Das Ende des konziliaren Zeitalters (1440-1450): Versuch einer Bilanz

Ort
München
Veranstalter
Heribert Müller, Historisches Kolleg, München
Datum
17.06.2010 - 29.06.2010
Von
Veronika Proske

„Dissz concilium hett ein schoenen anfang, aber ein ublen uszgang von nochvolgender zweyung wegen“. Diesem Motto – es findet sich in der Schedelschen Weltchronik (f. CCXLIIIr) wie bei dem Basler Chronisten Christoph Offenburg – ist bislang auch die Forschung gefolgt, wenn sie der zweiten Hälfte des Basiliense weitaus weniger Beachtung geschenkt hat als dessen erstem Jahrzehnt bis zur Absetzung Eugens IV. und Erhebung Felix’ V., da es nach 1440 scheinbar nur noch die sich daraus ergebenden negativen Konsequenzen und den schließlichen Misserfolg des gesamten konziliaren Zeitalters zu bilanzieren gibt. Um zu einer differenzierteren Einschätzung zu gelangen, bedarf es – so HERIBERT MÜLLER (Frankfurt am Main/München) – noch breiterer Quellenerschließung sowie der Berücksichtigung einer in den letzten Jahren merklich intensivierten Publikationstätigkeit generell zum Zeitalter des großen Schismas und der Reformkonzilien (bis eben auf die Basler Spätzeit); einer Epoche, die es auch als ganze bei solcher Schlussbilanz selbstverständlich mit einzubeziehen gilt. Diese zahlreichen Veröffentlichungen neueren Datums mögen im Übrigen mit der von Erich Meuthen entwickelten Sicht auf die – lange vorrangig theologisch und strikt kirchenhistorisch untersuchten – großen Konzilien des 15. Jahrhunderts als allgemeinhistorisch relevante Phänomene zusammenhängen. Müller bot sodann eine Vorschau auf die im Rahmen der Tagung behandelten Themen und wies auf sonstige Forschungsfelder hin, die weiterhin der Erschließung harren, wie etwa die bislang nur ungenügend untersuchte Frage einer Rezeption Basler Reformdekrete „stricto sensu“ via Provinzial- und Diözesansynoden oder die – oft gebrochenen und daher besonders aufschlussreichen – Biographien von Konzilsvätern aus Spätbasler Zeit und deren Situierung in personellen Verbundnetzen oder aber die Politik jener Mächte, die wie Mailand, Aragón und Polen das Basler Konzil noch in den vierziger Jahren mit in ihr Kalkül einbezogen. Besonderes Augenmerk wäre indes auf Frankreich und das Reich als die für die Liquidation des Basiliense entscheidenden Mächte zu richten, nicht zuletzt auch unter dem Aspekt kompetitiver Konkurrenz (vgl. auch drittes Konzil, Fürstenkongress), der wiederum auf den Umstand konzilsbedingter Ausformung prä- oder protonationaler Faktoren verweist.

Den Auftakt des Kolloquiums bildete CLAUDIA MÄRTLs (München) Präsentation eines bislang unbekannten Werks des – vor allem als Dichter (Le Champion des Dames) bekannten – Sekretärs und Vertrauten Felix’ V., Martin Le Franc: „Agreste ocium“ ist ein Dialog zwischen dem Antoniterpräzeptor von Isenheim, Jean Bertonneau, der nach wie vor ein überzeugter Anhänger des Konzils war, und Pierre de Héronchel, Prinzenerzieher am Hof Ludwigs I. von Savoyen, der die „ineptias Basilienses“ verurteilte. Le Franc selbst nahm die Position eines Mediators ein und enthält sich einer dezidierten Stellungnahme. Märtl geht davon aus, dass er mit dem „Agreste ocium“ für seine Person Anschluss gewinnen wollte an die durch Bertonneau und Héronchel repräsentierten Beziehungsnetzwerke, vor allem an das französische Königtum, das nach dem siegreichen Ausgang des Hundertjährigen Kriegs in ein „goldenes Zeitalter“ eintrat. Als unmittelbaren Schreibanlass erwägt sie das Eintreffen von Nachrichten über Wunder des 1450 verstorbenen Konzilspräsidenten Louis Aleman, über die andernorts im Juli 1451 letztmals berichtet wird, was Le Franc das Kapitel Basel noch einmal aufschlagen ließ. Märtl datiert ihren bemerkenswerten Fund mithin auf 1451. Sowohl der literarische Rang des Werkes als auch die implizite Stellungnahme Le Francs, indem er Bertonneau das letzte Wort gibt, waren Thema der anschließenden Diskussion.

JÜRGEN MIETHKE (Heidelberg) arbeitete in seinem Abendvortrag die enge Verwobenheit von Konzilien und Universitäten im 15. Jahrhundert am Beispiel Basels heraus und skizzierte hierfür zunächst in weiterem Ausgriff deren geistes- und ideengeschichtliche Voraussetzungen. In einem zweiten Schritt wandte er sich der Präsenz von Universitäten auf den Kirchenversammlungen zu, wobei er die Multifunktionalität der entsandten Magister betonte, die häufig gleichzeitig im Dienst des jeweiligen Landesherrn standen. Die Bedeutung der Universität und ihrer Graduierten für die theoretische Seite der Arbeit des Basler Konzils unterstrich Miethke wie er auch ihre entscheidende Rolle für die Fürsten bei der theoretischen Legitimation von deren Position gerade in den vierziger Jahren herausstellte. Universitäten hatten am Konzil und an den Höfen viel zu sagen, aber nicht das Sagen; ihre Rolle reduzierte sich auf Beratung, und oft standen Finanznöte längerer Vertretung in Basel entgegen. Die Inkorporationspraxis und der Gesamtanteil an graduierten Universitätsbesuchern auf den Konzilien des 15. Jahrhunderts wurden nachfolgend im Plenum erörtert.

ÉMILIE ROSENBLIEH (Paris) präsentierte ihre systematische Auswertung der Akten des Prozesses der Absetzung Eugens IV. (Juli 1437-Juni 1439) aus dem Cod. lat. 1511 der Bibliothèque nationale de France, welche Protokolle, Anklagen und Zeugenaussagen aus der Zeit zwischen Juli 1437 und Oktober 1438 umfassen. Sie fragte dabei nach der Rolle der Zeugen im Prozess und ordnete diese soziologisch ein. Dabei konstatierte sie eine mit deren Rang in der Kirchenhierarchie steigende Zurückhaltung. Auftraggeber der Kopie der Prozessakten war der kastilische Kardinal Domenico Ram, was Rosenblieh zu der Annahme führte, dass das Register möglicherweise zu Beginn des Jahres 1440 als Druckmittel Alfons’ V. in dessen Auseinandersetzung mit Eugen IV. um die Belehnung mit Neapel diente. Als weiteren möglichen Verwendungszweck zog Rosenblieh in Betracht, dass es Eugen IV. selbst vorgelegt werden und damit Ram zum persönlichen Vorteil gereichen sollte. Die lange Dauer des Prozesses, ein mögliches Anknüpfen an frühere Papstprozesse sowie Unterschiede zu anderen Inquisitionsverfahren wurden sodann diskutiert.

Den Repräsentations- und Legitimationsstrategien Felix’ V. war das Referat von URSULA LEHMANN (Berlin) gewidmet. Sie untersuchte die 1444 entstandene Außentafel des Genfer Altars von Konrad Witz, auf welcher vor einer idealisierten savoyischen Landschaft die neutestamentarischen Episoden des wunderbaren Fischzugs (Joh, 21, 1-4) sowie der Errettung Petri aus dem See (Mt, 14, 28-33) dargestellt sind. Die Verknüpfung von landesherrlicher Machtdemonstration und petrinischer Symbolik interpretierte Lehmann als Betonung der Rolle Savoyens als Hort der Ordnung, des Friedens und – in Form landesherrlich-territorialer Machtbasis – als Hilfe für die Errettung des Papsttums. Dass sich die savoyischen Verhältnisse auch in der materiellen Ausstattung des Papsttums abbildeten, illustrierte sie, ausgehend von einem Inventar von Juli 1440, anhand des Schatzes Felix’ V., bei dem ein mehrfacher und wechselseitig vollzogener Austausch von herzoglichen und päpstlichen Vermögenswerten und Symbolakkumulierungen zu konstatieren ist. In der Diskussion wurde Lehmanns Darstellung des Schatzes als „Konstante“ in Frage gestellt und auf die Verpfändung der Tiara als gängige päpstliche Praxis im 15. Jahrhundert hingewiesen.

JÜRGEN DENDORFER (München/Rom) hinterfragte in seinem Vortrag das in der Forschung verbreitete Modell eines „dynamisch-modernen Konzils“ und einer „statisch-beharrenden Kurie“, indem er die Wirkungen des konziliaren Zeitalters an der Kurie Eugens IV. untersuchte. Ausgehend von Überlegungen kardinalizischer Reformkommissionen aus den Jahren 1422 und 1430 sowie der Wahlkapitulation des Jahres 1431, arbeitete Dendorfer zwei Reformansätze zu Beginn des Pontifikats Eugens IV. heraus, die sich mit konziliaren Überlegungen deckten: die Frage nach einer alternativen Finanzierung der Kurie sowie das Bemühen um die konstitutionelle Teilhabe der Kardinäle am Kirchenregiment. Allerdings verpufften solche römischen Reformansätze schon bald unter dem Eindruck der Basler Bedrohung, und Papst wie Kurie kehrten – so etwa bei der Vergabe von Abteien in Kommende – zu alten Gewohnheiten zurück. Vorbehalte im Plenum gegenüber der päpstlichen Reformabsicht angesichts der versuchten Auflösung und später dann einer Verlegung des Konzils durch Eugen IV. wies Dendorfer zurück, indem er die Angst des Papstes vor dem Konzil auf Kommunikationspannen zurückführte. Bestätigung erfuhr seine – zunächst sicher verblüffende – These durch den Hinweis, dass Eugen das Konzil in den Anfangsjahren auch finanziell unterstützte.

In einer prosopographisch angelegten Studie fragte ROBERT GRAMSCH (Jena) nach Aufstiegschancen und Risiken für deutsche Kuriale auf dem Basler Konzil. Am Beispiel des seine Laufbahn am Konzil beginnenden „Deutsch-Italieners“ Enea Silvio Piccolomini entwickelte er seine These, dass Basel für deutsche Kleriker ein Karrieresprungbrett gewesen sei, da die Stadt am Oberrhein gut erreichbar war und das dortige Konzil sowohl den „traditionellen Aufstiegskanal der Verwaltungs- als auch einen neuartigen der Gremientätigkeit“ bot und die Übergänger vom Papsthof zur Synode nicht zuletzt aufgrund ihrer Fachkenntnisse gesuchte Persönlichkeiten waren. Gramsch zog zur Überprüfung seiner These auch die Biographien jener von ihm in seiner Dissertation (Erfurter Juristen im Spätmittelalter, 2003) untersuchten 68 in Erfurt studierten Geistlichen heran, die am Basler Konzil nachweisbar sind. Für sie entwarf er drei typische Karrieremuster. Im Ergebnis zeigte sich, dass ein (vorübergehendes) Basler Engagement mit Blick auf die Kurie keineswegs negative Auswirkungen auf die Laufbahn der Betroffenen haben musste, wobei neben einem gewissen „Toleranzrahmen“ sicher auch deren Qualifikation eine Rolle spielte. Die Repräsentativität dieser Befunde war Gegenstand der Diskussion.

THOMAS PRÜGL (Wien) widmete seinen Vortrag den Spätschriften des Johannes von Segovia. Am „Liber de magna auctoritate episcoporum in concilio generali“ sowie am „Liber de substantia ecclesiae“ verdeutlichte Prügl inhaltliche und methodische Tendenzen in Segovias Schriften aus der Zeit nach Abschluss des Konzils. Sie zeigen ein Abrücken von früherer radikal-konziliaristischer Position zugunsten eines „episkopal gefärbten Konziliarismus“, der ein Papsttum vorsah, welches zugleich Kontroll- wie Gewährleistungsinstanz für eine kollegial-konsensuale Kirchenvertretung durch die Bischöfe war. Methodisch setzte Segovia dabei auf eine konsequente bibelfundierte Theologisierung von Konziliarismus und Ekklesiologie, bei der Prügl im „Liber de substantia ecclesiae“ mit der Einführung einer Angelologie zudem eine durchaus eschatologische Note ausmachte. Die „causa scribendi“ und mögliche Adressaten wurden im Anschluss von den Teilnehmern des Kolloquiums erörtert. Prügl wies darauf hin, dass sowohl der resignative Ton als auch die spärliche handschriftliche Überlieferung davon zeugen, dass Segovia im Bemühen um eine Korrektur des Egalitarismus der Basler Jahre in erster Linie wohl „für sich selbst“ schrieb, was an seiner großen ekklesiologischen Leistung nichts ändert.

THOMAS WÜNSCH (Passau) zeichnete in seinem Referat den Weg des polnisch-deutschen Theologieprofessors und Konziliaristen Jakob von Paradies zum Mystiker, Moralisten und monastischen Reformer in den vierziger Jahren nach. An drei Predigten, die Jakob 1441/1442 auf Synoden bzw. bei einer Messe der Krakauer Universität in der Annakirche hielt, veranschaulichte Wünsch die Transformation von dessen Reformidee und sah in ihnen ein entscheidendes Bindeglied zwischen den beiden Schaffensphasen: Jakob von Paradies verlegte sich vom Engagement für eine institutionelle Reform nunmehr als Mystiker und Moralist auf eine innere Reform des einzelnen Gläubigen und des Klerikerstandes. Ob eine derart strikte Differenzierung einer Reform nicht generell im Wege steht, und ob das Genus der Predigt überhaupt für die Erklärung solcher Entwicklung herangezogen werden kann, wurde im Anschluss diskutiert.

Die Quellen zu den beiden Jeanne d’Arc-Prozessen, dem der Kondamnation von 1431 sowie dem der Rehabilitierung bzw. Annullierung in den 1450er-Jahren, untersuchte PHILIPPE CONTAMINE (Paris) auf Berührungen zu Konzil und Papst hin. Ausgehend von einer Analyse des „instrumentum publicum“ des Thomas de Courcelles sowie der Propagandabriefe Heinrichs VI. und der Pariser Universität, zeigte er auf, dass wiederholt in beiden Prozessen Papsttum und Konzil als (Appellations-)Instanz genannt wurden, vor allem wenn es um die Frage ging, ob Johanna die „ecclesia militans“, die hierarchische Institution Kirche als einzige heilsvermittelnde Instanz anerkenne. Natürlich handelte es sich bei dem in Form eines Inquisitionsverfahrens geführten Kondamnationsprozess (wie auch bei dem späteren) in der Sache um ein politisch motiviertes Tribunal, wobei diejenigen seiner Mitglieder, die sich wenig später zum Basler Konzil begaben, als dortige Vertreter des lancastrischen Frankreich ebenso wie die Väter, die auf der Synode als Repräsentanten des Frankreich der Valois weilten, nicht das geringste Interesse daran hatten, die Causa Jeanne d’Arc vor diesem Forum überhaupt zu erwähnen. Nahm aber Thomas de Courcelles das Protokoll für den Fall eines Eklats vorsichtshalber mit an den Rhein? So wurde die ob ihres Bellizismus schließlich für alle Parteien des Hundertjährigen Kriegs unbequeme „Pucelle“ zur „grande oubliée“ des Konzils. Diese neue Sicht auf die Jeanne d’Arc-Prozesse wurde vor dem Hintergrund zeitgenössischer kontroverser Darstellungen im Plenum weiter verfolgt.

Das gewachsene Selbstbewusstsein Burgunds im Kreis der souveränen Fürsten und Staaten des 15. Jahrhunderts, artikuliert in der Forderung nach Kreation burgundischer Kardinäle, führte WERNER PARAVICINI (Kiel) in seinem Referat am Beispiel der Karrieren von fünf aus dem Herzogtum stammenden Purpurträgern vor. Während im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts die Haltung des papstnahen Philipp des Guten im Kampf gegen das Konzil und die Ablehnung der Pragmatischen Sanktion mitentscheidend für die Erhebung von Jean Le Jeune und Jean Rolin war, wurden später das Kreuzzugsengagement, vor allem aber die Erwartung Karls des Kühnen ausschlaggebend, für den eben ein eigener Kardinal zum „Statussymbol“ und einer Frage der Ehre geworden war, wobei ein solcher Würdenträger auch in anderen Loyalitäten stehen konnte, wie Paravicini aufzeigte. In der Diskussion wurde auf Forschungsdefizite die Pfründenpolitik betreffend hingewiesen, die ja für die Ermittlung von Familiaren der Kardinäle bedeutsam ist.

Am Morgen des Abschlusstages hatten zunächst Nachwuchsforscher Gelegenheit, über ihre Arbeit bzw. ein Projekt zu berichten, die allgemein bzw. auch mit dem Basiliense in Zusammenhang stehen: MICHIEL DECALUWE (Freiburg im Breisgau/Rom) stellte seine soeben erschienene Genter Dissertation „A Successful Defeat. Eugene IV’s Struggle with the Council of Basel for Ultimate Authority in the Church“ vor, während ALBERTO CADILI, DAVIDE DAINESE und PATRIZIO FORESTA von der Fondazione per le scienze religiose ‚Giovanni XXIII’ (Bologna) Auskunft über den von ihnen herausgegebenen Band „The Medieval General Councils“ gaben, der 2011 als zweiter Band der „Conciliorum Oecumenicorum Generaliumque Decreta“ erscheinen und auch die Dekrete des Basler Konzils in einer Edition von Joachim Stieber enthalten wird.

Ausgehend von der Wahl Amadeus’ VIII. von Savoyen zum Papst des Basler Konzils untersuchte JOACHIM STIEBER (Northampton/MA) die Begrenzung dieses Papats durch Basler Dekrete sowie den Umgang Felix’ V. mit solch konstitutionell definierter Würde. Letztlich handelte es sich um die Geschichte eines Missverständnisses, da Felix V. mehr an einer Rangerhöhung seines Hauses als am geistlichen Amt lag, für das er keineswegs die materiellen Grundlagen ausschließlich aus eigenen Ressourcen bereitzustellen gedachte. In einem zweiten Schritt unterstrich Stieber die langfristige Bedeutung des von Karl VII. vermittelten Kirchenfriedens von 1449, bei dem der Grundsatz der Autorität eines allgemeinen Konzils keine Verurteilung erfuhr (und so die Basis für den Fortbestand dieser Lehre an der theologischen Fakultät in Paris bilden konnte). Persönlich hatte Felix V. seinen ehrenvollen Abgang der Konzilianz eines neuen Papstes und eines französischen Königs zu verdanken, der ein – gerade mit Frankreich und Burgund verbundenes – Mitglied der Familie der Fürsten nicht fallen ließ; einem anderen Konzilspapst wäre solch ein günstiges Ende wohl kaum beschieden gewesen. Die Deutung der Friedensbemühungen des französischen Königs im Kontext des Hundertjährigen Krieges war anschließend Thema im Plenum.

JOHANNES HELMRATH (Berlin) skizzierte zum Abschluss das Ende des Basler Konzils in der Wahrnehmung des Enea Silvio Piccolomini, indem er dessen „conversio“ aus den eigenen Schriften von der ersten Konzilsgeschichte (De gestis Concilii Basiliensis 1440) und dem Libellus dialogorum (1440/41) bis zu den Commentarii (um 1460) nachzeichnete. Enea Silvio dient als Beispiel eines „Frontwechslers“, den das Basler Schisma wie viele europäische Intellektuelle zu einer persönlichen Entscheidung zwang. Nicht rationale Argumente, sondern vielmehr eine „Erleuchtung von oben“, so vermittelt Enea dem Publikum, habe zur Abkehr vom Basler Konzil um 1444 geführt. Die Parteinahme für das Basiliense und der langsame Prozess des Frontwechsels, von Enea Silvio als parallele Kehre vom Aeneas zum Pius, vom Laien zum Priester etc. stilisiert, zeichnet sich durch ein hohes Maß an Literarisierung und Biographisierung aus. Das ist stets auch als ein Akt des „self-fashioning“ vor verschiedenen Öffentlichkeiten, der literarischen der humanistischen Corona, und der politischen des Kaiser- und Papsthofs zu verstehen.
In einer ersten Bilanz des ausgehenden konziliaren Zeitalters – und damit der Tagung – kam Helmrath sodann zunächst auf die lange Dauer des Basiliense zu sprechen (aus dem „nunc“ war ein „semper“ geworden) und nannte dafür einmal pragmatisch-systemimmanente Gründe wie die Etablierung eigener Behörden nach kurialem Muster, erinnerte aber mit dem Hinweis etwa auf die Unauflöslichkeit gegen den eigenen Willen auch an juristisch-dogmatische Ursachen. Dem enormen Ausmaß an oratorischer und traktatbewehrter Propaganda und Polemik – so durch Konzilsvertreter auf den mit der Kirchenfrage befassten Reichstagen –, das zu Beginn der 1440 Jahre seinen Höhepunkt erreichte, stellte er einen geographisch immer reduzierteren Einfluss- und Einzugsbereich des Konzils seit 1443 gegenüber.

In der Abschlussdiskussion wurden Gründe für das Scheitern des Konziliarismus in den Blick genommen, wobei man unter anderem auf das Fehlen großer Persönlichkeiten und insbesondere die Indifferenz bzw. Feindseligkeit der Humanisten sowie die engführende Konzentration der Basler auf die Superioritätsfrage hinwies. Ob bereits die Griechenunion in Florenz 1439 oder erst der Übertritt König Alfons’ V. zu Eugen IV. 1443 den Niedergang des Konzils einläutete, wurde ebenso wie die Frage, ob unter den Fürsten ein „Verantwortungsbewusstsein“ für die Einheit der Kirche existierte, kontrovers diskutiert. Letztendlich war die Entscheidung über Sieg oder Niederlage aber eine politische; insbesondere die wiedererstarkte französische Monarchie unter Karl VIII. prägte die Schlussphase entscheidend.

Konferenzübersicht:

Heribert Müller (Frankfurt am Main / München): Begrüßung und Einführung in das Thema

Claudia Märtl (München): Dialogische Annäherung an eine Bewertung des Basler Konzils: Zu einem unbekannten Werk des Martin Le Franc

Jürgen Miethke (Heidelberg): Europas Universitäten und das Basler Konzil

Émilie Rosenblieh (Paris): Témoigner contre le pape. Témoins et témoignages produits contre Eugène IV au concile de Bâle (juillet 1437-juin 1439)

Ursula Lehmann (Berlin): Von Schätzen und Landschaften: Savoyische Verhältnisse unter Amadeus VIII.-Felix V.

Jürgen Dendorfer (München/Rom): Veränderungen durch das Konzil? Spuren der Wirkungen des konziliaren Zeitalters an der Kurie im Pontifikat Eugens IV.

Robert Gramsch (Jena): Karrieresprungbrett oder Karrierebremse? Deutsche Kuriale auf dem Basler Konzil

Thomas Prügl (Wien): Herbst des Konziliarismus? Die Spätschriften des Johannes von Segovia

Thomas Wünsch (Passau): Vom Konziliarismus zur Devotio Moderna. Die Transformation der Reformidee bei dem polnischen Theologen Jakob von Paradies in den Jahren 1440-1450

Philippe Contamine (Paris): D’un procès à l’autre: 1431-1456. Le pape, le concile, Charles VII et Jeanne d’Arc

Werner Paravicini (Kiel): Burgundische Kardinäle: Erfolge und Niederlagen an der Kurie im 15. Jahrhundert

Präsentationen: Michiel Decaluwe (Freiburg i. Br./Rom): A Successful Defeat. Eugene IV’s Struggle with the Council of Basel for Ultimate Authority in the Church, 1431 – 1449; Alberto Cadili, Davide Dainese, Patrizio Foresta (Bologna): Zu den Aktivitäten der Fondazione per le Scienze Religiose ’Giovanni XXIII‘ / Conciliorum Oecumenicorum Generaliumque Decreta II: The Medieval General Councils

Joachim Stieber (Northampton/MA): Felix V. als Papst des Konzils von Basel und die langfristige Bedeutung des Kirchenfriedens von 1449

Johannes Helmrath (Berlin): Das Ende des Basler Konzils in der Wahrnehmung des Enea Silvio Piccolomini und anderer Zeitgenossen

Zitation
Tagungsbericht: Das Ende des konziliaren Zeitalters (1440-1450): Versuch einer Bilanz, 17.06.2010 – 29.06.2010 München, in: H-Soz-Kult, 05.08.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3248>.
Redaktion
Veröffentlicht am
05.08.2010