühen Neuzeit weiterhin bestanden, als dieser Handelsraum nicht mehr von hansischen Kaufleuten geprägt wurde.

Nicht der Strom von Gütern, sondern die Bewegung von Menschen steht im Mittelpunkt der Arbeit von PER GUNNAR SIDÉN (Stockholm), der die Triebkräfte der Urbanisierung in Schweden und Finnland untersucht und der bisherigen These, die Konsolidierung einer Zentralmacht habe die Städtegründungen begünstigt, die empirische Beobachtung entgegenstellte, dass sowohl externer wie interner Handel die Urbanisierung vorangetrieben habe. Mit einer anderen Form der Verbindung zwischen Räumen beschäftigt sich IWAN IWANOW (Göttingen), der die politische Kommunikation im Hanseraum untersucht und dabei insbesondere den Wandel in der Interessenslage der hansischen Städte und die daraus resultierenden Probleme einer Kommunikation untereinander unter die Lupe nimmt.

CHRISTIAN PEPLOW (Greifswald) nimmt in seiner Arbeit über die Schifffahrt im südwestlichen Ostseeraum einen alltagsgeschichtlichen Ansatz vor, während REINHARD PAULSEN (Hamburg) hauptsächlich die bisher vernachlässigte betriebswirtschaftliche Seite der Hamburger Schifffahrt untersucht.

Geographisch liegt der Schwerpunkt der Dissertationsprojekte in Hamburg und Livland. JEANINE MARQUARDT (Hamburg) analysiert gesellschaftliche Beziehungen in Hamburg anhand der dortigen Sachkultur und ediert gemeinsam mit NICO NOLDEN (Hamburg) eine bedeutende Urkundensammlung, die Hamburger Threse.

Die Projekte über den livländischen Raum umfassen sowohl eine Untersuchung des Ordnungsprinzips des Deutschen Ordens von JOHANNES GÖTZ (Berlin) als auch eine Studie über die verschiedenen Ebenen des livländischen Selbstverständnisses von DENNIS HORMUTH (Kiel). In Mecklenburg schließlich bewegen sich die Forschungen von CORNELIA EBERLEIN (Berlin), die die Beziehungen zwischen Kloster und Welt anhand von drei zisterziensischen Frauenklöstern analysiert.

Den Abschluss der Präsentationen lieferte ELISABETH REICH (Kiel), die die Konstruktion und Tradierung von Geschichtsbildern und Geschichtspolitik im ersten Jahrhundert des Bestehens des Hansischen Geschichtsvereins (1870-1970) beleuchtet.

Insgesamt lässt sich bilanzieren, dass die Hoffnung auf gegenseitige Impulse in Erfüllung ging: Einerseits wurde deutlich, wie viele Umbrüche die aktuelle Hanseforschung prägen und wie viele bis jetzt selten hinterfragte Thesen einer grundlegenden Revision bedürfen. Die Hansehistoriographie stellt eine Vielzahl von Ansatzpunkten für neue Ansätze und Anregungen bereit, die noch der breiteren Nutzung bedürfen. Die Vielfalt der Themen, die von den Teilnehmern vorgetragen wurden, gab einige Beispiele dafür, in welchen Bereichen und mit welchen Methoden diese Anregungen aufgegriffen werden können. Das methodische Experiment der gemeinsamen Quellenarbeit glückte: Das Quellenstudium führte nicht nur zu angeregten Diskussionen, sondern auch zur produktiven Formulierung weiterer möglicher Forschungsansätze, wobei insbesondere die Hinterfragung der Existenz einer Hanse in der heute imaginierten Form und die Reflexion über die Nutzbarkeit gerade der frühesten Quelleneditionen wünschenswert scheinen. Ein Ziel für den nächsten Workshop im Jahr 2012 soll die stärkere Einbeziehung internationaler Doktoranden bilden, um etwa englische, baltische oder skandinavische Bilder von der Hanse intensiver zu diskutieren.

Konferenzübersicht:

Christina Link: Preußischer Getreidehandel im 15. Jahrhundert

Angela Huang: Die Bedeutung hansestädtischer Tuchproduktion im nordeuropäischen Handelsnetzwerk des Spätmittelalters

Anna Paulina Orlowska: Der Danziger Kaufmann Johann Pisz und sein Geschäftsbuch

Yuta Kikuchi: Die Handelsbeziehungen Hamburgs zum Ostseeraum nach dem Niedergang des hansischen Bundes

Per Gunnar Sidén: Från Lödöse till Uleåborg - Sveriges och Finlands urbanisering 1200-1610

Christian Peplow: Grenzen durchfahren – Schifffahrt im südwestlichen Ostseeraum während der Hansezeit

Reinhard Paulsen: Einsatz und Besitz von Schiffen im hansischen Fernhandel

Iwan Iwanow: Die Hanse um 1600. Handlungsspielräume der politischen Kommunikation im Wandel

Jeanine Marquard: Städtische Sachkultur im Spätmittelalter am Beispiel Hamburgs

Nico Nolden: Die jüngeren Urkunden der Hamburger Threse (1350-1529)

Johannes Götz: Das Ratsgebot des Deutschen Ordens in Livland. Korporative und ständische Repräsentation als Ordnungsprinzip

Dennis Hormuth: Livonia est omnis divisa in partes tres. Studien zum Selbstverständnis und zur Selbstverortung in Livland in der Frühen Neuzeit

Cornelia Eberlein: Kloster und Welt. Zisterziensische Frauenkonvente im spätmittelalterlichen Mecklenburg. Neukloster – Zarrentin – Rostock Heilig Kreuz

Elisabeth Reich: Geschichtsbilder und Geschichtspolitik. Der Hansische Geschichtsverein von 1870 bis 1980

Vortrag
Carsten Jahnke: Aufstieg, Blüte, Niedergang – die Hanseforschung und ihr Objekt zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Zitation
Tagungsbericht: Mehr als Koggen und Kaufleute. Die Hansehistoriographie und ihre Berührungspunkte mit aktuellen Projekten der Spätmittelalterforschung, 23.05.2010 – 24.05.2010 Halle an der Saale, in: H-Soz-Kult, 23.07.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3197>.