Medien und globaler Wandel seit dem 19. Jahrhundert

Ort
Leipzig
Veranstalter
Frank Bösch, DFG-Graduiertenkolleg „Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“, Universität Gießen; Matthias Middell, Global and European Studies Institute, Universität Leipzig
Datum
04.06.2010 - 05.06.2010
Von
Paul Berten, Graduiertenkolleg „Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“, Justus-Liebig-Universität Gießen

Die Geschichte der Globalisierung ist aufs engste mit derjenigen der Medien verknüpft. Eine Ausgangsbeobachtung der Tagung war entsprechend, dass Globalisierungsschübe mit der Etablierung neuer Medien- und Kommunikationstechniken korrelierten, wie beispielsweise der Telegrafie, des Rundfunks, der Satellitentechnik, des Fernsehens oder des Internets. Dies ist zweifellos auch in der modernen Globalgeschichte Forschungskonsens, in deren Veröffentlichungen die Rolle der Medien nicht selten als besonders wichtig betont wird. Dennoch blieb eine intensive Erforschung der medialen Grundierung der Globalisierung bisher weitgehend aus. Aus diesem Grund organisierten Frank Bösch (Gießen) und Matthias Middell (Leipzig) in Zusammenarbeit mit dem jüngst eröffneten Leipziger „Centre for Area Studies“ und den DFG-Graduiertenkollegs „Bruchzonen der Globalisierung“ in Leipzig sowie „Transnationale Medienereignisse von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ in Gießen eine Tagung zum Thema „Medien und globaler Wandel seit dem 19. Jahrhundert“.

Schon der Einführungsvortrag von FRANK BÖSCH umriss dieses Spannungsfeld, in dem sich die Beiträge der Tagung bewegen sollten. Bösch plädierte dafür, Medien als primäre Infrastrukturen des globalen Wandels ernst zu nehmen und sich der besonderen medialen Grundierung der Globalisierung bewusst zu werden. Zu den zu klärenden Fragen gehörte das Verhältnis von Globalität, Nationalität und Regionalität. Wie Bösch anhand unterschiedlicher Fallbeispiele aufzeigte, konnten Medien in allen drei Ebenen dazu beitragen, Raumvorstellungen neu zu formieren. Ebenso trugen sie zur Veränderung von globalen Machtstrukturen bei, wie er mit Beispielen vom Kolonialismus bis zum Kalten Krieg unterstrich. Daraus folgte die Forderung, Medien künftig nicht nur medieninhärent zu betrachten, sondern vielmehr in ihrer Wechselwirkung mit sozialen, kulturellen und politischen Veränderungen zu untersuchen.

Gleich zwei Panels zu Beginn der Tagung waren Themen rund um die Telegrafie gewidmet, was der besonderen Bedeutung des Telegrafen für die Geschichte der Globalisierung geschuldet war. Zunächst sprach ROLAND WENZLHUEMER (Heidelberg) über die Verschiebung von Räumlichkeit durch die globale Telegrafie. Entfernung war nun nicht mehr zwingend an geographische Distanz gekoppelt. Dadurch ließen sich ganz neue Arten von Karten konstruieren, die nicht mehr räumliche sondern kommunikative Distanz visualisierten. Nachrichteninhalt und -interesse formten den Raum zwar mit, kamen aber an der Struktur nicht vorbei. Die Geschwindigkeit der Telegraphie ermöglichte erst, so VOLKER BARTH (Köln), die Gründung der Nachrichtenagenturen Mitte des 19. Jahrhunderts. Barth untersuchte vier Agenturen, die Agence Havas, Reuters, Associated Press und das Wolffsche Telegraphenbüro, die große Teile der Welt unter sich aufteilten. Der Telegraf prägte dabei insbesondere den journalistischen Stil der Agenturen, vereinheitlichte jedoch nicht den Inhalt der übermittelten Nachrichten. Alle Agenturen sendeten in ihrer Landessprache und bezogen sich in ihrer Nachrichtenfindung auf das Militär und Konsulate. Allerdings behaupteten alle vier Agenturen bis zum Ersten Weltkrieg einer uneingeschränkten Objektivität zu folgen.

Dass der Telegraf nicht nur zur Machterhaltung beitragen konnte, zeigte MICHAEL MANN (Berlin), indem er die übliche Leiterzählung „the telegraph saves British India“ in wichtigen Zügen ergänzte. In Britisch-Indien war der größte Teil der versendeten Telegramme von Privatleuten und Journalisten verfasst worden. Zusammen mit dem Zeitungswesen ermöglichte erst die Telegrafie die Entstehung einer gesamt-indischen Öffentlichkeit, die die Fragmentierung des Landes überwand. Die somit erst als „indisch“ definierte Bevölkerung ließ sich dann für den ebenfalls national definierten Befreiungskampf mobilisieren. Mit den Auswirkungen der Telegrafie im britischen Mutterland, genauer in den britischen Tageszeitungen, setzte sich JESSICA KARAGÖL (Heidelberg) auseinander. In der britischen Presse wurde zunehmend wichtiger wann etwas geschah, als was eigentlich geschah. Dies führte zu einer Skelettierung von Nachrichten, die zudem häufig zunächst als Previews veröffentlicht wurden. In Leserbriefen zeige sich, dass Informationen durch den Telegrafen häufig als übertrieben und nicht gänzlich ernst zu nehmen aufgenommen wurden.

Ein drittes Panel thematisierte die Globalisierung von Bildwelten. GERHARD PAUL (Flensburg) untersuchte die Pressefotografie sowie fotografische Ikonen im 20. Jahrhundert. Da Bilder über kulturelle Grenzen hinweg gelesen werden können, haben sie eine besondere Stellung in der Globalisierung inne, argumentierte Paul. So lasse sich dann im 20. Jahrhundert auch eine Globalisierung der Pressefotografie ausmachen, die allerdings nicht gleichmäßig sondern vielmehr in Schüben verlief, wie etwa Mitte der 1930er- sowie in den 1960er/70er-Jahren. Ob die zunehmende globale Verbreitung fotografischer Ikonen jedoch tatsächlich, wie vielfach behauptet, auch zu einer globalen Bildsprache führte, stelle noch ein Forschungsdesiderat dar, da die Verbreitung noch nichts über die Aneignung aussage. Erste Untersuchungen deuteten darauf hin, dass erst die Entkontextualisierung und -lokalisierung fotografischer Ikonen ihre globale Aneignung ermöglichten. Bei der Rezeption setzte auch JENS JÄGER (Köln) an, der am Beispiel von Bildpostkarten zeigte, welchen Einfluss der mediale Wandel auf die Wahrnehmung der Welt haben kann. Die Bildpostkarte war dabei um 1900, als Fotografien einen großen und stetig steigenden Anteil an den Motiven ausmachten, bereits global etabliert. Jedoch vermittelte erst die Fotografie eine scheinbare Augenzeugenschaft, galt als zuverlässiges Informationsmedium, und vermochte somit bestehende Vorstellungen von der Welt zu bestätigen oder zu hinterfragen.

THORALF KLEIN (Erfurt) ergänzte die im Laufe des ersten Tagungstages gemachten Beobachtungen zur Rolle des Telegrafen durch seine Untersuchung des Boxerkriegs als Medienereignis (1900-01). In diesem Konflikt machte Klein die Telegrafie als explizite Schwäche der medialen Berichterstattung aus. Da Boxermilizen die Telegrafenverbindung von Peking bis zur chinesischen Küste unterbrachen, erreichten die Redaktionen westlicher Medien nur Gerüchte. Der sprachliche Stil der Telegramme bewegte die Redakteure zusätzlich zu literarischer Ausgestaltung, die auf frühere Aufstände und etablierte Belagerungsnarrative zurückgriff. Als nach der Befreiung Briefe aus Peking in den Redaktionen eintrafen, löste dies einen ganz neuen Diskurs zwischen Befürwortern und Gegnern von Kolonialkriegen aus. Dies zeige, so Klein, dass gerade Brüche in zeitgenössischen Medienensembles für die Erforschung der medialen Verarbeitung von Krisen fruchtbar gemacht werden könnten. Die Bedeutung des Films für den japanischen Imperialismus untersuchte REINHARD ZÖLLNER (Bonn) im letzten Vortrag des Tages. Zunächst verdeutlichte er die schnelle, aber durchaus differente Etablierung von Film und Kino in Japan. Am Beispiel eines Kinos im besetzten Korea konnte er dann zeigen, wie Japan sich als internationale Macht positionierte, die auch deutsche und chinesische Filme als Referenzpunkte aufgriff.

Der zweite Tagungstag begann mit einem Panel über das Verhältnis von Fernsehen und Globalisierung. Die weit verbreitete Leiterzählung des Fernsehens als globalem Medium korrigierte ANDREAS FICKERS (Maastricht). Das Fernsehen habe sich selbst mit revolutionärer Rhetorik als globales Medium verkauft, angelehnt an die Sprache des Radios, das Fickers eher als globales Medium begriff. Zwar gab es auch für das reguläre Fernsehprogramm internationale Kooperationen, diese waren jedoch nie global und alle Versuche transnationale Formate zu etablieren scheiterten – bezeichnenderweise bildeten Wettkämpfe die einzige Ausnahme. Bei allen Programmen blieben Bild- und Tonleitung stets getrennt, wobei letztere im nationalen, regionalen oder gar lokalen Rahmen produziert werden. In welchem Maße Kooperationen zwischen Fernsehsendern verschiedener Nationen dennoch möglich waren, untersuchte THOMAS BEUTELSCHMIDT (Berlin) anhand einer besonders scharfen politischen Grenze, dem Eisernen Vorhang, und dem Programmaustausch des DDR-Fernsehens. Er zeigte zahlreiche grenzübergreifende Interaktionen, da die DDR, besonders aus Kostengründen, zahlreiche Programme auch aus dem westlichen Ausland übernahm. Allerdings wurde selbst bei westdeutschen Programmen, sogar bei Fußballspielen, eine eigene Synchronisation bemüht. Sein laufendes Forschungsprojekt arbeitet heraus, was jeweils als ideologisch akzeptabel galt oder als imperialistisch abgelehnt wurde.

Auch das nächste Panel untersuchte die Rolle der Medien bei der Globalisierung im Kalten Krieg. Mit dem „Roten Telefon“ analysierte der Medienwissenschaftler TOBIAS NANZ (Gießen) eine mediale Repräsentation der globalen Kommunikation, und entwickelte dessen Geschichte als Identifikationsfigur des Krisendiskurses. Nanz machte dabei Medien, wie hier das Telefon, als bedeutende Akteure in Krisen stark, und zeigte auf, wie ein diskursiv etablierter Krisenplot als Erwartungsfolie Handlungen, oder zumindest deren Wahrnehmung, formieren könne. So gelte auch das bekannte Rote Telefon bis heute als Inbegriff der Krisenverhandlung, obgleich es nicht als Telefon existiert, sondern als Fernschreiber, der zudem nicht nur in akuten Krisensituationen, sondern vielmehr alle zwei Stunden zwecks Absicherung seiner fortwährenden Funktionsfähigkeit in Betrieb sei. Im Anschluss erläuterte CHRISTIAN HENRICH-FRANKE (Siegen) anhand der Verteilung der Funkfrequenzen durch die International Telecommunication Union (ITU), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, wie Medientechnik nicht nur zu stärkerem globalen Zusammenwachsen, sondern gleichzeitig zu verstärkter Abgrenzung führen kann. Obgleich Anfang der 1970er-Jahre Entwicklungsstaaten 100 der 155 Mitglieder der ITU stellten, verhinderten die Industriestaaten eine gerechtere Verteilung der Funkfrequenzen. Dabei kooperierten letztere auch über den Eisernen Vorhang hinweg, um die Mitsprache der Entwicklungsstaaten zu blockieren.

Im letzten Panel der Tagung wurden zwei Projekte zu einzelnen transnationalen Medienereignissen vorgestellt. EVA MODREY (Gießen) untersuchte zwei Olympiaden, Rom 1960 und München 1972, als Motoren globaler Kommunikation, eine Rolle, die den Olympiaden nicht zuletzt in der Globalgeschichte häufig unhinterfragt zugeschrieben wird. Die untersuchten Ereignisse stellten dabei Eckpfeiler in der Etablierung des Fernsehens bei olympischen Spielen dar. Es war dann auch das Fernsehen selbst, das in besonderem Maße und sehr direkt die Globalität des Ereignisses betonte. Allerdings zeigte Modrey, dass der Begriff der Transnationalität in diesem Fall geeigneter wäre, da die Nation stets sehr präsent bleibe. Im letzten Vortrag der Tagung zeigte RENE SCHLOTT (Gießen) am Beispiel der Papsttode, welchen Einfluss der Medienwandel auf ein serielles Medienereignis haben kann. Sein Untersuchungszeitraum umfasste dabei die Geschichte der Papsttode seit 1878, dem Tod von Papst Pius IX., der selbst die mediale Präsenz des Papsttums stark ausgeweitet hatte. Bei seinem Tod sorgten dann Telegraf, Nachrichtenagenturen und Korrespondentennetze für eine schnelle und umfassende Verbreitung. Einen ähnlich großen Globalisierungsschub erfuhr das Medienereignis Papsttod erst mit der Einführung des Fernsehens, als 1958 Pius XII. starb. Nun berichtet Eurovision live aus Rom und auch die Presse beschrieb intensiv die globale Anteilnahme. Zudem nahmen erstmals offizielle Delegationen verschiedener Staaten und Delegationen an den Trauerfeierlichkeiten teil. Das Medienereignis um den Tod von Papst Johannes Paul II. knüpfte daran an, lediglich in größerer Dimension. Zwar gab es auch 2005 noch deutlich unterschiedliche nationale Aneignungen, allerdings schufen die Medien zum Papsttod eine Weltöffentlichkeit für den Katholizismus.

Abschließend resümierte MATTHIAS MIDDELL die Tagungsergebnisse und wies auf einige weiterhin bestehende Forschungsdesiderata hin. So zeigte die Tagung einige hochinteressante Zugänge zu den Massenquellen Medien. Dabei experimentiere die Globalgeschichte mit verschiedenen Portalen der Globalisierung und interessiere sich vor allem für kulturelle Transfers sowie in allen Beiträgen der Tagung für Raum. Gleichzeitig lasse sich keine Fixierung auf globale Medienereignisse ausmachen, vielmehr ein vielfältiger Blick auf Standards und Strukturen. Zu den Desiderata gehöre zunächst die Globalisierung in kommunistischen Staaten, die bislang kaum untersucht worden sei. Zudem wählten noch zu wenige Studien intermediale Zugänge, wie Andreas Fickers in der Diskussion betonte. Auch fehlten in der Globalgeschichte noch Versuche der Periodisierung und einheitliche Begriffsdefinitionen, wobei der Nutzen eines einheitlichen Globalisierungsbegriffes im Anschluss an das Resümee rege diskutiert wurde.

Konferenzübersicht:

Einführung:
Frank BÖSCH (Gießen): Medien und globale Transformationen seit dem 19. Jahrhundert

Panel 1: Telegrafie und globale Neuordnungen

Roland WENZLHUEMER (Heidelberg): Das globale Telegrafennetzwerk und die Entstehung neuer Kommunikationsräume

Volker BARTH (Köln): Weltnachrichtenordnungen. Nachrichtenagenturen und globale Kommunikation, 1859-1934

Panel 2: Telegrafie und transnationale Beziehungen im britischen Empire

Michael MANN (Berlin): Kommunikation und Öffentlichkeit. Telegrafie in Britisch-Indien, 1849-1947

Jessica KARAGÖL (Heidelberg): Globale Informationsflüsse im 19. Jahrhundert. Der Einfluss des Telegrafen auf Tageszeitungen und Berichterstattung in Großbritannien

Panel 3: Globalisierung der Bildwelten

Gerhard PAUL (Flensburg): Globale Bilderwelten. Fotografien als transnationale Deutungsangebote

Jens JÄGER (Köln): Visionen und Visualisierungen. Südamerika in Bildmedien des 19. und 20. Jahrhunderts

Panel 4: Globale Kommunikation und Konflikte

Thoralf KLEIN (Erfurt): Medialität und imperialistisches Narrativ. Der Boxerkrieg als transnationales Medienereignis, 1900-1901

Reinhard ZÖLLNER (Bonn): Film und Krieg im Kontext der japanischen Ostasienpolitik

Panel 5: Fernsehen und Globalisierung

Andreas FICKERS (Maastricht): Zwischen globalem Versprechen und nationaler Sozialisierungsinstanz. Zur Ambivalenz des Fernsehens als transnationales Medium

Thomas BEUTELSCHMIDT (Berlin): Grenzüberschreitungen. Internationaler Programmaustausch als interkulturelle Kommunikation zwischen West- und Osteuropa am Beispiel des DDR-Fernsehens

Panel 6: Techniken der globalen Kommunikation

Tobias NANZ (Gießen): Kalter Krieg. Medien der Deeskalation

Christian HENRICH-FRANKE (Siegen): Ost-West-Kooperationen als Antwort auf die Herausforderung der ‚New World Information Order‘ in der globalen Funkzusammenarbeit der 1970er und 1980er Jahre

Panel 7: Felder der globalen Transformation

Eva MODREY (Gießen): Olympiaden als Motor der globalen Kommunikation

René SCHLOTT (Gießen): Der Tod des Papstes als globales Medienereignis

Fazit
Matthias MIDDELL (Leipzig)

Zitation
Tagungsbericht: Medien und globaler Wandel seit dem 19. Jahrhundert, 04.06.2010 – 05.06.2010 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 12.08.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3241>.