Translatio. Symposium der International Medieval Society

Ort
Paris
Veranstalter
International Medieval Society
Datum
24.06.2010 - 26.06.2010
Von
Julian Führer, Historisches Seminar, Universität Zürich

Für ihre siebte Jahrestagung hatte die International Medieval Society in Paris das Thema der „Translatio“ ausgewählt. Die Vielschichtigkeit des Begriffs, der sowohl sprachliche Übersetzung als auch räumliche Übertragung oder andere Formen der Aneignung bedeuten kann, erlaubte es Vertreterinnen und Vertretern vieler mediävistischer Fachrichtungen, dieses mittelalterliche Konzept aus ihrer jeweiligen Perspektive zu betrachten. Dieser interdisziplinäre Ansatz wurde durch die Internationalität der Beiträge noch akzentuiert, die aus acht verschiedenen Ländern stammten. Aufgrund der Vielzahl der Themen können hier nur einige Aspekte erwähnt werden, ohne damit den Verlauf der Tagung zur Gänze nachzeichnen zu können.

Versteht man „Translatio“ als Übersetzung, so zielte dies im Mittelalter meist auf die Übertragung lateinischer Texte in einer Volkssprache. Wie MARY FRANKLIN-BROWN (Twin Cities) in ihren einleitenden Bemerkungen betonte, sind beim Nebeneinander von prestigeträchtigem Latein und dem als Literatursprache jungen Altfranzösisch nicht nur unterschiedliche Rezipientenkreise, sondern auch verschiedene Wahrscheinlichkeitsregister berührt. Der volkssprachige Text habe zunächst dieses Defizit kompensieren müssen. Gleichzeitig war bis ins Spätmittelalter beim überwiegenden Teil des mittelalterlichen Publikums mit Kenntnissen des Lateinischen zu rechnen, wie RITA COPELAND (University of Pennsylvania) in ihrem Grundsatzreferat zeigte. Dies erkläre auch, weshalb es auffallend wenige Übersetzungen der antiken ‚Klassiker’ in die mittelalterlichen Volkssprachen gegeben habe, deren Literatur eine eigene Kultur mit eigenen Bedürfnissen und Ausdrucksformen gebildet habe. SERGE LUSIGNAN (Montréal) als weiterer Grundsatzredner widmete sich dem Thema der „Translatio studii“ und damit dem Umstand, dass die lateinische mittelalterliche Schriftkultur vieles östlichen Vorbildern verdankte. Selbst die Bibel als Grundtext der christlichen Religion war letztlich eine Übersetzung. Mitunter wurde auch die Fiktion einer Übersetzung aus dem Griechischen ins Lateinische und weiter in die Volkssprache konstruiert, um dem jeweiligen Text eine höhere Würde zu verleihen. Ein weiteres Augenmerk Lusignans galt der chronologischen Abfolge des Auftauchens der Volkssprachen. Das Altfranzösische ist eher spät in der Breite belegt, und zunächst finden sich vor allem die anglonormannischen und pikardischen Sprachformen, bevor sich dann die Pariser Variante durchsetzen sollte.

Der verbreiteten Annahme, kirchliche Autoritäten hätten bis zur Reformation und darüber hinaus eine Bibelübersetzung in die Volkssprachen und damit eine unkontrollierte Rezeption durch Laien unterbinden wollen, widersprach MARGRIET HOOGVLIET (Groningen) in ihrem sozialgeschichtlichen Beitrag zur Rezeption altfranzösischer Bibelfassungen, die von der wörtlichen Übersetzung des Gesamttexts bis zu Auszügen (meist den Evangelien) oder einer groben Inhaltsangabe reichten. Für den weltlichen Bereich zeigte GREGORY FEDORENKO (Cambridge) anhand der ‚Chronique de Normandie’ und ‚Geste de France’, wie die Übersetzung vom Latein ins Französische dazu genutzt wurde, inhaltlich neue Schwerpunkte zu setzen. Besonders interessant dabei ist, dass die beiden Fassungen in einer Handschrift unmittelbar aufeinander folgen und eine Schreiberhand bei beiden Fassungen aktiv war. Ähnlich bemerkenswerte inhaltliche Nuancen zwischen lateinischer Vorlage und altfranzösischer Neukompilation zeigten JEANNETTE BEER (Oxford) anhand des umfangreichen Geschichtswerks ‚Li fet des Romains’ und LARISSA BIRRER (Aberystwyth) anhand mittelalterlicher Traumbücher, die über mehrere Übersetzungsvorgänge ihren Weg ins Altfranzösische fanden und über teils erhebliche Abweichungen in der Terminologie verfügen. Dass solche Übersetzungen ihre Vorlagen stark publikumsorientiert adaptierten, betonte NOËLLE-LAETITIA PERRET (Fribourg) anhand verschiedener altfranzösischer Fürstenspiegel auf der Grundlage des Aegidius Romanus.

Den eher räumlichen Aspekt des Translatio-Begriffs untersuchte NATHALIE LE LUEL (Angers), die sich als Kunsthistorikerin dem nicht unüblichen Phänomen näherte, Bestandteile eines Kirchenbaus bei einem Umbau vom Inneren an die Außenfassade zu verlagern. Auf diese Weise finden sich im mittelalterlichen Frankreich etliche Sakralbauten, die Altarbestandteile oder ganze Altäre des 11. Jahrhunderts später auf sichtbare Weise in das äußerlich sichtbare Mauerwerk integrierten. Dies konnte auch mittels einer Reduktion geschehen, so sei etwa in Cluny III wohl der Hauptaltar in kleinerer Wiedergabe außen am Portal auf dem Tympanon zu sehen gewesen. JEAN-MARIE GUILLOUËT (Nantes/Paris) erweiterte diesen Komplex um den Aspekt der Wanderung von Stilelementen bei Kirchenbauten, die mit der Wanderung von Baumeistern und Arbeitern im Zusammenhang standen. Auf diese Weise sah Santa Maria da Vitória in Batalha, eine Einrichtung mit engsten Kontakten zu den portugiesischen Königen, der französischen Krönungskirche, der Kathedrale von Reims, bemerkenswert ähnlich. Ebenso habe das Grabmal Papst Johannes XXII. in Avignon ein unmittelbares stilistisches Vorbild im Grab König Eduards II. von England in Gloucester. Die Anwesenheit englischer Bauarbeiter am Papstpalast von Avignon ist gut belegt, so dass hier weitere Schlüsse möglich sind. Eine weitere Form des Wechsels, diesmal nicht von innen nach außen, sondern von Text zu Bild, behandelte LAURA J. CAMPBELL (Durham) exemplarisch anhand von Miniaturen in Handschriften, die den Text illustrieren, aber auch anders gewichten können.

Translatio im Sinne eines Transports über eine weitere Distanz stand im Zentrum des Beitrags von EMILY DAVENPORT GUERRY (Cambridge), die den Weg der Dornenkrone im 13. Jahrhundert bis nach Paris verfolgte. Die Verehrung fand ihr Zentrum in Paris in der Sainte-Chapelle, aber auch in Sens, wo die Krone auf ihrem Weg ausgestellt wurde. Der dortige Erzbischof Gauthier Cornut, zu dessen Suffraganen Paris gehörte, verfasste einen ausführlichen Bericht über die Translation. Das in der Musikwissenschaft bekannte ‚Office de la couronne d’épines de Sens’ wurde von ANNIE DENNERY (Paris) kodikologisch und musikgeschichtlich gewürdigt. Der Bereich der Reliquientranslationen generell war auch im Vortrag von CÉLINE MÉNAGER (Paris) zentral. Das karolingerzeitliche Gallien litt unter einem Reliquienmangel, dem man durch Import aus Italien Abhilfe schaffen wollte. Der Diebstahl von Reliquien wurde nach dem Zeugnis der Hagiographie wohl nicht als problematisch angesehen, zumal man postulierte, die Heiligen suchten sich ihren Aufenthaltsort selbst aus. Heilige konnten aber auch ohne Raub den Ort wechseln. THOMAS FRANK (Pavia / Berlin) brachte Beispiele für Benedikt von Nursia, der laut den Miracula sancti Benedicti selbst als Heiliger noch Jahrhunderte nach seinem Tod Briefe aus seinem neuen Bestattungsort Fleury nach Monte Cassino, seiner ursprünglichen Grabstätte, geschrieben haben soll. Durch den Transport der Überreste eines Heiligen wurden räumliche Bezüge aufgebaut, die auch über längere Zeit bestehen bleiben konnten.

Die Internationalität der Tagung und der veranstaltenden Organisation konnte das Tagungsthema auch in historiographiegeschichtlicher Perspektive anregen, wie beispielsweise die Podiumsdiskussion zwischen AUDE MAIREY (Poitiers) und OLIVIER BERTRAND (Nancy) zeigte. Im mittelalterlichen Frankreich wurden unter Karl V. (1364-1380) viele Übersetzungen auf königliche Bestellung angefertigt; durch diese Textproduktion habe unter Umständen, wie in der Diskussion festgestellt wurde, eine zunehmende Normierung des Französischen stattgefunden. Die Thematik dieser Debatte wurde gegen Ende auf die unterschiedlichen Wissenschaftskulturen der Gegenwart erweitert.

Bei der Abschlussdiskussion wurde im Sinne eines Ausblicks bemerkt, dass im Tagungsprogramm der Aspekt des Wechsels zwischen Vers und Prosa überhaupt nicht zur Sprache gekommen sei. Auch das Problem ‚richtiger’ und ‚falscher’ Übersetzungen war nicht behandelt worden. Es wurde deutlich, dass das Bedeutungsfeld von „Translatio“ in drei Tagen und 27 Vorträgen längst nicht ausgeschöpft wurde. Dennoch wurde eine Fülle thematischer Bezüge hergestellt, die den Dialog der Disziplinen förderte. Wie auch in den vergangenen Jahren bedeutete es eine stimulierende Herausforderung, die unterschiedlichen Wissenschaftskulturen der Vortragenden mit ihren spezifischen Präsentationsformen im schnellen Wechsel zu erleben. Der Reiz der Symposien der „International Medieval Society“ (IMS) besteht sicherlich nicht zuletzt darin, diese unterschiedlichen Kulturen anhand eines Themas in einen Dialog miteinander zu bringen. Das achte Symposium wird im Juni 2011 in Paris stattfinden.

Konferenzübersicht:

Meredith Cohen (IMS President), Laurent Feller (LAMOP, Paris): Opening of the Symposium / Ouverture du colloque

Mary Franklin-Brown (IMS und University of Minnesota, Twin Cities): Translatio au Moyen Âge, pistes de recherche

Keynote / Intervention d'invitée d'honneur
Rita Copeland (University of Pennsylvania): 'Translating' Antiquity

Session 1 / Séance 1 – Translatio et le locus sanctus

Nathalie Le Luel (Université Catholique de l’Ouest, Angers): Projeter le décor du sanctuaire en façade : bilan et réflexion sur une translation iconographique à l’époque romane

Emily Davenport Guerry (Cambridge University): Crowning Paris: The Translation of the Crown of Thorns relic and the Decoration of the Sainte-Chapelle

Annie Dennery (Université de Paris-IV): Translatio. L’Office de la couronne d’épines de Sens

Session 2 / Séance 2 – Round Table / Table ronde : Historiographies anglo-saxonnes et françaises

Aude Mairey (CNRS, Poitiers) and Olivier Bertrand (ATILF, Nancy)

Session 3 / Séance 3 – The Untranslatable

Emma Campbell (University of Warwick): Translation in Rutebeuf's Miracle de Théophile

Jonathan Hsy (George Washington University): Common Tongues: Eustache Deschamps, John Gower, and Barking Dogs

Gabriella Addivinola (University of Warwick): The 'trasumanar' in the Anticlaudianus and the Divine Comedy: bringing language through methapors towards God

Keynote / Intervention d'invité d'honneur
Serge Lusignan (Université de Montréal und LAMOP): Translatio studii et traduction: la construction d’un registre lettré de la langue française

Session 4 / Séance 4 – Translations and their readership

Margriet Hoogvliet (University of Groningen): Lay Readers of the Bible Translated into French: A Social History

Gregory Fedorenko (Cambridge University): Translating Latin genealogical historiesfor the Counts of Dreux: the Chronique de Normandie and Geste de France (ca. 1215-1225)

Jeanette Beer (Oxford University): Julius Caesar in Paris: Didactic Displacement in Li Fet des Romains

Session 5 / Séance 5: Round Table / Table ronde: La diffusion des modèles politiques (ausgefallen)

Session 6 / Séance 6 – La traduction et le corps

Michelle Bolduc (University of Wisconsin-Milwaukee): L’Eructavit et la traduction incarnée

Ljubomir Milanovic (Rutgers University): Figuring translation: The Trier Ivory and its Pictorial Signifiers

Laura J. Campell (Durham University): The Translatio of Transvestism: Translating Problems of Signification in Miniatures Depicting the Story of Grisandole

Session 7 / Séance 7 – Traductions culturelles et cultuelles

Larissa Birrer (Aberystwyth University): Cil qui songe qu'il boit du nilotem aquam': Observations on three French translations of the Exposicions des songes selon Daniel

Luisa Nardini (University of Texas, Austin): The Masses for the Holy Cross in Aquitanian Manuscripts

Phyllis Gaffney (University College, Dublin): 'Et quant li vens s'i fiert': un cas de translatio dans la chanson de Mainet

Session 8 / Séance 8 – La translation du saint

Céline Ménager (Université de Paris-IV): Authentification des reliques et justification d’une translation : l’exemple de sainte Hélène

Adrian S. Hoch (The Umbria Institute, Perugia): The King’s Sainted Brother: Louis of Anjou’s Translation amid the Franciscans at Marseille

Thomas Frank (Università degli studi, Pavia und Freie Universität Berlin): L'hagiographie et la translatio du savoir entre moyen âge et époque moderne: L'exemple du dossier de saint Benoît de Norcia

General Assembly of the IMS / Assemblée générale de la IMS

Session 9 / Séance 9 – Déplacements culturels

Noëlle-Laetitia Perret (Université de Fribourg): A la croisée du logos aristotélicien, de la tradition juive et chrétienne. L’éducation du prince d’après les 'translateurs' de Gilles de Rome (XIIIe-XVe siècle)

David Joseph Wrisley (American University of Beirut): De Baghdad en Bourgogne: un débat islamo-chrétien traduit en images au XVe siècle

Jean-Marie Guillouët (Université de Nantes und INHA): Transferts et circulations artistiques dans l’Europe de la fin du Moyen Âge : problèmes d’analyse à partir de quelques exemples ibérique, londonien et parisien

Conclusion/réponse, suivie d’une discussion générale/ Closing remarks followed by a general discussion. Respondant: Jeanette Beer (Oxford University)

Zitation
Tagungsbericht: Translatio. Symposium der International Medieval Society, 24.06.2010 – 26.06.2010 Paris, in: H-Soz-Kult, 18.09.2010, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3277>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.09.2010
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