Erinnerungsorte im Grenzraum. Von nationaler Selbstbeschreibung zu demokratischer Identität

Ort
Trient
Veranstalter
Institut für Soziologie, Technische Universität Dresden; Facoltà di Sociologia dell‘Università degli Studi di Trento
Datum
05.07.2010 - 08.07.2010
Von
Claudia Müller, Italien-Zentrum, Technische Universität Dresden

Geschichtsmuseen und Gedenkorte sind in besonderer Weise an der Herstellung und Befestigung regionaler, nationaler und transnationaler Geschichtsbilder beteiligt. Insbesondere in umstrittenen Grenzregionen manifestiert sich die Bedeutung solcher geschichtspolitischer Orte des Erinnerns in besonders markanter Weise, indem sie die Konkurrenz konträrer nationaler Ansprüche um eine geschichtliche Deutung aushalten. Mit dem Paradigmenwechsel, der sich mit der Europäisierung von Geschichtsdeutungen vollzieht, bietet sich für die Museumsdidaktik die Chance, die Vermittlung von Geschichtsbewusstsein – anstatt wie in der Vergangenheit zur Abgrenzung der Völker gegeneinander – nun vielmehr zum Abbau von Feindbildern, zum Fremdverstehen und zum Aufbau eines reflektierten demokratischen Identitätskonzepts zu nutzen. Zur Diskussion dieser neuen Anforderungen an die vermittelten Inhalte und die Museumsdidaktik kamen in Trient zwanzig Wissenschaftler/innen aus Deutschland, Italien und Slowenien zusammen. Die vom Deutsch-Italienischen Hochschulzentrum aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geförderte Tagung veranschaulichte in Vorträgen, Diskussionen und Museumsvisiten das nach wie vor virulente Spannungsverhältnis zwischen regionaler, nationaler und europäischer Erinnerungskultur.

Der Raum als Konzept kultureller Selbstvergewisserung in Auseinandersetzung mit nationalen Selbst- und Fremdzuschreibungen bildete den Schwerpunkt der ersten Sektion. Ausgehend vom spatial turn widmete sich KARL-SIEGBERT REHBERG (Dresden) der projektiven Erzeugung von Räumen. Die traditionelle Form des Gedenkens mit ihrer Heldenrhetorik sei nach dem Holocaust obsolet geworden, griff er eine These des Konstanzer Soziologen Bernhard Giesen auf. An dessen Stelle trete ein Opfergedenken, dass in einer vernetzten globalisierten Zivilgesellschaft gleichsam seinen konkreten Ort verloren habe. Diese Transformationen hin zu einem Opfermythos zeige sich exemplarisch in der Erinnerung der Bombardierung Dresdens, wo das Bild einer unschuldigen, verschwundenen Stadt zugleich zur Quelle der lokalen Identitätsstiftung wie zu einem weltweiten Symbol für Zerstörung werde. Die mit den Rekonstruktionsmaßnahmen verfolgte scheinbare Wiederherstellung des alten Dresdens begründe jedoch die Auslöschung der Vergangenheit, indem sie einen genuinen Ort durch etwas anderes überdecke.

Das Raumkonzept als Referenz für nationale Hegemoniebehauptungen zeigte CLAUDIA MÜLLER (Dresden) am Beispiel des faschistischen Romanità-Kultes auf, der in Rückbezug auf die Antike eine Kontinuitätslinie bis in die Gegenwart mit dem Anspruch einer zukünftigen hegemonial bestimmten Einheit male. In der Auseinandersetzung italienischer Intellektueller mit dem ähnlichen imperialen Bestrebungen folgenden Deutschland zeige sich in Anlehnung an Georg Simmel emblematisch die Wechselbeziehung von Hetero- und Autostereotypen, in der der Wesenskern der Fremdnation nicht zuletzt deshalb herausgestellt werde, um die eigene nationale Überlegenheit hervorzuheben. Dies verdeutlichte sie in der idealtypischen Gegenüberstellung von ,römisch-organischer Einheit‘ und ,germanischer Fragmentierung‘ in den 1930er-Jahren, die letztlich jedoch synthetisch im römischen Zivilisierungskonzept fusioniert werden. Die unterschiedlichen Nationalkonzeptionen der beiden Staaten werden so unter eine Reichsmetaphorik subsumiert, die jegliche nationale Vergleichsperspektive obsolet werden lasse. Diese widersprüchliche Legitimierung einer Zusammenarbeit sei Ausdruck der deutlichen Diskrepanz zwischen idealisierten Nationalkonstrukten und politisch-militärischer Pragmatik.

Ähnlich argumentierte PATRICK OSTERMANN (Dresden/Bonn) in seinem Beitrag über den katholisch-faschistischen Rassenbegriff. Im Zuge der stetigen Annäherung der beiden Achsenmächte wurden die im Juli 1938 in Italien eingeführten Rassengesetze als im formalen Einklang mit der katholischen Lehre und eigenständig gegenüber dem deutschen Modell einer heidnischen und biologistischen Reduktion auf die arische Blutsabstammung stehend begründet. Ostermann konstatierte, dass der Rassenbegriff für die italienische Außenpropaganda eine wichtige paradoxe Doppelfunktion erfüllte: er habe sowohl den Führungsanspruch der beiden ,arischen‘ Nationen durch die Diffamierung der Achsengegner legitimiert, als auch den alleinigen italienischen Führungsanspruch Italiens innerhalb der ,Neuen Ordnung‘ Europas gegenüber Deutschland.

Diese Diskrepanzen in der nationalen Selbst- und Fremdwahrnehmung zeigten sich exemplarisch im Stadtbild Bozens, wie HANNES OBERMAIR (Bozen) in einer Führung durch die Südtiroler Hauptstadt bildhaft veranschaulichte. Hier sei der faschistische Siegesplatz ein symbolischer Ort, in dem sich bis heute italienisch- und deutschsprachige Geltungsansprüche verdichteten. Eine nicht mehr ausschließlich national bestimmte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit biete hingegen die Eurac, die als internationale Forschungseinrichtung in den architektonisch modern erweiterten Gebäuden der Gioventù Italiana del Littorio untergebracht ist und so einen innovativen Weg der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart exemplifiziere.

Die Spannung zwischen regionaler, nationaler und über nationale Grenzen hinausgehender Erinnerungskultur verdeutlichte GIUSEPPE FERRANDI (Trient) am Museo Storico del Trentino, das sich in zwei stillgelegten Autobahntunneln unterhalb des Dos Trento befindet. Das Museum hebe den Aspekt der ,Erfindung des Territoriums‘ hervor und schaffe im weißen, für Didaktik und Workshops sowie Wechselausstellungen vorgesehenen Tunnel Raum für Mitgestaltung und Diskussion. Im schwarzen Tunnel mit der Dauerausstellung ,Storicamente ABC‘ wird hingegen anhand alphabetisch präsentierter Topoi die jüngste Trentiner Geschichte multimedial erzählt. Ferrandi betonte, dass die Lage des Regionalgeschichte erzählenden Museums unterhalb des Mausoleums des Irredentisten Cesare Battisti die Spannung zwischen nationalistischen und regionalistischen Bestrebungen in diesem Grenzraum verdeutliche und zur Reflexion über die Art des Erzählens und Darstellens von Geschichte aufrufe.

Setzte sich diese erste Sektion insbesondere mit dem österreichisch-italienischem Grenzraum und den damit verbundenen Kontroversen zwischen deutsch- und italienischsprachiger Geschichtsdeutung auseinander, so thematisierte die folgende Sektion die italienisch-slowenische Geschichtsauseinandersetzung. JOŽE PIRJEVEC (Koper) nahm in seinem kontroversen Beitrag zu den Partisanendenkmälern in der Gegend um Triest und Görz die italienische Geschichtsdeutung der foibe in den Blick. Einführend die Entwicklung Triests von einem unbedeutendem Küstenort über ein bedeutendes multiethnischen Handelszentrum bis hin zur von ihm in Frage gestellten Konstruktion der ,italienischsten aller Städte‘ beschreibend, verbildlichte Pirjevec sodann detailreich den Kampf der Slowenen gegen die irredentistischen, faschistischen und nationalsozialistischen Kräfte. Heute zeige sich in einer Vielzahl von Denkmälern die vielseitige Geschichte dieser Stadt: einerseits eine Reihe Partisanendenkmäler, andererseits die seit den 1950er-Jahren diesen entgegen gerichteten Gedenkstätten in Andenken an die foibe, die geschichtsverzerrend die Spannungen gegenüber den slawischen Nachbarn bis heute künstlich aufrecht erhielten, wobei sowohl die italienische Regierung als auch die Opposition diese nach wie vor einseitige italienische Geschichtsdeutung unterstützten.

Diesen Zusammenhang von Geschichte und Politik diskutierte auch LUIGI CAJANI (Rom) in seinem Plädoyer für eine Trennung von Schulbildung und Politik. Er verdeutlichte die politischen Tendenzen des regierenden Mitte-Rechts-Lagers, die kritische geschichtsdidaktische Auseinandersetzung mit den faschistischen Kriegsverbrechen zu unterbinden. Bis Ende der 1990er-Jahre wurden Kriegsverbrechen der Italiener nicht in den Schulgeschichtsbüchern erwähnt. Ebenso, so der Referent, thematisieren nach wie vor die Geschichtsschulbücher in vielerlei Hinsicht verzerrt die Jahre des Faschismus, der Besatzung und des Befreiungskampfs der Völker in den von den Italienern besetzten Gebieten. Insbesondere der Fall Pirjevec und die Polemik um sein Buch Foibe habe zu neuen politisch motivierten Restriktionen in der Geschichtsdarstellung und -aufarbeitung geführt, die der Zensur der Geschichtswissenschaft gleichkämen und die zu seinem Bedauern auch von der politischen Opposition gebilligt würden.

Die deutliche Ausprägung nationalen Eigenbewusstseins insbesondere an ethnischen Grenzlinien konstatierte auch BORUT KLABJAN (Koper) am Beispiel des Gedenkens an den unbekannten Soldaten. Er untersuchte die Teilnahme der slowenischen Bevölkerung auf italienischem Staatsgebiet an den Feierlichkeiten im Jahr 1921 und zeigte auf, dass ein Großteil der Slowenen den Feiern die Bedeutung eines Gedenkens an die eigenen Gefallenen beimaß und den italienischen Deutungen eher gleichgültig gegenüberstand. Nur in den italienisch-slowenischen Grenzgebieten, wo die Feierlichkeiten deutlich nationalistisch geprägt waren, vermieden die Slowenen vielfach die Teilnahme.

Vor diesem Hintergrund birgt eine Grenzstadt wie Triest für die Erinnerungs- und Kulturarbeit besondere Herausforderungen. Dies veranschaulichte FRANCESCO FAIT (Triest) an der Guglielmo-Oberdan-Gedenkstätte, der Risiera di San Sabba und der Foiba di Basovizza unter museografischen Gesichtspunkten, wobei er die Sakralisierung und Monumentalisierung als tragendes Element der Gedenkstätten hervorhob. Es werde sowohl auf emotionaler als auch auf kognitiver Ebene versucht, das Publikum zu erreichen: So fänden sich übergroße räumliche Strukturen und eine starke Präsenz von Gedenktafeln und Inschriften sowie eine Vielzahl von Feierlichkeiten neben nüchternen Formen wie Dauer- und Wechselausstellungen, Führungen, Informationsmaterial und Publikationen. Es fehlten jedoch nach wie vor Elemente, die in diesen Geschichtsmanifestationen einen Bezug der Vergangenheit zur Gegenwart oder Zukunft aufzeigen.

Diese These führte unumwunden zum dritten Themenkomplex, der Didaktik der Geschichte, die ALFONS KENKMANN (Leipzig) mit der Frage ,Lernen aus der Geschichte – geht das überhaupt?‘ aufwarf und der er mit Skepsis begegnete. Insbesondere ging er der Frage nach, was Museen und Gedenkstätten leisten könnten. Vor allem jetzt, da die Zeitzeugengeneration abtrete, stelle sich das Problem der Historisierung. Bis in die 1980er-Jahre sei das Gedenken an die NS-Herrschaft durch klassische Rituale und Routinen geprägt gewesen. Gedenkstätten würden heute jedoch vielmehr zu Arbeitsstätten und Lernorten, die multimedial und multiperspektivisch eine europäische Perspektive einnähmen. Kenkmann konstatierte, dass der Geschichtsdidaktik mit der Ikonisierung bzw. Inszenierung, der Konstruktion von Geschichte und der Handlungsorientierung drei sich immer wieder durchsetzende Grundformen der Erinnerung zur Verfügung stehen, um Geschichte rational und emotional erfahrbar machen. Kenkmann wies auf die Gefahr eines selbstreferentiellen Diskurses in der Allmacht des Gegenwartsbezugs hin und forderte keine Normierung, sondern eine Historisierung von Erinnerung, die Orientierungsangebote schaffe.

Welchen Lerneffekt Gedenkstätten auf ihre Besucher ausüben, fragte BERT PAMPEL (Dresden), indem er die Zielsetzung der Schülerprojekte an diesen Orten und die entsprechenden Ergebnisse der Besucherforschung untersuchte. Der affektive Umgang mit Geschichte sei dabei für die Schüler/innen wichtiger als kognitive Vermittlungsprozesse, die aufgrund der großen Rolle familiärer Prägungen weniger Wirkung erzielten, als mit ihnen beabsichtigt werde. Die Erwartung einer Bekehrung extremistischer Jugendlicher werde nicht erfüllt. Gedenkstätten seien so weniger ein Instrument für die Vermittlung von Wissen oder wirkten auf die Einstellung der Besucher/innen für die Zukunft; vielmehr böten sie Raum für Gespräch und Austausch.

Beispielhaft wurden im Anschluss geschichtsdidaktische Bemühungen im Museo Storico Italiano della Guerra von CAMILLO ZADRA (Rovereto) und ANNA PISETTI (Rovereto) vorgestellt. Das im Jahr 1925 eröffnete Museum ist das Ergebnis bürgerschaftlicher Bemühungen, an den Ersten Weltkrieg zu erinnern und den Herrschaftsanspruch Italiens in diesem Territorium zu manifestieren. Lokalgeschichte werde entsprechend zur Vermittlung von Nationalgeschichte genutzt. Es lasse sich ein historischer Wandel an den Sammlungen und Ausstellungssälen selbst nachvollziehen. Während das Museum in den ersten Jahren seines Bestehens von einem Publikum besucht wurde, das den Ersten Weltkrieg selbst erlebt hatte, so dass wenig erklärende Texte und vielmehr eine sakralisierende Atmosphäre vorherrschten, sei das Museum heute nicht mehr ein Ort, an dem der Krieg gepriesen wird. Vielmehr werde es selbst für die Schulen zum historischen Dokument, wobei der Ausstellungsraum, insbesondere in seinen seit 50 Jahren unveränderten Teilen, selbst als museales Objekt begutachtet werden kann – ein Museum im Museum.

Demgegenüber kann das Museo di arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto als Museum der klassischen Moderne bezeichnet werden, das sich aufgrund der Lage im Grenzraum auch auf künstlerischer Ebene mit dem Problem der Identität auseinandersetzt, wie GABRIELLA BELLI (Rovereto) beschrieb. Mit einem der bedeutendsten Neubauten im Italien der letzten 20 Jahren hat es inzwischen weltweite Bedeutung erlangt. Ursprünglich ging es aus seinem Archiv der Trentiner Futuristen hervor, deren historisch-didaktische Aufarbeitung weiterhin einen Schwerpunkt der Museumsarbeit darstellt. Es handele sich entsprechend um ein Kunstmuseum, dem, indem es eine Trentiner Geschichtskultur kreiert, die es bis dato nicht gab, eine identitätsstiftende Funktion zukomme.

Das Fortwirken nationaler Deutungsmuster zeigte auch die letzte Sektion der Europäisierung von Geschichtsdeutungen auf. Den deutschen und italienischen Umgang mit der eigenen Nationalgeschichte thematisierte CHRISTIANE LIERMANN (Loveno di Menaggio) in vergleichender Perspektive. Im Gegensatz zum weitgehenden Konsens in Deutschland hinsichtlich der Bewertung und historischen Einordnung des Nationalsozialismus, betonte sie die Politisierung des italienischen Umgangs mit dem Faschismus, der in erster Linie als nationales Phänomen gesehen werde und in seiner europäischen Dimension wenig Beachtung finde. In der Deutung des nationalsozialistischen Deutschlands als allein verantwortlich für den Bürgerkrieg zwischen 1943 und 1945, würden der italienische Faschismus und vor allem Nachkriegsitalien entlastet, das in seiner Erinnerungskultur ganz überwiegend an seine antifaschistische Resistenzatradition anknüpfe.

Den Herausforderungen, die eine Stadt mit starkem demographischem Wandel und hoher Zuwanderung an die Museen stellt, widmete sich MARTIN LIEPACH (Frankfurt am Main), indem er Frankfurt am Main als ,Grenzraum‘ thematisierte, auf dem verschiedene kulturelle und nationale Interessen aufeinander treffen. Es zeige sich beispielsweise in der Kulturarbeit der italienischen Community der Stadt ein starkes nationales Selbstverständnis, das ,italienische Erinnerungsorte‘ in der Stadt zu konstituieren suche. Im Gegensatz zu dieser rückwärts gewandten nationalen Konstruktion reagierten die historischen Museen und Institute der Stadt auf der Suche nach Formen der kulturellen Aneignung mit einem multiperspektivischen und transnationalen Projektangebot mit dem Leittitel ,Auf den Spuren der Frankfurter Stadt‘, das, Migration nicht als Ausnahme, sondern als Regelfall sehend, die Bedeutung der Einwanderungsgruppen für die Entwicklung der Stadt ergründen möchte. Ziel sei es, trotz aller Differenz, Räume kollektiv erlebbar zu machen, also Toleranz und Auseinandersetzung miteinander zu schaffen.

Den engen Zusammenhang zwischen Herrschaft und Erinnerung thematisierte TOBIAS ARAND (Ludwigsburg) anhand des Schlachtfeldes bei Woerth-en-Alsace. Das erst unter deutscher, später unter französischer Hoheit stehende Gebiet zeige in Errichtung, Wandel und Schleifung der Denkmäler und ihrer Symbolik, dass die Erinnerung grundsätzlich den Siegern gehöre. Diese Versuche der Übernahme der alleinigen Deutungshoheit über das Schlachtfeld durch die ehemaligen Kriegsgegner sollen heute durch das europäische Projekt eines gemeinsamen Forschungszentrums ersetzt werden, wobei anzumerken sei, dass die Umsetzung dieser Idee bislang aufgrund von Eigeninteressen der beteiligten Institutionen immer wieder ins Stocken gerate.

Der Abschlussbeitrag von HANS HEISS (Bozen), gelesen von HANNES OBERMAIR (Bozen), nahm noch einmal die im Stadtbild Bozens bereits aufscheinenden ethnisierten Konflikte und Reibungsmomente zwischen der deutsch- und italienischsprachigen Bevölkerung in Südtirol in den Blick. Heiss ging von einem Bedeutungsgewinn topischer Erinnerungsorte aus, die in naturräumlicher Dramaturgie und Emotionalisierung die Sakralisierung der Erinnerungsdimensionen steigere und Raum für das Austragen politischer Konflikte biete. Das nach Sprachgruppen gespaltene Gedächtnis Südtirols gehe mit der besonderen Pflege des eigenen Gedächtnisses einher. Dennoch werde heute eine wechselseitige Anerkennung der gespaltenen Erinnerungskulturen angestrebt, wie sich beispielsweise im Projekt verschiedener kultureller Einrichtungen Bozens zeige, die Stadt zum Parcours einer europäischen Gedächtnislandschaft aufzuwerten.

Die Abschlussdiskussion verdeutlichte erneut, dass nationale Geschichtserzählungen keinesfalls überwunden sind, sondern offen oder verdeckt weiter getragen werden. Das zeigen die Konflikte in den Grenzräumen mehr als deutlich. Nach wie vor gilt die These, dass nationale Gemeinschaften nicht das Produkt einer gemeinsamen Abstammung sind, sondern Folge von Konstruktionen. Dennoch oder gerade deswegen wirken sie weiter. Die Tagung zeigte auf, dass die Zeit nationaler Geschichtsbilder insbesondere in Grenzräumen und der in ihnen fortwirkenden hohen Emotionalität weiterhin Konjunktur hat, auch wenn vermehrt versucht wird, diese weniger durch europäische als vielmehr durch regionale Deutungsmuster zu ersetzen. Geschichtsmuseen in diesen Räumen arbeiten grundsätzlich mit diesen Deutungsspannungen, werden, wenn sie sich von nationalen Deutungsmustern lösen, zu Laboratorien, die an neuen Deutungsmustern mit konstruieren. Sie scheinen damit die von Hans Joas thematisierte Gleichgewichtsspannung aushalten zu müssen und in ihr an einem Modus und in einer Dynamik zu laborieren, die letztlich Europa zusammenhält.[1]

Konferenzübersicht:

Sektion 1: Nationale Geschichtsschreibung zwischen Selbst- und Fremdbild

HANNES OBERMAIR (Bozen): Stadtführung durch Bozen

KARL-SIEGBERT REHBERG (Dresden): Grenzregionen als Spannungs- und Vermittlungsräume

CLAUDIA MÜLLER (Dresden): ,Romanità‘ und ,Germanesimo‘ – Gedanken zu nationalen Selbst- und Fremdbildkonstruktionen

PATRICK OSTERMANN (Dresden/Bonn): Gegen den NS-Antisemitismus – für die Bekämpfung des Judentums. Der katholisch-faschistische Rassenbegriff als Leitidee in der Auseinandersetzung um die ,Neue Ordnung‘ der Achsenmächte

GIUSEPPE FERRANDI (Trient): Le Gallerie. Sotto il Mausoleo di Battisti, per raccontare la storia

Sektion 2: Geschichtsvermittlung im slowenischen Grenzraum

JOŽE PIRJEVEC (Koper): Foibe e monumenti partigiani nel triestino e nel goriziano. Il loro valore simbolico e significato politico

LUIGI CAJANI (Rom): Le foibe nella scuola italiana: tra storia e politica

BORUT KLABJAN (Koper): Commemorazioni divise? La commemorazione del milite ignoto italiano in un‘area multinazionale: il caso dell‘ex litorale austriaco

FRANCESCO FAIT (Triest): Memorie e luoghi di memoria triestini del Novecento

Sektion 3: Geschichtsdidaktik – Geschichtsvermittlung in Museen im Grenzraum

BERT PAMPEL (Dresden): Die Bedeutung von Gedenkstätten als Lernorte

ALFONS KENKMANN (Leipzig): Vom Ritual zur Routine? Geschichtsdidaktische Überlegungen zur Arbeit an den Gedenkstätten zur NS-Herrschaft in Deutschland

ANNA PISETTI (Rovereto): Luoghi di conflitto e luoghi di memoria nell‘esperienza didattica del Museo Storico Italiano della Guerra

CAMILLO ZADRA (Rovereto): Präsentation des Museo Storico Italiano della della Guerra

GABRIELLA BELLI (Rovereto): Präsentation des Museo di arte moderna e contemporanea

Sektion 4: Europäisierung und Demokratisierung nationaler Geschichtsvermittlung

CHRISTIANE LIERMANN (Loveno di Menaggio): Von der Gegenwart der Vergangenheit: Anmerkungen zu den Geschichtskulturen in Italien und Deutschland

MARTIN LIEPACH (Frankfurt am Main): Transkulturelle oder nationale Selbstvergewisserung? Narrationen in Frankfurter Museen

TOBIAS ARAND (Ludwigsburg): Wem gehört die Erinnerung? Der ,Erinnerungsraum‘ des Schlachtfelds bei Woerth-en-Alsace und seine Entwicklung von 1870 bis zur Gegenwart

HANS HEISS (Bozen): Erinnerungskulturellen im Widerstreit: Das Beispiel Südtirol / Alto Adige 2000-2010

Anmerkung:
[1] Vgl. Hans Joas (Hrsg.): Die kulturellen Werte Europas, Frankfurt am Main 2005.

Zitation
Tagungsbericht: Erinnerungsorte im Grenzraum. Von nationaler Selbstbeschreibung zu demokratischer Identität, 05.07.2010 – 08.07.2010 Trient, in: H-Soz-Kult, 10.08.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3236>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.08.2010